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Landtag

Plenarprotokoll

Nordrhein-Westfalen

17/9

17. Wahlperiode

11.10.2017

 

9. Sitzung

Düsseldorf, Mittwoch, 11. Oktober 2017

Mitteilungen des Präsidenten. 7

Vor Eintritt in die Tagesordnung. 7

Verpflichtung  
des Abgeordneten Lorenz Deutsch [FDP]
gemäß § 2 Absatz 2 der 
Geschäftsordnung des Landtags. 7

Änderung der Tagesordnung. 7

Ergebnis. 7

1   Gesetz über die Feststellung eines Nachtrags zum Haushaltsplan des Landes Nordrhein-Westfalen für das Haushaltsjahr 2017 (Nachtragshaushaltsgesetz 2017)

Gesetzentwurf
der Landesregierung
Drucksache 17/538

Änderungsanträge
der Fraktion der CDU,
der Fraktion der SPD,
der Fraktion der FDP und
der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Drucksache 17/871

Änderungsanträge
der Fraktion der CDU und
der Fraktion der FDP
Drucksache 17/872

Änderungsantrag
der Fraktion der CDU und
der Fraktion der FDP
Drucksache 17/873

Beschlussempfehlung und Bericht
des Haushalts- und Finanzausschusses
Drucksache 17/821

zweite Lesung

In Verbindung mit:

Gesetz zur Änderung haushaltswirksamer Landesgesetze (Haushaltsbegleitgesetz 2017)

Gesetzentwurf
der Landesregierung
Drucksache 17/539

Änderungsantrag
der Fraktion der CDU und
der Fraktion der FDP
Drucksache 17/874

Beschlussempfehlung und Bericht
des Haushalts- und Finanzausschusses
Drucksache 17/822

zweite Lesung

In Verbindung mit:

Das derzeitige System der Finanzierung von Krankenhausinvestitionen muss grundlegend überarbeitet werden! Investitionsstau bei Krankenhäusern abbauen ohne Kommunen mehr zu belasten!

Antrag
der Fraktion der SPD
Drucksache 17/811. 8

Arne Moritz (CDU) 8

Heike Gebhard (SPD) 9

Ralf Witzel (FDP) 11

Mehrdad Mostofizadeh (GRÜNE) 12

Christian Loose (AfD) 14

Minister Lutz Lienenkämper 15

Peter Preuß (CDU) 17

Josef Neumann (SPD) 18

Susanne Schneider (FDP) 19

Dr. Martin Vincentz (AfD) 20

Minister Karl-Josef Laumann. 21

Ergebnis. 22

2   Die Stahlsparte von Thyssenkrupp muss in Nordrhein-Westfalen bleiben!

Antrag
der Fraktion der SPD
Drucksache 17/809. 23

Entschließungsantrag
der Fraktion der CDU und
der Fraktion der FDP
Drucksache 17/878. 23

Norbert Römer (SPD) 23

Bodo Löttgen (CDU) 25

Dietmar Brockes (FDP) 27

Horst Becker (GRÜNE) 29

Christian Loose (AfD) 30

Minister Prof. Dr. Andreas Pinkwart 31

Henning Rehbaum (CDU) 34

Sarah Philipp (SPD) 34

Horst Becker (GRÜNE) 36

Iris Dworeck-Danielowski (AfD) 37

Ministerpräsident Armin Laschet 37

Christian Loose (AfD) 39

Ergebnis
(namentliche Abstimmung s. Anlage 1) 39

3   Nordrhein-Westfälische Schweinehaltung neu gestalten – Bäuerinnen und Bauern auf ihrem Weg zu einer artgerechten Tierhaltung unterstützen!

Antrag
der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Drucksache 17/806. 39

Norwich Rüße (GRÜNE) 39

Wilhelm Korth (CDU) 41

Annette Watermann-Krass (SPD) 42

Markus Diekhoff (FDP) 44

Dr. Christian Blex (AfD) 46

Ministerin Christina Schulze Föcking. 47

Josef Hovenjürgen (CDU) 49

André Stinka (SPD) 51

Ergebnis. 52

4   Nordrhein-westfälische Regionen unterstützen und unabdingbare Transparenz gewährleisten – Tihange abschalten!

Eilantrag
der Fraktion der CDU,
der Fraktion der FDP und
der Fraktion BÜNDNIS 90/Die GRÜNEN
Drucksache 17/849 – Neudruck

Entschließungsantrag
der Fraktion der SPD
Drucksache 17/869. 52

Thomas Schnelle (CDU) 52

Dr. Werner Pfeil (FDP) 53

Wibke Brems (GRÜNE) 55

Karl Schultheis (SPD) 56

Dr. Christian Blex (AfD) 57

Minister Prof. Dr. Andreas Pinkwart 58

Ergebnis. 59

5   Fragestunde

Mündliche Anfragen
Drucksache 17/823 – Neudruck

Dringliche Anfrage
Drucksache 17/866 – Neudruck. 59

Dringliche Anfrage 7

des Abgeordneten
Norwich Rüße (GRÜNE) 59

Hat die Landesregierung den Nachweis von Fipronil in eihaltigen Produkten verhindert?  59

Ministerin Christina Schulze Föcking. 59

Mündliche Anfrage 3

des Abgeordneten
Christian Dahm (SPD) 65

Wie befangen ist Ministerin Christina Schulze Föcking im Tiermastskandal des Familienbetriebs Schulze Föcking?. 65

Ministerin Christina Schulze Föcking. 65

Minister Peter Biesenbach. 69

Minister Herbert Reul 76

Mündliche Anfrage 4

der Abgeordneten
Elisabeth Müller Witt (SPD) 77

Beantwortung in der nächsten Fragestunde

Mündliche Anfrage 5

des Abgeordneten
Dr. Christian Blex (AfD) 77

Beantwortung in der nächsten Fragestunde

Mündliche Anfrage 6

des Abgeordneten
Matthi Bolte-Richter (GRÜNE) 77

Beantwortung in der nächsten Fragestunde

6   Fünftes Gesetz zur Änderung des Polizeigesetzes des Landes Nordrhein-Westfalen

Gesetzentwurf
der Landesregierung
Drucksache 17/491

Beschlussempfehlung und Bericht
des Innenausschusses
Drucksache 17/824

zweite Lesung. 78

Dr. Christos Georg Katzidis (CDU) 78

Andreas Bialas (SPD) 79

Marc Lürbke (FDP) 79

Verena Schäffer (GRÜNE) 80

Markus Wagner (AfD) 82

Minister Herbert Reul 82

Ergebnis. 83

7   Kinder- und Jugendförderplan erhöhen – Fördervielfalt ausweiten!

Antrag
der Fraktion der SPD
Drucksache 17/813 – Neudruck

Entschließungsantrag
der Fraktion der CDU und
der Fraktion der FDP
Drucksache 17/882. 83

Dr. Dennis Maelzer (SPD) 83

Jens Kamieth (CDU) 84

Alexander Brockmeier (FDP) 86

Josefine Paul (GRÜNE) 87

Iris Dworeck-Danielowski (AfD) 88

Minister Dr. Joachim Stamp. 89

Ergebnis. 90

8   Entlastung der Polizei und Justiz durch Einstufung des Schwarzfahrens als Ordnungswidrigkeit

Antrag
der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Drucksache 17/798

Entschließungsantrag
der Fraktion der CDU und
der Fraktion der FDP
Drucksache 17/883. 90

Verena Schäffer (GRÜNE) 90

Angela Erwin (CDU) 92

Hartmut Ganzke (SPD) 93

Christian Mangen (FDP) 94

Thomas Röckemann (AfD) 95

Minister Peter Biesenbach. 96

Ergebnis. 97

9   Nordrhein-westfälische Interessen mit starker Stimme in Brüssel vertreten – Gestaltung des mehrjährigen Finanzrahmens und der Kohäsionspolitik nach 2020 im Sinne des Landes ausrichten

Antrag
der Fraktion der CDU und
der Fraktion der FDP
Drucksache 17/807. 97

Oliver Krauß (CDU) 97

Thomas Nückel (FDP) 98

Josef Neumann (SPD) 99

Johannes Remmel (GRÜNE) 100

Sven Werner Tritschler (AfD) 101

Marcus Pretzell (fraktionslos) 101

Minister Dr. Stephan Holthoff-Pförtner 102

Ergebnis. 102

10 Europafeindlichem Populismus entschieden entgegentreten

Antrag
der Fraktion der CDU,
der Fraktion der SPD,
der Fraktion der FDP und
der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Drucksache 17/805 – Neudruck. 103

Johannes Remmel (GRÜNE) 103

Dr. Günther Bergmann (CDU) 104

Sebastian Watermeier (SPD) 106

Thomas Nückel (FDP) 107

Helmut Seifen (AfD) 107

Marcus Pretzell (fraktionslos) 109

Minister Dr. Stephan Holthoff-Pförtner 109

Ergebnis. 110

11 Gesetz zur Sicherung der Akkreditierung von Studiengängen in Nordrhein-Westfalen

Gesetzentwurf
der Landesregierung
Drucksache 17/494

Beschlussempfehlung und Bericht
des Hauptausschusses
Drucksache 17/842

zweite Lesung. 110

Dr. Stefan Berger (CDU)
zu Protokoll (siehe Anlage 2) 110

Prof. Dr. Rainer Bovermann (SPD)
zu Protokoll (siehe Anlage 2) 110

Angela Freimuth (FDP)
zu Protokoll (siehe Anlage 2) 110

Matthi Bolte-Richter (GRÜNE)
zu Protokoll (siehe Anlage 2) 110

Dr. Martin Vincentz (AfD)
zu Protokoll (siehe Anlage 2) 110

Ministerin Christina Schulze Föcking
zu Protokoll (siehe Anlage 2) 110

Ergebnis. 110

12 Gebrochene Wahlversprechen und kein Ende: Was tut die Landesregierung gegen die Staus in Nordrhein Westfalen?

Antrag
der Fraktion der SPD
Drucksache 17/812. 110

Ergebnis. 110

13 Anforderungen der Enquete-Kommission zur Zukunft der Familienpolitik umsetzen: Familienpolitik auf Basis von Zahlen und Fakten weiterentwickeln

Antrag
der Fraktion der SPD
Drucksache 17/814. 111

Ergebnis. 111

14 Demokratie leben, Demokratie schützen, für Demokratie werben – Politische Bildung muss alle mitnehmen!

Antrag
der Fraktion der SPD
Drucksache 17/815. 111

Ergebnis. 111

15 Gesetz zur Änderung des Gesetzes zur Umsetzung des Kommunalinvestitionsförderungsgesetzes in Nordrhein-Westfalen

Gesetzentwurf
der Landesregierung
Drucksache 17/750

erste Lesung. 111

Ministerin Ina Scharrenbach
zu Protokoll
(siehe Anlage 3)

Ergebnis. 111

16 Gesetz zur Rettung der Trägervielfalt von Kindertageseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen

Gesetzentwurf
der Landesregierung
Drucksache 17/751

erste Lesung. 111

Minister Dr. Joachim Stamp
zu Protokoll
(siehe Anlage 4)

Ergebnis. 111

17 Verfahren über die Verfassungsbeschwerden

1 BvR 1675/16

1 BvR 745/17

1 BvR 981/17

1 BvR 836/17

Vorlage 17/103

Beschlussempfehlung
des Rechtsausschusses
Drucksache 17/748. 112

Ergebnis. 112

18 Nachwahl eines stellvertretenden Mitglieds des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses I (Fall Amri)

Wahlvorschlag
der Fraktion der FDP
Drucksache 17/762. 113

Ergebnis. 113

19 Nachwahl eines Mitglieds des Kon-trollgremiums gemäß § 23 des Ge-setzes über den Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen

Wahlvorschlag
der Fraktion der AfD
Drucksache 17/825. 113

Wahlvorschlag zurückgezogen. 113

20 Zuordnung von stellvertretenden Mitgliedern der Medienkommission der Landesanstalt für Medien Nord-rhein-Westfalen (LfM) zu den ordentlichen Mitgliedern

Antrag
der Fraktion der CDU
Drucksache 17/747. 113

Ergebnis. 113

21 Bestätigung der Vertreterlisten für das Versorgungswerk der Mitglieder des Landtags Nordrhein-Westfalen und des Landtags Brandenburg

Drucksachen 17/850 bis 17/856. 113

Ergebnis. 113

22 Über- und außerplanmäßige Ausgaben im 2. Quartal des Haushaltsjahres 2017

Antrag
des Ministeriums der Finanzen
gemäß Artikel 85 Absatz 2 LV
Vorlage 17/111

Beschlussempfehlung und Bericht
des Haushalts- und Finanzausschusses
Drucksache 17/826. 114

Ergebnis. 114

23 In den Ausschüssen erledigte Anträge

Übersicht 1
gem. § 82 Abs. 2 GO
Drucksache 17/827. 114

Ergebnis. 114

24 Beschlüsse zu Petitionen

Übersicht 17/4
gemäß § 97 Abs. 8
der Geschäftsordnung. 114

Ergebnis. 114

Anlage 1. 115

Die Stahlsparte von Thyssenkrupp muss in Nordrhein-Westfalen bleiben! – Drucksache  –
(namentliche Abstimmung)

Anlage 2. 123

Zu TOP 11 – „Gesetz zur Sicherung der Akkreditierung von Studiengängen in Nordrhein-Westfalen“ – zu Protokoll gegebene Reden

Dr. Stefan Berger (CDU) 123

Prof. Dr. Rainer Bovermann (SPD) 123

Angela Freimuth (FDP) 123

Matthi Bolte-Richter (GRÜNE) 124

Dr. Martin Vincentz (AfD) 125

Ministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen. 125

Anlage 3. 127

Zu TOP 15 – „Gesetz zur Änderung des Gesetzes zur Umsetzung des Kommunalinvestitionsförderungsgesetzes in Nordrhein-Westfalen“ – zu Protokoll gegebene Rede

Ministerin Ina Scharrenbach. 127

Anlage 4. 129

Zu TOP 16 – „Gesetz zur Rettung der Trägervielfalt von Kindertageseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen“ – zu Protokoll gegebene Rede

Minister Dr. Joachim Stamp. 129


Entschuldigt waren:

Ministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen

Minister Prof. Dr. Andreas Pinkwart

Ministerin Ina Scharrenbach

Monika Düker (GRÜNE)

 


Beginn: 10:02 Uhr

Präsident André Kuper: Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich heiße Sie alle herzlich willkommen zu unserer heutigen, 9. Sitzung des Landtags Nordrhein-Westfalen. Mein Gruß gilt auch unseren Gästen auf der Zuschauertribüne, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Medien sowie allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern an den Bildschirmen.

Für die heutige Sitzung hat sich eine Abgeordnete entschuldigt; ihr Name wird in das Protokoll aufgenommen.

Geburtstag feiern heute Herr Professor Dr. Rainer Bovermann von der Fraktion der SPD – ein rundes Jubiläum, herzlichen Glückwunsch! –

(Allgemeiner Beifall)

sowie Herr Christian Loose von der Fraktion der AfD. Auch Ihnen: Herzlichen Glückwunsch!

(Beifall)

Vor Eintritt in die Tagesordnung gilt es, die Verpflichtung eines Abgeordneten gemäß § 2 Abs. 2 unserer Geschäftsordnung vorzunehmen. Der Landeswahlleiter hat mir mit Schreiben vom 10. Oktober 2017 mitgeteilt, dass mit Wirkung vom 11. Oktober 2017 Herr Lorenz Deutsch für den ausgeschiedenen Abgeordneten Christian Lindner, FDP, Mitglied des Landtags geworden ist.

Ich darf Herrn Deutsch zu mir bitten, damit ich die nach § 2 unserer Geschäftsordnung vorgesehene Verpflichtung vornehmen kann. – Ich darf Sie alle bitten, sich von den Plätzen zu erheben.

(Die Anwesenden erheben sich von ihren Plätzen.)

Herr Kollege Deutsch, ich bitte Sie, die folgenden Worte der Verpflichtungserklärung anzuhören und anschließend durch Handschlag zu bekräftigen:

„Die Mitglieder des Landtags von Nordrhein-Westfalen bezeugen vor dem Lande, dass sie ihre ganze Kraft dem Wohle des Landes Nordrhein-Westfalen widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, die übernommene Pflicht und Verantwortung nach bestem Wissen und Können erfüllen und in der Gerechtigkeit gegenüber jedem Menschen dem Frieden dienen werden.“

Sehr geehrter Herr Kollege, ich heiße Sie als neuen Abgeordneten in der 17. Wahlperiode herzlich willkommen und wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrer täglichen Arbeit im Interesse der Bürgerinnen und Bürger des Landes Nordrhein-Westfalen. Herzlichen Glückwunsch!

(Allgemeiner Beifall)

Ebenfalls vor Eintritt in die Tagesordnung: Alle fünf im Landtag vertretenen Fraktionen haben sich zwischenzeitlich darauf verständigt, heute Tagesordnungspunkt 11. „Gesetz zur Sicherung der Akkreditierung von Studiengängen in Nordrhein-Westfalen“ Drucksache 17/494 in zweiter Lesung neu aufzunehmen. Die weiteren Tagesordnungspunkte verschieben sich dementsprechend. – Ich sehe keinen Widerspruch. Dann verfahren wir so.

Wir treten nunmehr in die heutige Tagesordnung ein.

Ich rufe auf:

1   Gesetz über die Feststellung eines Nachtrags zum Haushaltsplan des Landes Nordrhein-Westfalen für das Haushaltsjahr 2017 (Nachtragshaushaltsgesetz 2017)

Gesetzentwurf
der Landesregierung
Drucksache 17/538

Änderungsanträge
der Fraktion der CDU,
der Fraktion der SPD,
der Fraktion der FDP und
der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Drucksache 17/871

Änderungsanträge
der Fraktion der CDU und
der Fraktion der FDP
Drucksache 17/872

Änderungsantrag
der Fraktion der CDU und
der Fraktion der FDP
Drucksache 17/873

Beschlussempfehlung und Bericht
des Haushalts- und Finanzausschusses
Drucksache 17/821

zweite Lesung

In Verbindung mit:

Gesetz zur Änderung haushaltswirksamer Landesgesetze (Haushaltsbegleitgesetz 2017)

Gesetzentwurf
der Landesregierung
Drucksache 17/539

Änderungsantrag
der Fraktion der CDU und
der Fraktion der FDP
Drucksache 17/874

Beschlussempfehlung und Bericht
des Haushalts- und Finanzausschusses
Drucksache 17/822

zweite Lesung

In Verbindung mit:

Das derzeitige System der Finanzierung von Krankenhausinvestitionen muss grundlegend überarbeitet werden! Investitionsstau bei Krankenhäusern abbauen ohne Kommunen mehr zu belasten!

Antrag
der Fraktion der SPD
Drucksache 17/811

Meine Damen und Herren, ich eröffne die Aussprache und darf für die CDU dem Kollegen Arne Moritz das Wort erteilen.

Arne Moritz (CDU): Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Das ist der zweite Schritt von drei notwendigen Schritten zur Verabschiedung unseres Nachtragshaushalts. Mit dem Nachtragshaushalt legen wir den Grundstein dafür, unserem Bundesland endlich wieder sichere und zukunftsfähige Perspektiven zu geben, die den Bürgerinnen und Bürgern in dieser Form unter der rot-grünen Vorgängerregierung nicht gegeben waren.

(Zuruf von der SPD: Hui!)

Meine Damen und Herren, bei den zahllosen Gesprächen, die die CDU im Wahlkampf geführt hat, wurde eines immer deutlich: Die Bürgerinnen und Bürger haben sich in NRW nicht mehr sicher gefühlt. Das Grundrecht auf Sicherheit und Schutz, welches zu gewährleisten doch die wichtigste Aufgabe des Landes sein muss, konnte die rot-grüne Landesregierung nicht erfüllen.

(Zuruf von der SPD: Oh!)

Mit dem Nachtragshaushalt richten wir jetzt den Blick nach vorne. Wir erhöhen die Einstellungszahlen für Kommissaranwärter. Wir statten die Polizei entsprechend den gestiegenen Anforderungen aus. Und wir bekämpfen den Terror mit einem stärkeren Verfassungsschutz.

(Beifall von der CDU – Vereinzelt Beifall von der FDP)

Die Sorgen, die Rot-Grün erst verursacht und dann ignoriert hat, nehmen wir ernst und setzen ihnen endlich ein Ende.

(Beifall von der CDU)

Angst vor Überfällen, Einbrüchen, Gewalt und Terror wird bei der nächsten Landtagswahl kein Faktor für eine Wahlentscheidung mehr sein. Dafür wird die Landesregierung nicht nur die beschriebenen Maßnahmen ergreifen, sondern zudem mit dem Nachtragshaushalt die Möglichkeit schaffen, die Überstunden, die die Polizisten durch personelle Engpässe angesammelt haben, auch vergüten zu könnten.

(Mehrdad Mostofizadeh [GRÜNE]: Ei, ei, ei! Das steht im Nachtragshaushalt?)

Unsere Polizisten haben diese Arbeit ohne zu murren geleistet. Das ist das Mindeste, was wir tun können, um der Polizei für diese Arbeit zu danken.

(Beifall von der CDU und der FDP – Vereinzelt Beifall von der AfD)

Jeder, der Einspruch dagegen erhebt, sollte die Polizisten einen Tag lang begleiten, um nachempfinden zu können, welchen Gefahren sich die Polizisten aussetzen, und anschließend seine Meinung überdenken.

Der zweite Kernaspekt des Nachtragshaushalts konzentriert sich auf die Kinderbetreuung in unserem Land. Neben den Klagen über die Bedenken zur inneren Sicherheit liegen mir die Klagen der Kitaträger und der Eltern noch mit Nachdruck in den Ohren. Schon 2015 erklärte etwa der Paritätische Wohlfahrtsverband, dass den Kitas in NRW über eine halbe Milliarde Euro pro Jahr fehle. Kirchen, freie Träger und Elterninitiativen mussten sich ernsthaft mit drohenden Schließungen auseinandersetzen.

Statt für direkte Abhilfe zu sorgen und die Kindpauschalen angemessen zu erhöhen, kamen von Rot-Grün nur Ankündigungen und Verschiebungen. Dass wir jetzt vor einem Scherbenhaufen stehen, wird Ihnen jeder Träger ohne Nachdenken bestätigen können. Den drohenden Kollaps hat die rot-grüne Landesregierung dabei billigend in Kauf genommen.

Die im Nachtragshaushalt vorgesehenen 500 Millionen € sind der Neustart eines Kitafinanzierungssystems, das der strukturellen Unterfinanzierung ein Ende setzen wird und den Trägern endlich wieder Luft zum Atmen gibt.

(Beifall von der CDU und der FDP – Mehrdad Mostofizadeh [GRÜNE]: Woraus im Nachtragshaushalt ergibt sich das?)

Bis 2019 ist die Betreuung von Kindern gesichert. Wir haben Zeit geschaffen, einen Neustart der frühkindlichen Bildung mit einer nachhaltigen und soliden finanziellen Ausstattung auf den Weg zu bringen, statt Kinder, Kitaträger und Eltern mit hohlen Phrasen zu vertrösten.

Eng verbunden mit der Frage nach der Finanzierung der Kitas ist die finanzielle Ausstattung der Kommunen in NRW. 2016 machten die Kommunen in NRW rund 1,5 Milliarden € neue Schulden. Der Schuldenberg stieg auf 63,4 Milliarden €.

(Zuruf von Stefan Zimkeit [SPD])

Nur elf von 396 Kommunen in NRW sind schuldenfrei.

Das eigentlich Traurige ist nicht deren Summe, sondern der Umstand, dass die Regierung Kraft die Schulden jahrelang vor sich hergeschoben hat. CDU und FDP ebenso wir der Deutsche Städtetag haben immer wieder daran appelliert, die Verantwortung ernst zu nehmen und die Schulden nicht den nachfolgenden Generationen aufzubürden. Doch auch hierbei ließ die ehemalige Landesregierung Konzept und Engagement vermissen.

(Beifall von der CDU – Vereinzelt Beifall von der FDP)

Den Kommunen wurde so jegliche Investitionsfähigkeit und Handlungsfähigkeit während der Hochphase der Flüchtlingskrise genommen. So wurde die Notsituation noch verschärft.

Die neue Landesregierung hat sich zum Anspruch gemacht, die Gemeindefinanzierung wieder gerecht, transparent und verlässlich zu gestalten.

(Beifall von der CDU – Michael Hübner [SPD]: Da muss er selbst lachen! – Mehrdad Mostofizadeh [GRÜNE]: Sie von Schwarz-Gelb machen das Gegenteil von dem!)

Um den ersten Schritt dorthin zu machen, werden wir mit dem Nachtragshaushalt den Unterhaltsvorschuss gerecht zwischen Land und Kommunen aufteilen sowie die Kommunen von den durch Rot-Grün beschlossenen Mehrkosten entlasten.

Auch den von Rot-Grün kreierten Kommunalsoli werden wir abschaffen. Gerne dürfen sich die Mitglieder des Kabinetts von Hannelore Kraft nun ganz allein damit schmücken, über den Kommunalsoli vermeintlich reichen Städten kommunale Haushaltsmittel entzogen zu haben, um den „Stärkungspakt Stadtfinanzen“ zu finanzieren.

(Mehrdad Mostofizadeh [GRÜNE]: Wo steht der Vorgang im Haushalt?)

Mit diesem Nachtragshaushalt können wir nicht alle Fehler, die die alte Landesregierung begangen hat, von jetzt auf gleich lösen.

(Marc Herter [SPD]: Jedenfalls keine der von Ihnen attestierten!)

Aber wir können mit dem Nachtragshaushalt anfangen, die Scherben zusammenzukehren. So verschaffen wir uns den Raum, den wir dringend benötigen, um in den Bereichen innere Sicherheit, Kinderbetreuung und Kommunalfinanzen nachhaltige Finanzierungskonzepte umzusetzen.

NRW braucht wieder eine Perspektive. Der Nachtragshaushalt 2017 ist der erste Schritt in die richtige Richtung.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Präsident André Kuper: Vielen Dank, Herr Kollege Moritz. – Für die SPD darf ich der Kollegin Gebhard das Wort erteilen.

Heike Gebhard (SPD): Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen! Herr Moritz, ich hatte bei Ihrem Vortrag gerade zeitweilig den Eindruck, als ob Sie ganz frisch im Parlament seien. Zu sagen, die rot-grüne Landesregierung habe die Kommunen nicht im Blick gehabt, ist schon starker Tobak.

(Beifall von der SPD)

Wir waren es doch, die dafür gesorgt haben, dass von den 139 Kommunen mit Nothaushalten am Ende nur noch neun – manche sagen zehn – Kommunen mit Nothaushalt übrig geblieben sind.

(Zuruf von Josef Hovenjürgen [CDU])

Das ist eine sehr starke Leistung. Die Situation, dass es den Kommunen so schlecht geht, hatten Sie zuvor herbeigeführt.

(Beifall von der SPD)

Wenn wir schon bei dem Stichwort Kommunen sind, dann muss man auch einmal sagen, welches Verhältnis Sie eigentlich zu den Kommunen haben.

Der Ministerpräsident sagte in seiner Regierungserklärung am 13. September: Wir wollen verlässliche Rahmenbedingungen für Finanzen und für die Gestaltungsmöglichkeiten von Städten und Gemeinden. Wir sind Partner der Kommunen. – Was ist eine Woche vorher passiert? Die Kommunen haben aus der Presse erfahren, dass sie im Zuge des Nachtragshaushalts am Ende des Haushaltsjahres mit 100 Millionen € belastet werden sollen.

(Beifall von der SPD)

Aus der Presse haben sie das erfahren! Das haben die kommunalen Spitzenverbände in der Anhörung zum Nachtragshaushalt noch einmal zu Protokoll gegeben. Das will ich hier ausdrücklich festhalten.

Sie haben dann die Förderhinweise der Kommunen nicht etwa dazu genutzt, um Gespräche mit den Kommunen zu führen, nein, Sie als regierungstragende Fraktionen haben zwar die Pressemeldung abgesetzt: „2017 müsst ihr noch nicht zahlen“, aber Ihr CDU-Bundestagsabgeordneter Sven Volmering hat Ihre Pressemeldung zum Anlass genommen, um im Land zu beruhigen. Er sagte: Kommunen, ihr braucht keine Angst zu haben. Ihr müsst in 2017 nicht zahlen. Es gibt genügend Minderausgaben. Damit kann das Land diese Kosten abdecken.

Sehr schön, aber zu früh gefreut! In der Anhörung des Haushalts- und Finanzausschusses hat die Regierungskoalition klargestellt: Nein, es geht nicht darum, dass die Kommunen das nicht zahlen müssen. Sie sollen es nicht in 2017 zahlen, aber in 2018.

(Zuruf von Bodo Löttgen [CDU] – Gegenruf von Mehrdad Mostofizadeh [GRÜNE]: Das ist doch lächerlich, Herr Kollege!)

– Warten Sie einmal ab. Sie waren nicht im Haushalts- und Finanzausschuss.

(Unruhe von der CDU)

Sie können im Protokoll der Anhörung auch nachlesen, dass die kommunalen Spitzenverbände darauf hingewiesen haben, dass es buchungstechnische …

(Unruhe von der CDU)

– Ich glaube wirklich, es wäre notwendig, dass Sie zuhören. Sie müssen an der Stelle nämlich noch etwas lernen.

(Beifall von der SPD – Zurufe von der CDU)

Diese Nachhilfestunde haben Ihnen die kommunalen Spitzenverbände in der Anhörung gegeben. Sie haben darauf aufmerksam gemacht, dass sie buchungstechnisch natürlich Regeln zu beachten haben. Sie wollen die Kommunen in 2018 nachträglich für 2017 belasten. Das ist haushaltstechnisch nicht möglich. Wie gehen Sie mit dem Förderhinweis um? – Sie ignorieren ihn einfach! Ihr vorliegender Änderungsantrag berücksichtigt das in keiner Weise.

Allein das ist ein Grund, um zu sagen, wir brauchen dringend eine Rücküberweisung des Nachtragshaushalts zur dritten Lesung an den Haushalts- und Finanzausschuss, denn das muss geklärt werden.

(Beifall von der SPD)

Meine sehr verehrten Damen und Herren, andererseits muss man hier auch Folgendes festhalten: Ich kann mich nicht entsinnen, dass eine neue Landesregierung in den letzten zwei Jahrzehnten eine so tolle Ausgangslage in Bezug auf die wirtschaftliche Situation hatte.

(Heiterkeit von der CDU – Zurufe von der SPD)

– Ja, es ist manchmal ein bisschen schwierig, das wahrzunehmen, wenn man Scheuklappen hat.

(Unruhe von der CDU)

Wir haben eine gute wirtschaftliche Situation.

(Josef Hovenjürgen [CDU]: Deswegen sind Sie abgewählt worden!)

Wir haben ein entsprechendes Wirtschaftswachstum,

(Zuruf: Jawohl!)

das dazu führt, dass wir in diesem Jahr mehr als 1,3 Milliarden € Steuermehreinnahmen haben.

(Beifall von der SPD – Zuruf von der SPD: So ist es!)

Sie haben zusätzliche Minderausgaben, sodass wir zu diesem Zeitpunkt ein Volumen von insgesamt 1,6 Milliarden € mehr zur Verfügung haben. Und was machen Sie daraus? – Sie verraten Ihr Credo, das Sie die ganzen Jahre gepredigt haben: Mehreinnahmen müssten zum Schuldenabbau genutzt werden. Was machen Sie? – Nichts davon machen Sie!

(Beifall von der SPD – Zuruf von der SPD: Genau!)

Sie haben immer gesagt, zusätzliche Mehrausgaben müssen durch Kürzungen in anderen Bereichen finanziert werden. Was haben Sie gemacht? – Nichts davon haben Sie gemacht. Stattdessen wollen Sie die Neuverschuldung um 1,5 Milliarden € erhöhen.

Ihre eigenen Ziele in wenigen Wochen so zu verraten und den Leuten deutlich zu machen, dass Sie sie belogen haben, sucht seinesgleichen.

(Beifall von der SPD)

Kommen wir zum nächsten Punkt: Sie gehen in dieser Situation sogar her und betrachten den Landeshaushalt offenbar als Selbstbedienungsladen. Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen. Stellen Sie sich vor, jeder Regierungswechsel würde dazu führen, dass 139 hochdotierte Regierungsstellen auf Dauer geschaffen werden. Wo würde das enden?

(Beifall von der SPD)

Das ist doch ein Skandal.

(Zuruf von Bodo Löttgen [CDU] – Zuruf von Marcel Hafke [FDP])

Ich habe Verständnis dafür, dass eine Regierung neue Stellen schafft. Aber dass man den Hinweis des Landesrechnungshofs nicht berücksichtigt und sie zumindest als „kw“ – künftig wegfallend – kennzeichnet, ist starker Tobak. Vergleichen Sie die Größenordnung mit dem, was wir 2010 gemacht haben. Wir haben damals nur einen Bruchteil davon in Anspruch genommen, nämlich etwa ein Drittel. Hätten Sie so gehandelt, hätte ich zu diesem Punkt überhaupt kein Wort verloren.

(Bodo Löttgen [CDU]: Das glaube ich nicht!)

Lassen Sie mich noch einen Punkt nennen. Der Landesrechnungshof hat Ihnen auch darauf aufmerksam gemacht, …

(Zuruf von der CDU: Ihnen?)

– Ja, darauf komme ich. – Er hat Sie darauf aufmerksam gemacht, welche Tricksereien Sie bei der Kreditermächtigung für das Sondervermögen der WestLB machen.

Das ist nicht nur völlig unnötig, sondern gestern hat er in einer zusätzlichen Stellungnahme – angeregt durch die Anfrage des Kollegen Mostofizadeh – noch einmal ausdrücklich seine Position von Ende September bekräftigt und gesagt, dass es so nicht zulässig sei, dass die Erteilung der Kreditermächtigung also offenbar nur dem Zweck diene, die Finanzierung von Garantiezahlungen außerhalb des Landeshaushalts sicherzustellen. Früher hatten Sie immer etwas dagegen.

Er hat darüber hinaus darauf hingewiesen, dass der Verfassungsgeber nach Auffassung des Landesrechnungshofs durch Art. 143d Abs. 1 Satz 2, zweiter Halbsatz, des Grundgesetzes zu erkennen gegeben hat, dass für Sondervermögen ab dem Haushaltsjahr 2011 grundsätzlich keine neuen Kreditermächtigungen mehr erteilt werden sollen. Genau diesen Punkt haben Sie früher vertreten; hier geben Sie ihn einfach auf.

Ich könnte noch viele Punkte – Stichwort: BLB etc. – ansprechen; aufgrund der Redezeit will ich davon Abstand nehmen. Jedenfalls ist deutlich geworden: Wir brauchen eine erneute ordentliche Beratung im Haushalts- und Finanzausschuss. Darum beantrage ich die Rücküberweisung.

(Beifall von der SPD und den GRÜNEN)

Präsident André Kuper: Danke, Frau Gebhard. – Für die FDP-Fraktion hat Herr Kollege Witzel das Wort.

Ralf Witzel (FDP): Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ein Nachtragshaushalt in Nordrhein-Westfalen ist definitionsgemäß eine Reparatur des zugrunde liegenden Stammhaushalts. Die eigenen Haushaltsschwerpunkte schwarz-gelber Regierungspolitik sind daher ganz normal erst dem kommenden regulären Haushalt für das Jahr 2018 zu entnehmen, der in Kürze vorgestellt wird.

Es ist für sich genommen normal, dass nach einem Politikwechsel eine neu im Amt befindliche Landesregierung beginnt, die ersten von ihr gesehenen Veränderungsnotwendigkeiten im Haushalt über einen Nachtrag abzubilden und damit zugleich auch eine Schlussbilanz der Defizite zu ziehen, die sie nach Amtsübernahme identifiziert. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches.

Es gibt aber einen ganz entscheidenden Unterschied zu Ihrem Vorgehen, als Sie von SPD und Grünen seinerzeit die Mehrheit im Land errungen haben bzw. – besser gesagt – in die Regierungsverantwortung gekommen sind, denn die frühere Ministerpräsidentin Kraft und ihr Finanzminister Norbert Walter-Borjans wollten die Nettokreditaufnahme mit dem Nachtragshaushalt um 2,3 Milliarden € auf geplante 8,9 Milliarden € erhöhen. Das war Ihre Philosophie der sogenannten präventiven Finanzpolitik der guten Schulden, mit der Schuldenmacherei von Ihnen noch zu etwas Gutem erhoben worden ist.

Präsident André Kuper: Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Kollegen Nückel?

Ralf Witzel (FDP): Ja, bitte.

Präsident André Kuper: Herr Kollege Nückel.

(Thomas Nückel [FDP] signalisiert, dass er sich nicht zu Wort gemeldet hat. – Mehrdad Mostofizadeh [GRÜNE]: Selbst Herr Nückel hat keine Fragen an Sie!)

Präsident André Kuper: Okay, alles klar.

Ralf Witzel (FDP): Als Sie von SPD und Grünen seinerzeit Ihren ersten Nachtragshaushalt eingebracht haben, haben Sie die Neuverschuldung massiv angehoben. Wir haben Sie seinerzeit damit vor dem Verfassungsgerichtshof gestoppt, sodass Sie damit nicht durchgekommen sind. Dieser Nachtragshaushalt von Schwarz-Gelb hingegen senkt die Nettokreditaufnahme im Vergleich zur rot-grünen Planung um rund 100 Millionen € ab und korrigiert zugleich elementare Versäumnisse der rot-grünen Hinterlassenschaften.

Die Wahrheit ist doch, dass vieles, was dieser Nachtragshaushalt enthält, Sie doch für den theoretischen Fall Ihrer Wiederwahl in diesem Land auch hätten machen müssen. Der Umstand, dass Sie es nicht gemacht haben, als Sie den Haushalt für das Jahr 2017 eingebracht haben, ist doch der Beleg dafür, dass Sie selbst nicht mehr damit gerechnet haben, hier nach der Landtagswahl noch in Regierungsverantwortung zu kommen. Hätten Sie denn die Aufgaben unerledigt gelassen?

(Beifall von Josef Hovenjürgen [CDU])

Dann stellen Sie sich hierhin und sagen: Kitarettung ist falsch. Das ist nicht Ihr Ziel. Sie wären nicht daran gegangen, wenn Sie in irgendeiner Form noch Regierungsverantwortung in dieser Legislaturperiode getragen hätten. – Das können Sie nicht ernsthaft durchhalten. Sie haben einen Haushalt vor der Landtagswahl hinterlassen mit einem immensen Problemstau. So viel zu der hier vorgetragenen Rede der Kollegin Gebhardt über die „tolle“ Ausgangslage, die Schwarz-Gelb vorgefunden hat.

(Beifall von der FDP und der CDU)

Dann schauen wir uns doch gerne die Punkte im Einzelnen an, zunächst das Kita-Träger-Rettungspaket. Ohne die Finanzspritze von 500 Millionen € droht vielen Trägern der Bankrott. Allein in meiner Region sehe ich, dass die Kitas in der Trägerschaft des Bistums Essen angekündigt haben, 100 Einrichtungen aufgrund der Unterfinanzierung zu schließen. Was das für die Kommunen bedeutet, wenn dann für Ersatz gesorgt werden muss mit öffentlichen Kapazitäten, wenn sich andere Träger an der Stelle aus dem Geschäft zurückziehen, ist fatal.

Wir wollen eine Kitalandschaft, die handlungsfähig ist. Wir wollen Qualitätsverbesserungen im Kitabereich. Wir wollen Trägervielfalt sichern und für eine größere Flexibilität von Angeboten sorgen, denn es reicht nicht aus, dass SPD und Grüne so gerne in Sonntagsreden von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sprechen, aber Sie immer dann in der Praxis, wenn es darum geht, für die Infrastruktur zu sorgen, Ihre Defizite hinterlassen. – Das müssen wir dringend verbessern.

(Beifall von der FDP und der CDU)

Zweiter Punkt. Die SPD hat im Landtagswahlkampf in Nordrhein-Westfalen versprochen, 300 zusätzliche Kommissaranwärter einzustellen, aber sie hat es in ihrer regulären eigenen Haushaltsplanung, als sie noch die Mehrheit hatte, im Jahr 2017 nicht realisiert. Was ist das entsprechend wert? Sie konnten sich ganz offenbar innerhalb der Koalition nicht verständigen. Das ist eine unserer Sofortmaßnahmen gewesen zur Verstärkung der Polizei. Wir haben heute leider andere Herausforderungen bei der inneren Sicherheit, als es noch vor wenigen Jahren absehbar war, durch die Entwicklungen, die wir alle kennen. Deshalb musste hier dringend gehandelt werden, auch wenn das Ganze jetzt natürlich seinen Ausbildungsvorlauf hat, bevor es zum Tragen kommt.

Parallel haben Sie fünf Millionen Überstunden beim Polizeipersonal hinterlassen. Auch in dieser Hinsicht müssen wir jetzt ein Angebot unterbreiten, dem entgegenzuwirken.

Zum dritten Thema: Unterhaltsvorschuss. Neben der Kitarettung ist das ein weiteres Beispiel für kommunalfreundliche Politik. Über 45 Millionen € mehr Landesanteil haben die Kommunen zu erwarten, verbunden mit einem baldigen Verwaltungsservice des Landes auch bei der Anspruchsverfolgung. Das ist kommunalfreundliche Politik.

Zum Thema Krankenhausfinanzierung wird meine Kollegin Susanne Schneider noch im Einzelnen Position beziehen.

Deshalb belasse ich es an dieser Stelle mit der Einordung: Dieser Nachtragshaushalt kann naturgemäß nicht die komplette Haushaltspolitik über Nacht neu ausrichten. Er kann aber die wesentlichen Fehler und Defizite korrigieren, die Rot-Grün hinterlassen hat. Sie haben in Kernbereichen der Landespolitik eine Situation zurückgelassen, die dringend korrekturbedürftig ist. Das werden wir jetzt in einem ersten Schritt mit diesem Nachtragshaushalt so beschließen. – Vielen Dank.

(Beifall von der FDP und der CDU)

Präsident André Kuper: Vielen Dank, Herr Witzel. – Für die Grünen hat der Kollege Mostofizadeh das Wort.

Mehrdad Mostofizadeh (GRÜNE): Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Trotz Rekordsteuereinnahmen, trotz boomender Konjunktur und trotz niedriger Zinsen legen Sie heute erneut einen Schuldenhaushalt in Höhe von 1,6 Milliarden € vor. – So hätten Sie Ihre Plenarreden begonnen, wenn wir an der Regierung wären, liebe Kolleginnen und Kollegen.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD – Zurufe von der SPD: Schuldenkaiser!)

Und was Sie noch gemacht haben: FDP und CDU haben Frau Kraft in diesem Hohen Hause eine Schuldenkönigin geschimpft.

(Zurufe von der SPD)

Sie haben peinliche Wortspiele wie „Kabinett Kraftikakis“ kreiert,

(Zuruf von der SPD: Schuldenkaiser!)

um an vermeintlich griechische Verhältnisse zu erinnern.

Eines kann ich Ihnen sagen: Ich würde mir Herrn Varoufakis nach Nordrhein-Westfalen wünschen. Seine Bilanz ist keinen Deut besser als die von Herrn Lienenkämper, aber dafür hat er das eindeutig coolere Motorrad, liebe Kolleginnen und Kollegen.

(Heiterkeit und Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Meine Damen und Herren, das ist der teuerste Regierungswechsel aller Zeiten. Es ist ein Wahlkampfhaushalt. Sie haben sich Zeit gekauft, um über den September zu kommen. Das ist die Bilanz dieses zweiten Nachtragshaushaltes 2017.

(Beifall von den GRÜNEN)

Sie haben 139 neue Stellen in Ihren Etat eingefügt, und zwar – das muss ich schon sagen – einigermaßen schamlos. Auf der einen Seite sagen Sie in Ihrem Haushaltsentwurf auf Seite 29 sehr offen, dass Sie diese Stellen brauchen, um Vertrauenspositionen in den Regierungen abzubilden. Ich möchte noch einmal daran erinnern, dass die Staatssekretäre und die Ministerinnen und Minister ausgetauscht werden; es gibt auch eine dauerhafte Fluktuation.

Ich frage mich, ob Sie wirklich 139 Getreue brauchen, um Vertrauen in diese Regierung zu bekommen. Sind denn die Beamtinnen und Beamten in diesem Lande alle nicht mehr vertrauenswürdig, Herr Kollege Lienenkämper?

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Da passt es ins Bild, was im Hause der Heimatministerin mit dem langjährigen Leiter der Kommunalabteilung, Johannes Winkel, geschehen ist. mit dem ich, ehrlich gesagt, nicht immer einer Meinung war – und das ist auch gut so. Er ist ein integrer, über alle Parteigrenzen hinweg geachteter Mann, der seine Meinung gesagt hat und trotzdem loyal war. Offensichtlich sind solche Qualitäten bei CDU und FDP jetzt nicht mehr gefragt.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Aber auch die haushalterische Umsetzung dieser 139 Stellen macht mir Angst, Herr Finanzminister Lienenkämper. Warum erhalten diese nicht den Vermerk „kw“, wie es sich gehört? Die Aussage im Haushaltsausschuss dazu lautete lediglich: Wir haben auch andere Mittel.

Es gibt nur zwei Schlüsse, die das zulässt: Entweder wollen Sie das Parlament entmachten und machen aus einer Ermächtigungsgrundlage für die Regierung eine Entmündigungsgrundlage für das Parlament, oder Sie wollen diese 139 Stellen ganz schamlos in den Haushalt hineinpacken; denn das kommt rechtlich bei Ihrem Gesetzentwurf heraus.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Ich möchte auf einen weiteren Punkt zu sprechen kommen: den BLB-Kredit. So wie der Landesrechnungshof es auslegt, könnte man denken, man kann es so oder so sehen. Tatsächlich ist es aber anders. Sie wollen die fallende Linie beschreiben. Sie wollen die 880 Millionen € BLB-Kredit in den Haushalt dieses Jahres einstellen, um einen vermeintlichen Abfall der Nettokreditaufnahme zu konstruieren. Das geschieht jedoch auf dem Rücken des Immobilienbetriebes. Das ist finanzpolitisch falsch und letztlich ein schlichter Haushaltstrick, Herr Kollege Lienenkämper. Das ist die schwarze Kasse Nummer eins, die CDU und FDP hier aufgemacht haben.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Die schwarze Kasse Nummer zwei ist das „Phoenix-Portfolio“. Das „Phoenix-Portfolio“ wurde von Ihrem Vorvorgänger, Herrn Linssen, angelegt, um die Risiken der WestLB-Abwicklung abzufangen. Das wurde gemacht, um sukzessive die Risiken durch Haushaltsmittel zu hinterlegen.

Herr Finanzminister Lienenkämper, Sie haben doch alle Möglichkeiten. Sie haben die Experten der Ersten Abwicklungsanstalt, und Sie haben die Experten in Ihrem Hause. Fragen Sie sie doch! Machen Sie doch einen Abbaupfad und keine Arbeitsverweigerung hier! Das ist die schwarze Kasse Nummer zwei. Sie ist haushalterisch unvernünftig und letztlich eine schwarze Kasse auf dem Rücken des Kreditmarktes.

(Beifall von den GRÜNEN)

Es ist auch spannend, was alles nicht im Haushalt steht. Stichwort „Grunderwerbsteuer“: CDU und FDP sind im Lande rauf und runter gezogen und haben gesagt: SPD und Grüne haben die Grunderwerbsteuer auf 6,5 % angehoben. Wir werden eine Entlastung der jungen Familien vornehmen.

Dazu steht nichts im Haushalt, und der Finanzminister weigert sich, Aussagen dazu zu machen. Warum eigentlich? Es liegt doch ein Gutachten der FDP vor, das klipp und klar sagt, was dann passieren würde. Eine Milliarde € fehlt im Landeshaushalt, und es sind noch einmal 200 Millionen € bei den Kommunen.

Meiner Meinung nach wollen Sie die Antwort nicht geben, weil Sie die Gegenfinanzierung nicht darstellen können. Sie haben es schlicht nicht drauf, Ihre Wahlversprechen einzulösen. Das ist schamloser Wahlbetrug, was an der Stelle stattfindet!

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD – Zuruf von der CDU: Ui!)

Ich möchte noch ein weiteres Beispiel nennen. Die Integrationspauschale steht auch nicht in diesem Haushalt.

(Josef Hovenjürgen [CDU]: Sie müssen nicht immer von sich auf andere schließen!)

Das ist allerdings ganz komisch, denn die CDU-Fraktion hat noch bis zum Wahltag gefordert, die Integrationspauschale von 434 Millionen € den Kommunen in voller Höhe zur Verfügung zu stellen.

Ich kann in dem Zusammenhang den Kollegen Optendrenk zitieren, der im Rahmen des Zweiten Nachtragshaushalts 2016 sagte:

„Integration findet vor Ort statt. Das wäre die richtige Antwort auf die Herausforderungen gewesen.“

Deswegen gab es den Antrag, die 434 Millionen € den Kommunen in vollem Umfang bereitzustellen. Das hat Rot-Grün nicht gemacht. Herr Optendrenk sagte, das sei eine Fehlleistung der rot-grünen Landesregierung gewesen.

Die FDP hat immer eine angemessene Weiterleitung der 434 Millionen € gefordert. Was ist jetzt dabei herausgekommen? CDU und FDP haben sich jetzt darauf geeinigt, null Euro an die Kommunen weiterzuleiten. Findet die Integration ab heute hier in Nordrhein-Westfalen nicht mehr vor Ort statt, Herr Kollege Optendrenk?

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD – Zuruf von der SPD: Hört, hört!)

Dann das Possenspiel bei der Krankenhausfinanzierung: Zuerst feiern Sie sich dafür, 250 Millionen € für diesen Bereich zusätzlich zur Verfügung zu stellen. Die Kommunen stellen nun fest, dass 100 Millionen € natürlich von den Kommunen zu tragen sind. Dann gibt es hektische Aufregung bei den Koalitionsfraktionen. Es kommt eine Pressemitteilung zutage, in der steht: Die 100 Millionen € müsst ihr überhaupt nicht bezahlen, liebe Kommunen, die bezahlt das Land aus eigenen Haushaltsmitteln.

Dann gibt es Verwirrung bei allen. Die kommunalen Spitzenverbände sagen, es sei ein Affront gewesen, dass mit ihnen vorher nicht einmal gesprochen worden wäre, um diesen Sachverhalt darzustellen. – Also, Ihre Kommunikationsfähigkeit und Kommunalfreundlichkeit möchte ich schon nach 100 Tagen Regierungszeit klar infrage stellen.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Aber die Verwirrung geht ja weiter. Bis heute ist nicht klar erklärt worden, wie Sie es machen wollen. Aus meiner Sicht ist es klar, was hier passiert: Die 100 Millionen € wollen Sie kreditieren. Sie schaffen es allerdings nicht, das bilanziell aus dem Jahr 2017 herauszukriegen. Lassen wir das einmal stehen.

Aber die 100 Millionen € sollen die Kommunen im nächsten Jahr nach Ihrem Willen darstellen. Und der Gesundheitsminister hat auch klar zum Ausdruck gebracht: Er will, dass die Kommunen weiter beteiligt werden. Warum läuft dann der Fraktionsvorsitzende der CDU auf dem Parteitag in Rhein-Sieg durch die Gegend und sagt: Nein, nein, diese 250 Millionen € sind ein einmaliger Vorgang.

Herr Finanzminister Lienenkämper, ich möchte heute eine klare Aussage von Ihnen haben: Wird die Krankenhausfinanzierungsbeteiligung der Kommunen weitergehen? Wird es ein einmaliger Vorgang oder eine strukturelle Weiterbelastung sein? – Denn es ist ein Schauspiel, was Sie hier abziehen. Auf der einen Seite behaupten Sie, 100 Millionen € Entlastung gäbe es, und strukturell würden die Kommunen nicht belastet. Das ist nicht in Ordnung, das ist Hinter-die-Fichte-Führen der Kommunen, liebe Kolleginnen und Kollegen!

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Den zweiten Punkt, der die Krankenhausfinanzierung betrifft, möchte ich an der Stelle auch noch ansprechen. Ich hatte die Freude, mir in drei Ausschüssen die Haushaltsberatung anzusehen: im Haushalts- und Finanzausschuss, im Kommunalausschuss und im Gesundheitsausschuss. Ich habe in allen drei Sitzungen nachgefragt, wie das denn technisch ablaufen soll. – Niemand hat mir eine Antwort gegeben.

Allerdings hat der Gesundheitsminister eine aus meiner Sicht interessante Bemerkung gemacht. Er hat gesagt: Mir ist ganz egal, wie die 250 Millionen € zustande kommen. Hauptsache, das Geld ist bei mir. – Das macht doch eins deutlich: Dieser Finanzminister ist Erfüllungsgehilfe von Ressortinteressen, er ist kein ehrbarer Kaufmann und nimmt seine Funktion als Finanzminister bei diesen Haushaltsberatungen in keiner Weise wahr.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, Herr Ministerpräsident, viele – auch ich – waren überrascht, als Sie Herrn Lienenkämper zum Finanzminister ernannt haben. Ich muss leider nach 100 Tagen sagen: Wir brauchen an der Spitze des Finanzressorts keine rheinische Frohnatur, sondern einen ehrbaren Kaufmann, wie es Alt-Finanzminister Helmut Linssen von der CDU mal formulierte. Davon ist Herr Lienenkämper Lichtjahre entfernt. – Danke für die Aufmerksamkeit.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD – Widerspruch von der CDU)

Präsident André Kuper: Vielen Dank, Herr Kollege Mostofizadeh. – Jetzt hat für die AfD Herr Loose das Wort. Bitte sehr.

Christian Loose (AfD): Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Vor vier Wochen haben wir Ihnen bereits zahlreiche Vorschläge zum Sparen gemacht. Wir hatten Ihnen die unwirtschaftlichen Öko-Träumereien genannt, zum Beispiel die Solarfahrradgaragen. Wir hatten Ihnen angeraten, endlich die freien Flüchtlingsplätze zu kündigen. Aber Sparen muss man auch wollen. Und bei Ihnen ist der Wille eindeutig nicht erkennbar.

(Beifall von der AfD und von Marcus Pretzell [fraktionslos])

Bei 1,3 Milliarden € Steuermehreinnahmen, also Geld, was Sie den Bürgern genommen haben, schaffen Sie es nur, 0,1 Milliarden € davon in die Tilgung zu stecken; noch nicht einmal 10 %.

Stattdessen plustern Sie Ihren Beamtenapparat mit 139 neuen Stellen auf. Natürlich muss man eine gewisse politische Richtung vertreten können. Mit 139 Stellen vollziehen Sie hier aber eine politische Gleichschaltung und keinen politischen Richtungswechsel.

(Beifall von der AfD)

Damit stoßen Sie all den gut arbeitenden, hart kämpfenden und engagierten Mitarbeitern vor den Kopf. Eine maßvolle Umbesetzung hätte Ihnen wirklich gut zu Gesicht gestanden.

Die Terrorbekämpfung, die Sie hier fördern, ist leider angesichts des Verfassungsschutzberichtes bitter nötig. Aber wenn wir mehrere 100.000 Menschen im Land haben, von denen wir die Identität gar nicht kennen, dann doktern wir hier doch nur an den Symptomen herum.

Den Kampf gegen den politischen Extremismus erkennen wir leider nur im Kampf gegen den Rechtsextremismus. Denn die Seite „indymedia“ zum Beispiel, die kurz vor der Wahl abgeschaltet wurde, ist jetzt wieder online. Wenn Sie wirklich den Kampf gegen den Linksextremismus aufnehmen wollen, dann bekämpfen Sie diese Brutstätte des Terrors endlich vehement!

(Beifall von der AfD)

Die Abgeltung der Überstunden für die Polizei und für die Gerichtsmitarbeiter ist leider bitter notwendig. Uns wäre es lieber gewesen, wenn die Polizisten auch einmal ein Wochenende bei ihren Familien verbringen könnten. Aber die katastrophale Lage in Deutschland und vor allen Dingen in NRW macht es leider nicht möglich.

Räumen Sie doch bitte endlich bei den No-go-Areas auf! Schicken Sie die deutschen Straftäter vehement ins Gefängnis und die ausländischen Straftäter, die unser Asylrecht missbrauchen, wieder in ihr Heimatland zurück!

(Beifall von der AfD)

Was passiert denn mit Ihrer Dauerduldung dieser abgelehnten Asylbewerber? – Diese Personen nehmen Wohnungen weg, diese Personen nehmen Integrationskurse weg, diese Personen nehmen Gesundheitskosten weg, die für die wirklich schutzbedürftigen Personen dann nicht mehr zur Verfügung stehen.

(Beifall von der AfD)

Das Schlimme ist, dass die SPD diese Problemlage noch nicht einmal erkannt hat. Was fordert die jetzt? – In einem Änderungsantrag fordert sie, dass mehr als 300 Millionen € an die Kommunen ausgezahlt werden, damit die abgelehnten Asylbewerber noch länger hier im Land leben können. Was ist denn das für ein irrer Vorgang?

(Beifall von der AfD)

In der Anhörung wurde sehr klar zum Ausdruck gebracht, dass dieser Haushalt und auch die folgenden hohe Risiken enthalten, wenn man nicht endlich anfängt, die Schulden zu tilgen.

Die EZB flutet die EU mit billigem Geld. Das führt dazu, dass die Unternehmen in unwirtschaftliche Projekte investieren. Das führt dazu, dass die Kommunen in unwirtschaftliche Projekte investieren. Und wenn die Zinsen erst einmal steigen, dann knallt es auf zwei Seiten: Die Konjunktur wird einbrechen, und Sie haben die Probleme, den Haushalt überhaupt noch ordnungsgemäß zu führen.

(Beifall von der AfD)

Es gibt viele Handlungsfelder, die wir Ihnen aufgezeigt haben. Jetzt ist es an Ihnen zu handeln, doch in den ersten 100 Tagen haben wir bisher nur erkennen müssen: Außer Spesen nichts gewesen. – Vielen Dank.

(Beifall von der AfD)

Präsident André Kuper: Danke, Herr Loose. – Für die Landesregierung erteile ich Herrn Finanzminister Lienenkämper das Wort. Bitte.

Lutz Lienenkämper, Minister der Finanzen: Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Frau Kollegin Gebhard, lieber Herr Kollege Mostofizadeh, eigentlich bin ich nach den Reden versucht, eine Rede zu halten und den damaligen und immer noch amtierenden Fraktionsvorsitzenden der SPD zu zitieren, der 2010, nachdem wir die Regierungsverantwortung abgegeben hatten, sieben Jahre lang die alte Leier heruntergeredet hat, wie schlecht wir dieses Land regiert hätten.

(Zurufe von der SPD: Stimmt ja! Haben Sie auch!)

Das tue ich ausdrücklich nicht; denn ich will kein Öl ins Feuer gießen. Eines sage ich Ihnen aber: Nach Ihren beiden Reden hätte Ihnen wahrscheinlich ein wenig mehr Nachdenken darüber, warum die Menschen in Nordrhein-Westfalen Sie nicht mehr in der Regierung sehen wollten, wirklich gutgetan.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Herr Kollege Mostofizadeh, der Einstieg war schon bezeichnend für Ihre ganze Rede: Das Motorrad des Kollegen Varoufakis sei cooler als meines. – Ich kann Ihnen nur sagen, das war wirklich symptomatisch. Es zeigt nämlich, dass Ihre Informationen offenkundig nicht so richtig zutreffen. Sie sollten wissen: Ich habe kein Motorrad, lieber Herr Kollege Mostofizadeh.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Wenn ich mir einmal ansehe, was der Kollege Varoufakis in Griechenland in seiner Bilanz stehen hat, dann darf ich Ihren Ratschlag offenkundig so zusammenfassen: Lieber cool auf dem Motorrad als rheinische Frohnatur. – Ich sage Ihnen, ich will lieber eine rheinische Frohnatur mit einer guten Bilanz sein, meine Damen und Herren.

(Beifall von der CDU und der FDP – Zuruf von Mehrdad Mostofizadeh [GRÜNE])

Dann haben Sie ein wunderbares Bild von den tollen Voraussetzungen gezeichnet, unter denen wir gestartet sind. Die haben die Menschen bei der Wahl offenbar nicht mitbekommen. Wahrscheinlich hat man Ihnen da vorher nicht genug zugehört. Ich sage Ihnen jetzt einmal, wie die Voraussetzungen im Ländervergleich tatsächlich gewesen sind.

(Zuruf von der SPD: Sie sind zur Wahrheit verpflichtet! Das wissen Sie!)

Von 2010 bis 2015 haben alle deutschen Bundesländer zusammen eine Nettokreditaufnahme von 48 Milliarden € gehabt.

(Zuruf von Michael Hübner [SPD])

Davon entfielen auf Nordrhein-Westfalen unter Rot-Grün 41,1 %. Das ist der erste Teil der Bilanz.

Im Jahre 2016 haben mit Ausnahme von Sachsen, dem Saarland und Bremen alle anderen Bundesländer Schulden getilgt. Insgesamt saldiert war das ein Betrag von über 3,5 Milliarden €. Der von Nordrhein-Westfalen getilgte Betrag lag bei rund 30 Millionen € und machte noch nicht einmal 1 % der Tilgungsleistungen aller Bundesländer in 2016 aus.

(Zuruf von der SPD: Ich bin gespannt, was Sie in diesem Jahr tilgen!)

Für 2017 haben Sie als rot-grüne, damals noch amtierende Mehrheit im Dezember vergangenen Jahres eine Nettokreditaufnahme von über 1,62 Milliarden € beschlossen.

(Zuruf von der SPD: Eine Ermächtigung!)

Meine Damen und Herren, auch damit wird deutlich: Ihre Bilanz der Regierung von 2010 bis 2017 ist im Ländervergleich schlecht, ist für das Land Nordrhein-Westfalen schlecht und blendet wesentliche Politikfelder in diesem Lande aus.

(Beifall von der CDU und der FDP – Zuruf von Martin Böschel [SPD])

Deswegen mussten wir jetzt mit dem Nachtragshaushalt einen Reparaturhaushalt aufsetzen, deswegen mussten wir die unterfinanzierten Politikfelder anfassen und deswegen mussten wir dringend benötigte Investitionen für unser Land ermöglichen.

(Michael Hübner [SPD]: Sie müssen sich an Ihren Maßstäben messen lassen!)

Und dies übrigens, meine Damen und Herren, mit Ihrer rot-grünen Verschuldungsermächtigung: rot-grüne Schulden für rot-grüne Fehler!

(Beifall von der CDU und der FDP – Zuruf von Mehrdad Mostofizadeh [GRÜNE])

Der erste Teil ist der Buchungstrick bei der Darlehenstilgung des BLB. Da haben Sie 885 Millionen € alleine aus dem Grund getrickst, um selbst eine abnehmende Nettoneuverschuldung darstellen zu können. Ich will Ihnen sagen: Das ist ein reiner Trick. Diese abnehmende Nettoneuverschuldung hat es nie gegeben. Eigentlich müssten Sie diese 885 Millionen € auf Ihre Bilanz noch einmal draufrechnen. Dadurch wird sie noch schlechter. Wir haben den Trick beseitigt und stellen Transparenz in Nordrhein-Westfalen her.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Sie haben eine katastrophal finanzierte Kita-Landschaft hinterlassen. Sie haben unseren Kindern keine guten Startvoraussetzungen ermöglicht. Mit unserem Kitarettungsprogramm bekommen wir den Einstieg in wesentliche Verbesserungen hin.

Sie haben das Thema „innere Sicherheit“ ausgeblendet. Sie haben eines Ihrer größten Probleme im Bereich der inneren Sicherheit gehabt. Wir steigen in die Behebung dieser Fehler ein.

Sie haben bei der Krankenhausfinanzierung die Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen im Stich gelassen. Wir sorgen dafür, dass die Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen eine wesentliche Geldspritze von insgesamt 250 Millionen € in diesem Haushalt bekommen. Das ist gut für die Bürgerinnen und Bürger in Nordrhein-Westfalen.

Präsident André Kuper: Herr Minister Lienenkämper, gestatten Sie eine Zwischenfrage?

Lutz Lienenkämper, Minister der Finanzen: Ich würde gerne im Zusammenhang vortragen.

Präsident André Kuper: Okay.

Lutz Lienenkämper, Minister der Finanzen: Meine Damen und Herren, ich will noch kurz auf das Thema der 139 Stellen eingehen, die Sie in klaren und deutlichen Worten kritisieren.

Einfach nur einmal ein paar Zahlen: Rot-grüne Landesregierung 2010 bis 2017: Der Gesamtstellenbestand im Land ist von 284.636 auf 296.952, also um 12.316 Stellen, gestiegen.

(Michael Hübner [SPD]: Sagen Sie doch mal, wo!)

– Ich wusste ja, was Sie jetzt sagen. – Ich nehme jetzt nur die allgemeine Verwaltung heraus, und die Bereiche Polizei und Schulen, die wir genauso mitgetragen hätten, lasse ich einfach raus.

Präsident André Kuper: Herr Minister Lienenkämper, es gibt den weiteren Wunsch nach einer Zwischenfrage.

Lutz Lienenkämper, Minister der Finanzen: Es gibt den weiteren Wunsch von mir, im Zusammenhang vorzutragen.

(Heiterkeit und Beifall von der CDU)

Präsident André Kuper: Gut.

Lutz Lienenkämper, Minister der Finanzen: Wir waren gerade bei den 12.316 Stellen, um die der Stellenbestand insgesamt gestiegen ist. In der allgemeinen Verwaltung sind die Stellen um 2.220 oder um rund 7,2 % auf 33.224 gestiegen.

Wenn ich mir dann einmal die Ministerialkapitel in diesen fünf Jahren ansehe, dann war das in der Regierungszeit von Rot-Grün ein Zugang um insgesamt 1.257 Stellen. Wenn Sie das einmal in ein vernünftiges Verhältnis stellen, dann werden Sie merken, dass Ihre Vorhaltungen maßlos sind, meine Damen und Herren.

(Beifall von der CDU und der FDP – Zuruf von Michael Hübner [SPD])

Sie blenden gekonnt aus,

(Nadja Lüders [SPD]: Setzen Sie sich jetzt mit dem Verfassungsschutz auseinander?)

dass wir – anders als Sie übrigens – erklärt haben: Die Mehrkosten, die für die 139 Stellen entstehen, die aus Anlass der Regierungsbildung geschaffen werden, werden wir im Laufe der Legislaturperiode in den Personalhaushalten der Ministerien wieder erwirtschaften.

(Zuruf von Mehrdad Mostofizadeh [GRÜNE])

Über die Legislaturperiode werden dafür keine weiteren Kosten für das Land Nordrhein-Westfalen anfallen.

(Martin Börschel [SPD]: Machen Sie einen Haushaltsvermerk!)

Das unterscheidet uns von Ihrer unseriösen Politik, meine Damen und Herren.

(Beifall von der CDU und der FDP – Marc Herter [SPD]: Haushaltsstellen oder kw-Stellen?)

Deshalb: Der Nachtragshaushalt ist ein Reparaturhaushalt. Wir steigen in die Gestaltung des Landes Nordrhein-Westfalen ein. Darauf freuen wir uns. – Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Präsident André Kuper: Herr Minister, bitte bleiben Sie stehen. Es gibt eine Kurzintervention von Herrn Mostofizadeh. – Bitte.

Mehrdad Mostofizadeh (GRÜNE): Herr Finanzminister! Da Sie, obwohl ich Sie in meiner Rede klar angesprochen habe, nicht geantwortet haben, möchte ich meine Frage wiederholen.

Im Bereich der Krankenhausfinanzierung steht nach wie vor offen im Raum, wie die 100-Millionen-€-Beteiligung der Kommunen stattfinden soll. Ich würde sehr gern von Ihnen wissen, wie das rechtlich substanziell abläuft. Nach meinem Dafürhalten müssen die Kommunen in diesem Jahr 100 Millionen € bilanziell und den Aufwand im Jahr 2018 darstellen. Das führt dazu, dass die Kommunen im Jahr 2018 mit 100 Millionen € belastet werden und darüber hinaus auch über den noch von Ihnen festzusetzenden Krankenhausanteil von 40 % für die Haushaltmittel, die im Jahr 2018 stattfinden.

Ich frage das vor dem Hintergrund, weil in allen Ausschüssen widersprüchliche Dinge von Ihren Kollegen gesagt worden sind und der Fraktionsvorsitzende der CDU offensichtlich auch den Leuten Sand in die Augen streuen und hier nicht auf diese Punkte hinweisen will.

Eine letzte Bemerkung, weil Sie eben die kw-Vermerke genannt haben: Bitte, Herr Finanzminister, Sie haben alle Mittel, das im Haushalt zu vermerken, entweder als kw-Vermerk an der Stelle oder indem Sie die Haushaltsmittel als globale Kürzung einfügen. Sie stellen keine Transparenz im Haushalt her, sondern machen das Gegenteil davon.

(Beifall von den GRÜNEN)

Präsident André Kuper: Herr Minister.

Lutz Lienenkämper, Minister der Finanzen: Kollege Mostofizadeh, Sie haben den Änderungsantrag der Fraktionen von CDU und FDP zur Krankenhausfinanzierung gelesen. Wenn Sie den richtig interpretieren – so wie wir –,

(Nadja Lüders [SPD]: Eben drum!)

dann ist eindeutig, dass für 2017 für die Kommunen keine Beiträge anfallen, weder bilanziell noch in Zahlungsströmen. Das geschieht im Jahr 2018. Das Krankenhausfinanzierungsgesetz in seiner Struktur stammt übrigens aus dem Jahr 2002 und ist unter Rot-Grün so beschlossen worden.

(Nadja Lüders [SPD]: Und die 40 % von Ihnen!)

Das ist auch grundsätzlich richtig so. – Herzlichen Dank.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Präsident André Kuper: Vielen Dank, Herr Minister Lienenkämper. – Für die CDU hat Kollege Preuß das Wort.

Peter Preuß (CDU): Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte mit einem Zitat aus einer Rede beginnen, die ich am 18. März 2015 zum Krankenhausgestaltungsgesetz, das CDU und FDP abgelehnt haben, gehalten habe. Das Zitat lautet:

„Meine Damen du Herren, die Krankenhäuser in NRW haben einen erheblichen Investitionsbedarf. Sie sind chronisch unterfinanziert. Der Haushaltsansatz für den Investitionsbedarf der 385 Krankenhäuser im Land beträgt nicht einmal die Hälfte des benötigten Volumens von mindestens 1,2 Milliarden € jährlich; …“

Der Sonderfonds „Krankenhäuser“, der die pauschale Förderung ergänzen sollte, war für 2015 von 1,6 Millionen € auf null Euro gesetzt. – Und:

„In der Vergangenheit waren Krankenhäuser gezwungen, dringende Investitionsmaßnahmen durch Kredite zu realisieren, da das Land seiner Verpflichtung zur auskömmlichen Investitionsfinanzierung nicht nachgekommen ist.“

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen –

(Beifall von der CDU und der FDP)

außer der Tatsache, dass das Land in den vergangenen sieben Jahren von Rot-Grün geführt wurde.

Sie hätten vieles ändern können, nichts ist geschehen. Die Investitionskostenförderung stagnierte, der Krankenhausbedarfsplan 2015 erwies sich als zahnloser Tiger, die Versorgungsstrukturen haben sich nicht signifikant geändert. Von dem im Antrag erwähnten Modernisierungsprogramm für die Universitätskliniken profitierten sechs Kliniken – bei über 300 Krankenhäusern im Land –, und es reichte selbstverständlich nicht aus zur landesweiten medizinischen Versorgung der Patientinnen und Patienten.

Wir stellen nun im Nachtrag für dieses Jahr 250 Millionen € als Soforthilfe zur Verfügung. Unser mittelfristiges Ziel ist zudem eine Krankenhausfinanzierung, die sich an der Qualität der medizinischen Leistungen und an der Effizienz der Versorgungsstrukturen orientiert.

Wir wollen einen Krankenhausplan entwickeln, der strukturelle Schwierigkeiten der medizinischen Versorgung vermeidet. Doppelstrukturen vermeiden, hohe Spezialisierung auch für bestimmte Erkrankungen, Erreichbarkeit bei Akutversorgung – das sind die Stichworte, die in den Krankenhausplan gehören.

(Michael Hübner [SPD]: Ist das von Wikipedia?)

Meine Damen und Herren, die medizinische Versorgung der Menschen in unserem Land gehört zur Daseinsvorsorge, und ihre Sicherung ist Aufgabe des Landes.

(Michael Hübner [SPD]: Doch von Wikipedia!)

Im Gegensatz zu SPD und Grünen in den vergangenen sieben Jahren stellt sich die CDU-geführte Regierung mit der FDP zusammen dieser Verantwortung. – Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Herr Kollege Preuß. – Der nächste Redner ist für die SPD-Fraktion Herr Kollege Neumann.

Josef Neumann (SPD): Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Nachtragshaushalt in den Politikfeldern „Soziales, Arbeit und Gesundheit“ entspricht letztendlich dem, was wir im Koalitionsvertrag lesen können,

(Minister Karl-Josef Laumann: Richtig!)

nämlich wenig – oder nichts – oder gar nichts.

Das ist die Schlussfolgerung, die man daraus ziehen kann. Von der Operation, die Sie hinsichtlich der Krankenhäuser begonnen haben, kann man den Eindruck gewinnen, im Operationssaal sei das Licht ausgegangen, bevor sie angefangen haben.

(Beifall von der SPD und den GRÜNEN)

Da fällt mir der Spruch ein: Da beiße ich glatt in die Mullbinde.

Sie haben Außenwirkung erzielt, indem Sie behauptet haben, Sie würden Kommunen entlasten. In Wirklichkeit legen Sie denen neue finanzpolitische Fußfesseln an, Fußfesseln, die Sie nicht einmal vorab mit ihnen besprochen haben. Sie haben es nicht nötig gehabt, es zu tun.

Und: Herr Minister Laumann, bei dem, was Sie und auch eben Herr Lienenkämper zum Thema „Krankenhausfinanzierung“ gesagt haben, muss man einfach nur feststellen: Entweder wissen beide Häuser nicht, worum es geht, oder es bleibt bei dem, was Herr Lienenkämper gesagt hat. Wir müssen jetzt interpretieren, was wir uns darunter vorzustellen haben.

Ich glaube, das ist eine ganz schlechte Grundlage,

(Zuruf von den GRÜNEN)

um die Krankenhausfinanzierung in Nordrhein-Westfalen auf neue Füße zu stellen und sie perspektivisch anders zu entwickeln. Diesen Aufschlag hätte man haben können, wenn man transparent im Umgang mit den Beteiligten, insbesondere mit der Kommunalfamilie, umgegangen wäre und dafür eine Perspektive geschaffen hätte. Das haben Sie nicht getan, und zu Recht ist Ihnen das von denen auch vorgeworfen worden.

(Beifall von den GRÜNEN)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Die Redezeit, Herr Kollege.

Josef Neumann (SPD): Und lassen Sie mich noch einen Punkt nennen – die Redezeit ist knapp –:

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Eigentlich überschritten!

Josef Neumann (SPD): Beim Thema „Soziales und sozialer Arbeitsmarkt“ haben die Menschen mehr verdient als das, was ihnen jetzt vorgelegt wird. – Vielen Dank.

(Beifall von der SPD und den GRÜNEN)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Herr Kollege Neumann. – Für die FDP-Fraktion spricht Frau Kollegin Schneider.

Susanne Schneider (FDP): Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Ja, Herr Kollege Neumann, im OP gehen die Lichter aus, wenn hier in diesem Land nicht unverzüglich gehandelt wird. Da gebe ich Ihnen recht.

(Beifall von der FDP)

Ausgerechnet Ihre SPD bringt hier noch einen Antrag zur Finanzierung der Krankenhäuser ein, die Sie sieben Jahre lang total ignoriert haben! Wir in Nordrhein-Westfalen sind Schlusslicht – Schlusslicht aller westdeutschen Flächenländer, was die Krankenhausinvestitionsförderung betrifft.

(Zuruf von den GRÜNEN)

In Baden-Württemberg wird jedes Bett doppelt so hoch gefördert wie in NRW, und dann sagen Sie, es bestehe kein Handlungsbedarf. Die neue NRW-Koalition hat sofort gehandelt.

(Zuruf von den GRÜNEN: Stimmt das, Herr Laumann?)

Wir stellen in diesem Nachtragshaushalt 250 Millionen € als einen ersten Schritt für die pauschale Förderung von Investitionen in kurzfristige Anlagegüter zur Verfügung. Damit werden wir mit den Fördermitteln je Bett nach vielen Jahren erstmals wieder über dem Bundesdurchschnitt liegen.

Unsere Krankenhäuser stehen vor großen Herausforderungen, sei es der demografische Wandel, sei es der Fachkräftemangel. Dafür brauchen wir beste attraktive Arbeitsbedingungen durch den verstärkten Einsatz von technischen Hilfsmitteln oder auch einfach durch eine moderne Ausstattung, zum Beispiel der OPs.

Und wir wollen alle, nein, wir müssen alle die Chancen der Digitalisierung und von eHealth nutzen. Dazu brauchen wir aber auch Investitionen zum Austausch veralteter IT-Systeme und zur Verbesserung der IT-Sicherheit. Dies zeigt, Gebäude und technische Ausstattung der Krankenhäuser müssen fortlaufend modernisiert werden.

Wir wollen zumindest schnell einen ersten Schritt auf den Weg bringen, um den bestehenden Rückstand bei den Investitionen an einigen Stellen abzubauen. Als Sofortmaßnahme kommt hier auch nur eine Erhöhung der bestehenden Pauschalförderung in Betracht. Neue Förderprogramme oder Änderungen der gesetzlichen Grundlagen würden sich gar nicht so schnell umsetzen lassen, dass sie von den Kliniken noch in diesem Jahr genutzt werden könnten. Wir haben auch bereits im Entfesselungspaket I eine Änderung des Krankenhausgestaltungsgesetzes vorgesehen,

(Zuruf von den GRÜNEN)

um neben der Pauschalförderung auch gezielte Einzelförderung zur Verbesserung der Krankenhausstruktur zu ermöglichen.

Wenn Sie, liebe SPD, hier eine Finanzierung über Kredite der NRW.BANK vorschlagen, möchte ich von Ihnen den Vorwurf eines Schattenhaushaltes in den nächsten Monaten nicht mehr hören.

(Beifall von der FDP)

Zum Schluss noch zu den Kommunen. Wir haben sehr wohl die Kritik aus der kommunalen Familie aufgenommen, dass eine kurzfristige Belastung der laufenden Haushalte in der kommunalen Planung nicht umsetzbar ist. Deshalb haben wir eine Möglichkeit gefunden, den tatsächlichen Zahlungsanspruch auf das Folgejahr zu verlagern. Aber ein Blick ins Gesetz zeigt auch, dass eine Beteiligung der Kommunen an der Förderung in Höhe von 40 vom Hundert erforderlich ist. Damit liegen wir auf gleicher Höhe wie Niedersachsen und niedriger als unsere anderen Nachbarländer wie Hessen und Rheinland-Pfalz.

(Zuruf von den GRÜNEN)

Wir sollten ebenso nicht vergessen, dass gerade auch die Kommunen von den Investitionen in ihre Kliniken profitieren, wodurch eine gute Gesundheitsversorgung vor Ort gesichert wird.

(Beifall von der FDP)

Insofern halte ich es für falsch, eine kommunale Beteiligung an der Investitionsförderung gänzlich infrage zu stellen.

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Die Redezeit.

Susanne Schneider (FDP): Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Die NRW-Koalition aus Christdemokraten und FDP möchte nicht länger, dass NRW Schlusslicht bei der Finanzierung unserer Krankenhäuser ist. Wir wollen beste Arbeitsbedingungen, wir wollen gut ausgestattete Häuser für die Mitarbeiter in den Kliniken und für die Menschen in unserem Land. – Ich danke Ihnen.

(Beifall von der FDP)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Frau Kollegin Schneider. – Für die AfD-Fraktion hat jetzt Herr Dr. Vincentz das Wort.

Dr. Martin Vincentz (AfD): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Deutschlands Krankenhäuser zählen zu den besten der Welt. Das ist der aktuelle Status quo.

Und man wundert sich beizeiten, wie robust dieses Krankenhaussystem trotz seiner chronischen Unterfinanzierung ist. So mussten allein in den letzten Dekaden die digitalisierte bildgebende Diagnostik mit Computer- und Magnetresonanztomografie, minimalinvasive Eingriffe und spezialisierte Einheiten, zum Beispiel zur Schlaganfall- oder Frühgeborenenversorgung, geschultert werden.

Die Investitionsmittel, die alle Bundesländer den Krankenhäusern im Jahr 2012 zur Verfügung gestellt haben, lagen bei 2,6 Milliarden €. 1992 lag die Investitionsfinanzierung der Bundesländer noch bei 3,8 Milliarden €. Das heißt, es gab seitdem einen Abbau um rund 30 %, während im gleichen Zeitraum die Krankenhausausgaben der Krankenkassen um 45 % gestiegen sind. Das Krankenhaussystem hat sich gewaltig geändert, seine gute Stellung in der Welt verteidigt und behauptet, und das trotz der fehlenden Investitionen.

Nun stehen aber neue Herausforderungen an und viele unserer Krankenhäuser deutlich mit dem Rücken zur Wand. Deutschland wird älter, die gesundheitlichen Risiken und damit die Fallzahlen steigen. Digitalisierung und IT-Sicherheit spielen plötzlich eine immense Rolle. Es gibt gerade im Gesundheitswesen einen gigantischen Fachkräftemangel und damit ein Rennen auf die klügsten Köpfe, und auch die Krankenhaushygiene darf nicht vernachlässigt werden.

Rund 1,5 Milliarden € müsste das Land jedes Jahr in seine Krankenhäuser investieren. Tatsächlich standen bislang nur ca. 500 Millionen € bereit. Das ist ein jährliches Defizit von 1 Milliarde €.

Um die Investitionslücke wenigstens teilweise zu schließen, werden Modernisierungen aus den DRG-Erlösen bezahlt. Das ist eine Situation, die für Krankenhäuser und dadurch vor allen Dingen für das Personal kaum tragbar ist.

Währenddessen liegt die Förderung in NRW konstant niedrig im unteren Drittel aller Bundesländer – und das trotz guter Konjunkturlage und trotz sprudelnder Steuereinnahmen.

(Beifall von der AfD)

Dabei wurden bereits in den vergangenen Jahren etwa 12,5 Milliarden € zu wenig in die NRW-Kliniken investiert. Die NRW-Kliniken verlieren Jahr für Jahr an Substanz, solange die Förderlücke nicht geschlossen wird. 17,6 % der Krankenhäuser in NRW schrieben bereits 2014 deutlich rote Zahlen. Der Anteil der Fördermittel an den Gesamtkosten der Krankenhäuser liegt in Nordrhein-Westfalen aktuell unter 3 % und ist damit nur noch ein Tropfen auf den heißen Stein. Man muss die Regierung da wieder etwas auf den Boden der Tatsachen zurückholen: Auch die zusätzlichen 250 Millionen € werden an diesem Zustand nichts ändern.

(Beifall von der AfD)

Im Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales muss ich dann seitens der antragstellenden Fraktion der SPD hören – und das ist der eigentliche Skandal –, man könne den klammen Kommunen und in den Wahlkreisen kaum erklären, warum die Kommunen nun an den dringend benötigten Ausgaben für die Krankenhäuser beteiligt werden sollten. – Ja, auch den Kommunen geht es in diesem reichen Land offiziell nicht so gut. Es stimmt, dass vielen die Zwangsverwaltung droht.

Wir dürfen aber nicht vergessen: Krankenhäuser und ihre Mitarbeiter sind ein unverzichtbarer Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Wenn wir nicht in Schulen, Polizei, Straßen und Krankenhäuser investieren, in was dann?

(Beifall von der AfD)

Eine kurze Bemerkung: 2015 beliefen sich die Kosten der Kommunen allein für Asylunterkünfte abzüglich der Beteiligung des Bundes auf rund 2,6 Milliarden €.

(Zuruf: Hört, hört!)

Das Land Nordrhein-Westfalen trägt pro anerkanntem Flüchtling gerade mal 10.000 € von den auf 16.000 € geschätzten Kosten. Bei der größer werdenden Gruppe der Geduldeten zahlt NRW nur für drei Monate pro Jahr. Sie können sich also schnell zusammenrechnen, dass die Kosten, die für die Kommunen anfallen, deutlich über denen für die Krankenhausfinanzierung liegen.

(Beifall von der AfD)

Ich frage Sie: Wie wollen Sie den Menschen erklären, dass dieses reiche Land kein Geld für seine Krankenhäuser hat? Es ist doch vollkommen klar, dass so der Unmut der Menschen wächst – weshalb wir auch hier im Parlament sitzen.

(Beifall von der AfD)

Krankenhäuser sind kein Luxus, den man sich leisten kann, wenn man gerade Geld übrig hat. Wenn ein Appendix morgens früh um 3:00 Uhr vor dem Durchbruch steht, dann muss geholfen werden. Wenn Sie mit dem Auto vor den Baum fahren, dann muss Ihnen geholfen werden. Das ist kein Luxus!

(Beifall von der AfD)

Wenn Sie die lobenswerte Bereitschaft der Menschen in Nordrhein-Westfalen aufrechterhalten wollen, den Schutzbedürftigen dieser Welt auch weiterhin so selbstlos und voller Herzenswärme zu helfen, dann fangen Sie nicht an, darüber zu diskutieren, ob wir unsere Krankenhäuser finanzieren sollen und ob wir unsere Kommunen tatsächlich in irgendeiner Art und Weise daran beteiligen müssen. Das ist über alle Maßen unredlich den Patienten gegenüber, genauso wie gegenüber den Krankenschwestern und Ärzten, die unter Ihrer Politik leiden müssen.

Ich spreche nun einige von Ihnen persönlich an. Herr Yüksel, Herr Mostofizadeh und Frau Lück, haben Sie in dem Moment, in dem Sie ins Parlament eingezogen sind, vergessen, wie es ist, tatsächlich vor dem Krankenbett zu stehen? Wie geht es Ihnen, wenn Sie Ihren ehemaligen Kollegen gegenüberstehen und ihnen erklären müssen, dass Sie tatsächlich darüber diskutieren, ob den Krankenhäusern 100 Millionen € – und das ist immer noch viel zu wenig – zugutekommen sollen? – Vielen Dank.

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Danke, Herr Dr. Vincentz. – Für die Landesregierung spricht nun Herr Minister Laumann.

Karl-Josef Laumann, Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales: Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Zunächst möchte ich als Gesundheitsminister sagen, dass ich mich darüber freue, dass hier im Landtag keine Fraktion Mehrinvestitionen für unsere Krankenhäuser für falsch hält und dass es einen großen Konsens dazu gibt, dass wir in den vor uns liegenden Jahren mehr für unsere Krankenhäuser tun müssen.

Ich bin den 360 Krankenhausträgern in Nordrhein-Westfalen dankbar, dass sie unter den Bedingungen, die in diesem Land seit mindestens zwei Jahrzehnten herrschen, ihre Krankenhäuser über diese lange Zeit hinweg überhaupt noch weitergeführt haben.

(Beifall)

Ganz besonders danken muss man denjenigen, die in den Krankenhäusern arbeiten.

Wozu hat das, was wir hier in der Politik gemacht haben, geführt? – Es hat dazu geführt, dass wir unserer gesetzlichen Verpflichtung gegenüber den Krankenhäusern seit Jahren nicht mehr nachkommen. Das Krankenhausgesetz in Deutschland sagt eindeutig aus: Die Länder sind dafür zuständig, die Krankenhäuser in ihrer Struktur – also Gebäude und Technik – zu unterhalten. Die gesetzlichen Krankenkassen haben die Aufgabe, in den Krankenhäusern all das zu bezahlen, was Personal und Medizin betrifft.

Jeder Geschäftsführer eines Krankenhauses in Nordrhein-Westfalen ist gezwungen, Geld beim Personal und vor allem bei der Pflege einzusparen, um das Gebäude und die Technik in Schuss zu halten. Diese Politik ist auf dem Rücken der Krankenschwestern ausgetragen worden. Das ist die Wahrheit!

(Beifall)

Wir haben uns dazu entschieden, in dieser Wahlperiode Veränderungen zu bewirken. Wir müssen in Nordrhein-Westfalen zunächst einmal zu einer neuen Krankenhausplanung kommen. De facto ist sie „nicht auf dem neuesten Stand“; und das habe ich freundlich ausgedrückt. Vielmehr gibt es in diesem Land zurzeit keine staatliche Krankenhausplanung.

Wir dürfen dabei nicht nur über Betten verhandeln, wir müssen auch über Strukturqualität und über einzelne Fälle verhandeln. Dabei muss das gelten, was abgemacht ist. Mit der jetzigen gesetzlichen Grundlage des Krankenhausgesetzes NRW funktioniert das nicht. Ich verweise dazu auf eine Rede meiner Vorgängerin in der vorletzten Sitzung des Gesundheitsausschusses in der vergangenen Wahlperiode. Sie hat dort ganz klar gesagt: Wir sind mit der Krankenhausplanung in Nordrhein-Westfalen gescheitert, und mit dem jetzigen Krankenhausgesetz geht es nicht. Deshalb nehmen wir durch die Entschlackungsgesetze Veränderungen vor.

Diese 250 Millionen € sind notwendig, um den Krankenhäusern einmal in diesem Jahr eine doch starke Finanzspritze zu geben. Im Koalitionsvertrag wurde diese Summe angekündigt, und sie war auch im Wahlprogramm angekündigt worden. Niemand soll sagen, man hätte nicht gewusst, dass diese Zahlungen notwendig werden.

Eine Bemerkung will ich noch zur Beteiligung der Kommunen loswerden. Im Krankenhausgesetz unseres Landes steht ganz klar: Wenn es in einem Kreis oder in einer kreisfreien Stadt keinen Krankenhausträger geben sollte, dann müssen die Kommunen die Krankenhäuser übernehmen. Das steht dort ganz eindeutig.

Die Kommunen haben sich in Nordrhein-Westfalen in den letzten 20 Jahren teilweise ihrer kommunalen Krankenhäuser entledigt, indem sie sie privatisiert haben. Soll ich Ihnen mal die Liste vorlegen? Die Kirchen, die der größte Krankenhausträger in Nordrhein-Westfalen sind, haben das nicht getan. Sie haben es ausgehalten.

Und wenn wir eine ausgeglichene Krankenhausstruktur haben wollen, müssen wir die Krankenhäuser vernünftig finanzieren. Und da die Kommunen am Ende die Krankenhäuser unterhalten müssen, wenn die Kirchen sie uns zum Beispiel vor die Tür stellen, ist auch eine kommunale Mitfinanzierung der Krankenhauslandschaft in Nordrhein-Westfalen selbstverständlich richtig und zu verantworten.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Deswegen will ich hier klar sagen, dass ich dem Finanzminister, unserem Ministerpräsidenten und dem ganzen Kabinett dankbar bin, dass wir diese Spritze jetzt „setzen“ konnten. Ich sage Ihnen zu: Wir werden das nächste Jahr sehr stark nutzen, um in der Krankenhausplanung voranzukommen, um dann in den Jahren darauf sehr sinnvoll Geld einzusetzen, um auch Krankenhausstrukturen in Nordrhein-Westfalen zu verändern – mit der Richtung „Qualität und Versorgungssicherheit“.

Und das wird ein Prozess über viele Jahre werden. Aber es muss einfach damit angefangen werden, weil Krankenhäuser nach meiner festen Überzeugung neben unseren Schulen die wichtigsten öffentlichen Einrichtungen sind. – Schönen Dank.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Herr Minister. – Der Minister hat die Redezeit um 3 Minuten 30 Sekunden überzogen.

(Minister Karl-Josef Laumann: Das ist nicht viel!)

– Das will ich gar nicht kommentieren. Ich will nur den Fraktionen mitteilen, dass ihnen dieselbe Redezeit natürlich auch noch einmal zur Verfügung steht, in die Runde blicken und fragen, ob es eine weitere Wortmeldung aus dem Kreis der Fraktionen gibt. – Das ist nicht der Fall. Dann kann ich mit Ihrem Einverständnis an dieser Stelle die Aussprache zum Tagesordnungspunkt 1 schließen.

Wir kommen zu den Abstimmungen. Wir haben mehrere Abstimmungen durchzuführen.

Die erste Abstimmung führen wir durch über die Änderungsanträge der Fraktionen von CDU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen Drucksache 17/871. Diese behandeln alle den Einzelplan 01. Wer möchte diesen Änderungsanträgen zustimmen? – Das sind die Fraktionen von CDU, FDP, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, die AfD-Fraktion und die drei fraktionslosen Abgeordneten. Stimmt jemand dagegen? – Das ist nicht der Fall. Möchte sich jemand enthalten? – Das ist auch nicht der Fall. Dann ist die erste Abstimmung einstimmig erfolgt; die Änderungsanträge sind angenommen.

Dann kommen wir zur zweiten Abstimmung über die Änderungsanträge der Fraktionen von CDU und FDP Drucksache 17/872. Wer stimmt diesen Anträgen zu? – Das sind die CDU-Fraktion, die Fraktion der FDP, die SPD-Fraktion, Bündnis 90/Die Grünen, die AfD-Fraktion und die drei fraktionslosen Abgeordneten. Stimmt jemand dagegen? – Das ist nicht der Fall. Enthaltungen? – Ebenfalls nicht. Dann sind auch diese Änderungsanträge einstimmig angenommen.

Wir kommen zur dritten Abstimmung, und zwar über die Änderungsanträge der Fraktionen von CDU und FDP Drucksache 17/873. Wer stimmt hier zu? – Das sind die CDU-Fraktion, die FDP-Fraktion, die SPD-Fraktion, die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Das war es. Gibt es Gegenstimmen? – Das ist nicht der Fall. Enthaltungen? – Bei der AfD und den drei fraktionslosen Abgeordneten. Dann ist mit dem festgestellten Abstimmungsergebnis auch dieser Änderungsantrag angenommen worden.

Wir kommen viertens zur Abstimmung über den Gesetzentwurf Drucksache 17/538 in zweiter Lesung. Der Haushalts- und Finanzausschuss empfiehlt in Drucksache 17/821, den Gesetzentwurf Drucksache 17/538 in der Fassung seiner Beschlüsse anzunehmen. Wir kommen somit zur Abstimmung über die Beschlussempfehlung Drucksache 17/821 unter Berücksichtigung der soeben angenommenen Änderungsanträge und nicht über den Gesetzentwurf selbst.

Wer der Beschlussempfehlung seine Zustimmung geben möchte, den bitte ich jetzt um das Handzeichen. Das sind die CDU-Fraktion und die FDP-Fraktion. Wer stimmt dagegen? – SPD, Bündnis 90/Die Grünen, die AfD und die drei fraktionslosen Abgeordneten. Gibt es Enthaltungen im Haus? – Das ist nicht der Fall. Dann ist mit dem festgestellten Abstimmungsergebnis der so veränderte Gesetzentwurf Drucksache 17/538 zum Nachtragshaushaltsgesetz 2017 in zweiter Lesung angenommen. Der Gesamtplan und die Haushaltsübersicht sind damit entsprechend geändert.

Nach § 78 Abs. 1 unserer Geschäftsordnung hat auch bei Haushaltsnachträgen eine dritte Lesung zu erfolgen. Die Fraktion der SPD hat mit Schreiben vom heutigen Tage gemäß § 78 Abs. 2 der Geschäftsordnung die Rücküberweisung an den Haushalts- und Finanzausschuss beantragt. Hierüber haben wir abzustimmen. Nach der Geschäftsordnung kann der Landtag eine Rücküberweisung zur Vorbereitung der dritten Lesung beschließen.

Wer also dem Antrag der SPD-Fraktion auf Rücküberweisung zustimmen möchte, den bitte ich jetzt um das Handzeichen. – Das sind die SPD-Fraktion und Bündnis 90/Die Grünen. Gibt es Gegenstimmen? – Die CDU-Fraktion, die FDP-Fraktion, die AfD-Fraktion und die drei fraktionslosen Abgeordneten. Gibt es Enthaltungen zu diesem Antrag? – Das ist nicht der Fall. Damit ist die Rücküberweisung an den Haushalts- und Finanzausschuss mit dem soeben festgestellten Abstimmungsergebnis nicht beschlossen worden, und die dritte Lesung findet dann, wie bereits in den Tagesordnungen ausgedruckt, morgen statt.

Wir kommen fünftens zum Gesetzentwurf Drucksache 17/539. Da handelt es sich um das Haushaltsbegleitgesetz 2017. Wie mit den Fraktionen zwischenzeitlich vereinbart, wird hierüber erst morgen nach der dritten Lesung des Nachtragshaushaltes abgestimmt. Das gilt auch für den bereits heute eingereichten Änderungsantrag Drucksache 17/874.

Sechstens kommen wir zur Überweisung des Antrags der Fraktion der SPD Drucksache 17/811. Alle fünf im Landtag vertretenen Fraktionen haben sich zwischenzeitlich darauf verständigt, diesen Antrag an den Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales in der Federführung zu überweisen und an den Ausschuss für Heimat, Kommunales, Bauen und Wohnen sowie an den Haushalts- und Finanzausschuss und den Innenausschuss in der Mitberatung. Die abschließende Abstimmung soll im federführenden Ausschuss in öffentlicher Sitzung erfolgen. Möchte jemand gegen diese Überweisung stimmen? – Das ist nicht der Fall. – Enthaltungen sehe ich auch keine. Dann haben wir so überwiesen, und wir sind am Ende der Abstimmung zu Tagesordnungspunkt 1.

Ich kann den nächsten Tagesordnungspunkt aufrufen:

2   Die Stahlsparte von Thyssenkrupp muss in Nordrhein-Westfalen bleiben!

Antrag
der Fraktion der SPD
Drucksache 17/809

Entschließungsantrag
der Fraktion der CDU und
der Fraktion der FDP
Drucksache 17/878

Ich eröffne die Aussprache. Als erster Redner hat für die SPD-Fraktion Herr Kollege Römer das Wort.

Norbert Römer (SPD): Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Auf der Pressekonferenz zur Bilanz seiner ersten 100 Tage im Amt zitierte der Ministerpräsident den verstorbenen Heiner Geißler: Wenn du etwas bewegen willst, musst du Krach anfangen. 

Dann fügte Herr Laschet hinzu: Es könne sein – man beachte den Konjunktiv –, es könne sein, dass das mal erforderlich werde, denn andere Länder und andere bei CDU, FDP und Grünen hätten – Zitat – die besondere Industriekultur Nordrhein-Westfalens nicht so im Blick.

Was für ein Satz: tragisch und komisch zugleich! Denn während die Stahlsparte von thyssenkrupp mit dem indischen Konzern Tata fusioniert werden soll, wendet Armin Laschet seinen Blick nach Berlin. Dem eigenen Land wendet er den Rücken zu. Er belehrt andere mit erhobenem Zeigefinger über Industriepolitik und ist in diesem Augenblick doch der einzige Ministerpräsident, der den eigenen Industriestandort nicht im Blick hat.

(Beifall von der SPD)

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Herr Laschet, 20.000 Stahlarbeiterinnen und Stahlarbeiter in NRW kämpfen gerade verzweifelt um ihre Jobs. Ja, es ist Zeit, einen Krach anzufangen. Es ist Zeit, einen Krach anzufangen, nicht irgendwann in Jamaika, sondern jetzt und hier in Nordrhein-Westfalen – für die Stahlstandorte,

(Beifall von der SPD)

für die Stahlstandorte, meine Damen und Herren, in Duisburg und Bochum, in Dortmund, Hagen und Gelsenkirchen, in Finnentrop, Siegen und Kreuztal, für die Industriekultur Nordrhein-Westfalens, für die Mitbestimmung, für sichere Arbeitsplätze. Ja, es ist Krach anzufangen mit der Kapitalseite von thyssenkrupp, mit Tata, auch mit der Bundesregierung, mit der Europäischen Union und, wenn es sein muss, Herr Kollege Laschet, wenn es sein muss, Herr Ministerpräsident, auch mit dem Steuerdumpingland Niederlande – auch mit dem Steuerdumpingland Niederlande.

Im Land demonstrieren Tausende Beschäftigte für ihre Zukunft, und es ist Zeit, ihnen zuzuhören, sich für das Handeln zu entscheiden.

Doch das tun Sie nicht, Herr Laschet. Sie stecken ja die Hände in die Hosentaschen und zucken mit den Schultern. Die Sicherung von Standorten und Arbeitsplätzen wäre schön. Der Erhalt der Montanmitbestimmung wäre erfreulich. Aber die Landesregierung könne nichts dafür tun. Das Unternehmen entscheide. Punkt. Ende der Geschichte.

Meine Damen und Herren, es ist nicht zu fassen. In Berlin wäre der Ministerpräsident gerne ein Riese – das „Handelsblatt“ hat ihn schon zum König der Talkshows gekürt –, aber hier in Nordrhein-Westfalen gibt er den politischen Knirps – gibt er den politischen Knirps, meine Damen und Herren.

(Beifall von der SPD)

Wie oft hat der heutige Ministerpräsident und frühere Oppositionsführer versprochen, um jeden Arbeitsplatz, um jeden Arbeitsplatz in Nordrhein-Westfalen kämpfen zu wollen? – Und jetzt, wenn es darauf ankommt? – Diese Gleichgültigkeit, diese Gleichgültigkeit, Herr Ministerpräsident, das ist der Skandal. Das ist der eigentliche Skandal.

Denn es ist offensichtlich: Diese Mitte-rechts-Regierung kennt die Industriekultur unseres Landes nur vom Hörensagen und die Zukunftsängste der Beschäftigten aus dem Pressespiegel.

Die CDU-Fraktion hatte sich ja sogar gegen die Großdemonstration in Bochum ausgesprochen. Der Einzige aus Ihren Reihen, der wusste, dass man so etwas nicht macht, war der Arbeits- und Sozialminister. Der Einzige, der den Anstand hatte, sich den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern von thyssenkrupp zu stellen, war Karl-Josef Laumann. Der hat dann auch etwas sehr Wahres gesagt. Ich zitiere: Da, wo man gut behandelt wird, geht man nicht weg. Ich stelle mir Dankbarkeit anders vor. thyssenkrupp gehört nach Nordrhein-Westfalen, auch was den Firmensitz angeht. – Recht hat er.

(Beifall von der SPD und den GRÜNEN)

Recht hat er. Die Empörung des Kollegen Laumann war doch echt und aufrichtig. Er meinte, was er sagte. Daran habe ich keine Sekunde gezweifelt.

Doch ich habe allen Grund, daran zu zweifeln, dass hier ein Minister für seine Regierung gesprochen hat und nicht der Privatmann Laumann für sich selbst, meine Damen und Herren.

(Beifall von der SPD und den GRÜNEN)

Der Wirtschaftsminister hat ja schon kundgetan, dass die Landesregierung die Fusion vorbehaltlos unterstützt. Der Abbau von mindestens 2.000 Arbeitsplätzen wird eingepreist und hingenommen. Die Verlagerung des Firmensitzes in das Steuerdumpingland Niederlande wird billigend in Kauf genommen und die endgültige Aushebelung der Montanmitbestimmung als Preis für eine Konsolidierung beschönigt.

Und schlimmer noch: Im Wirtschaftsausschuss bemühten sich die FDP-Abgeordneten Brockes und Bombis nicht einmal, ihre Freude über die Verlagerung des Firmensitzes

(Zuruf von der FDP: Blödsinn!)

zu unterdrücken.

(Dietmar Brockes [FDP]: Unsäglich! Das ist eine Lüge!)

Der bevorstehende Schlag

(Ralph Bombis [FDP]: Das ist eine Unverschämtheit!)

gegen das solidarische Steuer- und Mitbestimmungsland Deutschland ist für Sie

(Unruhe – Glocke)

eine Verlockung. Die steuerlichen Rahmenbedingungen in den Niederlanden seien einfach besser als bei uns, haben Sie festgestellt.

(Ralph Bombis [FDP]: Sie wissen genau, dass das nicht stimmt! Das ist die Unwahrheit!)

Wissen Sie denn nicht, wissen die beiden nicht, dass die EU-Kommission wegen des rechtswidrigen Steuerdumpings gegen die Niederlande ermittelt? – Aber selbstverständlich wissen Sie das. Das sagen Sie ja gerade. Aber Steuerdumping stört Sie ja nicht.

(Dietmar Brockes [FDP]: Blödsinn!)

Es ist der Kampf gegen Steuerdumping, der Sie stört, meine Damen und Herren, und da bleiben Sie sich treu.

(Beifall von der SPD und den GRÜNEN)

Da bleiben Sie sich treu. Hat der Ministerpräsident die unfaire, ökonomisch schädliche und letztendlich auch europafeindliche Steuerpraxis der Niederlande bei seinem Besuch in Den Haag zum Thema gemacht? – Offensichtlich nicht, Herr Laschet. Gelesen haben wir darüber nichts. Es wäre aber seine Pflicht gewesen als Anwalt der Interessen Nordrhein-Westfalens und als ein Ministerpräsident, der für die europäische Idee werben muss und werben will.

(Vereinzelt Beifall von der SPD)

Oder ist der Grund Ihrer Tatenlosigkeit im Falle thyssenkrupp nicht genau jene Industriekultur, Herr Laschet, die Sie vorgeben zu schützen: Mitbestimmungsrechte, starke Gewerkschaften, ein hoher Organisationsgrad in der Belegschaft? Fällt diese Burg der Sozialpartnerschaft in Nordrhein-Westfalen, dann ein weiteres Hindernis für Ihre Marktentfesselungsideologie aus dem Weg geräumt. Ist das der wahre Grund, Herr Kollege Laschet? Herr Ministerpräsident, ist das der wahre Grund? Wenn nicht, dann beweisen Sie es! Handeln Sie jetzt! Noch ist es nicht zu spät.

Draußen auf dem Rhein demonstrieren die Beschäftigten für ihre Arbeitsplätze und ihre Mitbestimmungsrechte. Sie sind wütend, weil sich ihr Ministerpräsident bisher nicht für ihre Interessen eingesetzt hat. Und dabei ist doch sein Motto: Zuhören. Entscheiden. Handeln.

Was ist denn dieses Motto tatsächlich wert? Wenn Ihren Worten, Herr Ministerpräsident, keine Taten folgen, dann werden die Menschen in Nordrhein-Westfalen schon bald Ihre Floskelungeheuer unter einer Platte aus Argwohn und Nichtbeachtung begraben und vermodern lassen. Das ist so Herr Laschet; Sie werden das erleben.

Noch ist es nicht so weit. Die Arbeiterinnen und Arbeiter von thyssenkrupp haben sich auch deshalb zu einer Demonstration auf einem Schiff auf dem Rhein aufgemacht, weil sie die Hoffnung nicht aufgegeben haben. Sie hoffen immer noch auf ihren Ministerpräsidenten.

Gewiss, Herr Ministerpräsident, Sie können dem Konzern keine Befehle erteilen. Ich weiß das; wir wissen das; die Beschäftigten wissen das auch.

(Bodo Löttgen [CDU]: Warum schreibt ihr es dann in den Antrag?)

Aber Sie können Druck machen und einen Krach anfangen. Sie können einen Stahlgipfel einberufen, Alternativen entwickeln, überzeugen und vermitteln. Sie hätten uns an Ihrer Seite, und Sie hätten die Beschäftigten an Ihrer Seite, Herr Ministerpräsident.

(Beifall von der SPD und den GRÜNEN)

Ja, meine Damen und Herren, einen solchem Kampf kann man auch verlieren. Aber das ist doch kein Grund, ihn gar nicht erst zu führen. Die Beschäftigten wollen Sie kämpfen sehen, Herr Ministerpräsident. Fangen Sie endlich damit an! Fangen Sie endlich damit an, hier in Nordrhein-Westfalen Krach zu schlagen!

(Beifall von der SPD)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Herr Kollege Römer, entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbreche …

Norbert Römer (SPD): Die Stahlsparte von thyssenkrupp muss mit Konzernsitz und Montanmitbestimmung in Nordrhein-Westfalen bleiben, und dafür werben wir gleich in namentlicher Abstimmung um Zustimmung – auch bei den Regierungsfraktionen. – Vielen Dank und Glück auf!

(Beifall von der SPD – Vereinzelt Beifall von den GRÜNEN)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Herr Kollege Römer. – Ich gehe davon aus, dass Sie eben nicht gehört haben, dass ich Sie unterbrechen wollte. Es gab nämlich den Wunsch nach einer Zwischenfrage.

(Zuruf)

– Gut, die hätten Sie nicht zugelassen. Dann danke ich Ihnen für Ihren Redebeitrag. – Für die CDU-Fraktion hat Herr Kollege Löttgen das Wort.

Bodo Löttgen (CDU): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Am 22. September dieses Jahres habe ich eine Pressemitteilung von Herrn Römer und Herrn Groschek erwidert mit der Überschrift: Mehr Scheinheiligkeit geht nicht. – Wir haben heute erlebt, dass diese Überschrift gerechtfertigt ist, und ich will das im Folgenden nachweisen.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Mindestens seit März 2016 wurde presseöffentlich über die Frage einer Fusion zwischen thyssenkrupp Steel und Tata spekuliert. CDU, FDP, SPD und Bündnis 90/Die Grünen haben in der Folge im April 2016 jeweils Anträge zu diesen Themen im Landtag gestellt.

Ende April 2016 forderte der Betriebsrat die damalige rot-grüne Landesregierung und die Ministerpräsidentin zur Unterstützung gegen die Fusionspläne auf. Damals ließ Hannelore Kraft auf „dpa“-Anfrage mitteilen:

„Wir tauschen uns immer wieder eng mit Betriebsrat, Unternehmungsleitung und Gewerkschaft über die aktuelle Situation aus, und wir setzen uns dabei für eine gute Zukunft des Stahlstandorts Duisburg und der Arbeitsplätze ein.“

In der Plenarsitzung am 14. September 2016 forderte der Landtag mit Mehrheit von SPD und Grünen, die damalige Landesregierung von Hannelore Kraft auf – so stand es in dem Antrag –, sie

„ ... solle sich mit Nachdruck in Berlin und Brüssel für den Erhalt einer starken Stahlindustrie einsetzen. … Nur so können die hochwertigen Arbeitsplätze der deutschen Stahlindustrie für die Zukunft nachhaltig gesichert und der Wohlstand unseres Landes weiter gewährleistet werden.“

Sucht man heute im Internet mit den Begriffen „thyssenkrupp“, „Fusion“ und „Hannelore Kraft“, dann fällt auf, dass zwischen September 2016 und dem 13. April 2017 keine einzige Meldung zu diesem Thema veröffentlicht wurde:

(Zuruf: Aha!)

kein Pressebericht, keine Stellungnahme der rot-grünen Landesregierung zum Stand ihrer ja versprochenen Bemühungen – nichts, Funkstille in Sachen Fusion.

Dann allerdings meldet sich Hannelore Kraft in der „Rheinischen Post“ in einem Artikel unter der Überschrift „Stahlfusion mit Indern rückt näher“, also am 13. April 2017, mit einem erstaunlich klaren Statement zu Wort.

„Gewerkschaftler und Politiker sind in die Vorgänge eng eingebunden.“

Warum hat man davon nichts gehört?

„Aus Sicht der IG Metall muss es Garantien für Standorte, Arbeitsplätze und die Mitbestimmung geben.“

Und dann – Achtung! – ist dort zu lesen:

„‘Die Politik tut gut daran, unternehmerische Entscheidungen nicht zu beeinflussen‘, fügte Kraft hinzu.“

(Beifall von der CDU und der FDP – Zuruf: Hört, hört!)

Da fragt sich doch, sehr geehrter Herr Römer, der geneigte Leser: Warum einen Monat vor der Landtagswahl dieser Satz, der glasklar die Fusion als gegeben hinnimmt?

Auch die Antwort ist glasklar: weil die damalige Ministerpräsidentin und die SPD zu diesem Zeitpunkt fest damit rechneten, ihre Regierung fortsetzen zu können, weil sie taktisch die Begründung für ihre Erfolglosigkeit in den Gesprächen mit der Betriebsleitung und dem Betriebsrat für die Zeit nach der Landtagswahl vorbereiten wollten.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Aber es kam anders, lieber Herr Römer. Um vollends in die Verantwortungslosigkeit zu fliehen, legte Hannelore Kraft ohne Notwendigkeit zur Unzeit in einer für den Konzern zukunftsentscheidenden Phase Ende Juni ihr Mandat bei der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung nieder. Den verminderten Einfluss der Landesregierung auf das Schicksal des 206 Jahre alten Unternehmens nahmen Sie damit billigend in Kauf.

Was für eine wirtschaftspolitische Bankrotterklärung auf Kosten der nachfolgenden Regierung!

(Beifall von der CDU und der FDP – Marc Herter [SPD]: Das ist ja das Allerletzte! – Zuruf von Norbert Römer [SPD])

– Und damit, sehr geehrter Herr Römer, nicht genug: Um vom eigenen Versagen bestmöglich abzulenken, bog die SPD-Opposition bei der erstbesten Gelegenheit mit einem Antrag um die Ecke – ihre Kenntnis der Sachlage ignorierend und

(Michael Hübner [SPD]: Wer regiert eigentlich?)

der Aussage Ihrer damaligen Ministerpräsidentin diametral entgegenstehend –

(Marc Herter [SPD]: Gute Oppositionsrede, aber Sie regieren doch, Herr Löttgen!)

und fordert in ihrem Antrag vom 5. September die Landesregierung und Ministerpräsident Armin Laschet auf, sich gegenüber der Konzernleitung gegen die Fusion und für eine Suche nach alternativen Lösungen einzusetzen.

(Michael Hübner [SPD]: Ja klar, was denn sonst?)

Mit anderen Worten: Sie wollen unternehmerische Entscheidungen beeinflussen, Herr Römer,

(Michael Hübner [SPD]: Aber sicher im Interesse des Landes Nordrhein-Westfalen, Herr Kollege Löttgen!)

während Sie eben noch das Gegenteil behauptet haben.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Dieser Antrag, Herr Römer, muss heute im Licht der damals bereits bekannten Demonstration am 23. September neu bewertet werden. Sie wollten durch Einbringung dieses Antrags den 7.000 Stahlkochern in unlauterer Weise vorgaukeln, es gebe Alternativen, obwohl Sie es schon lange besser wussten. Sie wollten den Menschen, die um ihren Arbeitsplatz bangen, weismachen, zum Problem sei die Fusion erst mit der Übernahme der Regierungsverantwortung durch die NRW-Koalition geworden.

Den Beleg, sehr geehrter Herr Römer, dass dem nicht so ist, liefert unter anderem die „Westfälische Rundschau“ vom 3. Mai dieses Jahres. „NRW-Metaller“, so steht dort zu lesen, „greifen Kraft scharf an“ – so die Schlagzeile. Der Untertitel lautet: „Vorwurf: Mangelnder Rückhalt angesichts drohender Stahlwerksschließungen“.

(Josef Hovenjürgen [CDU]: Hört! Hört!)

Diese Gleichgültigkeit ist der wahre Skandal, Herr Römer, den Sie verursacht haben!

(Beifall von der CDU und der FDP)

Sie haben heute und in den vergangenen Sitzungen Ihre Visitenkarte zum Thema „Stahlstandort NRW“ als Opposition abgegeben, aber Sie versuchen dreist, den mitgelieferten rot-grünen Lebenslauf zu fälschen. Nichts, aber auch gar nichts qualifiziert Sie als Opposition, heute Kritik am Handeln der Regierung zu üben.

Stehen Sie doch einmal zu dem, Herr Römer und sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen der SPD, was Sie in der vergangenen Legislaturperiode versäumt haben und übernehmen Sie Verantwortung für die Menschen und die Arbeitsplätze in unserem Land. Oder haben Sie die Verantwortung als Opposition, die Sie neuerdings wie eine Monstranz vor sich hertragen, mit dem 14. Mai dieses Jahres am Eingang dieses Landtags abgegeben? Jetzt heißt es, Flagge zu zeigen, sehr geehrter Herr Römer.

(Michael Hübner [SPD]: Eben! Genau! Machen Sie mal! – Weitere Zurufe von der SPD)

Aber die Flagge der SPD zeigt im Moment nur ein weißes Kreuz auf weißem Grund. Sie kapitulieren im Bund und hier im Landtag Nordrhein-Westfalen

(Zuruf von der SPD: Das ist lächerlich!)

vor dem Sie überraschenden Votum der Wählerinnen und Wähler.

(Beifall von der CDU – Vereinzelt Beifall von der FDP)

Ministerpräsident Armin Laschet, Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart und Arbeitsminister Karl-Josef Laumann haben Flagge gezeigt.

(Zuruf von der SPD: Wo?)

Sie stärken mit ihrem klaren Bekenntnis zu den Standorten in unserem Land den Stahlarbeitern den Rücken, mit einem klaren Bekenntnis zum Erhalt der Mitbestimmung und mit einem klaren Bekenntnis zur absoluten Transparenz des Unternehmens gegenüber seinen Beschäftigten. Es geht darum, den Stahlkochern den Rücken zu stärken, Herr Römer, und nicht um politische Rhetorik, damit eine Partei besser dasteht als andere.

Ich fordere deshalb die SPD und die übrige Opposition auf: Verzichten Sie auf destruktive Kritik und Schuldzuweisungen, die keinen einzigen Arbeitsplatz in Nordrhein-Westfalen erhalten. Kehren Sie um, Herr Römer!

(Beifall von der CDU – Vereinzelt Beifall von der FDP)

Ich fordere gerade die Opposition auf, umzukehren und konstruktiv an den besten Lösungen für den Erhalt eines leistungsfähigen und zukunftssicheren Stahlstandorts Nordrhein-Westfalen mitzuarbeiten.

Bis zur Vertragsunterzeichnung Anfang 2018

(Zuruf von der SPD: Ist noch viel Zeit!)

heißen unsere gemeinsamen Ziele in diesem Landtag: den Erhalt des Unternehmens und der damit verbundenen Wertschöpfungsketten an allen Standorten sichern, um jeden Arbeitsplatz in der Stahlindustrie in unserem Land kämpfen, die hart erkämpfte Mitbestimmung in unserem Land dauerhaft sicherstellen und in engem Kontakt mit dem Konzernvorstand und den Arbeitnehmervertretern für die unabdingbar notwendige Transparenz sorgen.

Die NRW-Koalition fordert genau dies im vorliegenden Antrag. Stimmen Sie zu – auch Sie, meine Damen und Herrn von der Opposition –, damit die Stahlindustrie in unserem Land eine gute Zukunft hat.

(Langanhaltender Beifall von der CDU und der FDP)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Herr Kollege Löttgen. – Für die FDP-Fraktion spricht Herr Kollege Brockes.

(Michael Hübner [SPD]: Jetzt geht es mal zur Sache!)

Dietmar Brockes*) (FDP): Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Wir haben in diesem Hohen Hause bereits mehrfach die Debatte über die damals noch mögliche Fusion von Thyssen Krupp und Tata Steel geführt. Die heutige Debatte ist die erste, seitdem das Memorandum of Understanding zwischen den beiden Konzernen vereinbart wurde.

(Michael Hübner [SPD]: Memorandum! Mit -dum am Ende!)

Herr Kollege Römer, da wundert es einen schon sehr, wenn Sie sich hier hinstellen und einzelne Punkte aus dieser Vereinbarung kritisieren, aber heute nicht sagen, ob Sie grundsätzlich für oder gegen diese Fusion sind und ob Sie diese generell ablehnen. Da bleiben Sie die Antwort leider schuldig, und Sie bleiben auch den Bescäftigten die Antwort schuldig.

(Josef Hovenjürgen [CDU]: Das ist doch schon alles auf dem Weg gewesen! – Weitere Zurufe von der CDU)

Deshalb sagen wir: Wir halten den Weg, der im Memorandum of Understanding vereinbart wurde – bei dem möglichst viele Arbeitsplätze in Nordrhein-Westfalen erhalten bleiben, bei dem die Standorte in Nordrhein-Westfalen erhalten bleiben und bei dem die Wertschöpfungsketten in Nordrhein-Westfalen erhalten bleiben –, für den richtigen Weg; denn die Erhaltung der Arbeitsplätze, der Standorte und der Wertschöpfungskette hat für uns oberste Priorität.

(Beifall von der FDP und der CDU)

Ich sage Ihnen auch: Natürlich bedauern wir den Wegfall von jedem einzelnen Arbeitsplatz. Aber man muss ganz klar sagen: Aufgrund der globalen Überkapazitäten und des stetig steigenden Importdrucks ist ein solcher Konsolidierungsprozess wohl auch notwendig. Deshalb erwarten wir, dass dieser sozialverträglich gestaltet wird.

(Michael Hübner [SPD]: Was?)

Sie, Herr Kollege Römer, haben heute nichts mehr zu Ihrer Deutschland AG gesagt. Das war doch Ihr großes Gegenbeispiel. Was ist damit? Verschwunden – nichts mehr! Die Experten haben deutlich gemacht, dass eine solche Fusion innerhalb Deutschlands weitaus mehr Arbeitsplätze vernichtet hätte, weil Sie hier eben keine Synergien haben. Das ist ein Weg, den Sie vorgeschlagen haben, den wir aber nicht mitgehen. Wir begrüßen es, wenn ein vernünftiger Weg gefunden wird, der die Arbeitsplätze in Nordrhein-Westfalen erhält.

(Beifall von der FDP)

Sie beklagen, dass die Arbeitnehmerseite nicht in den Grundsatzbeschluss eingebunden war. Das Unternehmen sagt, dies sei aus rechtlichen Gründen nicht möglich gewesen.

(Zuruf von der SPD: Ah!)

Sie sagen aber nichts dazu, dass für den weiteren Prozess, in dem viele der wirklich wichtigen Details geklärt werden, eine gemeinsame Arbeitsgruppe aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern eingesetzt wurde.

(Michael Hübner [SPD]: Muss ja auch! Das ist doch verpflichtend!)

Wir halten dies für den richtigen, für einen vernünftigen Weg, um eine faire Lösung zu finden.

(Michael Hübner [SPD]: Aha!)

Sie schreiben in Ihrem Antrag, Sie sähen die deutschen Mitbestimmungsrechte bedroht. Sie gehen aber nicht darauf ein, dass im Memorandum of Understanding ausdrücklich festgehalten wird, dass die Mitbestimmungsstrukturen in Deutschland, in den Niederlanden und in Großbritannien erhalten bleiben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Arbeitsgruppe, die ich eben erwähnt habe, einem Beschluss zustimmen würde, der diese Mitbestimmungsrechte gerade in Deutschland nicht enthielte.

Nach all den Punkten, die Sie hier bewusst ausgeklammert haben, kommen wir zu dem einzigen Punkt Ihres Antrags, der noch übrig bleibt, nämlich zur Frage nach dem Konzernstandort.

(Michael Hübner [SPD]: Das steht oben drüber! Das ist die Überschrift!)

Wir sind uns alle hier im Hohen Hause darüber einig, dass wir es natürlich sehr gern sähen, wenn die Zentrale nach Nordrhein-Westfalen käme. Aber hier können wir darüber nicht entscheiden. Wir müssen die Entscheidung der Fusionspartner zur Kenntnis nehmen. Es ist schon bemerkenswert, wenn ähnlich wie im Wirtschaftsausschuss beklagt wird, dass man einen wichtigen Punkt anspricht. Die Entscheidung für den Standort wird vermutlich insbesondere aus steuerlichen Aspekten getroffen worden sein.

(Michael Hübner [SPD]: Ach so! Ah!)

Wenn man dies erwähnt, Herr Kollege Hübner, dann bedeutet das nicht, dass man sich zugleich für Steuerdumping ausspricht. Es ist verlogen, so etwas zu unterstellen, nur weil man deutlich macht, dass dieser Punkt anscheinend der Entscheidende war.

(Beifall von der FDP – Vereinzelt Beifall von der CDU)

Meine Damen und Herren, wir verwahren uns dagegen. Wenn aber das neue Unternehmen legale Steuermöglichkeiten nutzt, dann ist das …

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Herr Kollege Brockes, Entschuldigung.

Dietmar Brockes*) (FDP): Frau Präsidentin, auch ich würde gerne zu Ende ausführen, wie es der Kollege zuvor schon getan hat, und anschließend Fragen beantworten.

Wenn das neue Unternehmen hier legale Steuermöglichkeiten nutzt, dann ist dies legitim, auch wenn einem das nicht gefällt. Wenn illegale Wege genutzt werden, dann ist dagegen vorzugehen. Eine liberale EU-Kommissarin geht derzeit dagegen vor, wenn Konzerne derartigen Missbrauch betreiben, Herr Kollege Römer.

(Beifall von der FDP)

Wenn hier die Steuerproblematik entscheidend ist, dann zeigt uns das, dass dringender Handlungsbedarf auf internationaler und europäischer Ebene geboten ist. Wir müssen dafür sorgen, dass die Steuerschere nicht noch weiter auseinandergeht. Ich sage Ihnen ganz klar: Es gehören zwei Seiten dazu. Es kann nicht richtig sein, dass auf der einen Seite einige Länder Steuerdumping betreiben, sodass große Konzerne gar keinen Beitrag mehr zu unserem Gemeinwohl beitragen. Das kann nicht der richtige Weg sein. Auf der anderen Seite ist die Steuererhöhungsspirale, an der Sie mithilfe der Grundsteuer B und der Gewerbesteuer gedreht haben, genauso verkehrt, weil sie dazu führt, dass Unternehmen nach möglichen Auswegen suchen.

Neben der Steuerfrage gibt es noch eine Vielzahl von Punkten, wo der Standort Nordrhein-Westfalen durch falsche Rahmenbedingungen benachteiligt wird. Diese haben Sie nach sieben Jahren Regierungsarbeit ...

(Zuruf von der SPD: Was denn?)

– Zu verantworten.

(Michael Hübner [SPD]: Ach so: zu verantworten!)

Meine Damen und Herren, deshalb begrüßen wir es, wenn Minister Pinkwart im Dezember dieses Jahres zum Stahlgipfel einlädt, um all die Missstände, die Sie verursacht haben, aufzugreifen und abzuändern.

Ich halte fest: Für uns als NRW-Koalition ist es wichtig, dass die Arbeitsplätze und die Standorte in Nordrhein-Westfalen ebenso erhalten bleiben wie die Wertschöpfungsketten und die sozialen Standards. Dafür setzen wir uns ein, und deshalb sind wir gegen Ihren politischen Klamauk hier. – Vielen Dank.

(Beifall von der FDP und der CDU)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Herr Kollege Brockes. – Herr Kollege Brockes hat keine Redezeit mehr. Ich weiß nicht, wie er mit der Frage umgehen will. Ich wäre sehr großzügig, da er sie am Ende seiner Rede ja beantworten wollte.

(Dietmar Brockes [FDP] kehrt zum Redepult zurück.)

– Alles klar. – Dann kann Herr Kollege Hübner jetzt fragen.

Michael Hübner (SPD): Herr Kollege Brockes, vielen Dank, dass Sie die Frage zulassen. – Eines ist deutlich geworden: In Ihren Ausführungen, die Sie gerade zum Steuerdumping in den Niederlanden gemacht haben, haben Sie meinen Kollegen, den Fraktionsvorsitzenden Norbert Römer, als Lügner bezeichnet, indem Sie behauptet haben, das Ganze hätte bereits im Wirtschaftsausschuss stattgefunden.

Machen Sie doch bitte deutlich, welche Vorteile aus Ihrer Sicht mit dem Standort in Amsterdam für das neu fusionierte Unternehmen thyssenkrupp Tata Steel verbunden sind, und warum Sie

(Zuruf von der FDP: Zweite Frage!)

unserem heutigen Antrag, wonach es sinnvoller wäre, das fusionierte Unternehmen am Standort in Duisburg zu belassen, nicht zustimmen können.

Dietmar Brockes*) (FDP): Herr Kollege Hübner, Sie stellen zwei Fragen, auch wenn eigentlich nur eine erlaubt ist.

(Rainer Schmeltzer [SPD]: Das entscheidet die Präsidentin!)

Direkt zum ersten Punkt. Ihr Antrag bringt die Debatte zur Fusion keinen Schritt weiter. Sie wollen einfach nur einen Keil in die Koalition treiben, was völliger Blödsinn, völliger Unsinn ist; denn hier liegen CDU und FDP, der Arbeitsminister und der Wirtschaftsminister, nicht auseinander.

(Beifall von der FDP und der CDU)

Hiergegen verwahren wir uns. Wir werden deshalb Ihren Antrag ablehnen.

Wenn es um die Inhalte gehen würde, müssten Sie gleich unserem Entschließungsantrag zustimmen; denn dort ist die richtige Position aufgeführt.

(Beifall von der FDP und der CDU)

Was die Frage nach dem Firmensitz angeht …

(Michael Hübner [SPD]: Das ist unser Antrag, der Firmensitz!)

– Soll ich jetzt Ihre Frage beantworten, oder haben Sie noch mehr Nachfragen?

Was Ihre Nachfrage angeht, sage ich ganz klar: Wir verwahren uns dagegen – das habe ich eben auch schon in meinen Ausführungen deutlich gemacht –, dass die Schere zwischen den Steuersystemen immer weiter auseinandergeht und dass mit Dumpingsteuern Unternehmen gelockt werden sollen.

Wir wollen, dass gerade auf europäischer und internationaler Ebene dagegen gearbeitet wird. Wir wollen, dass dieser Prozess gerade nicht weitergeht; denn wir brauchen auch den Beitrag der großen Konzerne für unser Gemeinwohl zur Finanzierung. Deshalb erwarten wir, dass es auf europäischer und internationaler Ebene zu vernünftigen Lösungen kommt, die diese Entwicklung unterbinden. – Vielen Dank.

(Beifall von der FDP und der CDU)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Herr Kollege Brockes. – Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen spricht jetzt Herr Kollege Becker.

(Josef Hovenjürgen [CDU]: Der Stahlexperte! – Gegenruf von Michael Hübner [SPD]: Der Letzte war es auf jeden Fall nicht!)

Horst Becker (GRÜNE): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Lassen Sie mich zunächst einmal feststellen, dass die Debatte aus dem September dieses Jahres ganz offensichtlich eine gewisse Wirkung gezeigt hat, zumindest insoweit, als die damalige Rednerin der CDU-Fraktion, Frau Fuchs-Dreisbach – die seinerzeit noch unterstellt hat, es würde sich nur um Angstmacherei, Stimmungsmache und Wahlkampf handeln –, heute nicht für die CDU-Fraktion gesprochen hat.

(Zuruf von Bodo Löttgen [CDU])

Ich gehe davon aus, dass das auch damit zusammenhängt, dass damals ausgeführt worden ist – ich zitiere wörtlich –:

„Ohne die Fusion wird thyssenkrupp Stahl mittel- bis langfristig gesehen international nicht mehr wettbewerbsfähig sein.“

Weiter sagte sie:

„Die SPD-Fraktion und die IG Metall stellen sich also gegen die potenzielle Rettung der Stahlsparte von thyssenkrupp“, wenn sie gegen die Fusion sind.

Diese Sätze habe ich damals ebenso wie die SPD-Fraktion kritisiert. Sie haben offensichtlich dazu geführt, dass Sie, Herr Ministerpräsident, bei Gesprächen auf diese Einschätzung hin angesprochen worden sind. Ich würde gerne im Verlaufe der Sitzung auch von Ihnen noch einmal hören und nicht nur vom Wirtschaftsminister – von dem auch –, ob Sie diese Aussage geteilt haben.

(Beifall von den GRÜNEN)

Fakt ist aber, dass wir jetzt an einem Punkt angelangt sind, bei dem es um die Frage geht: Wie stellt sich diese Landesregierung auf? Wie stellt sie sich an der Seite auch der Menschen auf, die von dieser Fusion betroffen sind oder glauben, davon betroffen zu sein, Herr Löttgen? Es ist selbstverständlich wenig hilfreich, wenn Sie darauf hinweisen, dass seit anderthalb Jahren Gespräche laufen. Ja, es wird seit anderthalb Jahren gesprochen, aber das Memorandum of Understanding ist erst vor Kurzem zustande gekommen – übrigens ohne Beteiligung der alten Landesregierung und ohne Beteiligung des Betriebsrates.

Wer von Ihnen weiß, dass von den Beschäftigten immer wieder nach Details gefragt worden ist, der weiß auch, dass diese Details bisher nicht vorgelegt worden sind. Es soll wohl am Freitag dieser Woche ein erstes intensives Gespräch geben. Möglicherweise werden dann Details dieses Memorandums auf den Tisch gelegt, möglicherweise auch nicht. Ich weiß aber auf jeden Fall, dass das, was man jetzt schon weiß – und das ist wenig genug –, schon Anlass zur Sorge gibt. Ich will das kurz erklären.

Es gibt unter anderem deswegen Anlass zur Sorge, weil offensichtlich geplant ist, 1,5 Milliarden € Schulden von Tata Steel Europe mit in dieses neue Konstrukt zu übertragen sowie 4,5 Milliarden € Schulden von thyssenkrupp. Es stellt sich die Frage, ob damit rein betriebswirtschaftlich – damit sind wir überhaupt noch nicht bei Arbeitnehmerrechten – ein tragfähiges Konstrukt entstehen kann. Das wird nicht zu Unrecht in Zweifel gezogen. Ich würde das auch in Zweifel ziehen, wenn es tatsächlich so wäre.

Die erste Frage lautet also: Ist das ein Konstrukt, das dazu dient, möglicherweise mittelfristig und langfristig nur Arbeitsplätze abzubauen und NRW Standorte im internationalen globalisierten Wettkampf zu entziehen?

Die zweite Frage, die sich stellt, betrifft die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Dabei geht es um den Standort und um die Pensionsrückstellungen von Tata Steel Europe auf der einen Seite und auf der anderen Seite um die Pensionsrückstellungen, die hier für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vorgenommen worden sind. Ich möchte wissen, wo diese veranschlagt werden.

Es gibt also eine Reihe von Fragen. Das sind übrigens Fragen, bei denen ich sehr sicher bin, dass sie bis Anfang nächsten Jahres – das ist der Fahrplan, der genannt worden ist – schlechterdings nicht beantwortet sein werden. Aber das sind Einschätzungsfragen.

Kommen wir jetzt also zu folgender Frage: Was wäre heute zu tun? Es liegt nahe, an alte Sprüche zu denken wie „Nichtstun ist Staatsversagen“. Selbstverständlich haben ein Staat und eine Landesregierung diese Dinge zu begleiten. Man kann letztlich nicht die Angelegenheiten einfach beiseiteschieben und die Firmenleitungen alleine entscheiden lassen. Wir müssen schon den Anspruch haben, entsprechend einzuwirken.

Wenn man einwirken will, kann man das nicht tun, indem man schreibt, dass man die Montanmitbestimmung sichern will, gleichzeitig aber den Hinweis unterlässt, dass sie am Standort in Holland auf Sicht schlechterdings nicht zu halten ist. Selbst wenn sie jetzt am Anfang vertraglich abgesichert wäre, ist sie durch einfache Tricks, nämlich die schlichte Veräußerung von Firmenteilen, innerhalb kürzester Zeit wieder auszuhebeln. Also ist auch für die Montanmitbestimmung die Standortfrage außerordentlich wichtig.

Die Steuerfrage ist eben hin und her erörtert worden. Wenn Sie möchten, dass die Opposition Ihrem Antrag zustimmt – mal ganz abgesehen von den Lobeshymnen, die ich jetzt nicht weiter kommentieren will –, dann

(Zuruf von Bodo Löttgen [CDU])

müsste darin selbstverständlich auch ein Passus enthalten sein, der besagt, dass diese Landesregierung wünscht, dass der Standort einer Holding hier in Nordrhein-Westfalen ist und nicht in den Niederlanden. Das fehlt in Ihrem Antrag, meine Damen und Herren.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Da fragt man sich, warum das fehlt. Warum steht das nicht drin? Es reicht nicht, dass Sie das hier verkünden, wenn es in Ihrem Entschließungsantrag nicht steht. Deswegen müssen Sie sich fragen lassen, warum Sie dieses Spiel so spielen.

Ich würde Ihnen an dieser Stelle zu etwas mehr Bescheidenheit und etwas mehr Gemeinsamkeit raten, und zwar deswegen, weil ich am Anfang meiner Rede darauf hingewiesen habe, dass von September bis jetzt offensichtlich eine Veränderung stattgefunden hat.

Ich hoffe, dass noch etwas mehr Veränderung stattfinden wird. Außerdem hoffe ich, dass Sie heute noch die Größe haben, in Ihren Entschließungsantrag aufzunehmen, dass der Stahlstandort, der Sitz der Holding in Nordrhein-Westfalen verbleiben soll und nicht ins benachbarte Ausland verlagert wird. Das wäre ein Zeichen dafür, dass Sie auf die Opposition und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingehen. – Schönen Dank.

(Beifall von den GRÜNEN)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Herr Kollege Becker. – Für die AfD-Fraktion spricht Herr Kollege Loose.

Christian Loose (AfD): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe SPD, vor vier Wochen riefen Sie noch: Stoppt die Fusion! – Jetzt rufen Sie: Der Standort Nordrhein-Westfalen muss erhalten bleiben! Wer hatte denn all die Jahre das Heft in der Hand? – Das waren doch Sie, und Sie haben nichts davon umgesetzt.

(Beifall von der AfD)

Sie haben, wenn die Stahlbranche ein Schiff wäre, jedes Jahr ein neues Loch in den Rumpf gebohrt, und jetzt wundern Sie sich, dass das Schiff samt Mannschaft absäuft.

(Beifall von der AfD)

Ich hatte es schon bei Ihrem letzten Populismusantrag gesagt: Mit der Energiewende, den EEG-Subventionen und dem Ausstieg aus der Kernenergie haben Sie den für thyssenkrupp wichtigen Kraftwerksmarkt systematisch zerstört.

(Beifall von der AfD – Heiterkeit von der SPD)

Mit dem Ruf nach dem Ende des Verbrennungsmotors machen jetzt alle anderen Parteien weiter, um das nächste Standbein von thyssenkrupp regelrecht wegzutreten.

Sie sagen doch eigentlich nichts anderes zu thyssenkrupp als: Wir werden jeden Markt von Ihnen systematisch zerstören, bis Sie Deutschland verlassen. – Genau das macht thyssenkrupp jetzt auch.

(Beifall von der AfD)

Jetzt reiben Sie sich verwundert die Augen, weil thyssenkrupp geht, und rufen: Haltet den Dieb! – Dabei müssten Sie sich doch selbst die Handschellen anlegen.

Sie schimpfen über die günstigen Steuersätze in den Niederlanden, dabei ist Ihnen das bereits seit 66 Jahren, seit der Gründung der EU bzw. deren Vorläufer bekannt, und Sie haben nichts dagegen unternommen. Auch anderen Parteien wie zum Beispiel den Grünen – auch Herrn Becker – dürfte das bekannt sein. Bereits 2003 hat die Hans-Böckler-Stiftung gesagt, dass die effektiven Steuersätze in den Niederlanden um 5 Prozentpunkte niedriger sind als in Deutschland.

Was haben Sie in der EU dagegen getan? – Nichts. Nein, Sie sagen, die EU sei ein Erfolgsmodell. Mehr Europa wagen!

(Ministerpräsident Armin Laschet: Ja!)

Dann sagen Sie das doch einmal dem Malocher von thyssenkrupp. Sagen Sie ihm und allen anderen: „Mehr Europa wagen“ heißt, dass ihr Arbeitsplatz und euer Geld jetzt woanders sind, nämlich in den Niederlanden oder anderswo in der EU.

(Beifall von der AfD – Ministerpräsident Armin Laschet: Das ist doch Unsinn!)

Aber kein Problem. Was machen die Sozen und die anderen Parteien? – Jetzt brauchen wir eine europäische Arbeitslosenversicherung, um ein Problem zu lösen, das wir ohne Sie gar nicht hätten.

(Beifall von der AfD)

Wie sah Ihre Industriepolitik in Nordrhein-Westfalen aus? – Frauenquoten, Gendertoiletten und eine Diskussion darüber, ob die Plastiktüten aus Nordrhein-Westfalen im Mittelmeer landen. Das ist doch absurd. Das ist reine Symbolpolitik, die völlig am Bedarf der Industrie und dem der Menschen vorbeigeht.

Wenn Sie einmal mit den Unternehmen reden würden, dann wüssten Sie auch, dass der Steuersatz gar nicht die entscheidende Größe ist. Denn zuvor müssten sie erst einmal Gewinne erzielen, die sie versteuern können. Das ist doch aufgrund der desolaten Zustände in Deutschland gar nicht mehr möglich gewesen. Die Bürokratielasten sind extrem hoch, sodass thyssenkrupp in den letzten Jahren überhaupt keine Gewinne mehr erzielen konnte.

Apropos Steuern und Briefkastenfirmen, die Sie angeben – zum Beispiel die ganzen Briefkastenfirmen in Amsterdam –: Wie geht es eigentlich Ihrer Briefkastenfirma in Hongkong, der Cavete Global Limited? Aber Sie behaupten ja, das würden Sie nicht machen, um Steuern zu sparen, vielmehr wollen Sie als SPD den chinesischen Markt erobern. – „Ja nee, is klar“, sagt man bei uns im Pott dazu. – Danke schön.

(Beifall von der AfD)

Vizepräsidentin Angela Freimuth: Vielen Dank, Herr Abgeordneter Loose. – Als Nächster hat für die Landesregierung Herr Minister Pinkwart das Wort. Bitte schön, Herr Professor Pinkwart.

Prof. Dr. Andreas Pinkwart, Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie: Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich möchte mich zunächst bei dem Kollegen Becker dafür bedanken, dass er anerkennt, dass es in den letzten Wochen nach den Debatten, die wir haben führen können, aus seiner Sicht Verbesserungen gegeben hat. Das finde ich sehr fair und sehr anständig. Schließlich macht es deutlich, dass das Hohe Haus – auch die Opposition – anerkennt, dass auch die Gespräche der Landesregierung mit allen Beteiligten einen Beitrag dazu geleistet haben, dass wir heute ein Stück weiter sind.

Auch die IG Metall hat die Einsetzung der gemeinsamen Arbeitsgruppe begrüßt, weil sie sich davon erhofft, den Prozess versachlichen und am Ende ein gutes Ergebnis für die Beschäftigten und die Standorte erreichen zu können. Ich möchte mich deshalb herzlich dafür bedanken, dass das auch Anerkennung findet.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Der Ministerpräsident und ich haben mit den Vertretern der Gewerkschaften in den Unternehmen und den Aufsichtsgremien gesprochen, Punkte festgehalten, für die wir uns einsetzen. Das betraf zunächst das transparente Verfahren, das jedoch auch aufgrund von Compliance-Aspekten vor dem MoU nur sehr schwer herzustellen war.

Der Vorstandsvorsitzende hat sich übrigens bei uns entschuldigt, dass es ihm nicht möglich war, vorher auch den Arbeitnehmern gegenüber die notwendige Transparenz herzustellen. So sind nun einmal die Regelungen, die wir uns ja zum Teil selbst geschaffen haben. Er hat uns jedoch zugesagt, das umgehend zu tun, sobald das MoU unterzeichnet ist. Das hat er dann auch zusammen mit dem Vorstand seines Unternehmens umgehend umgesetzt. Er hat genau das getan, was die Arbeitnehmervertreter zu Recht eingefordert und wofür wir uns eingesetzt haben.

Wir haben zum Zweiten gesagt, es reiche nicht, nur Transparenz herzustellen. Wir erwarten, dass es intensive Gespräche mit den Arbeitnehmern gibt.

Die gemeinsame Arbeitsgruppe wird unter anderem geleitet vom IG-Metall-Gewerkschaftssekretär Grolms, der auch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender ist, sowie vom Personalvorstand des Konzerns, Oliver Burghard, den wir noch alle als IG-Metall-Bezirksvorsitzenden in Nordrhein-Westfalen kennen und den ich übrigens wie Herrn Grolms als wirklich fachkundigen Betrachter der Szene schätze. Des Weiteren wirken noch viele andere in dieser Arbeitsgruppe mit.

Ich habe den guten Eindruck, dass die Unternehmensleitung zu ihrer Zusage gestanden hat, dass die hervorragenden Arbeitnehmervertreter und Vorstände jetzt in dieser Arbeitsgruppe mitwirken, um insgesamt ein möglichst gutes Ergebnis für das Unternehmen und insbesondere für die Stahlsparte erreichen zu können.

Eine dritte Forderung, die wir in unseren gemeinsamen Gesprächen formuliert hatten, war, dass erreicht werden soll, und zwar möglichst schon im MoU oder in den weiteren Verhandlungen, sofern es zur Fusion kommt, dass beide Seiten – Tata wie Thyssen Stahl – Anreize bekommen, Konsolidierungen so durchführen zu können, dass der Konzern insgesamt und insbesondere der deutsche Teil des fusionierten Konzerns alle Möglichkeiten haben wird, sich so rentabel, so wirtschaftlich und zukunftsträchtig wie möglich zu entwickeln, und dass es nicht einseitig erfolgt nach dem Motto: Die Arbeitsplätze bei Tata sind gesichert, und wenn es Konsolidierung gibt, dann nur einseitig auf der deutschen Seite.

Und, siehe da, das MoU sagt: Es gibt einen Abbau von Arbeitsplätzen. Wenn wir uns über öffentliche Haushalte unterhalten würden, würde man vom Abbau von Stellen sprechen. Das heißt, hier geht es gar nicht um den einzelnen Betroffenen, weil alles sozialverträglich erfolgen wird. Auf beiden Seiten werden jeweils 2.000 Stellen in den nächsten Jahren abgebaut. Es ist auch deutlich geworden – das haben wir aus unseren Gesprächen gelernt –: Diese Konsolidierungen, meine Damen und Herren, wären auch erfolgt, wenn es keine Fusion gäbe. Diese Konsolidierungen sind notwendig, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit eines jeden einzelnen Unternehmens in Anbetracht der Wettbewerbsumfeldsituation tatsächlich sichern zu können.

Also auch schon im MoU die Zusage, die wir schon vorher informell durch die Unternehmensleitung hatten: Natürlich will thyssenkrupp sicherstellen, dass der Stahl in Deutschland eine Zukunft hat. Man will ja auch weiter mit 50 % an diesem Gemeinschaftsunternehmen beteiligt sein, und man will, dass sich der Stahl hier in Duisburg und in anderen Standorten hervorragend entwickeln kann.

Aber man muss natürlich auch Beiträge leisten, die selbstverständlich sind, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Das gilt nicht nur für den Stahl, das gilt auch, wie wir wissen, für andere Industrien, die immer wieder Konsolidierungsfortschritte erzielen müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Ein vierter Punkt, über den wir auch gesprochen haben, war die Zusage, dass natürlich Thyssen Stahl in Deutschland mit Hauptsitz Duisburg erhalten bleibt und dass es damit hier die Montanmitbestimmung auch in Zukunft geben wird.

Der Ministerpräsident und ich haben nicht nur gegenüber den Gewerkschaftsvertretern, sondern auch gegenüber dem Unternehmen gesagt, dass wir uns darüber hinaus bezogen auf die Holding auch wünschen und es aus unserer Sicht wichtig ist, dass es bei den deutschen Mitbestimmungsregelungen bleibt. Das ist für mich und für die Landesregierung, für den Ministerpräsident selbstverständlich.

Insofern haben wir auch hier überhaupt keinen Dissens zu Karl-Josef Laumann. Im Gegenteil! Das ist unsere Meinung, meine Damen und Herren. Wir müssen nur solche Wünsche und Forderungen der Politik in Einklang mit den Möglichkeiten bringen, die die Unternehmensleitung, das Unternehmen insgesamt in einem globalen Kontext mit einem potenziellen Partner verhandeln kann.

Hier sind die Gespräche ja noch offen. Es ist nicht entschieden, aber es wäre nicht fair und nicht aufrichtig, hier den Eindruck zu vermitteln, als sei das ein Punkt, bei dem am Ende irgendjemand diese Fusion, wenn sie denn in allen anderen Punkten im Interesse der Arbeitnehmer vereinbart werden könnte, scheitern ließe. Ich glaube, das würden auch die Arbeitnehmervertreter nicht tun. Das muss man fairerweise hier einmal festhalten.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Meine Damen und Herren, alle vier Punkte, die bei den Gesprächen mit beiden Seiten thematisiert wurden, konnten jetzt schon erreicht werden. Wir haben die Arbeitsgruppe, wir haben die guten Gespräche, und wir werden sie sehr konstruktiv begleiten. Wir werden alles tun, meine Damen und Herren, um diese Branche in Zukunft in Nordrhein-Westfalen wettbewerbsfähig zu halten.

Deswegen werden wir noch in diesem Jahr, im Dezember, unter der Leitung meines Hauses zu einem Stahlgipfel einladen, in Fortsetzung eines Stahlgipfels, den mein Amtsvorgänger seinerzeit bereits durchgeführt hat. Wir werden hierzu mit allen Beteiligten Gespräche führen, wie wir die Situation der Stahlindustrie verbessern können, wie wir gerade die Herausforderungen Energie- und Klimapolitik besser bewältigen können.

Sie wissen, von allen Seiten gibt es Anforderungen an die Industrie: vom Bundesgesetzgeber, vom europäischen Gesetzgeber, „EEG“, „CO2-Zertifikate“ sind die Stichworte. Damit müssen wir uns auseinandersetzen.

Ein weiterer Punkt wird die Möglichkeit der Handelspolitik sein. Hier ist dem Stahl ja schon geholfen worden, auch von der Europäischen Union. Hier wird man fragen müssen, wie das zukünftig gelingen kann in Anbetracht des Ziels, die Märkte offen zu halten. Wir werden uns über eine moderne Industriepolitik und auch über Rahmenbedingungen einer modernen Industriepolitik austauschen. Wir werden uns fragen, wie der Stahl eingebunden in Kunststoff und Aluminium und anderen modernen Werkstoffen eine Zukunft finden kann.

Lassen Sie mich an der Stelle sagen: Unsere Gespräche mit der Arbeitnehmerseite waren sehr stark davon bestimmt, dass die Stahlindustrie nicht in Abwehrkämpfe gerät wie andere sogenannte alte Industrien, die dann scheibchenweise zu Grabe getragen wurden.

Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – über 43.000 in Nordrhein-Westfalen – wollen auch künftig in einer Industrie tätig sein können, die eine Zukunft hat, meine Damen und Herren.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Das heißt, wir müssen uns für die Rahmenbedingungen einsetzen.

Lieber Herr Römer, ich höre von Ihnen – ich bitte, das allen Gewerkschaftssekretären und Vorständen in Nordrhein-Westfalen so mitzuteilen –, dass wir hier eine Marktentfesselungsideologie planten.

Ich war unlängst vor wenigen Tagen beim Vorstand der IG BCE, über 100.000 Gewerkschaftsmitglieder. Herr Römer, besuchen Sie die doch einmal und hören Sie sich von den Vorständen an, welche Probleme sie am Standort Nordrhein-Westfalen sehen. Die führen zum Beispiel Klage darüber, dass die Genehmigungsverfahren hier doppelt und dreifach so lange dauern wie in anderen Bundesländern, erst recht länger als in den Niederlanden – nur um einmal ein Beispiel aus der Nachbarschaft zu wählen.

(Michael Hübner [SPD]: Welche Genehmigungen dauern denn länger?)

Dann sagen uns die IG-BCE-Vorstände, sie könnten uns sogar genau benennen, an welchen Stellen es hapert: Da haben wir Gesetze, da haben wir Verordnungen. – Wir haben aber auch Behörden, die zum Teil so schlecht besetzt sind, dass Genehmigungsverfahren lange dauern.

In den vergangenen Jahren – ich war etwas weiter weg von Nordrhein-Westfalen – habe ich schon einmal gelegentlich in den Nachrichten gehört, dass die Vorgängerregierung die damalige schwarz-gelbe Regierung dafür verantwortlich gemacht hat, dass wir angeblich viele Stellen gestrichen hätten, die notwendig wären, um Genehmigungen durchzuführen.

Jetzt lernen wir vom Finanzminister, dass in unseren fünf Bezirksregierungen 1.100 Stellen nicht besetzt worden seien. Da sind also keine Stellen gestrichen worden, sondern sie s

ind in den vergangenen Jahren nicht besetzt worden. Die, die dann da waren, waren vielfach an anderen Stellen tätig als dort, wo Genehmigungen hätten erteilt werden können, meine Damen und Herren. All das müssen wir ändern. Wir müssen sehen, dass wir unkomplizierte Regelungen bekommen

(Zuruf von Horst Becker [GRÜNE])

und Genehmigungsbehörden haben, die auch genehmigen können, meine sehr verehrten Damen und Herren.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Das ist entscheidend, wenn wir den Industriestandort modern und zukunftsträchtig erhalten wollen. Ich wäre herzlich dankbar dafür, wenn wir das nicht mit irgendwelchen Ideologien verbinden, sondern ganz lebenspraktisch bleiben und wir uns mit den Gewerkschaften, den Unternehmern unterhalten und von denen lernen, wie Nordrhein-Westfalen besser werden kann. Wenn Sie das unterstützen würden, dann wäre uns sehr geholfen. – Herzlichen Dank.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Vizepräsidentin Angela Freimuth: Vielen Dank, Herr Minister Pinkwart. – Als nächster Redner hat für die Fraktion der CDU Herr Abgeordneter Rehbaum das Wort. Bitte schön, Herr Kollege.

(Henning Rehbaum [CDU]: Die SPD will nicht?)

– Die ist danach gemeldet. Kollegin Philipp wird sprechen.

Henning Rehbaum (CDU): Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Die Stahlindustrie ist ein wichtiger Teil nordrhein-westfälischer Geschichte. Ohne Stahl aus Nordrhein-Westfalen wären der Wiederaufbau Deutschlands, das Wirtschaftswunder, die Exportführerschaft von heute nicht möglich. Die Beschäftigten und Unternehmen in diesem Bereich leisten seit Jahrzehnten Großartiges. Dafür möchte ich einmal herzlich Danke sagen.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Vor allem aber bietet die Stahlindustrie heute Stahl von bester Qualität zu hervorragenden Arbeitsbedingungen und weltweit höchsten Umweltstandards.

Sehr geehrte Damen und Herren, die nordrhein-westfälische Stahlindustrie spielt weltweit in der ersten Liga. Das scheinheilige Theater der SPD in Sachen Thyssen ist unterstes Niveau.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Weder den Beschäftigten noch den Unternehmen und schon gar nicht dem Ruf des Standorts Nordrhein-Westfalen nutzt die seltsame Kampagne der SPD. Sie ist wohl dem aktuellen Selbstfindungsprozess der Partei geschuldet. Vor allem verschleiert sie mit viel Getöse eigene Untätigkeit in der eigenen Regierungszeit.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Jetzt ist einiges dringend erforderlich, vor allem 100%ige Transparenz gegenüber Arbeitnehmern und Politik bei der Gestaltung der Fusion, keine Abstriche bei der Mitbestimmung und die ernsthafte und intensive Prüfung der Beibehaltung des NRW-Sitzes für die Stahlsparte in Zukunft von Thyssen und Tata gemeinsam.

Es ist kein Widerspruch, wenn die Landesregierung sagt, dass in letzter Konsequenz die Wahl des Firmensitzes eine unternehmerische Entscheidung ist, aber sie hat gleichzeitig auch klar ihre Erwartungshaltung formuliert, dass ein Konzern, der jahrzehntelang wie kaum ein anderer von der Landespolitik begleitet und gut behandelt worden ist, zu seinem traditionellen Sitz in Nordrhein-Westfalen steht.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Vor allem brauchen wir jetzt beste Industriepolitik, damit Stahlwerke in Nordrhein-Westfalen international wettbewerbsfähig sind und eine fusionierte Thyssen-Tata für die Beschäftigten, die Unternehmen, das Unternehmen und auch für unsere Volkswirtschaft eine Erfolgsgeschichte wird.

Franz Müntefering hat einmal sinngemäß gesagt, eine Volkswirtschaft kann nicht davon leben, dass sich die Leute gegenseitig die Haare schneiden. Einmal abgesehen davon, dass es mir äußerst unangenehm ist, Franz Müntefering zu zitieren, muss man feststellen,

(Zurufe von der SPD)

dass Münte begriffen hat, was seine SPD in Nordrhein-Westfalen konsequent ignoriert: Eine gesunde Volkswirtschaft braucht starke, international wettbewerbsfähige Industriebetriebe inklusive Stahl, und sie braucht beste Rahmenbedingungen dafür. Dafür sind wir in der NRW-Koalition angetreten. Das ist unser Ziel.

Die Energiewende muss nicht nur dem Klimaschutz dienen, sondern sie muss auch bezahlbar sein und Versorgungssicherheit bieten. Wir brauchen eine Eins-zu-eins-Umsetzung von Bundes- und EU-Regelungen und keine Zeile mehr, wir brauchen einen Bürokratieabbau und die schnellsten Genehmigungsverfahren für moderne Standorte und vernünftige Produktionsverfahren,

(Michael Hübner [SPD]: Alles Naturschutzgesetz!)

und wir brauchen weiterhin wirksame EU-Sanktionen gegen Billigimporte aus China und Taiwan. Wir brauchen moderne Produktionsstandorte, die dafür stehen, gute Arbeitsplätze, Wertschöpfung und Wohlstand zu bieten. Die Rahmenbedingungen dafür fallen nicht vom Himmel, sondern die müssen wir schon selbst schaffen.

Eines möchte ich an dieser Stelle noch einmal betonen: Wenn man sich den Koalitionsvertrag der neuen niederländischen Landesregierung mal durchliest, dann stellt man fest, dass da Nordrhein-Westfalen als Partner in der Infrastruktur, bei Sozialem und im Arbeitsmarkt ausdrücklich benannt wird. Ich glaube, daran kann man sehen, dass sich die Gespräche von Ministerpräsident Armin Laschet in den Niederlanden bereits gelohnt haben.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Liebe SPD-Fraktion, wir laden Sie herzlich dazu ein, an der Schaffung ordentlicher Rahmenbedingungen für unsere Industriebetriebe und insbesondere für den Stahlstandort mitzuwirken – nicht mit scheinheiligen Anträgen für das SPD-Schaufenster, sondern konstruktiv. Wenn Sie nicht wollen, wir packen es an!

(Beifall von der CDU und der FDP)

Vizepräsidentin Angela Freimuth: Vielen Dank, Herr Kollege Rehbaum. – Als nächste Rednerin hat für die Fraktion der SPD Frau Kollegin Philipp das Wort. Bitte schön, Frau Kollegin.

Sarah Philipp (SPD): Ganz herzlichen Dank, Frau Präsidentin. – Liebe Kolleginnen und Kollegen, meine sehr geehrten Damen und Herren! Herr Kollege Löttgen, der Applaus für Ihren Redebeitrag war lang, obwohl Sie eigentlich sehr wenig gesagt haben. Das muss man einmal festhalten.

(Vereinzelt Heiterkeit von der CDU – Bodo Löttgen [CDU]: Nur was Ihnen nicht passt, ist wenig!)

Das wäre zu Oppositionszeiten sicherlich ein sehr interessanter Wortbeitrag des Fraktionsvorsitzenden gewesen, aber so bleiben viele Fragen offen. Das passt teilweise auch nicht zu dem, was Sie in Ihrem heutigen Antrag schriftlich formuliert haben. Zu dem Spannenden, nämlich zum Widerspruch zwischen dem, was Armin Laschet und der Wirtschaftsminister gesagt haben, und dem, was der Arbeitsminister in Bochum auf der Demo gesagt hat, haben Sie nichts gesagt. Das wäre eigentlich das Interessante gewesen.

(Beifall von der SPD – Bodo Löttgen [CDU]: Sie wollen einen Widerspruch konstruieren! Das ist alles!)

Wenn Wirtschaftsminister Pinkwart darauf hinweist, dass zwischen den Ministern kein Dissens in den Aussagen besteht, dann können Sie unserem Antrag heute zustimmen. Dann ist das Ganze erledigt, und dann wäre das passend.

(Dietmar Brockes [FDP]: Der Antrag ist erledigt!)

Was wir ausdrücklich begrüßen, ist die Aussage des Wirtschaftsministers – darauf möchte ich auch hinweisen –, noch in diesem Jahr einen „Stahlgipfel“ durchzuführen. Das hat Garrelt Duin, der SPD-Wirtschaftsminister in der Vorgängerregierung, sehr erfolgreich getan. Wir finden es gut, dass das wieder aufgenommen wird.

Mir ist die Debatte aber insgesamt zuletzt sehr abstrakt geführt worden. Der eine redet über Genehmigungen, dann wird über Steuererleichterungen und über Standortfragen gesprochen. Aber ich will noch auf einige Dinge eingehen, die mir als Duisburgerin wichtig sind. Das ist in der Debatte am Ende etwas untergegangen.

Worum geht es eigentlich? Denn nicht erst seit den Fusionsplänen von Thyssen und Tata wissen wir in meiner Heimatstadt und auch in vielen anderen Städten, dass wieder unruhige Zeiten bevorstehen. Die Leute sind in großer Sorge, und es ist ein großes Gesprächsthema in Duisburg und in vielen anderen Städten, wie es mit dem Stahl in Nordrhein-Westfalen weitergeht. Kämpfen für die Zukunft des Stahls ist leider mal wieder angesagt, und Kämpfen für den Erhalt von Tausenden von Arbeitsplätzen in Duisburg und an vielen anderen Standorten ist notwendig, und das bringt die Menschen in große Sorge.

Gemeinsam wurde in den letzten Wochen an vielen Orten gegen eine Fusion mit all ihren zu befürchtenden Konsequenzen demonstriert und in vielen Gesprächen diskutiert und auch verhandelt. Es geht um Tausende von Arbeitsplätzen, und es geht vor allen Dingen auch um Tausende von Familien, die um ihre Zukunft hier in Nordrhein-Westfalen bangen.

Wir wissen seit Langem – das ist auch heute in dieser Debatte noch einmal gut zum Tragen gekommen –, dass der Stahlstandort Nordrhein-Westfalen durchaus angezählt ist. Die verschiedenen Problematiken sind heute schon angesprochen worden: Überkapazitäten auf dem Weltmarkt, Dumping-Angebote aus China und viele weitere Punkte.

Deswegen ist es natürlich angezeigt, dass wir hier in Nordrhein-Westfalen, in Deutschland und auch auf EU-Ebene die Rahmenbedingungen für die Stahlindustrie dringend verbessern müssen. Aber – das will ich ausdrücklich unterstreichen – das ist keine Rechtfertigung für Unternehmen, den Beschäftigten und dem Land jetzt in dieser Phase den Rücken zuzudrehen. Das geht nicht, und das ist so nicht zu akzeptieren.

(Beifall von der SPD)

Thyssenkrupp hat nicht umsonst den Ruf eines Stahlspezialisten, ein exzellenter Ruf, für den an erste Stelle die thyssenkrupp-Belegschaft an den Standorten verantwortlich ist. Ihre Fachkompetenz und ihre Motivation sind es, die guten Stahl machen, und deswegen ist es auch notwendig, dass sie in die Überlegungen und in die Strategien zur Krisenbewältigung und zur weiteren Gestaltung des Unternehmens einbezogen werden.

Es ist an der Zeit – Kollege Rehbaum hat das gerade leider erst sehr spät in der Debatte getan –, heute noch einmal der gesamten thyssenkrupp-Belegschaft unsere Solidarität auszusprechen und deutlich zu machen, dass wir an ihrer Seite stehen.

(Henning Rehbaum [CDU]: Sie sind noch später dran!)

Die SPD-Fraktion unterstützt es ausdrücklich, dass Hunderte von ihnen heute auf dem Rhein vor dem Landtag ihre Sorgen und ihre Forderungen Richtung Landesregierung zum Ausdruck bringen. Das ist heute noch einmal ein starkes Zeichen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

(Beifall von der SPD)

Was uns heute in dieser langen Debatte leider gefehlt hat – das haben die Wortbeiträge der regierungstragenden Fraktionen und auch der Landesregierung nicht ausbessern können –, ist am Ende ein klares Bekenntnis, ein klares Wort der Solidarität und ein klares Bekenntnis zum Stahlstandort NRW und zum Erhalt des Stahlstandorts und des Hauptsitzes hier in Nordrhein-Westfalen.

(Zuruf von Dietmar Brockes [FDP])

Sie können hier, Kollege Brockes, natürlich nicht entscheiden, ob der Standort erhalten bleibt, ob der Hauptsitz hier erhalten bleibt. Aber das mit Steuererleichterungen, mit Steuerpolitik zu begründen und zu sagen, dass wir es einfach hinnehmen müssen, ist ein bisschen wenig, und das fanden wir heute doch sehr ernüchternd.

(Beifall von der SPD)

Die Landesregierung redet in diesen Tagen viel von Heimat. Aber wenn es darum geht, sich für Mitbestimmung und Standortsicherung einzusetzen, dann spielt der Begriff „Heimat“ für die Landesregierung offensichtlich keine große Rolle mehr. Das ist heute aufgefallen.

Sie reden davon, den Wirtschaftsstandort zu stärken. In Ihrem Koalitionsvertrag schreiben Sie ebenfalls, dass Sie ein industriepolitisches Leitbild entwickeln und ein klares Bekenntnis zur Industrie in Nordrhein-Westfalen abgeben wollen. Das kann man dort alles nachlesen. Aber wenn Sie nur tatenlos zusehen, wie erfolgreiche Mitbestimmung hier in diesem Land geopfert wird,

(Bodo Löttgen [CDU]: Hören Sie doch auf! Das glauben Sie doch selber nicht!)

dann sollten Sie dieses Leitbild besser in der Schublade lassen und sich damit nicht weiter beschäftigen.

(Beifall von der SPD und den GRÜNEN)

Die Redezeit ist jetzt leider abgelaufen. Ich will am Ende noch einmal in Richtung Ministerpräsident Laschet Folgendes sagen: Sie haben vor Kurzem auf einer Wahlkampfveranstaltung in Duisburg gesagt:

Da man jetzt weiß, wo die Reise hingehen soll, erwarte ich, dass der Vorstand das Projekt in der guten Tradition der Mitbestimmung gemeinsam mit der Belegschaft in Angriff nimmt.

Das ist eine sehr interessante Aussage; die finde ich gut.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, wir möchten von Ihnen heute gerne wissen, wo die Reise nach dem Willen dieser Landesregierung hingehen soll, und wir erwarten, dass Sie Ihren Versprechen und Ihren Ankündigungen auch endlich Taten folgen lassen. – Ganz herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall von der SPD – Vereinzelt Beifall von den GRÜNEN)

Vizepräsidentin Angela Freimuth: Vielen Dank, Frau Kollegin Philipp. – Als nächster Redner hat für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen der Abgeordnete Becker das Wort. Bitte schön, Herr Kollege.

Horst Becker (GRÜNE): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Nachdem Herr Pinkwart eben gesagt hat, er fände es gut, dass ich die Landesregierung gelobt habe, will ich darauf hinweisen, was ich gesagt und was ich gemeint habe.

Ich habe zunächst einmal darauf hingewiesen, dass es bei den antragstellenden Fraktionen der Regierungsseite angesichts des Entschließungsantrags offensichtlich eine Veränderung gegeben hat, die sich auch an den Redebeiträgen und an den Rednerinnen und Rednern erkennen lässt.

(Minister Karl-Josef Laumann: Quatsch!)

Es hat insofern eine Veränderung gegeben, als man das Thema, glaube ich, jetzt anders ernst nimmt, als man es in der letzten Debatte getan hat.

Das Zweite ist – das ist offensichtlich, wenn man sich die damaligen Redebeiträge vor Augen führt, Herr Laumann –: Es wurde damals gesagt, dass die Fusion die einzige Rettung für thyssenkrupp sein könne. – Das ist offensichtlich Unsinn.

(Zuruf von Minister Karl-Josef Laumann)

Herr Laumann hat auf der Demonstration geredet und sich für die Erhaltung des Standorts und für die Erhaltung des Standorts der Holding in Nordrhein-Westfalen ausgesprochen. Das ist auch richtig.

(Minister Karl-Josef Laumann: Ja sicher!)

Herr Löttgen, Sie haben darauf hingewiesen, aus Ihrer Sicht wären das künstliche Unterschiede, die wir als Opposition machen würden.

Es ist eben kein künstlicher Unterschied. Denn wenn man auf der einen Seite als Herr Laumann sagt, das möchte man, und auf der anderen Seite als Herr Pinkwart sagt, das möchte man auch, dann aber als CDU-Fraktion mit der FDP-Fraktion aus Gründen, die sehr interessant wären zu erfahren, ganz offensichtlich verzichtet, den Gesichtspunkt des Holding-Standortes mit in einen Entschließungsantrag zu schreiben, dann hat man ja doch den ein oder anderen Anfangsverdacht.

Sie wären klug beraten, wenn Sie heute in Ihren Entschließungsantrag den deutlichen Einsatz dieses Landtages dafür, dass der Holding-Standort nicht in die Niederlande geht, mit aufnehmen würden. Das ist ja nicht nur eine Frage der Montanmitbestimmung, nicht nur eine Frage des Steuerdumpings, das ist auch eine Frage der Zukunft des Stahlstandortes Nordrhein-Westfalen, weil wir in der Perspektive – ich erinnere an die Enquete-Kommission „Chemie“ – nur im Verbund zwischen Stahl und Chemie zukunftsfähige Standorte in Nordrhein-Westfalen mittel- bis langfristig haben werden. Und die werden wir selbstverständlich nur dann in einem solchen Verbund haben, wenn der Sitz einer Holding hier in Nordrhein-Westfalen und nicht im benachbarten Ausland ist.

Deswegen ist es von sehr entscheidender Bedeutung, dass Sie an dieser Stelle Ihren Antrag heute ergänzen. Ansonsten müssen Sie sich vorhalten lassen, dass Sie das alles nicht so ernst meinen. – Schönen Dank.

(Beifall von den GRÜNEN)

Vizepräsidentin Angela Freimuth: Vielen Dank, Herr Abgeordneter Becker. – Als nächste Rednerin hat für die Fraktion der AfD Frau Abgeordnete Dworeck-Danielowski das Wort. Bitte schön.

Iris Dworeck-Danielowski (AfD): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Eins wissen wir leider seit Jahren: Deutschland wird deindustrialisiert.

Das ist sehr bedauerlich, und es trifft am härtesten die Arbeitnehmer, die nämlich von recht gut bezahlten Industriearbeitsplätzen auf in der Regel ziemlich schlecht bezahlte Dienstleistungsjobs umsatteln müssen.

Wer aber trägt die Verantwortung für dieses Desaster? Tja, das ist natürlich in erster Linie die sogenannte Arbeiterpartei, die SPD, vor allem mit ihren Hochburgen im Ruhrgebiet, und zur Seite hat sie in der Regel die Gewerkschaften als ihre Hilfstruppen.

(Lachen von der SPD)

Sie haben es allesamt zugelassen. Es gibt ja in Ihren eigenen Reihen zahlreiche Gewerkschafter – wir haben gerade einem prominenten Beispiel, Herrn Römer, gelauscht. Man stellt sich allerdings die Frage, wo diese Gewerkschafter und diese Sozialdemokraten waren, als beispielsweise die Energiewende auf den Weg gebracht wurde. Diese hat zu einem Höchstmaß an Unsicherheit bei Industrieinvestitionen geführt, da Sie nie genau wissen, wann und auf wen das EEG ausgeweitet wird.

Besonders ärgert mich, dass Arbeitsplatz nicht gleich Arbeitsplatz zu sein scheint. Als beispielsweise der DGB 2015 im Interesse der IG BCE Unterschriften unter dem Motto „Bezahlbaren Strom und gute Arbeitsplätze“ sammelte – gerade mit Blick auf die Bedeutung der fossilen Energie für die Sicherheit und Planbarkeit vieler Arbeitsplätze im Ruhrgebiet –, hat die IG Metall mit ihren fast 2,3 Millionen Mitgliedern lächerliche 10.000 Unterschriften zusammenbekommen. Und von ver.di will ich in diesem Zusammenhang gar nicht reden. Die haben ihre Kollegen nämlich im Stich gelassen und diese Kampagne nicht einmal beworben, weil sie für erneuerbare Energien sind.

Auch hier wird wieder deutlich: Die Gewerkschaften verkommen zunehmend zu Parteivorfeldorganisationen, und die ideologische Ausrichtung, nämlich der Glaube an erneuerbare Energien, geht vor die Interessen der Arbeitnehmer.

(Beifall von der AfD – Lachen von der SPD)

Und das, meine Damen und Herren, ist die originäre Aufgabe von Gewerkschaften.

Die Gewerkschaften haben auch ein weiteres Problem. Nicht einmal mehr 20 % aller Vollzeitbeschäftigten sind organisiert. Und bei den atypisch Beschäftigten, die ihnen angeblich besonders am Herzen liegen, sind es noch viel weniger.

Wessen Interessen vertreten denn die Gewerkschaften überhaupt noch? Sie verlieren zunehmend den Bezug zu den Arbeitern und anscheinend auch zur Realität, wenn man die aktuellen Forderungen der IG Metall für die nächste Tarifrunde beäugt: flexiblere Arbeitszeiten mit Rückkehroptionen usw. Damit wird man es den Unternehmen künftig noch leichter machen, dem Standort NRW und am besten gleich ganz Deutschland den Rücken zu kehren.

(Beifall von der AfD)

Auch wir, die AfD, sind für den Erhalt der Mitbestimmung im Sinne der Arbeitnehmerinteressen und nicht im Sinne von Funktionären. Auch wir wollen, dass die Konzernzentrale in Nordrhein-Westfalen bleibt.

Aber die SPD trägt eine so große Mitverantwortung für die aktuelle Situation. Sie haben den Strukturwandel im Ruhrgebiet mit Ihrer Sozialdemokratie maßgeblich mit geprägt, oder besser gesagt: Großartig geprägt wurde er ja gar nicht, sondern in der Regel verschlafen. Es wurde völlig verpennt, im Ruhrgebiet neue mittelständische Industrien anzusiedeln. In anderen Regionen hat das ja funktioniert, zum Beispiel im Siegerland. Da gab es ja auch einen Strukturwandel, im Übrigen einen sehr erfolgreichen.

(Beifall von der AfD)

Es ist bedauerlich, dass wieder die Schwächsten darunter leiden müssen. – Liebe Kollegen, es ist kein Wunder, dass Ihr Engagement für Arbeiter immer mehr als unglaubwürdig wahrgenommen wird, und ich denke, das haben Sie auch beim letzten Wahlergebnis, insbesondere im Ruhrgebiet, zu spüren bekommen. – Danke.

(Beifall von der AfD)

Vizepräsidentin Angela Freimuth: Vielen Dank, Frau Kollegin. – Es hat nun für die Landesregierung der Ministerpräsident, Herr Kollege Laschet, das Wort. Bitte schön.

Armin Laschet, Ministerpräsident: Vielen Dank, Frau Präsidentin. Ich will nur einige wenige Worte zu dieser Debatte sagen, denn ich denke, der Kollege Pinkwart hat sehr präzise beschrieben, was die Position der Landesregierung ist. Ihr simpler Versuch, einen Gegensatz zwischen den Kollegen Laumann und Pinkwart und dem Ministerpräsidenten herzustellen, ist misslungen.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Das, was Karl-Josef Laumann bei den Arbeitern in Bochum gesagt hat, ist die Position der Landesregierung. Das, was Kollege Pinkwart hier zur Zukunft des Stahls gesagt hat, zu unseren Gesprächen mit den Gewerkschaften, ist die Position der Landesregierung. Und ich sage dazu: Wenn ich lese – der Fraktionsvorsitzende Bodo Löttgen hat das eben zitiert –, was die IG Metall am 3. Mai zur Position der Vorgängerlandesregierung gesagt hat, dann ist das ein klareres Bekenntnis zu den Wünschen der Arbeitnehmer, als es die Vorgängerregierung geleistet hat. Das ist heute hier sehr deutlich geworden.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Das ist die erste Bemerkung.

Eine zweite Bemerkung will ich hier machen. Wenn die namentliche Abstimmung gleich zu Ende ist, werde ich erneut mit denen, die auf dem Schiff auf dem Rhein waren, zusammenkommen: mit dem stellvertretenden Gesamtbetriebsratsvorsitzenden von thyssenkrupp Steel, mit dem Vertrauenskörper-leiter, mit der IG Metall. Wir haben in den letzten Wochen so viel mit den Gewerkschaften gesprochen, wie das vor dem 14. Mai eben nicht stattgefunden hat.

Ich muss Ihnen sagen: Nach jedem dieser Gespräche mit den Gewerkschaften waren Kollege Pinkwart und ich uns einig. Wir haben sogar noch neue bessere Argumente gefunden, weil eben die Mitbestimmung den Vorteil hat, dass die Arbeitnehmer zwar manches anders sehen, aber oft genauso gut informiert sind. Deshalb waren das bereichernde Gespräche. Wir werden diese schon heute um 13 Uhr fortsetzen; denn das ist Tradition in Nordrhein-Westfalen.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Ich möchte eine Bemerkung zum Redebeitrag der AfD machen. Ja, wir können bedauern, dass die niederländischen Steuerregeln so sind, wie sie sind. Das kann man bedauern. Daraus aber eine Europakritik abzuleiten, ist exakt falsch. Wir brauchen mehr Europa. Mehr Europa bedeutet nämlich …

(Beifall von der CDU und der FDP – Vereinzelt Beifall von der SPD)

Dieses Problem des Dumpings besteht deshalb, weil jeder Nationalstaat seine Steuern selbst festlegt. Das ist genau das Problem.

(Roger Beckamp [AfD]: Das ist Wettbewerb!)

Das ist exakt das Problem. Und deshalb ist beispielsweise der Kollege Pinkwart im Gespräch …

(Christian Loose [AfD]: Sie wollen Sozialismus, Herr Laschet! – Lachen von der SPD – Weitere Zurufe von der AfD – Gegenrufe von der CDU)

– Hören Sie mal, Sie haben hier eben große Reden gehalten, aber das Problem bei der Steuer ist, dass 27 Staaten ihre Steuersätze selbst festlegen.

Der Kollege Pinkwart hat beispielsweise in der Chemieindustrie – das ist das nächste Thema für uns in Nordrhein-Westfalen – eine Kooperation zwischen den Niederlanden, Flandern und Nordrhein-Westfalen begonnen,

(Zuruf von Marcus Pretzell [fraktionslos])

damit wir uns darüber abstimmen, Standorte nicht durch Steuer- und Sozialdumping, sondern durch Kooperation und mehr europäische Zusammenarbeit zu erhalten. Das ist das Modell dieser Landesregierung.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Deshalb täten wir gut daran, Herr Kollege Römer, nicht die Tonlage anzuschlagen, in der Sie es heute versucht haben – was gescheitert ist, weil die Menschen noch im Kopf haben, was vor und nach dem 14. Mai geredet wurde –, sondern das parteiübergreifend zu schaffen.

Nun zu dem, was Sie hier zum sogenannten „Marktentfesselungsliberalismus“ gesagt haben. Ich rede im Moment zur Vorbereitung einer neuen Bundesregierung viel mit den Gewerkschaften in Nordrhein-Westfalen. Was glauben Sie eigentlich: Vor wem hat Herr Vassiliadis mehr Angst? Vor dem Marktentfesselungsliberalismus der FDP oder vor der Frage, ob wir in ganz kurzer Zeit Kohlekraftwerke schließen und aus dem Verbrennungsmotor aussteigen? Was glauben Sie, was die Gewerkschaften im Moment mehr berührt?

Mein Eindruck ist, dass sie mir sagen: Du musst dafür sorgen, dass keine Ausstiegsszenarien inszeniert werden. Sie sagen, dass wir zwar einen Strukturwandel im Rheinischen Revier erleben werden, dieser aber ohne die Ausstiegsdaten, wie sie mancher der potenziellen Koalitionspartner in Berlin im Moment vorträgt, vonstattengehen muss.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Es ist bedauerlich, dass wir über diese Fragen zur Zukunft des Stahls nicht mehr gemeinsam miteinander diskutieren können, weil Sie am Abend des 24. September gesagt haben: Wir werden unserer Verantwortung nicht gerecht. – Ich bedaure, dass man nicht einmal reden konnte.

(Widerspruch von der SPD – Sven Wolf [SPD]: Opposition ist auch Verantwortung!)

Deshalb werden wir jetzt mit den Grünen und mit der FDP alles dafür tun, dass in Zukunft Stahl-, Aluminium-, Chemie- und Glasindustrie in Nordrhein-Westfalen noch möglich bleiben.

(Zuruf von Gordan Dudas [SPD])

Das heißt, für die Arbeitnehmer zu kämpfen, sich nicht zurückzuziehen, sondern Verantwortung zu übernehmen, wenn der Wähler gesprochen hat.

(Anhaltender Beifall von der CDU und der FDP)

Vizepräsidentin Angela Freimuth: Vielen Dank, Herr Ministerpräsident Laschet. – Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, die Landesregierung hat ihre Redezeit um 2 Minuten und 5 Sekunden überzogen.

(Zuruf von der SPD: Für nichts!)

Ich frage, ob die anderen Fraktionen die Möglichkeit nutzen wollen, ihre Redezeit noch weiter zu überziehen. – Eine Wortmeldung gibt es noch. Bitte schön.

(Zuruf von der SPD: Die hat sich ja mal gelohnt, die zusätzliche Redezeit!)

Christian Loose (AfD): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Herr Laschet, das war ja schon ein sehr starkes Stück. „Mehr Europa wagen“ heißt bei Ihnen „Mehr Sozialismus wagen“.

(Beifall von der AfD – Widerspruch von der CDU)

Das erkennt man schon bei der gemeinsamen europäischen Währung. Da sehen Sie, wie das funktioniert. Und jetzt wollen Sie auch noch gemeinsame Finanzpolitik mit den anderen Ländern machen! Wie geht es denn Griechenland? – 50 % Jugendarbeitslosigkeit. Das ist Ihr Weg, gemeinsam mehr Europa zu wagen. Diesen Irrweg werden wir als AfD zu Recht nicht mitgehen. Deswegen werden die Wähler auch Sie hier weiterhin abstrafen. – Danke.

(Beifall von der AfD)

Vizepräsidentin Angela Freimuth: Vielen Dank. – Meine Damen und Herren, weitere Wortmeldungen liegen mir nicht vor. Ich schaue noch einmal in die Runde. – Das bleibt auch so. Wir sind somit am Schluss der Aussprache angekommen.

Wir kommen zur Abstimmung. Die antragstellende Fraktion der SPD hat direkte und gemäß § 44 unserer Geschäftsordnung auch namentliche Abstimmung zu dem Antrag Drucksache 17/809 beantragt. Nach Abs. 2 dieses Paragrafen erfolgt die namentliche Abstimmung durch Aufruf der Namen der Abgeordneten. Die Abstimmenden haben beim Namensaufruf mit ja oder nein zu antworten oder zu erklären, dass sie sich der Stimme enthalten.

Ich bitte nun den Herrn Kollegen, mit dem Namensaufruf zu beginnen.

(Der Namensaufruf erfolgt.)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, einige Abgeordnete haben gerade nicht an der Abstimmung teilgenommen. Die werden wir noch einmal aufrufen.

(Die entsprechenden Namen werden erneut aufgerufen.)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich frage jetzt noch einmal, ob alle Abgeordneten ihre Stimme abgegeben haben. – Dann schließe ich die Abstimmung und bitte die Schriftführer, die Auszählung vorzunehmen.

(Die Stimmen werden ausgezählt.)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, meine sehr verehrten Damen und Herren, ich gebe Ihnen nun das Ergebnis der namentlichen Abstimmung bekannt. 195 Abgeordnete haben ihre Stimme abgegeben. Mit Ja stimmten 80 Abgeordnete, mit Nein 114. Niemand hat sich der Stimme enthalten. Damit ist der Antrag Drucksache 17/809 abgelehnt.

Ich lasse weiter über den Entschließungsantrag der Fraktion der CDU und der Fraktion der FDP Drucksache 17/878 abstimmen. Wer diesem Entschließungsantrag zustimmen möchte, den darf ich um das Handzeichen bitten. – Das sind die Abgeordneten der Fraktion der CDU und der Fraktion der FDP. Gegenstimmen? – Das sind die Abgeordneten der Fraktion der SPD und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Enthaltungen? – Das sind die Abgeordneten der Fraktion der AfD. Damit ist der Entschließungsantrag Drucksache 17/878 angenommen.

Ich rufe auf:

3   Nordrhein-Westfälische Schweinehaltung neu gestalten – Bäuerinnen und Bauern auf ihrem Weg zu einer artgerechten Tierhaltung unterstützen!

Antrag
der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Drucksache 17/806

Ich eröffne die Aussprache und erteile für die antragstellende Fraktion Bündnis 90/Die Grünen dem Kollegen Norwich Rüße das Wort. Bitte schön, Herr Kollege.

Norwich Rüße (GRÜNE): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir stellen heute unseren Antrag zum Thema „Umbau der Schweinehaltung in Nordrhein-Westfalen“, weil wir deutlich schneller werden und viel mehr machen müssen. Wir alle wissen, dass wir in den letzten Jahren eine intensive Debatte darüber hatten, wie wir unsere Nutztiere in der Landwirtschaft halten. Wir wissen auch, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung mit der Form, wie wir unsere Nutztiere halten, nicht einverstanden ist.

(Zuruf von der AfD: Das behaupten Sie!)

– Das behaupte ich nicht nur – Sie können mir auch gerne eine Zwischenfrage stellen –, das ist auch durch diverse Umfragen belegt. Es gibt also an der Stelle überhaupt keinen Dissens.

(Beifall von den GRÜNEN)

Die entscheidende Frage ist doch: Wie soll Tierhaltung in Zukunft aussehen? Dafür müssen wir ein Verständnis entwickeln. Man kann wohl zu Recht feststellen, dass wir in der Sache selber nicht wirklich vorangekommen sind. Wir haben gesetzliche Bestimmungen. Wir haben auf der europäischen Ebene die Schweinehaltungsrichtlinie, die seit 2008 in Kraft ist und klar vorgibt, wie unsere Schweinehaltung gestaltet sein soll. Die Richtlinie enthält Vorgaben, die unsere vorhandenen modernen Ställe im Moment nicht erfüllen können.

Der Verzicht auf das Kupieren des Schwanzes ist in modernen Schweineställen, so wie sie im Moment gebaut werden und wie sie auch nach Inkrafttreten dieser Schweinehaltungsrichtlinie noch weiter gebaut worden sind, nicht zu erfüllen.

In den modernen Schweineställen können die Tiere auch ihr artgerechtes Verhalten nicht ausleben; diese Forderung ist nicht zu erfüllen. Die Europäische Union verlangt aber von uns, dass die Tiere das tun können.

Die rechtlichen Vorgaben, die uns die EU macht, sind deshalb brisant, weil wir an der Stelle in einen rechtlichen Konflikt geraten. Wir müssen uns nicht wundern, wenn es zu Klagen von Tierschutzvereinen kommt, die überprüfen lassen wollen, wie die vorgegebenen rechtlichen Normen in diesen modernen Ställen eingehalten werden.

Das heißt, wir brauchen Veränderungen. Wir sind gezwungen, Veränderungen zu erzielen, weil wir diesen rechtlichen Konflikt und eine gesellschaftliche Debatte haben, die uns zwingt, diesen Konflikt zu befrieden.

(Zuruf: Wer behauptet das?)

Das ist dringend notwendig, wenn wir die Tierhaltung in Nordrhein-Westfalen langfristig halten wollen.

(Vereinzelt Beifall von den GRÜNEN)

Politik muss gestalten, und wir sind aufgefordert, endlich verlässliche Rahmenbedingungen für die Tierhaltung zu setzen, um eine langfristige Perspektive zu haben. Wenn Sie heute einen Schweinestall bauen, läuft die Abschreibung nicht über fünf oder sechs Jahre, und danach bauen Sie den nächsten Stall, sondern Sie brauchen Verlässlichkeit über 20 bis 25 Jahre. Diese Verlässlichkeit müssen wir den Bäuerinnen und Bauern endlich bieten.

Es wäre gut gewesen, wenn wir, nachdem die europäische Richtlinie in Kraft getreten ist, rasch gesagt hätten: Liebe Leute, Ställe in der Form gehen nicht mehr. Diese Ställe sind nicht zukunftsfähig. – Aber wir haben es zugelassen, dass nach 2010 weiterhin solche Ställe gebaut worden sind.

Gegenüber dem Bundeslandwirtschaftsministerium kann ich nur den Vorwurf erheben, dass hier viel zu lange auf Zeit gespielt worden ist. Man hat die Bäuerinnen und Bauern vertröstet und immer wieder gesagt: Es wird schon so weitergehen wie bisher. Wenn ihr ein paar Strohraufen in die Ställe hängt, reicht das; dann ist für das Tierwohl genug getan. – Es wird aber nicht ausreichen.

(Beifall von den GRÜNEN)

Ich finde es dramatisch, nach zehn Jahren Debatte im aktuellen „Landwirtschaftlichen Wochenblatt“ einen sehr interessanten Bericht über einen Sauenhalter in Rheda-Wiedenbrück zu lesen, der in seinen Ställen rumprobiert, wie er die Sauen gemeinsam abferkeln lassen und ihnen mehr Bewegungsraum verschaffen kann, damit sie nicht die ganze Zeit im Kastenstand, im Abferkelkäfig bleiben.

Gleichzeitig gibt es etwa Frau Mörixmann, die mit ihrem Aktivstall tolle Sachen gemacht hat. Aber es kann nach einer zehnjährigen Debatte nicht sein, dass uns immer noch diese Pioniere zeigen, wie man es machen könnte, ohne dass wir in der Lage sind, es in der Breite umzusetzen. Da muss deutlich mehr passieren.

(Beifall von den GRÜNEN)

Meiner Meinung nach hat die Strategie des Nichtstuns seitens des Bundeslandwirtschaftsministeriums dazu geführt, dass der Veränderungsdruck in der Landwirtschaft immer größer geworden und von Jahr zu Jahr gestiegen ist. Deshalb haben wir in Nordrhein-Westfalen in der Vergangenheit versucht, den Umbauprozess der Nutztierhaltung mit mehr Geschwindigkeit voranzubringen.

Ich kann heute feststellen, dass uns das nicht gelungen ist. Das haben wir nicht hinbekommen – auch deshalb nicht, weil das Zusammenspiel zwischen Bund und Ländern nicht funktioniert hat. Es gab kein gemeinsames Interesse, hier deutlich mehr Geschwindigkeit hinzubekommen.

Wir haben seit Anfang 2015 einen gut durchdachten Umbauplan. Das ist ein Angebot des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, das wir nutzen müssen. Im Plan steht ziemlich genau, wie man das machen könnte. Klar ist, dass wir eine Menge Geld brauchen. Auch das ist genau berechnet.

Frau Ministerin, ich finde gut, dass Sie das Gutachten begrüßt haben, denn es gibt uns gute Empfehlungen. Ich verstehe jedoch Folgendes nicht: In der Ausschusssitzung haben Sie gesagt, dass Sie im Rahmen der GAP/Verteilung der Agrargelder nichts ändern wollen. Das solle so bleiben, wie es ist.

(Ministerin Christina Schulze Föcking: Das habe ich nicht gesagt!)

Das Gutachten zeigt uns aber ganz deutlich, dass wir im Interesse der nordrhein-westfälischen Landwirtschaft verändern müssen,

(Lebhafter Beifall von den GRÜNEN)

damit wir zu einer Umschichtung der Agrargelder weg von der Fläche hin zum Umbau der Tierhaltung kommen. Jeder dritte Schweinehalter in Deutschland hat seinen Sitz in Nordrhein-Westfalen. Ein Viertel der Schweine in Deutschland gibt es in Nordrhein-Westfalen. Das liegt also in unserem ureigenen Interesse. Warum verkämpfen wir uns für die flächenstarken Betriebe in Ostdeutschland? Wir müssen doch die Interessen unserer Betriebe wahren und dafür streiten, dass die Gelder jetzt für den Umbau genutzt werden.

(Beifall von den GRÜNEN)

Aus meiner Sicht brauchen wir endlich – das ist auch im Gespräch – eine nationale Nutztierstrategie. Aber ich setze das Wort „ambitioniert“ davor. Wir brauchen eine ambitionierte nationale Nutztierstrategie, um zu erfüllen, was ich am Anfang gesagt habe und um endlich 20 Jahre in die Zukunft zu schauen. Wir sollten nicht überlegen, mit welchem Stall man morgen über die Runden kommt, sondern fragen, welchen Stall die Gesellschaft in 20 Jahren noch akzeptiert. Den müssen wir heute planen, soweit man das kann. Den Blick weit nach vorne zu richten, ist unsere derzeitige Aufgabe. Ich fordere Sie auf, sich dafür ambitioniert einzusetzen, insbesondere gegenüber dem Bundeslandwirtschaftsministerium.

(Beifall von den GRÜNEN)

Wir alle wissen, dass der Umbau gerade für mittlere und kleine Betriebe eine riesige Herausforderung ist. Diese stehen sowieso mit dem Rücken zur Wand und fragen sich oft: Mache ich überhaupt weiter?

Das Folgende ist mir persönlich besonders wichtig, und wir fordern Sie dazu auf, Förderprogramme so zu konzipieren, dass sie auch von Kleinbetrieben abgerufen werden können – und nicht nur von Betrieben, die 500.000 € oder 750.000 € investieren wollen. Denn auch kleinere Maßnahmen sollten zukünftig möglich werden.

Am Ende brauchen wir – ich fand interessant, dass sich das Bundeskartellamt dazu geäußert hat – verpflichtende klare Kennzeichnungen. Das Bundeskartellamt hat das von der Initiative Tierwohl jetzt eingefordert. Das ist ein guter Hinweis: Es ist an der Zeit, das endlich zu machen. – Das brauchen wir, damit die Produkte – sie werden teurer sein – für die Konsumenten bei der Kaufentscheidung erkennbar sein werden.

Ich glaube, dass wir alle die Tierhaltung in Nordrhein-Westfalen behalten wollen. Wir wollen eine zukunftsfähige Tierhaltung. Daher möchte ich Sie alle bitten, unserem Antrag zu folgen und ihm zuzustimmen. – Vielen Dank.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Präsident André Kuper: Vielen Dank, Herr Rüße. – Ich darf jetzt für die CDU zu seiner Jungfernrede Herrn Korth das Wort erteilen. Bitte sehr.

Wilhelm Korth (CDU): Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Als Mensch, der lange in der Landwirtschaft beschäftigt war, blicke ich natürlich mit ganz besonderem Augenmerk auf den Antrag der Grünen. Ich kann hierzu nur sagen: Hört! Hört!

Leider bin ich arg enttäuscht. Denn darin wird gesagt, wir in Nordrhein-Westfalen befänden uns nicht auf dem legalen Stand der Nutztierhaltung – das ergibt sich aus der Überschrift Ihres Antrags.

Der uns vorliegende Antrag der Grünen entbehrt jeglicher ökonomischer Vernunft und geht mittels Ökopopulismus mit einer ganzen Berufsgruppe zu hart ins Gericht. Für jeden vernünftigen Schweinehalter, sehr verehrte Damen und Herren, ist dies ein provozierender Schlag ins Gesicht.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Einer der Gründe, weshalb ich mich politisch engagiere und heute hier stehe, ist, dass ich ideologisch gelenkte Politik ablehne. Die mit dem Antrag verfolgten Ziele sind teilweise gar nicht so schlecht. Es ist ja auch nicht alles schlecht. Man muss natürlich miteinander reden; das ist überhaupt kein Thema. Aber auch hier, liebe Kolleginnen und Kollegen, macht wie immer im Leben der Ton die Musik, und dieser Ton stimmt hierbei überhaupt nicht.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Sie unterstellen, jeder, der Tiere konventionell hält, sei ein potenzieller Tierquäler und Umweltsünder. Wieder einmal werden ideologische Aussagen verwendet. Wieder einmal wird auf einem hochangesehenen Berufsstand herumgehauen. Aus einer repräsentativen Emnid-Untersuchung zum Image der Landwirtschaft aus dem Jahr 2017 geht hervor, dass der landwirtschaftliche Beruf als einer der wichtigsten und zukunftsträchtigsten Berufe gilt. Das verbindet uns im Grunde genommen. Im Ranking steht der Landwirt mittlerweile auf Platz 2. Der Arzt liegt vorne, und der Landwirt liegt ganz knapp vor dem Polizisten.

Ihr Antrag zielt darauf ab, die Landwirtschaft auf den Stand zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts zurückzuwerfen. Befördert wird diese Sichtweise durch häufig immer noch zu unrealistische Bilder in der Lebensmittelwerbung oder bei der Darstellung in Kinder- und Schulbüchern. Umso wichtiger ist eine gute Aufklärung über das, was Landwirtschaft heute wirklich ist, was sie leistet, welche Funktion sie hat und wie sie in der heutigen Zeit arbeitet.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass in den letzten 30 Jahren ständig an der Verbesserung der Haltungsbedingungen gearbeitet worden ist. Wie können Sie dann schreiben, in erster Linie würden die Tiere leiden? Das ist doch sachlich überhaupt nicht begründet.

Das auf Bundesebene praktizierte Prinzip der verbindlichen Freiwilligkeit lässt den Handelnden Spielraum und fördert die Eigeninitiative. Fortschritte in der Tierhaltung werden aber genauso eingefordert. Am Ende möchten doch alle Beteiligten eine flächendeckende Verbesserung beim Tierschutz erreichen.

Wir wollen zusammen mit allen beteiligten Ebenen die Landwirtschaft wieder zukunftssicher machen. Dazu sind alle Marktteilnehmer aufgefordert: die Produzenten, die Verarbeiter sowie der Handel und die Verbraucher. – Letztere haben durch ihr Konsumverhalten einen großen Einfluss auf diesen Prozess. Durch das Einkaufsverhalten jedes Einzelnen – ich sage hier ganz bewusst angesichts der vollbesetzten Ränge: jedes Einzelnen – kann man dafür sorgen, dass am Ende die Produkte gekauft werden, die vernünftig erzeugt worden sind.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hat vor Kurzem seine Nutztierhaltungsstrategie vorgestellt. Dieses Papier stellt ausführlich dar, wie eine zukunftsfähige Nutztierhaltung in Deutschland aussehen müsste und wie die zentralen Herausforderungen in diesem Zusammenhang angegangen werden können. Auf dieser Grundlage sollten wir arbeiten, meine sehr verehrten Damen und Herren.

Nur einer von vielen Bereichen dieser Strategie ist das Anfang 2017 vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft vorgestellte Tierwohllabel. Dieses greift die Wünsche der Verbraucher nach mehr Tierwohl auf und sorgt für mehr Transparenz. Das Label ist kein Selbstzweck, sondern Teil der Tierwohlinitiative des BMEL. Es soll dem Verbrauchervertrauen dienen und die Wertschöpfung für die Tierhaltung verbessern. Laut Umfragen sind Verbraucher durchaus bereit, mehr für die Produkte zu zahlen, wenn die angesprochenen Faktoren erfüllt sind. Der Aufbau eines solchen Labels ist aber ein komplexer Prozess, bei dem viele Aspekte zu berücksichtigen sind. Frühestens 2018 sollen die ersten Betriebe zertifiziert werden.

Die ersten in zehn Eckpunkten zusammengefassten Erfolge bei der Tierwohlinitiative schlagen jetzt schon zu Buche. Dem Label schon heute, Monate vor dem Start im Handel, das Gelingen abzusprechen, ist schlicht unverschämt und nicht konstruktiv.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Noch bevor alle Maßnahmen initiiert und vollständig ausgewertet sind, ist der Bundesbehörde ihre Fähigkeit abgesprochen worden.

Das Ziel der Regierungskoalition ist es, auf Grundlage des wissenschaftlichen Gutachtens die Rahmenbedingungen für nachhaltige, ökonomische und am Tierwohl orientierte Nutztierhaltung speziell in der Schweinehaltung zu evaluieren und auf dieser Basis ein überarbeitetes Konzept für Nordrhein-Westfalen aufzustellen. Hierbei möchte die Koalition aus CDU und FDP alle Akteure befragen und am Evaluierungsprozess beteiligen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen der Grünen – leider sind im Moment nicht so viele da –,

(Beifall von der CDU)

ich freue mich auf eine sachliche Auseinandersetzung im Fachausschuss. Dort werden wir sehen, inwieweit Sie das Ziel, Bäuerinnen und Bauern auf ihrem Weg zu einer artgerechten Tierhaltung zu unterstützen, ernsthaft verfolgen. – Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Anhaltender Beifall von der CDU)

Präsident André Kuper: Vielen Dank, Herr Korth, und herzlichen Glückwunsch. – Ich darf nun für die SPD der Kollegin Watermann-Krass das Wort erteilen.

(CDU-Abgeordnete gratulieren Wilhelm Korth [CDU] zu seiner ersten Plenarrede.)

Annette Watermann-Krass (SPD): Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Korth lässt sich noch feiern. Ich muss ihm aber direkt etwas entgegnen:

Es ist für unsere Landwirtinnen und Landwirte von großer Wichtigkeit, einen verlässlichen Rahmen zu haben.

(Weitere CDU-Abgeordnete gratulieren Wilhelm Korth [CDU] zu seiner ersten Plenarrede.)

– Herr Korth, vielleicht hören Sie mir eben zu. Vielleicht gibt es Übereinstimmungen.

Ein ordentlicher Rechtsrahmen verhindert keine Investitionen, sondern ermöglicht eine Investition, die für die Zukunft sinnvoll ist.

(Beifall von den GRÜNEN – Vereinzelt Beifall von der SPD)

Wir stellen fest, dass das Thema insgesamt eine hohe Relevanz für die Bevölkerung hat. Die Anzahl der Vegetarier nimmt zu, aber die Deutschen essen pro Kopf immer noch etwa 60 kg Schweinefleisch im Jahr.

(Josef Hovenjürgen [CDU]: Das ist lecker!)

– Ja. – Gleichzeitig sind sie sich darüber im Klaren, dass die intensive Tierhaltung weder den Tieren noch der Umwelt guttut, und wünschen sich mehrheitlich eine Veränderung. Das ist feststellbar.

Ich habe eine forsa-Umfrage des BUND gesehen, die diese Thesen untersucht hat. Demnach befürwortet eine große Mehrheit der deutschen Bevölkerung eine grundsätzliche Veränderung bei der Nutztierhaltung. Mehr als zwei Drittel der Befragten, nämlich 73 %, sprechen sich für eine strengere Vorschrift zur artgerechten Haltung von Nutztieren – vor allen Dingen von Schweinen und Hühnern – aus. 82 % der Bundesbürger sind der Ansicht, dass es eine gesetzlich vorgeschriebene Kennzeichnungspflicht für alle tierischen Lebensmittel geben sollte, die zeigt, wie die Tiere gehalten worden sind. Das war eben auch eine Forderung von Norwich Rüße. Sogar 58 % der Befragten sind für ein Verbot von Reserveantibiotika in der Nutztierhaltung, um resistente Keime zu verhindern.

Zum eben schon erwähnten Gutachten „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung“ des Wissenschaftlichen Beirats erlaube ich mir folgende Bemerkung, Herr Korth: Mein Vater ist Landwirt gewesen. Nach dem Krieg gab es den Mansholt-Plan, der besagte: Ihr müsst euch spezialisieren und wachsen. – An diese Maxime halten sich unsere Landwirte bis heute. Das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirates betrifft doch das gleiche Szenario. Wohin soll eine Nutztierhaltung in der Zukunft gehen? Bauern sind gefordert, sich daran zu halten, um, wenn sie investieren, für die Zukunft gut aufgestellt zu sein.

Ich fasse es einmal so zusammen, wie ich den Beitrag des Wissenschaftlichen Beirates lese: Mehr Tierschutz ist notwendig, ist machbar, ist bezahlbar und ist möglich. –

Klar ist aber auch: Diese Entwicklung wird nicht ganz einfach sein. Wir können nicht einfach den Schalter umlegen. Nordrhein-Westfalen ist der Hotspot der Tierhaltung. Es gibt 7,2 Millionen Schweine und über 7.000 Betriebe hier.

(Zuruf von der AfD: Schweine in der Politik!)

Wir stellen natürlich fest: Was ist denn in der Vergangenheit passiert? Gerade mittlere und kleinere Betriebe mussten aufgeben, weil sie sich für die Entwicklung nicht gut aufgestellt sahen.

Die Erwartung der Gesellschaft, Tiere artgerecht zu halten, ist doch spürbar. Deswegen müssen wir doch sehen, was wir tun können.

Die Rahmenbedingungen für die Tierhaltung müssen zeitgemäß umgestaltet werden. Wir müssen darauf hinwirken, dass die erwerbsmäßige Grundlage für die Betriebe wieder gegeben ist und dass das Tierwohl und auch die Ansprüche der Verbraucherinnen und Verbraucher an ein gesundes Produkt zusammengeführt werden. Wir brauchen einen Gesellschaftsvertrag, wie das so schön genannt wird.

Norwich Rüße meinte eben, wir wären gar nicht so richtig vorangekommen. Ich finde, dass wir etwas geschafft haben – das war die Münsteraner Erklärung Anfang des Jahres. Sie schafft eine gute Grundlage. NRW und Niedersachsen wollen damit eine nachhaltigere Tierhaltung auf den Weg bringen.

(Zuruf von Henning Höne [FDP])

Dieser Prozess soll gemeinschaftlich mit der Landwirtschaft gestaltet und erreicht werden.

(Henning Höne [FDP]: In die Erklärung ist die Landwirtschaft aber nicht einbezogen worden! – Zuruf von Norwich Rüße [GRÜNE]: Das stimmt doch gar nicht!)

– Sie ist aber von mehreren unterzeichnet worden.

Wir werden weder landesseitig noch bundesseitig diese Dinge auf den Weg bringen, Herr Korth, ohne einen Verlust zu haben. Das kriegen wir nur hin, wenn wir es verbindlich für ganz Europa machen. Deswegen wird hier auch gesagt: Wir wollen das gemeinsam mit den Niederlanden und Dänemark weiterentwickeln, denn nur dann ist das möglich.

Sie haben auch die Initiative Tierwohl angeführt. Das ist ein guter Anfang, aber finanziell überhaupt nicht ausreichend – das muss uns klar sein –, um einen systematischen Umbau in der Schweinehaltung zu erreichen. Gleiches gilt für das freiwillige staatliche Tierwohllabel, das zwar vorgestellt worden ist, aus dem aber nichts gefolgt ist.

Ich kann daher nur darauf hoffen, dass mit der neuen Regierung – vielleicht mit einem grünen Minister; das wissen wir noch nicht –

(Zuruf von Josef Hovenjürgen [CDU])

gerade in dem Themenbereich etwas vorangebracht wird.

(Henning Höne [FDP]: Die SPD hat sich ja in die Büsche geschlagen! – Zuruf von der AfD: Die sind unter 20 %!)

Wir unterstützen den Antrag der Grünen ausdrücklich, denn er zielt in die richtige Richtung. Wir wollen allerdings von der neuen Regierung, von unserer Umweltministerin hören,

(Josef Hovenjürgen [CDU]: Kennen Sie die schon?)

ob sie diese Forderung aus dem Antrag unterstützt und ob es die Landesregierung schafft, das zeitlich auf die Kette zu bringen.

(Zuruf von der FDP: Können wir nicht mal eins nach dem anderen machen?)

Wird die Nutztierverordnung aus NRW fortgesetzt? Welche Strategien werden Sie auf der nationalen Ebene einfordern? Oder lassen Sie sich vor den Karren der industriellen Schweineproduzenten spannen? Werden Sie dafür kämpfen, dass die vorgesehene Kürzung, wie sie jetzt im Bundeshaushalt sichtbar ist – im Bereich der ELER-Mittel sind immerhin 55 Millionen € gekürzt worden –, zurückgenommen wird? Denn auch bei der Umschichtung, die in Ihrem Koalitionsvertrag steht, frage ich mich, wie Sie die Mittel für mehr Tierschutz aus der zweiten Säule bedienen wollen. Wie sieht die Planung im Bereich der Agrarfördermaßnahmen zur artgerechten Haltung aus? Soll es eine bewusste Förderung auch von kleineren Betrieben geben? Gibt es Maßnahmen zur Reduzierung des Medikamenteneinsatzes in der Tierzucht? Gibt es klare Reduktionsziele, die Sie erreichen wollen?

Im Koalitionsvertrag lese ich nur: Wir wollen neue Forschungsprojekte zum Thema „nachhaltige Nutztierhaltung“. Wir wollen im Bereich der Geflügelpest ein Antibiotikamonitoring initiieren. Will man auf Zeit spielen und noch Jahre auf die Beendigung neuer Forschungsprojekte warten? Oder will man sich jetzt endlich Gedanken machen, wie man das umsetzt?

Wir brauchen nicht nur den Mut, neue Wege zu gehen, sondern wir müssen es vor allem auch in der Praxis umsetzen. Es braucht einen transparenten und kontinuierlichen Dialogprozess zwischen Agrar- und Ernährungswirtschaft, Politik und Gesellschaft, also einen Gesellschaftsvertrag. Damit nämlich würden wir den Wünschen der Bevölkerung, wie ich sie eben vorgetragen habe, nach Veränderung entgegenkommen und gleichzeitig die Existenz der kleinen und mittleren Betriebe sichern.

Ich bin auf Ihre Ausführungen gespannt, Frau Ministerin, und freue mich schon auf die Diskussion im Fachausschuss. – Herzlichen Dank.

(Beifall von der SPD und den GRÜNEN)

Präsident André Kuper: Vielen Dank, Frau Watermann-Krass. – Für die FDP-Fraktion hat der Kollege Diekhoff das Wort. Bitte schön.

Markus Diekhoff (FDP): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Opposition scheint eine feine Sache zu sein, zumindest für die Grünen in NRW. Völlig unbeschwert kann man wirres Zeug fabulieren und vergessen, dass man für zumindest sieben Jahre in der Vergangenheit die Verantwortung getragen hat.

(Beifall von der FDP und der CDU – Widerspruch von den GRÜNEN)

Auch wenn gerade am Mikrofon ein bisschen abgerüstet wurde: Sie müssen Ihren eigenen Antrag mal lesen.

(Mehrdad Mostofizadeh [GRÜNE]: Ein bisschen gutes Benehmen wäre nicht schlecht! – Lachen von der FDP)

– Das kommt vom Richtigen.

In einer Pressemitteilung schon kurz nach Beginn der Legislaturperiode forderten die Grünen, dass die Koalition aus CDU und FDP jetzt gefälligst Tierleid in der Schweinemast wirksam verhindern müsse. Heute liegt ein Antrag vor, dessen Titel unverfroren unterstellt, die Bäuerinnen und Bauern in NRW würden ihre Tiere nicht artgerecht halten, sondern müssten jetzt von den Grünen auf den Weg dahin gebracht werden.

(Beifall von Josef Hovenjürgen [CDU])

Dabei ist die Haltung in NRW selbstverständlich artgemäß, denn sonst würden sich alle Bäuerinnen und Bauern in der Illegalität befinden. Dann hätten Sie mit Ihrem Landwirtschaftsminister sieben Jahre lang zugesehen.

(Norwich Rüße [GRÜNE]: So ein Blödsinn!)

– Doch, selbstverständlich. Das Tierschutzgesetz schreibt doch in § 2 vor, dass alle Tiere artgerecht gehalten werden müssen. Das passiert natürlich auch.

(Zuruf von Norwich Rüße [GRÜNE])

Sieben Jahre Remmel wären dann nach dieser Lesart sieben verlorene Jahre für das Tierwohl in NRW gewesen. Meinen Sie das denn wirklich ernst?

(Beifall von der FDP und der CDU)

Die sieben Jahre waren allerdings sieben verlorene Jahre für die Landwirtschaft, denn das, was Sie hier eben pathetisch aufgebauscht haben, dass Sie nämlich Planungssicherheit für die Landwirtschaft wollen, haben Sie in den letzten sieben Jahren mit Füßen getreten.

Ich fordere Sie daher auch im Sinne der Sache auf – da werde auch ich mich gerne mäßigen –, sich als Opposition nicht aus Bequemlichkeit in diesen ideologischen Schützengräben zu verschanzen, sondern mit uns gemeinsam die Tierhaltung in Nordrhein-Westfalen weiterzuentwickeln,

(Beifall von der FDP und der CDU – Widerspruch von Norwich Rüße [GRÜNE])

und zwar auch auf Basis von Erfolgen, die auf Ihrer Arbeit und Ihren Initiativen gründen. Das kann doch wohl passieren. Das kann man durchaus machen.

Sie aber hängen in Ihrem Antrag weiter grünen Lebenslügen nach, und immer ist die konventionelle – angebliche – Massentierhaltung schuld.

  (Zuruf von Sigrid Beer [GRÜNE])

Das ist doch völlig realitätsfremd.

In der Kantine gibt es heute übrigens Currywurst. Vor mir in der Schlange standen zehn Leute. Drei von ihnen haben „Currywurst Bio“ bestellt und sieben „Currywurst konventionell“. Das ist der Stand der Dinge. Das ist die Realität. Und das ist durchaus akzeptiert.

Jetzt gibt es hier im Haus natürlich nicht mehr so viele Grüne wie früher. Daher wird vielleicht auch weniger Bio-Currywurst verkauft.

(Zuruf von Norwich Rüße [GRÜNE] – Sigrid Beer [GRÜNE]: Ist das peinlich!)

Aber entscheidend ist – und das müssen Sie endlich verstehen –, dass die reine Menge der gehaltenen Schweine keinerlei Rückschlüsse auf die Qualität der Haltung zulässt.

(Beifall von der CDU)

Wenn die Haltungsbedingungen in einer einzelnen Schweinebucht gut sind – ich gehe davon aus, dass es dafür gesetzliche Grundlagen gibt, die Sie in den letzten Jahren wohl auch akzeptiert haben –, dann ist es dem Schwein völlig egal, wie viele Buchten mit Artgenossen es noch gibt.

(Norwich Rüße [GRÜNE]: Hat irgendjemand das thematisiert?)

Schließlich ist es Ihnen im Fünf-Sterne-Hotel ja auch völlig egal, wie viele schöne Zimmer es neben dem Ihrem noch gibt, solange die Gäste nicht in Ihrem Bett schlafen.

(Heiterkeit von der FDP – Beifall von der FDP und der CDU)

Die Haltungsformen haben sich in den letzten Jahren stetig verbessert. Die Landwirte haben ihre Hausaufgaben in weiten Teilen gemacht. Der Antibiotikaeinsatz ist stark rückläufig. Das bestätigte ganz aktuell auch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, das diese Untersuchung zum sechsten Mal durchgeführt und die bundesweiten Kennzahlen zur Therapiehäufigkeit veröffentlich hat.

Vor allem bei Schweinen waren massive Rückgänge festzustellen. Der Bundeslandwirtschaftsminister warnt angesichts der Zahlen sogar schon vor möglichen Mängeln beim Tierschutz; denn kranke Tiere müssen nun mal behandelt werden, und die Therapie sollte den Schweinen nicht aufgrund eines Minimierungskonzepts verweigert werden.

Die Grünen sprechen unterdessen in ihrem Antrag unverdrossen von einem viel zu hohen Einsatz von Medikamenten in der Tierhaltung. Das ist doch kein konstruktiver und sachlicher Beitrag zur Verbesserung der Haltungsbedingungen in Nordrhein-Westfalen. Das ist purer Populismus.

(Beifall von der FDP und der CDU)

Das bestätigen übrigens auch Ihre eigenen Parteifreunde. Ich habe einen spannenden Artikel in der „Rheinischen Post“ vom 5. August dieses Jahres gefunden. Es handelt sich um einen schönen Bericht über den grünen Fraktionsvorsitzenden Frank Hoffmann aus dem selbsternannten Biodorf Rheurdt am Niederrhein. Dieser hat ein Praktikum bei einem konventionellen Schweinemastbetrieb absolviert.

(Josef Hovenjürgen [CDU]: Das ist schon mal gut!)

In der „Rheinischen Post“ wird wie folgt über seine Erfahrungen berichtet – ich zitiere –:

„Sein Urteil nach seinem zweitägigen Praktikum fällt positiv für die konventionelle Schweinemast aus. Den Vorwurf der Tierquälerei, den manche Tierschutzorganisationen erheben, kann er nach seinem Praktikum nicht bestätigen. ,Ich habe kein Tier gesehen, dem es schlecht ging oder das verletzt war. Nur ein Schwein wurde von den anderen gemobbt und musste deshalb separiert werden. Er sei beeindruckt gewesen, wie fürsorglich mit den Tieren umgegangen werde. ,Die werden sehr intensiv betreut.

Des Weiteren sei das, was er auf dem Hof gesehen habe, schon sehr tiergerecht und gut.

(Beifall von der FDP und der CDU)

Meine sehr geehrten Damen und Herren, da scheint ein grüner Politiker verstanden zu haben. Vielleicht sollte die grüne Landtagsfraktion auch einmal ein Praktikum auf einem Bauernhof machen.

(Beifall von der FDP)

Präsident André Kuper: Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Kollegen Rüße?

Markus Diekhoff (FDP): Gerne.

Norwich Rüße (GRÜNE): Vielen Dank, Herr Kollege, dass Sie die Zwischenfrage zulassen.

Ich habe diesen Artikel selbstverständlich auch gelesen.

(Josef Hovenjürgen [CDU]: Aber nicht verstanden!)

Deshalb weiß ich auch, dass er noch ein bisschen länger ist. Sie haben – das können Sie in der Zeit auch nicht schaffen – nicht alles zitiert.

Stimmen Sie mir denn zu, dass derselbe Politiker der Grünen auch gesagt hat, unter den gegenwärtigen Bedingungen würden die Tiere gut gehalten, es seien aber sehr wohl noch Veränderungen notwendig? Das hat er auch gesagt. Das müssen Sie zur Kenntnis nehmen. Stimmen Sie mir zu, dass das auch in dem Artikel erwähnt wird?

(Josef Hovenjürgen [CDU]: Das klingt weniger hysterisch als Ihr Antrag!)

Markus Diekhoff (FDP): Das klingt in der Tat weniger hysterisch. Selbstverständlich steht in dem Artikel auch, dass man das alles noch weiterentwickeln muss. Das habe ich vorhin aber auch schon gesagt, und darin sind wir uns doch alle einig. Es geht doch vielmehr um die Frage der Herangehensweise. Ich kann ja weiterentwickeln – das wollen wir schließlich alle –, aber dafür muss ich doch nicht das, was es bisher gibt, diffamieren und permanent in den Dreck ziehen.

(Beifall von der FDP und der CDU)

Sie sollten sich – Sie kennen einen Bauernhof; das ist mir bekannt; aber scheinbar nur Ihren eigenen – in Ihren Unterstellungen gegenüber der gesamten Branche etwas zurückhalten, solange Sie sie nicht kennen, was offensichtlich der Fall ist.

Das hat der grüne Kollege aus Rheurdt bereits getan, und auch wenn er von „tiergerecht“ und „gut“ spricht – und das sollte ebenfalls Bestandteil meiner Rede sein –, heißt das nicht, dass wir uns in NRW darauf ausruhen möchten. Im Gegenteil: Auch wir wollen besser werden. Aber das soll nicht in Form von Verboten, Vorverurteilungen und Diffamierungen geschehen. Vielmehr geht es darum, dies durch Zusammenarbeit und im Dialog

(Beifall von der FDP und der CDU – Josef Hovenjürgen [CDU]: Genau so ist es!)

mit den Landwirten, aber auch gleichberechtigt mit seriösen – das ist ein wichtiger Punkt – Tierschützern

(Zuruf von der AfD: Gibt es die?)

und natürlich auch mit den Verbrauchern sowie dem Lebensmitteleinzelhandel lösungsorientiert und zielgerichtet zu erreichen. – Vielen Dank.

(Beifall von der FDP und der CDU)

Präsident André Kuper: Vielen Dank, Herr Diekhoff. – Für die AfD hat Herr Dr. Blex das Wort.

Dr. Christian Blex (AfD): Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Abgeordnete! Man bekommt fast Hunger auf eine Currywurst – Herr Diekhoff hat es gerade erwähnt –, wenn man so viel über Schweinefleisch redet.

Aber wie betriebsblind müssen eigentlich die Politiker Ihrer Parteien sein, dass sie immer noch nicht einsehen, dass die ganze Agrarpolitik zu einem riesigen Pulverfass geworden ist, dessen Lunte bereits gezündet wurde! Vom bequemen Plenarsessel aus wird dem stillen und qualvollen Massensterben der deutschen Agrarindustrie tatenlos zugesehen und mit dem Finger nach Brüssel gezeigt.

Fakt ist, dass die deutschen Landwirte aufgrund des EU-Binnenmarktes einem extremen Wettbewerbsdruck unterliegen. Die offenen Grenzen zwischen den EU-Ländern und die Abschaffung der Zölle führen dazu, dass unsere Landwirte den billigen Importen aus dem EU-Ausland schutzlos ausgeliefert sind.

Unseren Landwirten ist nicht mehr vermittelbar, warum mit deutschen Steuergeldern die osteuropäische Landwirtschaft massiv gefördert wird, während deren billige Exporte den schon gesättigten deutschen Markt ruinieren.

(Beifall von der AfD)

Die Deutschen schaufeln sich mit der bisherigen EU-Agrarpolitik ihr eigenes Grab. Und wo bleibt die Kritik? Ich kann in dem Antrag der Grünen keine Kritik an der EU-Agrarpolitik erkennen. Nichts. Nada. Niente. Stattdessen singen die GrünInnen ein Loblied auf die EU und fordern eine neue Qualitätsoffensive für die deutschen Landwirte. Ihr Antrag ist nichts anderes als Bevormundung und Regelungswahn unter dem Deckmantel des Verbraucherschutzes.

(Beifall von der AfD – Norwich Rüße [GRÜNE]: Tierschutz!)

Was Sie wollen, wird in einem Satz deutlich – Zitat –:

„Weitreichende Veränderungen der Schweinehaltung sind deshalb zwingend erforderlich, wenn die Akzeptanz für die landwirtschaftliche Tierhaltung wieder hergestellt und das Ansehen der gesamten Landwirtschaft erhalten werden soll.“

Meine Damen und Herren, die GrünInnen sorgen sich nicht um die Landwirte – sie sorgen sich ausschließlich um die Akzeptanz bei den grünen Besserverdienenden. Ich finde keine Passage in Ihrem Antragstext, wo Sie den Dialog mit den Landwirten suchen.

(Beifall von der AfD)

Wie schon beim Jagd- und Naturgesetz machen Sie wieder Politik über die Köpfe der Betroffenen hinweg. Statt den Druck von den Landwirten zu nehmen, die immer häufiger vor der Aufgabe ihrer Betriebe stehen, reiht sich in Ihrem Antrag nahtlos Vorwurf an Vorwurf. Das ist, mit Verlaub, eine Riesensauerei.

(Beifall von der AfD)

Landwirte würden eine enorme Belastung für die Umwelt und die menschliche Gesundheit verursachen, würden grundlos zu viel Medikamente einsetzen und werden verantwortlich gemacht für die hohen Nitratwerte und für die Verhaltensstörungen von Schweinen. Ja, Sie beschweren sich auch bei den Landwirten, sie würden den Schweinen zu wenig Spielzeug geben. Sie stigmatisieren Schweinehalter als gefühlskalte Vollstrecker eines landwirtschaftlich-industriellen Komplexes.

Von Abschnitt zu Abschnitt lese ich vom angeblichen gesellschaftlichen Wunsch und Rückhalt. Meine absolute Lieblingsfloskel ist dabei: Der Agrarwandel sei gesellschaftlich beschlossen worden.

Liebe GrünInnen, Sie mögen in Ihrer eigenen Welt leben, aber von dem, was Sie behaupten, ist gesellschaftlich nichts beschlossen worden.

(Beifall von der AfD)

Ihr Narrativ ist die Verwendung der Begrifflichkeit „Gesellschaftliche Erwartung“. Sie verwenden dies als Legitimationsgrundlage für alles: vom kopflosen Ausstieg aus der Kernkraft bis hin zum Sex mit Minderjährigen.

(Zuruf von der CDU: Oh! – Michael Hübner [SPD]: Unterirdisch!)

– Das ist Fakt bei den Grünen.

Die Agrarpolitik ist zu wichtig, um das Bundeslandwirtschaftsministerium den Grünen zu überlassen. Übrigens, an dem Tag, an dem Anton Hofreiter Bundesminister für Landwirtschaft wird, wird auch dem letzten Landwirt klar geworden sein, dass seine Stimme bei der AfD besser aufgehoben ist.

(Beifall von der AfD)

Wie allerdings die CDU auf die Idee kommt, für Frau Merkel die Landwirte zu opfern, das wird ein weiteres ungelöstes Rätsel bleiben.

Zu den GrünInnen und zu der SPD: Seien Sie doch ehrlich. Wenn alle Landwirte auf Öko umsteigen, wird, wie immer, alles teurer. Diese Art der Zwangsanpassung nimmt auch die Entscheidungsfreiheit der Verbraucher. Wer für die ökologische Landwirtschaft ist, der kann sich doch heute schon im Supermarkt für die Bio-Karotten aus Israel entscheiden, statt für die heimischen Karotten aus der deutschen konventionellen Landwirtschaft. Über die Ökobilanz wollen wir da besser nicht sprechen.

(Beifall von der AfD)

Beim Fleisch sind sich die führenden Experten einig. Bio-Fleisch ist nicht gesünder als konventionelles Fleisch. Es enthält weder mehr Nährstoffe noch sind diese qualitativ hochwertiger. Ein Blick auf die Umweltkosten zeigt: Deutsche Landwirte zahlen bereits heute schon 315 € pro Hektar. Davon schlagen 92 € pro Hektar alleine für die EU-Wasserrahmenrichtlinie zu Buche. Das bedeutet, dass sich die Kosten schon jetzt im Vergleich zum Nicht-EU-Ausland erheblich zu Ungunsten der deutschen Landwirte entwickelt haben.

In Deutschland betragen die Umweltkosten bei Schweinefleisch 154 € pro Tonne Schlachtgewicht, in den USA dagegen nur 70 Cent pro Tonne Schlachtgewicht. Um es klarzustellen: Wir wollen nicht unsere deutschen Standards auf das US-amerikanische Niveau senken; weiteren Umweltvorschriften, wie sie die GrünInnen fordern, ist jedoch eine klare Absage zu erteilen.

(Beifall von der AfD)

Wir freuen uns auf die Debatte im Umweltausschuss. – Danke schön.

(Beifall von der AfD)

Präsident André Kuper: Danke, Herr Dr. Blex. – Nun hat für die Landesregierung Frau Ministerin Schulze Föcking das Wort.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Tierhaltung ist ein ganz besonderer, wichtiger Teil unserer heimischen Landwirtschaft.

25.000 landwirtschaftliche Betriebe in Nordrhein-Westfalen halten auch Tiere. Die tierhaltenden Bäuerinnen und Bauern tragen eine große Verantwortung für ihre Höfe. Wenn wir die gesellschaftliche Akzeptanz für die Nutztierhaltung in Deutschland erhalten wollen, müssen wir das Tierwohl kontinuierlich verbessern. Das machen die Landwirte auch; Sie machen sich mit auf den Weg.

Herr Rüße, Sie haben schon einige genannt. Mein Dank geht an die vielen Landwirtinnen und Landwirte und ihre Familien im Land, die sich tagtäglich rund um die Uhr um die Tiere kümmern und dafür sorgen, dass wir mit gesunden Nahrungsmitteln versorgt werden. Ich betone: Mir ist es dabei egal, ob es Biobetriebe oder konventionell ausgerichtete Betriebe sind. Wir müssen diesen Graben endlich schließen – sie alle sind Landwirte.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Bei der Tierhaltung dürfen wir neben den ethischen auch die ökonomischen Aspekte nicht vergessen, die für die Berufsausübung unserer Landwirte entscheidend sind. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft zeigt sich überdurchschnittlich stark bei den Nutztierhaltern. Seit dem Jahr 2010 nahm deren Zahl laut amtlicher Statistik um insgesamt 11,1 % ab. Gerade deshalb brauchen wir praxistaugliche und ökonomisch tragfähige Lösungen. Die zahlreichen Praxis- und Demonstrationsvorhaben, aber auch die Tierwohlinitiativen der Politik und der Wirtschaft beschreiben beispielhaft den Weg.

Letztlich müssen wir uns aber einen Punkt vergegenwärtigen: Höhere Ansprüche an Haltungsstandards verursachen höhere Kosten, die die Landwirte nicht alleine tragen können.

(Beifall von Norwich Rüße [GRÜNE])

Frau Watermann-Krass, da hilft nicht allein ein ordentlicher Rechtsrahmen. Den haben wir im Übrigen schon heute. Ohne die Verbraucher und deren Bereitschaft, künftig mehr für Lebensmittel zu bezahlen, werden keine weitreichenden Verbesserungen möglich sein. Deshalb müssen wir sie mit in die Pflicht nehmen.

(Beifall von der CDU und der FDP )

Aus diesem Grund muss auch insbesondere der Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland bei den Maßnahmen für mehr Tierwohl mitziehen. Ich habe da schon die ersten Gespräche geführt. Wir können angesichts der vielfältigen Probleme, die den Bäuerinnen und Bauern tagtäglich begegnen, nur für Reformen eintreten, die zum einen das Tierwohl fördern, zum anderen aber auch die berechtigten Belange gerade der kleineren und mittleren Familienbetriebe nicht aus den Augen verlieren.

Genau in diesem Sinne wollen wir als NRW-Koalition eine Atmosphäre des konstruktiven Dialogs fördern, den wir angesichts der vielfältigen Herausforderungen dringend brauchen.

Wir wollen den konstruktiven Dialog mit den Landwirtschaftsverbänden sowie mit den Tierschutzverbänden fortsetzen und auf deren Expertise bei der Weiterentwicklung einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung nicht verzichten. Wir reden miteinander und nicht übereinander, so wie es in der Vergangenheit allzu häufig passierte.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Die Landesregierung hält es anstelle einer punktuellen Auflistung von aneinandergereihten Einzelaspekten, wie es die antragstellende Fraktion macht, insgesamt für zielführender, einen in sich schlüssigen Aktionsplan zu erarbeiten. Grundlage hierfür sollte unter anderem das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundeslandwirtschaftsministerium vom März 2015 und das jüngst vom BMEL vorgelegte Papier „Nutztierhaltungsstrategie“ sein, das auch in Ihrem Antrag zitiert wird.

Dieses wissenschaftliche Gutachten mit dem Titel „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung“ ist kein Schnellschuss, sondern das Ergebnis eines langen Diskussionsprozesses von einem Konsortium namhafter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland. Es spiegelt sehr anschaulich wider, dass man sich mit dieser Thematik umfassend und intensiv auseinandergesetzt hat.

Daher gilt für mich die Politik unserer NRW-Koalition: Wir werden keine Schnellschüsse unternehmen und willkürlich einzelne Bestandteile des Gutachtens in die Umsetzung bringen.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Ich bin auch der Meinung, dass wir das Rad nicht neu zu erfinden brauchen. Es geht hier um die Weiterentwicklung der Nutztierhaltung. Es kommt also darauf an, das vorgenannte Gutachten, aber ebenso auch das Strategiepapier des BMEL genau zu analysieren, um so die Zielvorgaben im Sinne eines in sich schlüssigen Gesamtkonzepts für Nordrhein-Westfalen zu definieren.

Wir werden dazu eine Roadmap mit konkreten Meilensteinen erarbeiten und Ihnen diese im ersten Quartal 2018 vorstellen. Dann können wir gemeinsam darüber diskutieren. Ich würde mir wünschen, dass wir diese Konzeption zuerst einmal abwarten und dann in Gänze diskutieren.

Auch wenn ich den Antrag in einigen Punkten für eine gute Diskussionsgrundlage halte, Herr Rüße, an die sich die weiteren fachpolitischen Gespräche anschließen können, so muss ich aber auch sagen: Dieser Antrag enthält eine Vielzahl von Aspekten, zu denen die Landesregierung eine abweichende oder zumindest eine differenziertere Position einnimmt. Lassen Sie mich dies an einigen Beispielen verdeutlichen.

Zunächst geht es um die Forderung nach einer verpflichtenden Kennzeichnung der Haltungsbedingungen auf Lebensmitteln tierischer Herkunft. Eine derart plakative und uneingeschränkte Forderung halten wir nicht für zweckmäßig und auch nicht für zielführend. Um es deutlich zu sagen: Ich glaube, es kommt nicht darauf an, ob es ein großer oder ein kleiner Stall ist, sondern es geht darum, wie die Tiere gehalten werden. Da kann man das nicht einfach plakativ so sagen.

(Beifall von der CDU)

Problematisch ist auch die Forderung nach freier Abferkelung im Sauenbereich. Hierzu hat vor Kurzem – das war Mitte August – im Bundeslandwirtschaftsministerium eigens eine Expertenanhörung auf hochrangiger Ebene stattgefunden. Selbst der Experte aus Österreich, wo die freie Abferkelung bereits ab dem Jahr 2030 eingeführt werden soll, hat deutlich gemacht, dass eine Umstellung nicht so einfach möglich ist, und dass vielmehr noch erheblicher Forschungs- und Handlungsbedarf besteht.

Diesen Handlungs- und Forschungsbedarf sehe ich auch in vielen anderen Bereichen. Deshalb ist es wichtig, dass wir die Forschung noch einmal intensiven, damit wir unsere Landwirte am Ende nicht im Regen stehen lassen.

Differenziert sehe ich im vorliegenden Antrag auch die pauschale Forderung nach einem Umbau der Strukturen im Rahmen des Agrarförderprogramms zugunsten kleinerer Betriebe. Diese Forderung ist mir zu allgemein und zu undifferenziert. Ich würde mir wünschen, dass wir das Ganze stärker konkretisieren und darüber diskutieren. Wir hingegen vertreten die Auffassung, dass das Tierwohl immer nur am konkreten Stall und nicht über eine generelle Definition der Bestandsgröße zu beurteilen ist.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Falsch ist auch die Forderung im Antrag nach – Zitat – europaweit einheitlichen Haltungsstandards für Schweine, und zwar ganz schlicht deshalb, weil diese bereits existieren. Ich verweise hierzu auf die Tierschutzrichtlinie 2008/120/EG, die in dem Antrag sogar angeführt wird.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, eine zukunftsfähige Tierhaltung muss das Tierwohl gewährleisten, wettbewerbsfähig sein und ohne nachhaltige Umweltschädigung betrieben werden können. Eine solche Tierhaltung findet gesellschaftliche Akzeptanz. Konzepte und Strategien liegen vor. Sie müssen nun in die Tat umgesetzt werden. Ich bin zuversichtlich, dass uns dies gelingen wird; denn Tierwohl und moderne Nutztierhaltung sind kein Widerspruch.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Treten wir gemeinsam dafür ein, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die ländlichen Regionen mit wettbewerbsfähigen, modernen landwirtschaftlichen Betrieben lebens- und liebenswert bleiben. Ich würde mich freuen – deshalb ist es gut, dass wir im Ausschuss weiter debattieren und beraten werden –, wenn Sie mich auf dem Weg dahin unterstützen würden. Sie sind dazu auf jeden Fall herzlich eingeladen.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Präsident André Kuper: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Für die CDU erteile ich Herrn Hovenjürgen das Wort. Bitte.

(Zuruf von Mehrdad Mostofizadeh [GRÜNE])

Josef Hovenjürgen (CDU): Herr Präsident, meine Damen und Herren! Liebe Frau Ministerin, herzlichen Dank dafür, dass Sie deutlich gemacht haben, wo der Unterschied zwischen der Politik der NRW-Koalition und der Vorgängerregierung liegt. Wir sprechen mit den Betroffenen in der Landwirtschaft und nicht über sie, und wir suchen mit ihnen nach Wegen und schreiben ihnen nicht Dinge vor, die man fachfremd entschieden hat. Insofern sind wir sicherlich auf dem richtigen Weg. Herzlichen Dank dafür, Frau Ministerin.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Lieber Herr Rüße, Sie waren zwar in der Sprache moderat, aber Ihr Antrag ist es nicht.

(Zuruf von Norwich Rüße [GRÜNE])

Die Vorwurfssituation, die Sie dort kreieren, und mit der Sie immer wieder versuchen, einen Keil zwischen biologisch wirtschaftenden Betrieben und konventionell wirtschaftenden Betrieben zu treiben, finden Sie in unserer Politik nicht. Ich kenne keinen tierhaltenden Landwirt, der nicht an dem Wohl seiner Tiere interessiert ist, und zwar nicht nur aus ethischen Gründen, sondern natürlich auch deshalb, weil davon der wirtschaftliche Erfolg seines Betriebs abhängt, lieber Herr Rüße.

Beides gehört zusammen: die Ethik und der wirtschaftliche Erfolg in Kombination mit dem Tierwohl. Ich glaube, da sind die Landwirte sehr, sehr verantwortlich unterwegs. Das sollten Sie endlich einmal zur Kenntnis nehmen und akzeptieren.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Präsident André Kuper: Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten Rüße?

Josef Hovenjürgen (CDU): Natürlich. Von Herrn Rüße gestatte ich immer Zwischenfragen. Ich freue mich förmlich darauf.

Norwich Rüße (GRÜNE): Vielen Dank. Ich freue mich, dass Sie sich freuen.

Ich möchte Sie fragen, wo Sie in dem Antrag einen Verweis darauf finden, dass wir zwischen Ökolandbau und konventionellem Landbau in der Tierhaltung unterscheiden. Wo finden Sie einen Verweis darauf, dass wir sagen: „Große Tierhaltung schlecht, kleine Tierhaltung gut“? Wo finden Sie das in dem Antrag?

Josef Hovenjürgen (CDU): Ich betrachte ...

Norwich Rüße (GRÜNE): Oder ist es so ...

Josef Hovenjürgen (CDU): Das ist jetzt die zweite Frage.

Norwich Rüße (GRÜNE): Ja, genau. Ach, beantworten Sie einfach die Frage.

Josef Hovenjürgen (CDU): Herr Rüße, ich hatte Ihnen immer die Fähigkeit zugebilligt, auch zwischen den Zeilen lesen zu können, und da steht eine Menge in Ihrem Antrag.

(Zuruf von den GRÜNEN: Oh!)

Schauen Sie noch mal hin.

(Beifall von der CDU – Zuruf von Norwich Rüße [GRÜNE])

Also, noch einmal dieser Hinweis, lieber Herr Rüße: Wir unterscheiden hier nicht, sondern wir unterstützen die Landwirtschaft in Nordrhein-Westfalen insgesamt.

(Zuruf von Norwich Rüße [GRÜNE])

Im Übrigen werden die Kunden entscheiden, wie sich die Landwirtschaft zukünftig entwickeln wird. Das, was Sie in Ihrer Rede anführen – zum Beispiel der Hinweis, dass bei Umfragen klar und deutlich würde, dass letztendlich die biologisch wirtschaftende Seite der Landwirtschaft von den Menschen bevorzugt würde –, ist der eine Hinweis, lieber Herr Rüße.

(Norwich Rüße [GRÜNE]: Das habe ich gar nicht gesagt!)

– Sie können gerne ein bisschen ruhiger werden. Das ist besser für den Blutdruck und für das Gesamtbefinden.

(Norwich Rüße [GRÜNE]: Sie könnten besser zuhören!)

Im Übrigen, lieber Herr Rüße, müssen wir auf der anderen Seite erkennen, dass das Konsumverhalten allerdings eine andere Sprache spricht. Das müssen wir schon gemeinsam zur Kenntnis nehmen.

Wie gesagt: Wir sollten einfach damit aufhören, Landwirten permanent zu unterstellen, dass sie Boden und Wasser verunreinigen, und so letztlich das Tierwohl infrage stellen.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Das tun sie nicht.

Ich kann Ihnen auch sagen: Nie sind mehr Betriebe und Kleinbetriebe vom Markt verschwunden als während der Amtszeit von Johannes Remmel,

(Beifall von Bodo Löttgen [CDU])

weil er ihnen mit seinen überzogenen Forderungen und mit seinen Vorschriften die Wirtschaftsfähigkeit entzogen und somit die Grundlage für ihre Existenz kaputt gemacht hat.

(Zuruf von Norwich Rüße [GRÜNE])

Das ist rot-grüne Politik. Das Sterben von kleineren Betrieben – das haben Sie zu verantworten. Das müssen Sie sich einmal hinter die Ohren schreiben.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Frau Watermann-Krass, ich komme zu dem, was Sie in den Vordergrund stellen: ein Rechtsrahmen würde gebraucht etc. Noch einmal: Ställe, die bei uns genehmigt werden, entsprechen den aktuellen Vorschriften.

(Zuruf von Annette Watermann-Krass [SPD])

Diese aktuellen Vorschriften werden eingehalten, und damit läuft alles korrekt und konsequent.

Im Zusammenhang mit der Gewinnung von neuen Erkenntnissen bitte ich alle hier im Hause, die von Landwirtschaft ein wenig Ahnung haben, sich einmal zu vergegenwärtigen: Wie sah Tierhaltung vor 30 oder vor 15 Jahren aus, und wie sieht sie heute aus? All diejenigen, die jetzt kritisieren, sollten die erheblichen Verbesserungen, die auf diesem Gebiet erreicht worden sind, zur Kenntnis nehmen und sagen: Ja, da ist eine Menge passiert und geleistet worden. Den Tieren geht es heute deutlich besser als früher.

(Vereinzelt Beifall von der CDU)

Was passieren kann, wenn man das Tierwohl mit Vorschriften verbessern will, aber trotzdem wirtschaftliches Handeln gilt, haben wir doch in der Legehennenhaltung erlebt. Wir haben die Rahmenbedingungen für die Haltungsbedingungen so verbessert, dass man sagen kann: Ja, das entspricht dem Tierwohl.

(Zuruf von Norwich Rüße [GRÜNE])

Große Produzenten sind daraufhin ins Ausland gegangen. Dort haben sie unter schlechteren Tierwohlbedingungen Eier erzeugt und damit dem Tierwohl nicht entsprochen. Wir haben hier zwar unser Gewissen beruhigt, aber wenn wir das Tierwohl insgesamt sehen – global, wenn Sie so wollen –, haben wir für das Tierwohl nichts erreicht.

Deswegen noch einmal: Solche Verbesserungen und Veränderungen müssen wir mit Augenmaß und im Dialog mit denen durchführen, die vor Ort von der Landwirtschaft leben. Das muss gemeinsam mit ihnen erörtert und erarbeitet werden. Das ist übrigens etwas, was in den letzten sieben Jahren nicht stattgefunden hat. Diktat statt Dialog – das war die Maxime Ihrer Regierung.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Insofern kann ich Ihnen noch mal sagen: Die Union steht an der Seite derer, die in einer am Tierwohl orientierten Landwirtschaft agieren. Das ist die überwiegende Zahl aller Landwirtinnen und Landwirte, die im ländlichen Raum Tierhaltung, Ackerbau betreiben. Sie haben unser Vertrauen, und wir wissen, dass wir im Dialog mit ihnen eine Menge für unsere Landwirtschaft erreichen können.

In Richtung von Herrn Blex sei gesagt: Wer aus Deutschland eine Insel machen will, wer den Weltmarkt und Europa verteufelt, der wird wissen, dass man auf einer Insel wenig Markt findet, um das, was man hier an Arbeitsplätzen hat, erhalten zu können. Sie sind Separatist. Sie sind kein Europäer, Sie sind kein Weltbürger.

(Zuruf von Dr. Christian Blex [AfD])

Insofern kann ich Ihnen nur sagen: Sie fahren Deutschland vor die Wand, Sie fahren Deutschland ins Gestern. Wir orientieren uns an der Zukunft. Alle sind – wie die Ministerin schon gesagt hat – herzlich eingeladen, an der Zukunft einer Landwirtschaft mitzuwirken, die am Tierwohl und am Umweltschutz orientiert unser Land weiterentwickelt und für gesunde Nahrungsmittel sorgt.

Da ist die NRW-Koalition auf einem guten Weg. Wir haben da volles Vertrauen. Deswegen freuen wir uns auf die Beratungen im Ausschuss. Herr Rüße, wenn Sie dann in die Realität zurückkommen

(Zuruf von Norwich Rüße [GRÜNE])

und die aktive Landwirtschaft so nehmen, wie sie ist, nämlich an täglichen Verbesserungen interessiert, dann werden wir auch einen gemeinsamen Weg finden. – Herzlichen Dank.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Präsident André Kuper: Vielen Dank, Herr Hovenjürgen. – Für die SPD hat nun Herr Stinka das Wort.

André Stinka (SPD): Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich finde es interessant, dass zwischen der Ministerin und den regierungstragenden Fraktionen ein deutlicher Unterschied besteht. Denn wenn wir richtig hingehört haben, haben wir vernommen, dass die Ministerin den Gegensatz zwischen konventioneller und biologischer Landwirtschaft als Quatsch dargestellt hat.

(Zuruf von Ministerin Christina Schulze Föcking)

Von den beiden Vorrednern – Herr Korth und der Vertreter der FDP – ist genau diese große Lücke wieder aufgemacht worden. Es ist schon interessant, dass das passiert ist. Sie sind wirklich total berechenbar.

(Zuruf von Bodo Löttgen [CDU])

Ich habe mit meinem Referenten über die Rede gesprochen. Wir wussten genau, dass dieses altmodische Bild von Ihnen wieder aufgezeichnet wird. Wir wussten es genau; auf dem Schmierzettel ist es gleich der erste Satz.

Die Ministerin ist da einen Schritt weiter. Sie hat nämlich als Grundlage das wissenschaftliche Gutachten des Beirats erwähnt, und in dem wird überhaupt keine Unterscheidung

(Ministerin Christina Schulze Föcking: Stimmt nicht!)

zwischen konventioneller und biologischer Landwirtschaft getroffen.

Präsident André Kuper: Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage?

André Stinka (SPD): Deswegen, meine Damen und Herren, sehen wir hier deutliche Unterschiede, wie Sie hier die Zukunft des Landes gestalten.

Präsident André Kuper: Herr Kollege Stinka, gestatten Sie eine Zwischenfrage?

André Stinka (SPD): Nein.

(Zuruf von Bodo Löttgen [CDU])

Wenn die Ministerin davon spricht, dass keine Schnellschüsse entstehen sollten, dann ist das richtig. Aber man muss den Antragstellern sowie allen, die daran interessiert sind, dass die Landwirtschaft langfristig auf eine Akzeptanz stößt, doch vorhalten, dass seit 2015 dieser Bericht vorliegt.

(Zuruf von Ministerin Christina Schulze Föcking)

Wenn Herr Hovenjürgen hier vom Höfesterben unter Johannes Remmel spricht, dann können wir uns in den Diskussionen über die Zukunft auch darüber ergehen, wie viele Höfe schon unter CSU- und CDU-Landwirtschaftsministern gestorben sind. Das hilft uns allen aber nicht weiter.

Wir wissen doch alle, dass von diesen Preisen – meine Mitarbeiterin hat mir für die Rede aufgeschrieben: Minutensteaks, 400 Gramm für 2 € – kein Mensch leben kann. Das ist doch allen klar. Das Problem besteht darin, dass wir darüber reden müssen. Der Dialog, den Sie angesprochen haben, muss letztendlich dahin führen, dass Entscheidungen gefällt werden.

Ich bin gespannt darauf, wie der Vertreter der FDP mit den Verbrauchern und mit den Ladenbesitzern darüber sprechen möchte, dass dort die Preise angehoben werden.

(Zuruf von Henning Höne [FDP])

Ich bin wirklich gespannt, wie der FDP-Mann dieser neoliberalen Koalition in diese Preisgestaltung eingreifen will.

(Beifall von der SPD – Unruhe von der CDU und der FDP)

– Ja, natürlich, Generalsekretär.

Wissen Sie, Herr Diekhoff, wenn hier so viel Wirrwarr gesprochen wird, mit dem Sie eingestiegen sind, dann müssen Sie sich nicht wundern, dass hier in dieser Debatte darauf so geantwortet wird.

Wenn es darum geht – und letztendlich muss es dem Agrarland Nordrhein-Westfalen verständlicherweise darum gehen –, dass wir hier die Zukunft für die Landwirte organisieren wollen, dann ist – und das ist besonders zu begrüßen, Frau Schulze Föcking – ein klarer Zeitplan richtig und wichtig, weil nämlich die Betroffenen, die Verbraucherinnen und Verbraucher, die Landwirte und die Politik gemeinsam miteinander reden müssen. Sie können sich mit diesem Reden nicht hinausreden, weil Sie letztendlich die Entscheidung treffen müssen, in welche Richtung Sie gehen wollen.

Wenn man sich die Agrarförderung anschaut und Sie von der zweiten Säule hier gesprochen haben, Frau Schulze Föcking, und Sie dort keine Veränderung vornehmen wollen, dann müssen Sie in der Dialogveranstaltung den Menschen ganz klar erklären, in welche Richtung diese landwirtschaftlichen Fragen gehen sollen. Dann müssen Sie den Menschen aber auch ganz klar erklären, dass wir heute nicht eine Rede erlebt haben, wo weiße Salbe verteilt werden soll nach dem Motto „Wir reden so lange, und die Haltungsbedingungen bleiben so.“

Der FDP-Redner von vorhin war ja zufrieden mit dem Zustand. Dieser Zustand wird aber nicht dazu beitragen, dass die Akzeptanz der Landwirtschaft insgesamt gesteigert wird, denn wenn man Emnid und Umfragen, die der Kollege Korth hier angeführt hat, die der Bauernverband in Auftrag gegeben hat, als Grundlage nimmt, wird das in diesem Zusammenhang schwierig.

(Zuruf von der CDU)

Uns als Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten ist es wichtig, dass die Landwirte für ihre erbrachte Leistung einen ordentlichen Preis bekommen. Uns ist es wichtig, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher von einem Landwirtschaftsbild Abstand nehmen müssen, das niedlich auf Eierpackungen dargestellt wird. Das gibt es heutzutage nicht mehr, das wissen sogar wir.

Aber dieser Dialog muss doch dazu führen, dass im Rahmen welcher Koalitionsverhandlungen in Berlin auch immer Nordrhein-Westfalen als Tierwohlland Nummer eins diese Spitzenstellung einnimmt und ganz klar vorgibt, dass dieser Wirtschaftszweig, wenn er denn der Landesregierung wirklich so wichtig ist, seine Bedeutung bekommen muss.

Zum Abschluss, liebe Kolleginnen und Kollegen, falls das Wort „gemeinsam“ ernst gemeint sein soll: Herr Hovenjürgen, ich komme jede Minute nach Lavesum. Lassen Sie uns zusammen reden, und lassen Sie uns zusammen für die Zukunft des Standorts tatsächlich nach Dialog entscheiden, damit wir den Landwirtschaftsstandort und das Tierwohl nach vorne bringen können und nicht in irgendwelche altmodischen Dinge und Schützengräben verfallen. Das bringt uns allen nichts. – Vielen Dank.

(Beifall von der SPD)

Präsident André Kuper: Vielen Dank, Herr Stinka. – Weitere Wortmeldungen liegen nicht vor. Also haben wir den Schluss der Aussprache erreicht.

Wir kommen zur Abstimmung. Der Ältestenrat empfiehlt die Überweisung des Antrags Drucksache 17/806 an den Ausschuss für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz. Die abschließende Abstimmung soll dort in öffentlicher Sitzung erfolgen. Wer diesem Antrag zustimmen möchte, den bitte ich um das Handzeichen. – Wer ist dagegen? – Wer enthält sich? – Damit haben alle anwesenden Fraktionen und auch die fraktionslosen Abgeordneten, soweit sie hier waren, zugestimmt, und die Überweisungsempfehlung ist angenommen.

Ich rufe auf:

4   Nordrhein-westfälische Regionen unterstützen und unabdingbare Transparenz gewährleisten – Tihange abschalten!

Eilantrag
der Fraktion der CDU,
der Fraktion der FDP und
der Fraktion BÜNDNIS 90/Die GRÜNEN
Drucksache 17/849 – Neudruck

Entschließungsantrag
der Fraktion der SPD
Drucksache 17/869

Ich eröffne die Aussprache und erteile als erstem Redner vonseiten der antragstellenden Fraktion der CDU Herrn Abgeordneten Kollege Schnelle das Wort zu seiner ersten Rede. Bitte schön.

Thomas Schnelle (CDU): Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Nachdem wir die ersten Tagesordnungspunkte heute kontrovers diskutiert haben, kommen wir nun zu einem Punkt, in dem wir in der Grundsache hier im Hause sicherlich – zumindest unter vier Fraktionen – großen Konsens haben.

Mein Fraktionskollege Bernd Krückel hat bereits im Plenum am 30. Juni dieses Jahres unseren Dank an die Organisatoren und die 50.000 Teilnehmer der Menschenkette gegen Tihange 2 und Doel 3 seinen Dank ausgesprochen. Sie haben damit ein deutliches Zeichen gesetzt, und es ist sicherlich ein Verdienst dieser friedlichen grenzüberschreitenden Demonstration, dass die Betreiberfirma dieser Pannenreaktoren nun zu einem Gespräch mit den gesellschaftlichen Interessengemeinschaften bereit war. Auch für diesen Einsatz gilt den Interessengemeinschaften unser großer Dank.

Wir sehen, dass die Aktivitäten der verschiedenen Bündnisse in den Regionen erste Anzeichen für ein Umdenken bewirken.

Das Ziel des hier vorliegenden Antrags der Fraktionen von Bündnis 90/Die Grünen, FDP und CDU ist daher die Unterstützung dieser Gruppen, die sich in Nordrhein-Westfalen für die Abschaltung des Pannenreaktors in Tihange einsetzen und die auf eine unabdingbare Transparenz bei der Betreibergesellschaft drängen. Durch den Antrag soll die Unterstützung durch diesen Landtag deutlich gemacht werden – nicht mehr und nicht weniger.

Viele Menschen in Nordrhein-Westfalen und gerade auch in meiner Region, in den Kreisen Heinsberg, Düren, Euskirchen und in der Städteregion Aachen, sind verängstigt, verängstigt von den ständigen Meldungen über technische Pannen der störanfälligen Reaktoren, über Gutachten zur Gefährdung der Stabilität der Reaktorbehältnisse und über eine Vielzahl neuer Risse in den letzten Jahren, die selbst von den belgischen Aufsichtsbehörden festgestellt wurden. Dass es sich hierbei um gefährliche Pannenreaktoren handelt, wird auch dem nicht fachkundigen Beobachter durch das wiederholte Vom-Netz-Nehmen dieser Reaktoren, insbesondere von Tihange 2, deutlich.

(Dr. Christian Blex [AfD]: Dummes Zeug!)

Hinzu kommt das offenbar mangelnde Verantwortungsbewusstsein für den Betrieb solcher Anlagen durch die Betreibergesellschaft. Der Landtag hat bereits im Dezember 2016 einen einstimmigen Beschluss zur Abschaltung von Tihange gefasst.

(Dr. Christian Blex [AfD]: Das passiert nicht mehr!)

FDP und CDU haben die Forderung nach einer Stilllegung von Tihange nochmals im April 2017 bekräftigt. Am Wochenende haben nun Gespräche zwischen dem Betreiber Electrabel und den Interessengemeinschaften aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden stattgefunden.

Wir als CDU unterstützen ausdrücklich die Forderungen der Interessengemeinschaften, dass alle notwendigen Unterlagen mindestens zwei unterschiedlichen unabhängigen Sachverständigen zur Verfügung gestellt werden.

(Beifall von der CDU)

Electrabel hat hierzu zwar eingewilligt, ist aber mit einer Veröffentlichung der Ergebnisse einer solchen Prüfung nicht einverstanden. Zudem sollen auch nicht alle Unterlagen zur Verfügung gestellt werden.

Wir fordern von der Betreibergesellschaft die Schaffung einer Transparenz, die eine objektive Beurteilung der Sicherheitslage durch unabhängige Experten ermöglicht.

Natürlich müssen die Ergebnisse dieser Prüfungen auch veröffentlicht werden dürfen. Hierfür steht allein Electrabel in der Verantwortung.

Wir fordern – auch hier, denke ich, mit großem Konsens – die Bundesregierung dazu auf, stärker als bisher auf die belgische Regierung einzuwirken und auf eine Stilllegung der Pannenreaktoren zu drängen.

Selbstverständlich müssen wir uns auch um eine sinnvolle energiewirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Belgien kümmern. Für diese Zusammenarbeit gibt es schon seit Langem eine Initiative der CDU. ALEGrO 1 ist bereits im Planfeststellungsverfahren, und eine weitere Netzverbindung ist sicherlich erforderlich.

(Dr. Christian Blex [AfD]: Für deutschen Überschuss!)

Diese Fragen sollten wir aber an anderer Stelle diskutieren und bewusst nicht gemeinsam mit unserem Antrag auf Unterstützung der nordrhein-westfälischen Regionen und Interessengemeinschaften zur Schaffung der unabdingbaren Transparenz sowie auf eine stärkere Einwirkung der Bundesregierung zur Abschaltung von Tihange 2 behandeln. Durch weitere Forderungen in andere Richtungen würde das Zeichen unserer Unterstützung geschmälert.

Ich werbe daher um eine breite Zustimmung zu unserem Antrag als weiteres starkes Zeichen gegenüber den Betreibern dieser Pannenreaktoren. – Vielen Dank.

(Beifall von der CDU – Vereinzelt Beifall von der FDP)

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Herr Kollege Schnelle. Herzlichen Glückwunsch zur ersten Rede, wie man merkt zu einem interessanten und spannenden Thema. – Die zweite Rede zu diesem Thema werden wir von Herrn Dr. Pfeil von der FDP-Fraktion hören.

Dr. Werner Pfeil (FDP): Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Dass wir heute erneut zu diesem hier im Hause wohlbekannten Thema debattieren, ist zunächst ein schlechtes Zeichen; denn es bedeutet, dass das Problem „Tihange“ nicht gelöst ist. Der störanfällige Reaktor läuft weiter. Deshalb muss auch die Debatte weitergehen und der Landtag sich erneut mit diesem Thema beschäftigen und ein Signal der Geschlossenheit an die nordrhein-westfälischen Regionen senden – insbesondere an die Region Aachen.

Das berechtigte Anliegen der Regionen, dass der Betreiber Electrabel seiner Verantwortung gegenüber der Bevölkerung gerecht wird, teilen wir, und zwar über fast alle Fraktionen hinweg. Ja, das Problem „Tihange“ besteht weiterhin. Es geht dabei nicht nur um Risse und – gerichtet an eine Partei, die dies in der letzten Aussprache zu diesem Thema herunterspielte – auch nicht um Panikmache.

(Dr. Christian Blex [AfD]: Oh doch!)

Seit 2010 gibt es Probleme – hören Sie zu, Herr Blex –: zunächst mit auslaufendem säurehaltigen Wasser in die Maas, 2011 mit unkontrolliert auslaufendem Kühlwasser. Außerdem gab es 2012 Probleme mit nicht funktionierenden Heizstäben des Druckhalters und dann mit den bekannt gewordenen Rissen. Zudem wurde publik, dass das Kühlwasser auf 40 Grad vorgeheizt werden muss. Grund dafür ist die Instabilität des Reaktordruckbehälters, der durch zu kaltes Kühlwasser einen thermischen Schock erleiden könnte. 2014 gab es eine Explosion und Feuer in einem Transformator auf dem Gelände, was zur Abschaltung von Block 3 führte. 2015 folgte ein weiterer Störfall mit den Überdruckventilen. 2016 wurde in Belgien zudem öffentlich die Frage diskutiert, ob Tihange sicher gegen Terrorangriffe ist.

Herr Blex, es geht nicht nur um Risse. Es geht um ganz andere Probleme. Diese Probleme müssen gelöst werden.

(Beifall von der FDP)

Deshalb begrüßen wir positive Entwicklungen, wie klein sie zunächst auch erscheinen mögen.

Bislang hatte der „Bewegungsmelder“ beim Betreiber Electrabel noch nie ausgeschlagen; das Verhalten des Konzerns kam vielmehr einer Totalverweigerung gleich. Nun gab es aber immerhin ein erstes Treffen mit Gruppen aus Belgien, den Niederlanden und Deutschland. Und es gibt zumindest erste Ansätze beim Betreiber, seiner Pflicht zur Transparenz nachzukommen.

Ich sage das so vorsichtig, weil das konkrete Angebot nicht zufriedenstellen kann. Electrabel möchte offenbar einem einzigen Gutachter im eigenen Haus Zugang zu seinen Unterlagen geben – und das insgesamt nach eigenen Bedingungen. Das ist keine echte Transparenz. Für uns ist das viel zu wenig.

Deshalb fordern wir im Antrag ausdrücklich: Electrabel muss unabhängigen Experten die Möglichkeit geben, objektive Prüfungen und Beurteilungen vorzunehmen.

Die Bevölkerung hat Anspruch auf eine objektive und fundierte Bewertung der Risiken. Das muss doch auch im Sinne des Betreibers sein, der diese Risiken bisher vehement bestreitet.

Wir fordern deshalb – gerichtet an Electrabel –: Ermöglichen Sie den Zugang. Ermöglichen Sie eine transparente Untersuchung. Kommen Sie Ihrer Verantwortung gegenüber der Bevölkerung nach. – Der Landtag wird diese Forderung heute noch einmal bekräftigen.

Vizepräsident Oliver Keymis: Herr Dr. Pfeil, gestatten Sie eine Zwischenfrage von Herrn Dr. Blex?

Dr. Werner Pfeil (FDP): Zuerst möchte ich zu Ende reden.

Vizepräsident Oliver Keymis: Sie wollen jetzt keine Zwischenfrage zulassen?

Dr. Werner Pfeil (FDP): Nein. Herr Dr. Blex kann zunächst zuhören und anschließend fragen.

Vizepräsident Oliver Keymis: Wie Sie wünschen.

Dr. Werner Pfeil (FDP): Wir erwarten vom Betreiber Transparenz. Wir erwarten auch, dass die neue Bundesregierung die Gespräche mit Belgien intensivieren wird. Nochmals sei versichert: Wir als Land Nordrhein-Westfalen werden ebenfalls Gespräche führen.

In der Plenardebatte im Juni dieses Jahres habe ich es schon einmal gesagt: Der erfolgversprechende Weg kann nur sein, miteinander zu sprechen und Lösungen zu suchen. Wir unterstützen deshalb unsere Landesregierung, die genau diese Gespräche führt.

Dabei wird es natürlich auch um das Thema der Versorgungssicherheit auf belgischer Seite gehen. Denn das ist die andere Seite des Forderungskatalogs: So eindringlich wir gegenüber Belgien auf die Stilllegung drängen, so eindringlich wollen wir dies mit echter Unterstützung verbinden. Wenn die Netzverbindungen zwischen Belgien und NRW ausgebaut und Belgien damit stärker in den Energiebinnenmarkt integriert wird, stellt sich die Frage der Versorgungssicherheit ganz neu. Sie kann dann ohne Tihange beantwortet werden.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich hoffe, dass wir gleich ein von fast allen Fraktionen getragenes Signal in die betroffenen Regionen und an den Betreiber senden können; denn an erster Stelle steht die Sicherheit der Bevölkerung. Deshalb darf es keinen Transparenzrabatt für den Betreiber geben. – Vielen Dank.

(Beifall von der FDP und der CDU – Vereinzelt Beifall von den GRÜNEN)

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Herr Dr. Pfeil. – Als Nächstes spricht für die dritte antragstellende Fraktion, Bündnis 90/Die Grünen, Frau Wibke Brems.

Wibke Brems (GRÜNE): Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich hoffe, meine Stimme hält bei diesem wichtigen Thema noch bis zum Ende der Debatte durch.

Ja, bislang gelang es, das klare Signal aus diesem Landtag zu senden: Tihange muss abgeschaltet werden, und zwar sofort.

(Beifall von Josefine Paul [GRÜNE])

Es gibt mehr als genug Gründe, um sich Sorgen zu machen. Meine Vorredner sind darauf schon eingegangen. Und diese Besorgnis drückt sich im gemeinsamen Antrag aus, den wir nun behandeln.

Im Dezember letzten Jahres haben wir hier im Plenum den Schulterschluss in einem von allen Fraktionen gemeinsam getragenen Antrag sehr gut hinbekommen. Im Juli dieses Jahres hat die Regierungskoalition im mehrheitlich abgestimmten Entschließungsantrag wesentliche Aspekte unseres damaligen grünen Antrags aufgegriffen.

Die „Aachener Zeitung“ schrieb vor drei Tagen, in Belgien gebe es eine Zeitrechnung vor und eine nach der Menschenkette gegen Tihange. Es wäre gut, wenn es so wäre. Gerne möchte ich glauben, dass die Proteste im Juni bei der Betreibergesellschaft Engie Electrabel einen Denkprozess angestoßen haben. Doch, ehrlich gesagt, unsere Skepsis bleibt groß.

Ja, es ist eine positive Entwicklung, dass es nun Gespräche zwischen dem Aktionsbündnis und der Betreibergesellschaft gibt, dass Electrabel in einen wenn auch nur sehr verhaltenen Dialogprozess eingestiegen ist und Einsicht in seine Betriebsunterlagen in Aussicht gestellt hat. Echte Transparenz sehen wir Grüne darin jedoch noch nicht. Aufrichtige Transparenz vonseiten der Betreibergesellschaft würde uns nach dem, wie wir es bislang erlebt haben, mehr als verwundern.

Was wir von Engie Electrabel bislang kennen, ist eine gänzlich andere Vorgehensweise. Schon in der Bauphase traten Risse in den Reaktordruckbehältern von Tihange 2 und Doel 3 auf. Das wurde mehr als 40 Jahre lang verschwiegen. Probleme und Pannen werden vertuscht. Einblick in Betriebsunterlagen ist nicht möglich. Vertrauen schafft man so nun wirklich nicht.

(Beifall von den GRÜNEN und Dr. Werner Pfeil [FDP])

Der gemeinsame Antrag von CDU, FDP und uns Grünen geht daher in die richtige Richtung. Electrabel stellt Dialogbereitschaft in Aussicht. Das ist gut. Doch der Druck auf die Betreibergesellschaft und den belgischen Staat und damit die belgische Atomaufsicht muss weitergehen. Und das ist der richtige Weg: Dialog auf Augenhöhe, aber mit Nachdruck, beharrlich den Staat Belgien und die Betreibergesellschaft in die Verantwortung nehmen.

Von der Landesregierung erwarte ich, dass sie uns erklärt, wie sie die Arbeit der rot-grünen Vorgängerregierung fortsetzt, welche Gespräche sie bereits geführt hat und welche Schritte sie noch plant.

(Beifall von den GRÜNEN)

Schade ist allerdings, dass die SPD – ehrlich gesagt, ganz eitel – dem gemeinsamen Antrag mit einem eigenen Entschließungsantrag begegnet. Das sind meiner Meinung nach unnötige Spielchen, mit denen Sie wer weiß was und wem etwas beweisen wollen. Wir machen bei diesen Spielen insofern nicht mit, als dass wir uns lieber inhaltlich mit Ihrem Antrag auseinandersetzen. Und wir werden Ihrem Antrag gleich zustimmen, weil auch einige richtige Aspekte darin enthalten sind.

Belgien plant bis 2025 den Atomausstieg und hat leider selbst noch nicht genügend Maßnahmen ergriffen, beispielsweise beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Daher sind hinsichtlich der Versorgungssicherheit Belgiens und der grenzüberschreitenden energiewirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Deutschland noch Fragen offen.

Ich möchte daran erinnern, dass wir uns bereits in der vergangenen Legislatur mit diesen Fragen hier beschäftigt haben. Der damalige Umweltminister Johannes Remmel hat dem Landtag im Januar dieses Jahres ein Gutachten zugeleitet, das sich genau damit auseinandersetzt. Das besagt kurz: Wenn Belgien seine Schrottreaktoren in Tihange und Doel bis 2025 komplett abschaltet und gleichzeitig die Stromleitungen zwischen Deutschland und Belgien ertüchtigt werden, kann die Versorgungssicherheit in Belgien und in Deutschland gewährleistet bleiben.

Sehr geehrte Damen und Herren, von der Atomenergie gehen große Gefahren aus. Bei Tihange und Doel sind sie besonders groß. Bei einem Unfall der uralten, pannenreichen Meiler wären Millionen von Menschen in einem dicht besiedelten Teil Europas betroffen.

Und dann haben wir über die Bedrohung durch terroristische Angriffe noch nicht gesprochen. Die wurden erst gestern in einer Greenpeace-Studie besonders für die französischen AKWs Fessenheim und Cattenom sowie die belgischen AKWs Tihange und Doel als dramatisch dargestellt. Denn gerade hier sind die Abklingbecken im Gegensatz zu den Reaktoren nicht mit einem verstärkten Sicherheitsbehälter vorgesehen. Und das ist eine große Gefahr für uns alle.

Die Nutzung der Atomenergie ist höchstgefährlich. Das haben Unfälle der letzten Jahrzehnte und Jahre klar gezeigt.

Daher ist es nur konsequent, dass Deutschland den Atomausstieg beschlossen hat und auch Belgien diesen Weg gehen will. Und das ist ja zum Glück auch der politische und gesellschaftliche Konsens in unserem Land, an dem niemand, der verantwortungsbewusst und energiepolitisch bei Sinnen ist, mehr ernsthaft rüttelt.

(Beifall von den GRÜNEN – Vereinzelt Beifall von der CDU)

Wir haben hier einen breiten Konsens zum Ende der Atomenergie. Darüber freue ich mich. Ich würde mir aber wünschen, werte Kollegen von CDU und FDP, dass wir diesen Konsens auch beim tatsächlichen Ausbau der erneuerbaren Energien hätten und Ihr Sinneswandel in diesem Bereich nicht so lange braucht wie bei der Atomenergie. – Herzlichen Dank.

(Beifall von den GRÜNEN)

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Frau Brems. – Nun spricht für die SPD-Fraktion Herr Kollege Schultheis.

Karl Schultheis (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Eilantrag, der uns hier seitens jetzt drei Fraktionen vorliegt, hat einen neuen Kerninhalt, nämlich dass es Gespräche über Transparenzregelungen gegeben hat. Das ist das Neue an diesem Eilantrag. Ansonsten sind die dort beschriebenen Positionen, die der Landtag insgesamt – zumindest was die bisherige Zusammensetzung des Landtages angeht – teilt.

Die Debatte hat bisher gezeigt, dass diese Transparenzregelungen, die erwartet werden, in ihrer Qualität infrage gestellt werden, wenn es darum geht, zu hinterfragen, wie tief diese Transparenz reichen soll und reichen kann.

Die SPD-Fraktion ist der Meinung, dass wir mit solchen Informationen vorsichtig umgehen müssen, um durch unsere Aktivitäten in der Bevölkerung nicht ein Sicherheitsgefühl zu erzeugen, das als Tatsache nicht gegeben ist. Wir sind in dieser Debatte um Tihange sehr stark mit Placebo-Angeboten unterwegs.

Wir alle wissen, dass die Transparenzregelungen, die wir hier wollen, rein rechtlich nicht durchsetzbar sind, wenn die andere Seite das nicht will. Unserer Meinung nach ist Druck das falsche Signal.

Wir müssen in der Tat – Herr Pfeil hat auch darauf hingewiesen, andere auch – einen konstruktiven Dialog eingehen, und zwar auf Augenhöhe, denn nicht nur die Menschen in Nordrhein-Westfalen sind bei einem Atomunfall gefährdet, sondern auch die Bürgerinnen und Bürger in unserem Nachbarland Belgien. Auch dafür müssen wir werben. Dafür müssen wir uns auf einem Niveau bewegen, das nicht den Geist eines permanenten Vorwurfs beinhaltet, sondern wir müssen die Probleme dort anzupacken, wo sie gelöst werden können.

Das ist auch der Geist unseres Antrages, unseres Initiativantrages, den wir hier eingebracht haben.

Es gibt eine Reihe von Maßnahmen und Aufgaben, bei denen das Land durchaus auf die Politik auf deutscher Seite Einfluss nehmen und für eine Beschleunigung gerade in der Umsetzung der Maßnahmen zur Verstärkung der Versorgungssicherheit in Belgien sorgen kann.

Das ist in der Tat ALEGrO 1, wo wir in der Planfeststellung sind. Das ist bei der zweiten geplanten Leitung im Süden Nordrhein-Westfalens der Fall, wo jetzt der Netzentwicklungsplan 2030 auf der Tagesordnung steht.

Das ist im Übrigen lange Zeit eine kommunalpolitisch strittige Maßnahme im Bereich von Kaarst gewesen, nämlich einen Konverter herzustellen, der es dann ermöglicht, Energie, insbesondere regenerative Energie, nach Belgien zu liefern.

Das sind die Punkte, die Tatsachen, die die Wirklichkeit verändern. Ich kann nur alle darum bitten, dass wir hier an diesen Punkten arbeiten und nicht den Eindruck erwecken, dass durch irgendwelche Verlautbarungen, wo wir etwas begrüßen und etwas bestärken, alleine die Wirklichkeit geändert und verändert wird.

Es ist in der Tat so: Es gibt zunehmend Ängste. Wir haben dafür gesorgt, dass die Verteilung der Jodtabletten erfolgen kann. Aber das löst das Problem auch nicht. Jetzt diskutieren wir über Masken, die für die Bevölkerung erstellt werden sollen. Das löst das Problem auch nicht.

Lassen Sie uns doch wirklich auf die belgische Seite zugehen, auf die politischen Kräfte dort, und gemeinsam – das kann auch finanzielle Auswirkungen auch für die Bundesrepublik haben – ein Konzept entwickeln, das einen schnellstmöglichen Ausstieg aus Tihange und auch aus Doel ermöglichen wird. – Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall von der SPD)

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Herr Schultheis. – Für die AfD-Fraktion spricht Herr Dr. Blex.

Dr. Christian Blex (AfD): Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Abgeordnete! Vor etwas mehr als 100 Tagen haben wir zuletzt in diesem Hohen Haus über Tihange gesprochen. Damals wurde mit den Stimmen der CDU und der FDP – heute haben Sie die Jamaika-Koalition natürlich schon vorbereitet – beschlossen, Tihange sofort und endgültig vom Netz zu nehmen. Das kann man beschließen in Nordrhein-Westfalen.

Wir haben diesen Antrag allerdings wegen seiner Überheblichkeit und Dreistigkeit kritisiert. Er ist überheblich, weil er etwas verspricht, was er nicht halten kann, und er ist dreist, weil er mit den Ängsten und Sorgen der Menschen spielt.

Wir haben Ihnen selbstverständlich Ihr Scheitern vorhergesagt. Dieses Haus hier hat keine Hoheitsgewalt über ausländische Konzerne auf fremdem Staatsgebiet, auch wenn – wie damals – manche Grüninnen wohl in Belgien einmarschieren möchten.

(Zuruf)

– Das hat einer von Ihren Kollegen damals gesagt.

Vor über 300 Tagen wurde der Eilantrag „Tihange abschalten“ beschlossen.

(Zuruf)

– Ja, aber womit? Die Leopard 2 wollen Sie wohl wieder durch die Ardennen schicken.

Vor über 300 Tagen wurde der Eilantrag „Tihange abschalten“ beschlossen. Vor 679 Tagen wurde ein fast wortgleicher Entschließungsantrag beschlossen. Die Anträge wiederholen sich. Spekulieren Sie auf die Vergesslichkeit der Deutschen? Brauchen Sie eine besondere Beschäftigungstherapie? Oder geht es Ihnen um die Deutungshoheit, die letzte Kartellpartei zu sein, die ihre Unterschrift darunter gesetzt hat?

(Beifall von der AfD)

Mit dem heutigen Eilantrag versucht die Regierung Laschet erneut, Tihange sofort und endgültig abzuschalten.

(Bodo Löttgen [CDU]: Genau! Das haben Sie gut erkannt!)

Die bisherige Bilanz der ersten 100 Tage im Amt ist so gesehen traurig. Die EU-Kommission – Sie schwören immer so auf die EU – hat das Beschwerdeverfahren von Nordrhein-Westfalen zur Laufzeitverlängerung eingestellt. Jetzt ist die Regierung Laschet so tief gesunken, sich auf die Seite von grünen ideologischen Umweltvereinigungen zu schlagen, um einer Klage gegen den belgischen Staat beizutreten.

(Beifall von der AfD)

Sie verrennen sich damit erneut. Was kommt als Nächstes? – Tritt der belgische Staat demnächst einer Klage der Deutschen Umwelthilfe für Dieselfahrverbote in Aachen bei? Ist das Ihr Europa?

Sie schreiben in Ihrem Antrag, dass nach langem Stillstand endlich wieder Bewegung in die Angelegenheit gekommen sei. So habe ein Gespräch zwischen dem Energiekonzern und den Interessengemeinschaften stattgefunden.

Ja, das hat es, und das war peinlich. Sie können sich diese Bewegung in Sache gerne auf die Fahnen schreiben lassen. Die Interessengemeinschaften haben Akteneinsicht bekommen und wurden nach Hause geschickt. Sie waren derart begeistert, dass sie gleich für 2018 eine weitere Demonstration angekündigt haben.

Hat die Landesregierung, haben die Grünen denn wirklich geglaubt, der Energiekonzern holt die Interessengemeinschaft „Stoppt Tihange“ an den Tisch und verkündet, Tihange und Doel endgültig abzuschalten, so wie in Ihrem Antrag gefordert? Seitens der Interessengemeinschaft gibt es unterhalb des Anspruches, Tihange sofort und endgültig abzuschalten, keinerlei Verhandlungsspielraum mehr.

Statt in grüne Hysterie zu verfallen, sollten Sie sich als vermeintlich bürgerliche Parteien an der technisch-physikalischen Realität orientieren. Und wenn Sie unabhängige Experten fordern, dann sollten Sie mal sagen, wo die herkommen sollen. Denn die belgische Atomaufsichtsbehörde ist doch wohl unabhängig. Wo sollen die herkommen, vom NABU? Wo wollen Sie die herholen, die unabhängigen Experten?

(Bodo Löttgen [CDU]: Sie sind es auf jeden Fall nicht!)

Der Energiekonzern hat der belgischen Atomaufsichtsbehörde FANC nämlich bewiesen, dass die Kraftwerke trotz der Hydroflocken in den Reaktordruckbehältern, die durch den Herstellungsprozess entstanden sind, bis zum Ende der vorgesehenen Laufzeit – und das ist schon im Jahre 2025 – weiterbetrieben werden können.

Die SPD spielt mit ihrem Entschließungsantrag auf der gleichen Klaviatur der grünen Hysterie. Ihr Antrag trägt die gleiche Handschrift: Deutungshoheit und Panikmache.

Wir lehnen Ihre Anträge ab, weil es Ihnen nicht um die konstruktive Lösung eines vermeintlich technischen Problems geht. Wir lehnen Ihre Anträge ab, weil Sie stattdessen mit den Sorgen und Ängsten der Menschen spielen, und wir lehnen Ihre Anträge ab, weil Sie aus rein populistischen Gründen eine weitere grüne Sau diesmal durch Aachen treiben.

(Beifall von der AfD)

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Herr Dr. Blex. – Nun spricht für die Landesregierung Herr Minister Prof. Pinkwart.

Prof. Dr. Andreas Pinkwart, Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie: Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Sie alle wissen von den intensiv geführten länderübergreifenden Debatten zur Reaktorsicherheit am Standort Tihange. Uns allen ist ebenso klar, dass die Bevölkerung in den an Belgien angrenzenden Regionen nicht erst seit Bekanntwerden der jüngsten Zwischenfälle und einer prophylaktischen Ausgabe von Jodtabletten im Raum Aachen massiv beunruhigt ist, auch wenn die deutsche Reaktorsicherheitskommission den normalen Betrieb der Reaktoren Tihange 2 und Doel 3 zunächst als sicher einschätzt.

(Zuruf von Dr. Christian Blex [AfD])

Diese Ängste müssen ernst genommen werden. Als Landesregierung ist es unsere Pflicht, für die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger in Nordrhein-Westfalen einzustehen. Bereits im Koalitionsvertrag haben wir vereinbart, mit Nachdruck auf die Abschaltung der Kernkraftwerke Tihange und Doel zu dringen.

Zuletzt wurde der Entschließungsantrag der Fraktion der CDU und der Fraktion der FDP vom 26. Juni 2017 zur Schließung der Kernkraftwerke im Landtag angenommen.

Die Landesregierung wird in diesem Sinne wie auch auf Grundlage des jetzt vorliegenden Antrages weiterhin ihre politischen und rechtlichen Einflussmöglichkeiten vollumfänglich nutzen.

Vizepräsident Oliver Keymis: Herr Minister, gestatten Sie eine Zwischenfrage von Herrn Dr. Blex?

Prof. Dr. Andreas Pinkwart, Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie: Nein, ich würde gern weiter vortragen, wenn ich darf.

(Zuruf von der AfD: Sie haben Angst davor!)

Vizepräsident Oliver Keymis: Bitte, wenn Sie wünschen.

Prof. Dr. Andreas Pinkwart, Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie: Danke schön. – Grundsätzlich ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Zuständigkeit für Kontakte mit anderen europäischen Ländern in erster Linie bei der Bundesregierung liegt. Ministerpräsident Armin Laschet und ich haben daher Frau Bundesministerin Dr. Barbara Hendricks gebeten, stärker auf die belgische Regierung und den Betreiber einzuwirken und uns zugleich darin zu unterstützen, Gespräche mit den Verantwortlichen auf belgischer Seite zu führen.

Parallel habe ich mich an den belgischen Innenminister Jan Jambon gewandt und ein Gespräch zur Reaktorsicherheit an besagten Standorten angeregt.

Parallel hierzu schöpft die Landesregierung durch den Beitritt zu verschiedenen Klagen gegen den Weiterbetrieb der Reaktoren Tihange 2 und Doel 3 auch in rechtlicher Hinsicht alle Möglichkeiten zur Unterstützung der nordrhein-westfälischen Regionen in dieser Angelegenheit aus. Zuletzt ist die Landesregierung der Klage von Rheinland-Pfalz und von Greenpeace gegen den Betreiber beigetreten.

Im Interesse konstruktiver Verhandlungen signalisiert die Landesregierung jedoch zugleich grundsätzlich nach wie vor ihre Dialogbereitschaft.

In jedem Fall kann mittlerweile als positive Entwicklung festgehalten werden, dass sich die belgische Betreibergesellschaft Engie Electrabel in einem ersten Schritt verbindlich dazu bereit erklärt hat, alle Fakten zur Sachlage transparent darzustellen.

Am 8. Oktober waren dann Vertreter von Interessengemeinschaften aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden auch zu Gast in Tihange. Selbst wenn diese Gespräche aus unserer Sicht letztlich nicht den zuvor formulierten Erwartungen entsprachen, weist doch die Bereitschaft zu aktiven und hoffentlich bald auch konstruktiven Dialogformaten zwischen allen Beteiligten zweifellos in die richtige Richtung.

Daneben forciert die Landesregierung ebenfalls den Ausbau belastbarer Energieleitungen für den Fall der Schließung von Tihange 2 und Doel 3, um Ersatzstromlieferungen an Belgien durchführen zu können. Neben der bis 2020 erwarteten Ein-Gigawatt-Leitung prüfen wir auch eine Beschleunigung von Planung und Genehmigung einer zweiten parallelen Leitung nach Belgien.

Darüber hinaus zeigen sich auf niederländischer Seite Möglichkeiten der Energielieferung aus dortigen Gaskraftwerken. Wir werden unsere europäischen Nachbarn nach Stilllegung der Reaktoren aktiv im Sinne der unmittelbaren Versorgungssicherheit unterstützen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lassen Sie mich abschließend festhalten: Der multilaterale Rahmen dieser Thematik bedingt unsere Handlungsmöglichkeiten. Gleichwohl schöpfen wir gemeinsam mit der Bundesregierung, die wir sicherlich nach Beschluss dieses Antrages erneut nachdrücklich auffordern werden, uns auf diesem Weg weiterhin kraftvoll zu unterstützen, alle rechtlichen und politischen Möglichkeiten zugunsten einer zeitnahen Schließung der Kernkraftwerke Tihange 2 und Doel 3 aus.

Insgesamt handelt die Landesregierung damit nach wie vor im Sinne des vorliegenden Antrags und unterstützt die betroffenen nordrhein-westfälischen Regionen in Fragen der grenzüberschreitenden atomaren Sicherheit weiterhin intensiv. – Ich danke Ihnen herzlich für die Aufmerksamkeit.

(Beifall von der CDU, der FDP und Marc Herter [SPD])

Vizepräsident Oliver Keymis: Danke schön, Herr Minister Professor Pinkwart. – Wir sind am Ende der Beratung der beiden Anträge.

Wir kommen zur Abstimmung und stimmen erstens über den Eilantrag der Fraktionen von CDU, FDP und Bündnis 90/Die Grünen Drucksache 17/849 – Neudruck – ab. Da über einen Eilantrag immer direkt abzustimmen ist, stimmen wir über den Inhalt des Eilantrags ab. Wer stimmt ihm zu? – CDU, FDP und Grüne. Wer stimmt dagegen? – Die AfD-Fraktion und die beiden fraktionslosen Abgeordneten Herr Neppe und Herr Pretzell. Wer enthält sich? – Die SPD-Fraktion. Damit ist der Eilantrag Drucksache 17/849 mit den Stimmen von CDU, Grünen und FDP gegen die Stimmen der AfD-Fraktion und der beiden Fraktionslosen bei Enthaltung der SPD angenommen.

Zweitens stimmen wir über den Entschließungsantrag der Fraktion der SPD Drucksache 17/869 ab. Wer stimmt diesem Antrag zu? – Die SPD-Fraktion. Wer stimmt dagegen?

(Zuruf)

Dann noch einmal: Wer stimmt für diesen Antrag? – SPD und Grüne. Das habe ich viele Jahre flüssig ausgesprochen.

(Vereinzelt Heiterkeit)

Wer stimmt gegen diesen Antrag? – Die AfD und die beiden fraktionslosen Abgeordneten Herr Pretzell, Herr Neppe. Wer enthält sich? – CDU und FDP. Damit ist der Entschließungsantrag Drucksache 17/869 mit den Stimmen von SPD und Grünen gegen die Stimmen der AfD und der beiden fraktionslosen Abgeordneten bei Enthaltung von CDU und FDP angenommen.

Ich rufe auf:

5   Fragestunde

Mündliche Anfragen
Drucksache 17/823 – Neudruck

Dringliche Anfrage
Drucksache 17/866 – Neudruck

Mit der Drucksache 17/823 – Neudruck – liegen Ihnen die Mündlichen Anfragen 4 bis 6 sowie die Mündliche Anfrage 3 aus der letzten Fragestunde vor. Außerdem liegt Ihnen nunmehr die Dringliche Anfrage 7 in Drucksache 17/866 – Neudruck – vor.

Nach den Richtlinien für die Fragestunde werden Dringliche Anfragen zu Beginn der Fragestunde aufgerufen und gehen somit allen anderen vor.

Ich rufe die

Dringliche Anfrage 7

des Abgeordneten Norwich Rüße von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen auf:

Hat die Landesregierung den Nachweis von Fipronil in eihaltigen Produkten verhindert?

Kürzlich wurde der Insektizid-Wirkstoff Fipronil in Eiern festgestellt, die hauptsächlich aus den Niederlanden und aus Belgien importiert wurden. Aber auch in Niedersachen ist das Fipronil-haltige Desinfektionsmittel „Dega 16“ zum Einsatz gekommen, womit auch Eier mit einer deutschen Kennung belastet sind. Aus Medienberichten ist bekannt, dass diese Eier auch in Nordrhein-Westfalen in Lebensmittelmärkten verkauft oder aber zur Herstellung anderer Lebensmittelprodukte verarbeitet worden sind.

Während auch in Nordrhein-Westfalen vorwiegend Konsumeier vom Markt zurückgezogen wurden, wurden in anderen Bundesländern auch viele eihaltige Produkte vom Markt genommen, in denen mit Fipronil belastete Eier verarbeitet worden sind.

Durch einen Zeitungsartikel der SZ vom 10.10. wurde bekannt, dass auch die nordrhein-westfälischen Überwachungsbehörden das Ausmaß dieses Lebensmittelskandals verdeckt gehalten haben.

Dazu seien Labore angehalten worden, die Messungen unempfindlicher durchzuführen; dabei müsste diese aufgrund der Verdünnung der Eier in der Verarbeitung eigentlich erhöht werden. So wurden beispielsweise die Bestimmungsgrenzen bei der Vermessung von eihaltigen Produkten um das bis zu 10-fache verringert.

Hat die nordrhein-westfälische Landesregierung im Vergleich zu anderen Bundesländern die Bestimmungsgrenze bei eihaltigen Produkten nicht abgesenkt, um weitere Rückrufaktionen zu vermeiden und die Hersteller zu schützen?

Frau Ministerin Schulze Föcking, Sie haben das Wort zur Antwort. Bitte schön.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Ganz herzlichen Dank. – Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Rüße, ich habe bereits im Fachausschuss berichtet und geschildert, wie schnell, effizient und für die Verbraucherinnen und Verbraucher transparent die Überwachungsbehörden beim Fipronil-Geschehen in Nordrhein-Westfalen gehandelt haben. – Es kommt gerade ein Zeichen, dass die Lautstärke nicht gut überkommt. Gibt es ein Tonproblem?

Vizepräsident Oliver Keymis: Wir prüfen das sofort. Sie sprechen einfach so laut wie möglich weiter. Danke, Frau Ministerin.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: In enger Abstimmung haben der Bund und die Länder alles Erforderliche getan, um den Verbraucherinnen und Verbrauchern die Identifizierung der mit Fipronil verunreinigten Eier aus den Niederlanden und Belgien zu ermöglichen.

Insbesondere Nordrhein-Westfalen hat sich bereit erklärt, auf dem Portal „Lebensmittelwarnung.de“ zentral für alle Länder über die von den Niederländern und Belgiern wegen Fipronil-Verdachts gelisteten Eier zentral und zeitnah zu informieren.

Die Identifizierung betroffener Eier war seinerzeit für die Verbraucherinnen und Verbraucher besonders wichtig, da sie aus den Niederlanden keine Informationen darüber erhalten hatten, wie stark die gelisteten Eier mit Fipronil belastet waren. Erst nachdem nach und nach – letztlich in meinen Augen viel zu spät – von niederländischer und belgischer Seite Informationen über die kriminellen Hintergründe und das Ausmaß des Geschehens bekannt wurden, drängte sich den zuständigen Behörden in Deutschland der Verdacht auf, dass auch Eiprodukte wie Flüssigei oder Trockeneigelb mit Fipronil belastet sein könnten. Über den Weg der Eiverarbeitung kann die Substanz Fipronil auch in eihaltige Lebensmittel gelangen.

Eine Überwachung inklusive amtlicher Untersuchung von Eiprodukten habe ich für Nordrhein-Westfalen schon frühzeitig angeordnet. Nordrhein-Westfalen hat in den Bund-Länder-Telefonkonferenzen massiv für eine flächendeckende Untersuchung besonders eihaltiger Lebensmittel wie Nudeln oder auch Eierlikör eingesetzt.

Um zu verifizieren, ob und in welchem Umfang Fipronil-Verunreinigungen auch in Verarbeitungsprodukten auftreten, hat das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittel Anfang August gemeinsam mit allen Bundesländern kurzfristig im Rahmen des bundesweiten Überwachungsplans ein Programm zur Untersuchung von Fipronil in eihaltigen Lebensmitteln aufgelegt. Dadurch sollte eine Einschätzung ermöglicht werden, in welchem Ausmaß sich Fipronil in relevanten Gehalten auch in verarbeiteten Lebensmitteln nachweisen lässt.

Die im Rahmen dieses Überwachungsprogramms gewonnenen Daten sollten auch dem Bundesinstitut für Risikobewertung für eine weitergehende Bewertung des gesundheitlichen Risikos zur Verfügung gestellt werden. Im Rahmen dieses Untersuchungsprogramms wurden insgesamt 572 Proben durch die Bundesländer untersucht. Nordrhein-Westfalen hat davon mit insgesamt 200 Proben die Hauptlast getragen. Die beteiligten Untersuchungseinrichtungen in Münster und Krefeld fokussierten ihre Untersuchungen auf Nudeln, feine Backwaren, Mayonnaisen und Eierlikör. In einigen dieser Produkte wurde auch Fipronil nachgewiesen.

Dass in Lebensmitteln geringe Gehalte an Fipronil gefunden wurden, ist im Übrigen nicht durch die „Süddeutsche Zeitung“ am 10. Oktober 2017 aufgedeckt worden. Vielmehr hat die Landesregierung in ihrem Bericht vom 31. August 2017 – das ist die Vorlage 17/70 – umfänglich über alle bis dahin vorliegenden Fipronil-Nachweise in Eiern, Eiprodukten und eihaltigen Lebensmitteln informiert. Darüber ist in der zweiten öffentlichen Sitzung des Fachausschusses am 6. September 2017 intensiv diskutiert worden. Ich lege Ihnen dazu das Ausschussprotokoll 17/30 nahe, in dem man das nachlesen kann. Darauf wurde auf Anfrage auch die „Süddeutsche Zeitung“ hingewiesen.

Ich nenne Ihnen gerne die Zahlen, die mir nach Abschluss des Untersuchungsprogramms vorliegen. Insgesamt wurden mittlerweile in Nordrhein-Westfalen 269 eihaltige Lebensmittel untersucht. In 17 Proben – das sind gut 6 % – wurden gesicherte Gehalte an Fipronil von 0,005 bis 0,037 mg/kg bestimmt. In diesen Fällen wurden von den zuständigen Behörden Maßnahmen ergriffen, damit diese Produkte nicht mehr in den Verkehr gebracht werden konnten.

Im Rahmen der amtlichen Probennahmen und Untersuchungen waren, wie schon beschrieben, Waren in Nordrhein-Westfalen und in anderen Ländern vom Markt zu nehmen. Dies geschieht in erster Linie vom Hersteller und Inverkehrbringer. Wenn also bei unserem Untersuchungsprogramm eine Beanstandung wegen Fipronil-Nachweises ausgesprochen worden ist und der Hersteller seinen Sitz in einem anderen Bundesland hat, wird von dort die Rücknahme der Waren veranlasst. Die Ware wird bundesweit vom Markt genommen. Hier wurden ebenfalls keine Fipronil-Konzentrationen nachgewiesen, die eine Information der Öffentlichkeit notwendig gemacht hätten.

Jetzt zu Ihrer Frage, Herr Abgeordneter Rüße. Sie fragen, ob die nordrhein-westfälische Landesregierung die Bestimmungsgrenze bei eihaltigen Produkten nicht abgesenkt habe, um weitere Rückrufaktionen zu vermeiden und die Hersteller zu schützen.

Offen gestanden, Herr Rüße, verstehe ich gar nicht, was Sie mit dieser Frage bezwecken wollen. Die gesetzliche Aufgabe meines Ministeriums und der Lebensmittelüberwachung in Nordrhein-Westfalen ist es, die Verbraucherinnen und Verbraucher in Bezug auf Lebensmittel vor gesundheitlichen Gefahren sowie vor Irreführung und Täuschungen zu schützen. Dieser Aufgabe kommen wir mit hohem Arbeitseinsatz nach.

Das Ministerium und die Lebensmittelüberwachung in Nordrhein-Westfalen haben nicht die Aufgabe, Lebensmittelunternehmen oder Lebensmittelhersteller zu schützen. Die Hersteller von Lebensmitteln müssen sich selbst schützen. Das machen sie auch, unter anderem durch entsprechende Eigenkontrollen.

Sie haben am 6. September selbst im Ausschuss festgestellt, dass die Handelsunternehmen sehr schnell reagiert hätten. Das ist auch richtig so. Mir sind keine konkreten Zahlen bekannt, aber ich weiß, dass Hersteller und Handel Lebensmittel im Tonnenmaßstab auf Grundlage ihrer eigenen Untersuchungen auf Fipronil freiwillig vernichtet haben, und zwar auch dann, wenn aufgrund der Geringfügigkeit der Verunreinigungen dazu keine rechtliche Verpflichtung bestand. Nach meinem Eindruck hat die beherzte Wahrnehmung von Eigenverantwortung durch die Lebensmittelunternehmen in NRW ein hohes Maß an vorbeugendem Verbraucherschutz bewirkt.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal in Erinnerung rufen: Wir reden nicht über gesundheitliche Risiken. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat festgestellt, dass gesundheitliche Risiken für alle Bevölkerungsgruppen bei gemessenen Fipronil-Konzentrationen unterhalb von 0,72 mg pro Kilogramm Ei nicht zu erwarten sind.

Die gesundheitlichen Risiken durch den längerfristigen Verzehr von mit Fipronil belasteten Lebensmitteln hat das Bundesinstitut für Risikobewertung wie folgt bewertet:

Die in Eiern, Eiprodukten und eihaltigen Lebensmitteln nachgewiesenen Gehalte an Fipronil begründen auf der Basis von deutschen und europäischen Verzehrdaten auch bei lebenslanger Aufnahme für keine Verbrauchergruppe – weder für Erwachsene noch für Kinder – die Wahrscheinlichkeit für ein gesundheitliches Risiko.

Lebensmittelrechtlich gibt es ein von der EU in der Rückstandshöchstmengenverordnung für Fipronil vorgegebenen Rückstandshöchstgehalt für Eier in Höhe von 0,005 mg/kg. Das ist eine hundertfach geringere Konzentration als die vom Bundesinstitut für Risikobewertung als gesundheitsrelevant eingestufte Konzentration.

Im Übrigen lag der europarechtlich normierte Rückstandshöchstgehalt noch bis Ende letzten Jahres bei 0,015 mg pro Kilogramm Ei, also dreimal so hoch wie der aktuelle Wert.

Der Wert von 0,005 mg/kg entspricht der Bestimmungsgrenze auch des von unseren Untersuchungsanstalten in Nordrhein-Westfalen angewandten Verfahrens bei der Untersuchung von eihaltigen Produkten. Die in Nordrhein-Westfalen analytisch mögliche Nachweisgrenze lag bei 0,002 mg/kg. Allerdings lassen sich bezüglich Fipronil an die Nachweisgrenze keine rechtlichen Konsequenzen knüpfen.

Die Bundesländer waren sich einig, dass aus fachlicher Sicht und im Hinblick auf die Risikobewertung des Stoffes Fipronil die Überprüfung der Einhaltung des Höchstgehaltes für Eier – ich erinnere: 0,005 mg/kg – auch für die Beurteilung von eihaltigen Lebensmitteln angemessen ist. Diese Vorgehensweise ist auch logisch; denn ein gesundheitliches Risiko eines Eierlikörs mit einer Fipronil-Konzentration in Höhe von 0,003 mg/kg ist ebenso wenig gegeben wie ein gesundheitliche Risiko eines Hühnereis mit demselben Fipronil-Gehalt. Das gilt zumindest in Bezug auf Fipronil.

In Ihrer Dringlichen Anfrage unterstellen Sie, Herr Abgeordneter Rüße – ich zitiere –,

„… dass auch die nordrhein-westfälischen Überwachungsbehörden das Ausmaß dieses Lebensmittelskandals verdeckt gehalten haben. Dazu seien Labore angehalten worden, die Messungen unempfindlicher durchzuführen, …“

Sie beziehen sich dabei auf einen Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 10. Oktober 2017.

(Mehrdad Mostofizadeh [GRÜNE]: Das sollte man schon unterscheiden, Frau Ministerin!)

In diesem Artikel wird das eben Zitierte nicht anhand von Tatsachen belegt, sondern nur als Vermutung von namentlich nicht bekannten sogenannten Insidern oder sogenannten Experten wiedergegeben.

Dem Ministerium und – wenn ich den Artikel der „Süddeutschen Zeitung“ richtig gelesen habe – auch den übrigen Ministerien liegen dazu keine Informationen vor. Die Antworten machen deutlich: Für die in dem „SZ“-Artikel vermuteten und behaupteten Verharmlosungsstrategien gibt es in NRW keine Anhaltspunkte.

Wir haben die „SZ“ extra gefragt, woher sie diese Mutmaßungen hat, weil wir dem gern auf den Grund gehen würden. Wir haben auf unsere Nachfrage leider dahin gehend keine Antwort erhalten.

Die in NRW zuständigen Behörden haben – wie die anderen Bundesländer und der Bund auch – das Fipronil-Geschehen auf der Grundlage geltenden Rechts bearbeitet. Dies gilt auch für das Untersuchungsgeschehen. Öffentliche Rückrufe und öffentliche Warnungen sind nur zulässig, wenn bei Verbraucherinnen und Verbrauchern Gesundheitsgefahren zu besorgen sind. Dies war bei den eihaltigen Produkten zu keinem Zeitpunkt der Fall.

Ihre Frage, Herr Rüße, ob die nordrhein-westfälische Landesregierung die Bestimmungsgrenze bei eihaltigen Produkten nicht abgesenkt habe, um weitere Rückrufaktionen zu vermeiden und die Hersteller zu schützen, ist vor diesem Hintergrund mit einem eindeutigen Nein zu beantworten.

Ich bin Ihnen allerdings sehr dankbar dafür, dass Sie diese Anfrage gestellt haben; denn so konnten Unklarheiten direkt aus dem Weg geräumt werden. Wir sollten nicht mit den Ängsten von Verbraucherinnen und Verbrauchern spielen, sondern uns an klaren Fakten und an Fachlichkeit orientieren. – Ich danke Ihnen.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Jetzt gibt es Gelegenheit zu Nachfragen. Bisher liegen vier solcher Fragen vor. Die erste Frage stammt von Herrn Kollegen Diekhoff von der FDP-Fraktion. Ich bitte Sie, Herr Diekhoff, Ihre Frage jetzt zu stellen. Bitte.

Markus Diekhoff (FDP): Vielen Dank, Herr Präsident. – Mich interessiert, Frau Ministerin, ob es je nach Verarbeitungsform und Zutatenliste Unterschiede bei der Messung der Fipronil-Konzentration in verarbeiteten eihaltigen Lebensmitteln gibt.

Vizepräsident Oliver Keymis: Frau Ministerin, bitte schön.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Herr Präsident, herzlichen Dank. – Herzlichen Dank für die Frage, Herr Diekhoff. Ich füge an, wie man insgesamt den Fipronil-Gehalt in eihaltigen Lebensmitteln ermittelt. Diese Frage wurde in der Tat häufiger gestellt.

Fipronil ist ein Pestizid und wird mit einer sogenannten Multimethode untersucht, mit der auf zahlreiche Pestizide gleichzeitig geprüft werden kann. Bevor man ein Pestizid analysieren kann, muss die Untersuchungsmethode mit einer Standardsubstanz validiert, also auf Eignung überprüft werden. Hat man dann ein Untersuchungsergebnis erhalten, wird nach einem EU-weit vorgegebenen Verfahren durch Abzug von 50 % der gesicherte Mindestgehalt ermittelt.

Nur in Fällen, in denen der gesicherte Mindestgehalt den festgelegten Rückstandshöchstgehalt überschreitet, können behördliche Maßnahmen erfolgen.

Für eihaltige Lebensmittel gibt es aber keinen spezifischen Höchstgehalt an Fipronil. In diesen Fällen muss auf den Gehalt an Fipronil im verwendeten Ei zurückgerechnet werden. Dazu muss die genaue Rezeptur bekannt sein, das heißt, wie viel Vollei im eihaltigen Lebensmittel enthalten ist. Häufig setzen Hersteller aber kein frisches Vollei, sondern beispielsweise Trockenei ein. Dann muss wiederum der Trocknungsfaktor berücksichtigt werden, damit auf Frischei umgerechnet werden kann. Kompliziert wird es noch dadurch, dass sich Fipronil im Ei unterschiedlich verteilt. Im Eigelb sind ungefähr 90 % und im Eiklar entsprechend 10 % enthalten. Es macht also einen deutlichen Unterschied, ob nur Eigelb oder nur Eiklar verwendet wurde.

Erst, wenn alle für die Zusammensetzung erforderlichen Rechenschritte sauber und nachvollziehbar durchgeführt worden sind, kennt man den konkreten Fipronil-Gehalt der ursprünglich eingesetzten Hühnereier und kann ihn rechtlich sicher beurteilen.

Bei aller Liebe zu den Details der Fipronil-Analytik möchte ich dennoch noch einmal das betonen, was für die Verbraucherinnen und Verbraucher wirklich wesentlich ist:

Natürlich gehört Fipronil nicht in Lebensmittel. Das ist absolut klar. Das habe ich im Ausschuss schon mehrfach betont. Aber ich appelliere noch einmal: Wir sollten keine Panikmache betreiben. – Wir sind im Fipronil-Geschehen ganz weit weg von gesundheitlichen Risiken. Nach der Expertise des Bundesinstituts für Risikobewertung sind gesundheitliche Risiken durch Fipronil-Konzentrationen in Lebensmitteln unterhalb von 0,72 mg pro Kilogramm Ei für keine Bevölkerungsgruppen zu erwarten.

Wie ich eben schon einmal ausgeführt hatte, bestehen gesundheitliche Risiken selbst bei längerfristigem oder sogar lebenslangem Verzehr von Fipronil-belasteten Lebensmitteln nicht. So lautet im Ergebnis die Bewertung des Bundesinstituts für Risikobewertung. Die in Eiern, Eiprodukten und eihaltigen Lebensmitteln nachgewiesenen Gehalte an Fipronil begründen auf der Basis von deutschen und europäischen Verzehrdaten auch bei lebenslanger Aufnahme für keine Verbrauchergruppe – also weder für Kinder noch für Erwachsene – die Wahrscheinlichkeit für ein gesundheitliches Risiko.

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Der Fragesteller, Herr Kollege Rüße, hat eine erste Frage. Bitte schön, Herr Rüße.

Norwich Rüße (GRÜNE): Vielen Dank. – Ich möchte vorab festhalten, dass ich keine Unterstellung gemacht habe, sondern nachfrage. Das wäre mir schon wichtig, denn es ist mein Recht als Abgeordneter, das zu tun. Ich habe mich auf den Bericht bezogen und finde es gut, dass Sie schon einmal umfänglich berichtet haben.

Ich habe noch eine Nachfrage. Sie haben zweimal betont, dass Sie sich in diesem ganzen Prozess eng mit den anderen Bundesländern und mit der Bundesregierung abgestimmt haben. An einer anderen Stelle haben Sie gesagt, dass sich die Bundesländer einig waren, so zu verfahren. – Mich würde interessieren, wie es dann trotzdem dazu kommt – wenn denn stimmt, was in dem Artikel steht –, dass die Bundesländer unterschiedliche Messmethoden bei verarbeiteten Produkten angewandt haben.

Vizepräsident Oliver Keymis: Frau Ministerin.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Herr Präsident, herzlichen Dank! – Herr Rüße, selbstverständlich haben Sie das Fragerecht. Deshalb habe ich auch ausdrücklich betont, dass ich mich über Ihre Frage freue, damit wir solche Missverständnisse, die vielleicht im Raum stehen, direkt beantwortet wissen, und das auch möglichst im Plenum, wo es viele Menschen mitbekommen.

Es gab verschiedene Telefonkonferenzen, in denen wir uns zwischen Bund und Land abgestimmt haben, um eine möglichst identische Vorgehensweise zu ergreifen. Einige Bundesländer hatten überlegt, ob man darüber hinaus noch etwas tut, aber am Ende ging es immer wieder darum – Bundesamt für Risikobewertung –, wo diese Grenze ist, dass kein Gesundheitsrisiko, keine Gefährdung gegeben ist. Deshalb haben wir uns sehr klar an die Vorgabe des Bundes gehalten. Da es zu keinem Zeitpunkt eine Gesundheitsgefährdung gab, sind wir dementsprechend verfahren.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal sagen, dass wir auch Gespräche mit dem Lebensmitteleinzelhandel geführt haben. Der Lebensmitteleinzelhandel hat auch von sich aus sehr großzügig direkt reagiert, weil er selbst keinerlei Interesse daran hat, dass belastete Erzeugnisse in den Verkauf gehen. Im Gegenteil: Er hat ein sehr großes Interesse daran, dass die Kundinnen und Kunden gesunde Nahrungsmittel bekommen. Dementsprechend hat er auch von seiner Seite da, wo wir rechtlich nicht greifen konnten, von sich aus gesagt: Wir nehmen Erzeugnisse heraus.

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Frau Winkelmann von der CDU-Fraktion hat eine Frage. Bitte schön, Frau Kollegin.

Bianca Winkelmann (CDU): Herzlichen Dank. – Frau Ministerin, Sie haben vieles schon umfänglich beantwortet und eigentlich letztlich auch das, was mir ein bisschen unter den Nägeln brennt. Vielleicht können wir aber noch einmal konkret darauf zurückkommen: Wie genau lässt sich denn der Fipronil-Gehalt in eihaltigen Lebensmitteln messen und ermitteln? Das passt ein bisschen zur Frage vom Kollegen Diekhoff. Das ist ja das Wichtige.

Vizepräsident Oliver Keymis: Frau Ministerin, bitte schön.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Herr Präsident, herzlichen Dank. – Frau Abgeordnete, wir können das natürlich sehr genau ermitteln. Man muss die Unterschiede sehen: Geht es um Vollei, geht es um Eigelb, geht es um Trockenei? Das habe ich dementsprechend eben schon ausgeführt. Wichtig ist am Ende, dass wir unterhalb der Gefährdungsgrenze des Gesundheitsrisikos bleiben. Überall da, wo es Probleme gab, haben wir direkt reagiert und gesagt: Diese Erzeugnisse werden herausgenommen. – Die Untersuchungsbehörden haben sich sehr eng auch mit dem Lebensmitteleinzelhandel und unserem Haus abgestimmt.

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Herr Kollege Bolte-Richter von der Grünen-Fraktion hat eine Frage. Bitte schön, Herr Kollege.

Matthi Bolte-Richter*) (GRÜNE): Vielen Dank, Herr Präsident. – Frau Ministerin, Sie haben in der Beantwortung der vorangegangenen Frage von Herrn Rüße schon Stellung genommen zur Abstimmung zwischen den Ländern. – Ich habe noch eine Frage zur Abstimmung hinsichtlich der Messverfahren; denn Sie haben eben schon gesagt, dass es durchaus unterschiedliche Herangehensweisen in den Ländern gab. Für mich stellt sich die Frage, welchen Austausch es zwischen den zuständigen Behörden in den einzelnen Bundesländern bezüglich geeigneter Messverfahren gab und ob in dieser Abstimmung auch festgestellt wurde, dass es in den Ländern unterschiedliche Messverfahren gibt und wie das jeweils beurteilt wurde.

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Herr Kollege. – Frau Ministerin, bitte.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Herr Präsident, herzlichen Dank. – Lieber Kollege, selbstverständlich haben sich auch die Labore untereinander zu den Details ausgetauscht. Wenn Sie noch bestimmte Dinge im Detail wissen möchten, kann ich gerne noch einmal im Ausschuss dazu berichten. Mir wäre es lieb, dass dann auch diejenigen dabei sind, die es fachlich auf beiden Ebenen begleitet haben, denn es wichtig, dass wir auch da ins Detail gehen. Deshalb würde ich vorschlagen, dass wir dazu im Ausschuss weiterarbeiten, wenn es gewünscht ist.

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Frau Beer von Bündnis 90/Die Grünen hat eine Frage. Bitte, Frau Beer.

Sigrid Beer (GRÜNE): Herzlichen Dank, Herr Präsident. – Frau Ministerin, ich bedanke mich für die Beantwortung auch der Detailfragen. Ich finde aber die Art und Weise auffällig, wie beantwortet wird. Deswegen möchte ich Sie fragen: Kannten Sie zum Beispiel die Frage des Kollegen Diekhoff vorher, denn Sie haben sofort den Zettel gezückt und extrem lange vorgelesen? Inwieweit waren Ihnen Fragen im Vorhinein bekannt?

Vizepräsident Oliver Keymis: Frau Ministerin, bitte schön.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Herr Präsident, herzlichen Dank. – Liebe Frau Beer, ich finde es bemerkenswert, dass Sie mir sagen wollen, wie ich zu beantworten habe.

Wenn ich insgesamt thematische Fragen gestellt bekomme, bereite ich mich vor. Ich gehe ja nicht unvorbereitet in Veranstaltungen. Ich weiß nicht, wie Sie es handhaben. Mir ist es aber wichtig, immer einen Hintergrundzettel dabei zu haben. Dementsprechend weiß ich nicht, worauf Sie hinauswollen.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Herr Klocke, Fraktionsvorsitzender der Grünen, hat auch eine Frage. Bitte schön, Herr Klocke.

(Dietmar Brockes [FDP]: Irgendetwas zur Sache?)

Arndt Klocke (GRÜNE): Frau Ministerin, es gibt Aussagen und Untersuchungen der niederländischen Regierung, die zu der Erkenntnis bzw. zu der Aussage gekommen sind, dass eine Gesundheitsgefährdung bei den mit Fipronil belasteten Eiern vorliegt. Sie haben ausgeführt, dass Sie diese Einschätzung nicht teilen. Gibt es in den Niederlanden unterschiedliche Messverfahren? Oder wie interpretieren Sie, dass die niederländischen Behörden zu einer ganz anderen Einschätzung kommen als die Behörden hierzulande?

Vizepräsident Oliver Keymis: Frau Ministerin, bitte.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Mir ist nicht bekannt, dass in den Niederlanden ein anderes Verfahren gewählt wird. Aber wenn es gewünscht wird, können wir das gerne auch noch nachreichen.

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Frau Brems von den Grünen hat noch eine Frage. Bitte, Frau Brems.

Wibke Brems (GRÜNE): Herzlichen Dank. – Frau Ministerin, Sie sind eben darauf eingegangen, dass man bei Lebensmitteln, in denen Eier enthalten sind, andere Rechenwege machen muss. Das ist natürlich sehr nachvollziehbar, aber eigentlich ist es ja so, dass dadurch, dass weniger Ei in den Lebensmitteln enthalten ist, eine Verdünnung der Fipronil-Belastung gegeben ist; das ist ja erst einmal so.

Damit stellt sich die Frage, ob es nicht ein anderes, ein entsprechend empfindlicheres Messverfahren geben müsste. Man könnte das beispielsweise durch ein erhöhtes Injektionsvolumen oder durch größere Einwaagen machen. In dem Artikel der „SZ“ kommt ein Mitarbeiter zu Wort, der davon spricht, dass es den Laboren nicht erlaubt wurde, genau so etwas zu tun und damit andere Ergebnisse zu erhalten.

Deswegen ist meine Frage, welche Stelle diese Weisung an Labore ausgesprochen hat. – Herzlichen Dank.

Vizepräsident Oliver Keymis: Frau Ministerin, bitte schön.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Herzlichen Dank. – Herr Präsident! Liebe Kollegin, es wurde nicht irgendetwas geschönt oder weggerechnet, sondern wir sind immer nach der Maßgabe, die auch vonseiten der Bundesebene vorgegeben war, vorgegangen: Was ist das Gesundheitsrisiko? Wo stehen wir, dass wir die Verbraucherinnen und Verbraucher schützen und bestmöglich informieren?

Dementsprechend haben in den Laboren natürlich auch die vorgegebenen Untersuchungen stattgefunden. Da ist nichts schöngerechnet worden oder Ähnliches. Ganz im Gegenteil: Wir haben uns genau an diese Maßgabe gehalten. Ich sage es noch einmal: Wir sind in dem Geschehen um das Fipronil weit entfernt von gesundheitlichen Risiken.

Gemäß der Expertise des BfR, des Bundesamts für Risikobewertung, sind diese gesundheitlichen Risiken bei Fipronil-Konzentrationen in Lebensmitteln unterhalb von 0,72 mg/kg Ei nicht zu erwarten. Wir haben uns bei allen Untersuchungen immer an die unterschiedlichen Grenzen, die vorgegeben waren, gehalten.

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Mir liegen keine weiteren Wortmeldungen vor. Ich danke Ihnen für die Beantwortung der Dringlichen Anfrage 7.

Ich rufe nun aus der letzten Fragestunde die

Mündliche Anfrage 3

des Herrn Abgeordneten Christian Dahm von der Fraktion der SPD auf.

Wie befangen ist Ministerin Christina Schulze Föcking im Tiermastskandal des Familienbetriebs Schulze Föcking?

Ministerin Schulze Föcking hat in der Sitzung des Ausschusses für Umwelt, Landwirtschaft, Natur-und Verbraucherschutz am Mittwoch, dem 6. September 2017, zum Tagesordnungspunkt „Tiermastskandal im Familienbetrieb Schulze Föcking?“ mehrmals aus der Erklärung ihres Ehemannes und Leiters des Familienbetriebs F. Schulze Föcking zitiert oder auf dieses Dokument verwiesen. Die Stellungnahme hat der Ehemann der Ministerin abgegeben anlässlich der am 12. Juli 2017 ausgestrahlten sternTV-Sendung, in der bedrückende Bilder vom Familienbetrieb Schulze Föcking über verdreckte Ställe, eine zu hohe Ammoniakbelastung und zum Teil schwerverletzte Tiere mit angefressenen und entzündeten Schwänzen und Gelenken zu sehen waren.

Ministerin Schulze Föcking hat in dieser Ausschusssitzung zugleich ausgeführt, dass sie ihre nachgeordneten Mitarbeiter angewiesen habe, hier eine „weisungsunabhängige“ Überprüfung des Sachverhaltes vorzunehmen.

Wie ist die Stellungnahme des Ehemanns der Ministerin in die fachliche Prüfung und Bewertung des Ministeriums mit einbezogen worden?

Welche Schritte hat die Ministerin im Verfahren unternommen, damit die Prüfung der Vorfälle im Familienbetrieb Schulze Föcking einer strengen Trennung von Amt und privaten Angelegenheiten unterliegt?

Frau Ministerin, Sie haben das Wort. Bitte schön.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Herzlichen Dank. Herr Präsident! Sehr geehrter Herr Dahm, vielen Dank für Ihre Fragen. – Bereits in der letzten Fragestunde am 13. September habe ich auf die Nachfrage von Herrn Stinka hin Auskunft darüber gegeben, wie die Stellungnahme des Betriebes in die fachliche Prüfung und Bewertung des Ministeriums eingeflossen ist. Gerne wiederhole ich heute noch einmal meine Antwort.

Bei einer fachaufsichtlichen Prüfung und Bewertung von Sachverhalten werden von Amts wegen alle verfügbaren Erkenntnisquellen berücksichtigt. Dazu zählt auch die öffentlich verfügbare Stellungnahme des Betriebsleiters. Diese enthält wichtige betriebsinterne Informationen, die die tierschutzfachliche Einordnung und Beurteilung der gezeigten Bilder unterstützt haben. Hierzu gehörten aber auch die in „stern-TV“ gezeigten Filmaufnahmen, das öffentlich verfügbare Gutachten von Professor Ueberschär sowie Berichte des Kreises Steinfurt. Die zuständige Fachabteilung hat eine fachaufsichtliche Prüfung und Bewertung des Sachverhalts vorgenommen.

Herr Dahm, ich möchte nun Ihre zweite Frage, wie bereits im Ausschuss geschehen, noch einmal im Plenum beantworten.

Die zuständige Fachabteilung hat eine fachaufsichtliche Prüfung und Bewertung der Bilder vorgenommen. Die tierschutzfachliche Prüfung und Bewertung, die in vergleichbaren Fällen ausgestrahlter Bilder ohnehin erfolgt wäre, verlief völlig unabhängig. Die Stellungnahme ging unverändert sodann ohne meine Beteiligung oder Einflussnahme als Anlage in den Bericht der Landesregierung vom 4. September 2017 ein.

Private Angelegenheiten wurden an keiner Stelle und zu keinem Zeitpunkt mit amtlichen Handlungen verbunden.

(Vereinzelt Beifall von der CDU)

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Nun gibt es eine erste Nachfrage des Fragestellers dieser Anfrage. Herr Dahm, bitte schön.

Christian Dahm (SPD): Vielen Dank. – Herr Präsident! Frau Ministerin, es geht um die Weisungsunabhängigkeit. Sie haben noch einmal ausgeführt, wie nach Ihrer Auffassung eine strikte Trennung zwischen einem Amt sowie Ihren privaten und dienstlichen Angelegenheiten eigentlich vorgenommen werden müsste.

Sowohl in der Stellungnahme als auch im Ausschuss haben Sie mehrfach ausgeführt, dass Sie eine Bitte geäußert haben, nämlich nach einer weisungsunabhängigen Überprüfung. Wie erklären Sie sich, nachdem mehrere Kleine Anfragen Ihr Haus erreicht haben und es zudem einen Antrag auf eine Sitzung mit einem umfangreichen Fragenkatalog gab, dann die Antworten, dass es dazu eine weisungsunabhängige Prüfung gegeben hat?

Vizepräsident Oliver Keymis: Frau Ministerin, bitte schön.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Vielleicht sollten wir uns dazu, Herr Dahm, noch einmal die Definition der weisungsunabhängigen fachaufsichtlichen Bewertung vor Augen führen.

Eine weisungsunabhängige fachaufsichtliche Bewertung liegt definitionsgemäß vor, wenn, wie hier, keine konkreten Weisungen zum Inhalt der fachaufsichtlichen Bewertung durch Weisungsberechtigte erteilt wurden. Dabei ist die gesetzlich vorgesehene Weisungsgebundenheit nach § 35 und das bestehende Weisungsrecht von der Frage zu unterscheiden, ob in einem konkreten Vorgang von einem Weisungsrecht Gebrauch gemacht wurde oder nicht.

Vorliegend erfolgte die tierschutzfachliche Auswertung und Bewertung des Sachverhalts durch das Fachreferat eigenverantwortlich und ohne Einflussnahme durch Dritte, insbesondere durch die Leitungsebene des Ministeriums. Von einem Weisungsrecht wurde bei der Erstellung der fachaufsichtlichen Bewertung durch das Fachreferat des Ministeriums kein Gebrauch gemacht.

Im Übrigen, Herr Dahm, besteht die Erwartungshaltung einer Ministeriumsleitung immer darin – zumindest sehe ich das so –, dass auch im vorliegenden Fall ungeachtet von Personen nach Recht und Gesetz objektive und fundierte fachliche Stellungnahmen erfolgen.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Herr Kollege Stinka von der SPD-Fraktion hat eine Frage. Bitte schön.

André Stinka (SPD): Vielen Dank, Herr Präsident. – Frau Ministerin, Sie hatten gerade in Ihrer Antwort auf die Anfrage des Abgeordneten Dahm noch einmal von den Filmaufnahmen gesprochen, die rechtswidrigerweise auf Ihrem Hof erstellt worden seien. Können Sie noch einmal darstellen, wann Sie den Einbruch entdeckt haben und ob Sie Anzeige erstattet haben?

Vizepräsident Oliver Keymis: Frau Ministerin, bitte.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Ganz herzlichen Dank, Herr Präsident. – Herr Stinka, zu den Aufnahmen an sich kann ich Ihnen nichts sagen und möchte auf die Stellungnahme des Betriebes verweisen.

Zu der Anzeige habe ich bereits im Ausschuss, in dem Sie eine identische Frage gestellt haben, Erläuterungen gegeben. Aber sehr gern antworte ich noch einmal darauf. Wie man der heutigen Debatte sowie den vorherigen Debatten entnehmen kann, geht es doch gar nicht um eine nüchterne Betrachtung des Sachverhalts, sondern darum, das politisch zu diskutieren. Daher reagiere ich auch politisch. Auch das habe ich bereits im Ausschuss gesagt.

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Frau Steffens von Bündnis 90/Die Grünen hat eine Frage. Bitte schön, Frau Kollegin.

Barbara Steffens (GRÜNE): Herzlichen Dank. –Frau Ministerin, Sie haben gerade noch einmal die Weisungsungebundenheit bzw. -unabhängigkeit erwähnt und gesagt, natürlich werde, unabhängig von den Personen, völlig fach- und sachgerecht geprüft.

Gleichzeitig haben Sie als Ministerin eine Art Fürsorgepflicht für Ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Stellen Sie sich einmal vor, die Prüfung Ihrer Fachabteilung hätte ergeben, dass die Betriebsführung des Familienbetriebes durch Ihren Mann nicht korrekt gewesen wäre.

Das heißt, die Fachabteilung hätte einen Bericht schreiben müssen, in dem steht …

(Zuruf von Bodo Löttgen [CDU])

– Es ist ja laut Ministerin ergebnisoffen geprüft worden. Das hat sie ja auch gesagt. Bei einer Weisungsunabhängigkeit ist es wichtig, dass ergebnisoffen geprüft wird. Da habe ich so doch jetzt richtig verstanden.

(Ministerin Christina Schulze Föcking: Absolut!)

Bei einer ergebnisoffenen Prüfung kann auch das Gegenteil herauskommen. Stellen Sie sich einmal vor, in welchem Loyalitätskonflikt die Mitarbeiter sind, wenn sie der Hausspitze vorlegen müssen, dass in Ihrem Familienbetrieb etwas falsch gelaufen ist. Ich verstehe das nicht; denn alleine aus Ihrer Fürsorgepflicht heraus müssten Sie das sehen und sagen: Ich entlasse und entbinde die Fachabteilung und lasse es extern machen. – Ich verstehe es einfach nicht, warum Sie das so nicht sehen.

Vizepräsident Oliver Keymis: Frau Ministerin.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Herr Präsident, herzlichen Dank. – Liebe Frau Steffens, ich hatte das im Vorfeld auch schon ausgeführt. Ehrlich gesagt, ich habe keinerlei Einfluss genommen.

Aber jetzt kann man noch einen weiteren Punkt mit hinzuziehen. In der ausführlichen Presseerklärung der Staatsanwaltschaft Münster vom 19. September 2017 wird ausgeführt, dass, soweit auf den Videosequenzen Tiere mit Bissverletzungen und Gelenkschwellungen zu sehen seien, nach dem Ermittlungsergebnis der Staatsanwaltschaft weder der verantwortliche Geschäftsführer noch sonstige Mitarbeiter des Betriebes für das Entstehen dieser gesundheitlichen Probleme verantwortlich seien.

„Es sei nicht ansatzweise erkennbar, dass Betriebsverantwortliche diese Verletzungen vorsätzlich herbeigeführt, ignoriert oder auf diese Verletzungen nicht rechtzeitig oder nicht sachgerecht reagiert … haben. Der Geschäftsführer hat vielmehr alles aus seiner Sicht Mögliche getan, um die verletzten und erkrankten Tiere zu versorgen.“

Auch bei den übrigen Aufnahmen des illegal gefertigten Bildmaterials sei nicht ersichtlich oder lasse sich nicht feststellen, dass hierdurch den Tieren Schmerzen oder Leiden zugefügt wurden.

Insofern liegen nunmehr – und jetzt komme ich zu Ihrer Frage – zwei unabhängig voneinander erfolgte Bewertungen vor, die bestätigen, dass die gezeigten Bilder keine Rückschlüsse auf Verstöße gegen tierschutzrechtliche Vorschriften zulassen.

Dass die Staatsanwaltschaft unabhängig ist, wollen Sie doch bitte nicht in Zweifel ziehen.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Die nächste Frage stellt Ihnen Herr Römer.

Norbert Römer (SPD): Frau Ministerin, Sie haben sowohl in der letzten Fragestunde als auch im Umweltausschuss auf Fragen zu Ihren Eigentumsverhältnissen die Antwort verweigert.

(Zuruf von der CDU)

Gleichzeitig haben Sie in den Ausschusssitzungen mit Blick auf Ihre Eigentumsverhältnisse immer von „dem Betrieb“ gesprochen. Wenn ich richtig informiert bin, gibt es tatsächlich zwei Betriebe, einmal den Betrieb Christina Schulze Föcking sowie den Betrieb Schulze Föcking GbR.

Welchen der beiden Betriebe haben Sie denn damit gemeint? Und vor allen Dingen: Auf welchen der beiden Betriebe beziehen sich die Vorlagen der Landesregierung?

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Frau Präsidentin, herzlichen Dank. – Sehr geehrter Herr Römer, es ist bedauerlich, dass Sie den Bericht anscheinend nicht richtig gelesen haben, weil ich es da auch schon einmal sehr, sehr offen und klar formuliert und gesagt habe. Aber sehr gerne wiederhole ich das hier, gar keine Frage.

Ich zitiere nun aus der betrieblichen Stellungnahme:

„Bei den Betrieben Christina Schulze Föcking sowie Schulze Föcking GbR waren die Eheleute Christina Schulze Föcking und Frank Schulze Föcking bis zum 30. Juni 2017 jeweils paritätische Anteilseigner mit je 50 Prozent der Anteile.

Bereits seit dem 1. Juli 2012 obliegt jedoch die Geschäftsführung der Schulze Föcking GbR alleine Frank Schulze Föcking, seit dem 1. Juli 2015 ebenso die komplette Bestandsbetreuung. Zudem verantwortet Frank Schulze Föcking alleine das operative Geschäft in den Betrieben.

Seit dem 1. Juli 2017 ist Christina Schulze Föcking an den Betrieben auch nicht mehr beteiligt.“

Seit Amtsübernahme habe ich mit Wirkung vom 1. Juli 2017 – auch das steht im Bericht – mein bäuerliches Anwesen verpachtet. Ich habe somit keinerlei betriebliche Verfügungsgewalt mehr. Ich besitze keine Weisungsrechte gegenüber dem Betrieb und erhalte lediglich eine ergebnisunabhängige Pacht. Das ist alles offen angesprochen worden.

(Beifall von Josef Hovenjürgen [CDU])

Einzig zu Ihrer Forderung, jetzt Grundbucheinträge oder Ähnliches zu sehen, habe ich entgegnet – obwohl das sehr persönlich ist, habe ich das alles schon sehr offen gelegt –: Die Fragen zu meinen persönlichen Eigentums- und Vermögensverhältnissen sind höchstpersönlicher Natur. Diesen Schutz hat ein jeder von uns hier.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Herr Römer, es ist mehr als ungewöhnlich, dass hier im Parlament derartige Fragen gestellt werden. Das ist doch auch nicht erforderlich. Dafür gibt es …

(Rainer Schmeltzer [SPD]: Das ist nicht ungewöhnlich!)

– Vielleicht darf ich zu Ende ausführen. – Noch einmal. Ich habe Ihnen ja gesagt: Sie dürfen alle Fragen stellen …

(Rainer Schmeltzer [SPD]: Sie dürfen gern mit mir ein Zwiegespräch führen, aber das ist nicht die Frage, Frau Ministerin! – Zurufe)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Liebe Kolleginnen und Kollegen, jetzt hat die Ministerin zur Beantwortung das Wort.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Herzlichen Dank, Frau Präsidentin. – Es ist nach wie vor mehr als ungewöhnlich, dass hier im Parlament derartige Fragen gestellt werden. Und das ist ja auch nicht erforderlich. Dafür gibt es seit Jahren ein bewährtes Verfahren – auch Sie kennen dieses –, um etwaige Interessenkonflikte bei Ministern zu prüfen. Dieses Verfahren der Ministerehrenkommission wurde unter dem damaligen Ministerpräsidenten Clement entwickelt.

Die Prüfung durch die Ministerehrenkommission stellt eine unabhängige, nicht von politischen Interessen geleitete Prüfung auf etwaige Interessenkonflikte bei Mitgliedern der Landesregierung sicher. Zugleich wird in diesem Verfahren gewährleistet, dass Informationen höchstpersönlicher Art unter Wahrung der Persönlichkeitsrechte vertraulich behandelt werden.

Ich habe entsprechend § 33 der Geschäftsordnung des Landesregierung der Ministerehrenkommission alle erforderlichen Informationen zur Verfügung gestellt. Ich bitte Sie, erkennen Sie diese bewährten und über alle Parteigrenzen akzeptierten Regularien an und warten Sie das Ergebnis der Prüfung ab.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Herr Körfges von der SPD-Fraktion stellt Ihnen die nächste Frage.

Hans-Willi Körfges (SPD): Frau Ministerin, was Sie antworten, ist Ihre Sache. Was wir fragen, ist bitte unsere Sache.

(Beifall von der SPD)

Insoweit erlaube ich mir die Nachfrage auf die Frage des Kollegen Stinka nach der Strafanzeige aufgrund des Eindringens. Das hat natürlich auch etwas – das füge ich ausdrücklich hinzu – mit Eigentumsverhältnissen zu tun. Und in Fragen von Interessenkollisionen sind natürlich Eigentumssituationen für das Parlament von hohem Interesse und unterliegen nicht alleine der Beurteilung der Ministerehrenkommission.

Haben Sie also die Strafanzeige gestellt oder nicht?

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Frau Präsidentin, Herr Kollege! Zum jetzigen Zeitpunkt wäre es eine Strafanzeige gegen Unbekannt gewesen. Daher ist dieses in dem Moment nicht erfolgt, sondern wir haben politisch geantwortet.

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Danke schön, Frau Ministerin.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Man darf eines vielleicht noch hinzufügen: Selbst die SPD vor Ort hat gesagt, dass es ihr egal ist, wie diese Bilder entstanden sind. Nichtsdestotrotz sprechen wir von einem Einbruch. Es ist aber ein Einbruch von Unbekannt gewesen. Dementsprechend geht es mir darum, dass wir hier die Debatte sauber führen. Ich habe auf die Staatsanwaltschaft vertraut, und die Staatsanwaltschaft hat das Urteil sehr sauber gesprochen.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Frau Kollegin Watermann-Krass stellt Ihnen die nächste Frage.

Annette Watermann-Krass (SPD): Ich würde gerne noch einmal auf das Gutachten eingehen. Sie zitieren immer aus dem Gutachten Ihres Hauses und aus der Stellungnahme Ihres Ehemannes.

In der letzten Wahlperiode hat die Landesregierung zur Aufklärung im Fall Amri einen Gießener Professor, Herrn Kretschmer, als Gutachter beauftragt. Die CDU-Fraktion hat damals ganz vehement kritisiert, dass die Unabhängigkeit des Gutachters nicht gewährleistet sei, weil er wechseln wollte.

Hat das Ministerium jemals geprüft, die Untersuchung der Vorkommnisse im Familienbetrieb Schulze Föcking an einen externen Experten zu vergeben, um genau diesen Interessenkonflikt aus dem Weg zu räumen?

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Frau Präsidentin, herzlichen Dank. – Liebe Frau Watermann-Krass, dazu vielleicht zwei Anmerkungen.

Die eine ist: Es gibt ein Protokoll vom März dieses Jahres aus dem Ausschuss, in dem mein Vorgänger sehr explizit gesagt hat – dazu zitiere ich gerne aus dem Protokoll vom 8. März –, er sei dankbar, dass im Ministerium insbesondere im nachgeordneten Bereich mit Professor Jäger und Frau Dr. Pütz zwei ausgewiesene Experten Rede und Antwort stehen würden und wir dementsprechend gesegnet sein können, solche Experten gerade für diesen Bereich zu haben.

Unabhängig davon hat die Staatsanwaltschaft geprüft.

Heute liegen nunmehr zwei unabhängig voneinander erfolgte Bewertungen vor, die bestätigen, dass die gezeigten Bilder keine Rückschlüsse auf Verstöße gegen tierschutzrechtliche Vorschriften zulassen.

Noch einmal: Frau Watermann-Krass, ich hoffe wirklich, dass Sie nicht bezweifeln wollen, dass die Staatsanwaltschaft unabhängig ist.

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Danke schön, Frau Ministerin. – Jetzt hat Herr Kollege Stinka von der SPD-Fraktion eine Frage an Sie. Das ist seine zweite und damit auch letzte Fragemöglichkeit.

André Stinka (SPD): Frau Ministerin, Sie können sich vielleicht die Verwunderung vorstellen, als Sie vorhin auf meine Frage zum Thema „Anzeige“ gesagt haben, dass Sie darauf politisch antworten. Sie sind doch auch Verbraucherschutzministerin. Würden Sie Bürgern raten, die nicht feststellen können oder glauben, nicht feststellen zu können, dass bei ihnen eingebrochen worden ist, von einer Anzeige Abstand zu nehmen?

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Frau Präsidentin, lieber Herr Stinka! Ich glaube, es ist immer noch meine Sache, auch wenn ich Ministerin bin, wie man privat als Familie Dinge angeht. Diese Freiheit möchte ich einer jeden Familie, einem jeden Bürger selbst überlassen. Ich werde auch nicht als Ministerin irgendwelche Vorgaben machen, wie wer zu reagieren hat; denn ich verstehe Politik nicht als Bevormundung, sondern dass man für sich selbst Entscheidungen fällen kann.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Jetzt stellt Ihnen Herr Kollege Rüße von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen eine Frage.

Norwich Rüße (GRÜNE): Frau Ministerin, Sie haben zweimal darauf hingewiesen, dass die gezeigten Bilder keine strafrechtlich relevanten Verstöße nachgewiesen hätten. Im Rechtsausschuss gab es dazu einen Bericht. In dem Bericht ist dargestellt worden, dass die Staatsanwaltschaft nicht auf alle Aufnahmen zurückgegriffen hat, die verfügbar sind, sondern sie nur die kurzen Ausschnitte bewertet hat, die im „stern-TV“-Bericht selbst vorhanden waren. Halten Sie dieses Vorgehen der Staatsanwaltschaft für ausreichend, oder hätte man alle Bilder analysieren müssen?

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Frau Präsidentin, lieber Herr Rüße! Ganz herzlichen Dank. Auch da würde ich auf die Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft verweisen, weil diese in der Tat das komplette Bildmaterial ausgewertet hat, das ihr zur Verfügung gestellt wurde. Das hat sie in ihrer Pressemitteilung öffentlich noch einmal bekundet.

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Danke schön, Frau Ministerin. – Herr Kollege Hovenjürgen von der CDU-Fraktion stellt Ihnen jetzt eine Frage.

Josef Hovenjürgen (CDU): Danke, Frau Präsidentin. – Ich würde gerne den Herrn Justizminister fragen, ob er Erkenntnisse darüber hat, dass im Zuge der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in irgendeiner Form Dinge festgestellt wurden, die Anlass dazu geben, von Unregelmäßigkeiten oder Einflussnahmen, wie sie hier angedeutet und permanent unterstellt werden, sprechen zu können.

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Herr Justizminister, Sie möchten antworten. – Dann schalte ich Ihr Mikrofon ein.

Peter Biesenbach, Minister der Justiz: Minister der Justiz: Herr Hovenjürgen, mir ist nichts Derartiges bekannt.

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Dann sage ich Dankeschön für diese Antwort. – Die nächste Frage kommt von Frau Kollegin Steffens von den Grünen. Ich vermute aber, dass sich die Frage an die Ministerin richtet.

Barbara Steffens (GRÜNE): Genau. Herzlichen Dank, Frau Präsidentin. – Frau Ministerin, noch eine Frage, nachdem Sie die von eben nicht beantwortet haben. Die ist etwas einfacher, aber Sie können die Antwort auch schriftlich nachreichen, nämlich: Wann haben Sie Ihre Unterlagen an die Ministerehrenkommission zugestellt? Sie wissen, ich finde, die Ministerehrenkommission ist an der Stelle völlig korrekt. Ich halte das auch für das richtige Verfahren. Ich wüsste nur gerne: Wann haben Sie die Unterlagen eingereicht?

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Ich habe beim letzten Mal Frau Kraft in der Fragestunde schon gesagt, dass ich zu dem Zeitpunkt schon längst alle Unterlagen eingereicht hatte. Ich kann Ihnen weder auf Punkt noch Komma noch Datum genau sagen, wann es exakt war. Auf jeden Fall: Es war zu dem Zeitpunkt schon alles abgegeben.

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Bei Frau Steffens war es übrigens auch die zweite und letzte Fragemöglichkeit. – Die nächste Frage stellt Herr Kollege Becker von den Grünen der Ministerin.

Horst Becker (GRÜNE): Schönen Dank, Frau Präsidentin. Ich kann an die Frage von Frau Steffens anschließen und noch einmal nachfragen, weil Sie, Frau Schulze Föcking, vorhin sagten, Sie hätten sich präzise vorbereitet.

Haben Sie tatsächlich vor Anfang August, also im Wege Ihres Amtsantritts, alle Unterlagen auch zu Ihren Besitzverhältnissen der Ministerehrenkommission vorgelegt?

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Frau Präsidentin, herzlichen Dank. – Herr Becker, noch einmal: Ich habe der Ministerehrenkommission alle relevanten Unterlagen vollumfänglich zur Verfügung gestellt.

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Danke schön, Frau Ministerin. – Herr Kollege Kutschaty von der SPD-Fraktion ist der nächste Fragesteller.

Thomas Kutschaty (SPD): Vielen Dank, Frau Ministerin. – Sie haben mehrfach gesagt, dass Sie die Unterlagen der Ministerehrenkommission zur Verfügung gestellt haben, und haben uns gerade darauf verwiesen, wir sollten erst einmal abwarten, was die Ministerehrenkommission zu Ihren Vermögens-, Eigentums- und Besitzverhältnissen bei Ihrem landwirtschaftlichen Betrieb sagt.

Sind Sie denn bereit, die Prüfergebnisse und Empfehlungen der Ministerehrenkommission dem Parlament gegenüber zu veröffentlichen?

(Zuruf von Josef Hovenjürgen [CDU])

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Frau Ministerin.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Frau Präsidentin, herzlichen Dank. – Herr Kutschaty, ich kann mich jetzt nicht erinnern, wann Sie das getan haben.

(Thomas Kutschaty [SPD]: Ich habe auch nicht so viel Anlass gegeben wie Sie!)

Ich glaube, Sie kennen das genauso.

(Beifall von der CDU und der FDP – Zuruf von Rainer Schmeltzer [SPD] – Josef Hovenjürgen [CDU]: Sie hat auch keinen Anlass gegeben! – Weitere Zurufe – Unruhe)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Liebe Kolleginnen und Kollegen, Frau Ministerin hat geantwortet. Deshalb gibt es jetzt die nächste Frage, und zwar von Herrn Kollegen Dahm von der SPD-Fraktion. Es ist seine zweite Frage.

Christian Dahm (SPD): Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Frau Ministerin, Sie haben jetzt mehrfach ausgeführt, dass Sie keine Gesellschafteranteile oder Geschäftsführungsanteile an dem Betrieb mehr haben.

Ich sage ganz offen: Ich kann nicht mehr unterscheiden, um welchen Betrieb es sich offenbar handelt. Das haben Sie hier so dezidiert nicht ausgeführt.

(Zuruf von Bodo Löttgen [CDU])

Fest steht, dass Sie die Geschäftsführungsverhältnisse ab 1. Juli 2017 übertragen haben. Daraus schließe ich, dass Sie also zum Vorfallszeitpunkt nach wie vor verantwortlich waren.

(Ministerin Christina Schulze Föcking: Nein!)

Von daher stelle ich die Frage: Haben Sie nach dem 1. Juli ein Weisungsrecht gegenüber dem jetzigen Geschäftsführer? Denn das hätten Sie ja alles in Form eines Gesellschaftsvertrages regeln können.

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Bitte.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Frau Präsidentin, herzlichen Dank. – Herr Dahm, es ist alles komplett geregelt, es ist alles niedergeschrieben, es ist alles im Bericht gesagt worden. Ich habe im Ausschuss dazu insgesamt über Stunden Rede und Antwort gestanden. Deshalb bitte ich Sie, dieses dementsprechend in dem Bericht, der vollumfänglich zur Verfügung steht, noch einmal nachzulesen oder aber in dem heutigen Protokoll, weil ich es eben – ich glaube, vor einer halben Stunde – auch schon mal ausgeführt habe. – Ich danke Ihnen herzlich.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Der nächste Fragesteller ist Herr Kollege Kämmerling von der SPD-Fraktion.

Stefan Kämmerling (SPD): Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Dann habe ich jetzt eine Frage zu einem Sachverhalt, der nicht offen einsehbar ist. Der für Ihre Betriebe zuständige Kreisveterinär Dr. Christoph Brundiers ist ausweislich verschiedener Presseberichterstattungen – unter anderem gibt es dazu Pressespiegel auf Ihrer eigenen Website – häufig mit Ihnen zusammen bei politischen Terminen gewesen und von Ihnen auch mehrfach als Experte benannt worden.

(Minister Herbert Reul: Jetzt wird es wieder peinlich!)

Einer dieser Termine war beispielsweise – ich könnte zahlreiche weitere nennen – im November 2016, als Sie, Frau Ministerin, gemeinsam mit den CDU-Landtagskandidaten Andrea Stullich und Felix Holling sowie Herrn Dr. Brundiers die Fleischerinnung in Steinfurt besuchten.

Können Sie, Frau Ministerin, einschätzen, wie oft der Kreisveterinär, der Ihrem Betrieb persönlich in der Regelkontrolle ein so gutes Zeugnis ausstellte, Sie zu Wahlkampfterminen in den letzten fünf Jahren begleitet hat?

(Lachen von der CDU)

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Frau Präsidentin, herzlichen Dank.

(Zurufe von der CDU – Stefan Kämmerling [SPD]: Was wollen Sie denn jetzt? Das ist eine Frechheit! Sie kommentieren meine Frage!)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Liebe Kolleginnen und Kollegen! Im ganzen Raum gibt es doch sicherlich ein Interesse an der Beantwortung der Frage.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Frau Präsidentin, herzlichen Dank. – Ihnen herzlichen Dank für die Frage, um noch einmal klar darzustellen: Ich bin – diese Frage wurde schon vor Ort auch von Ihrer Seite mehrfach gestellt wurde – weder mit dem Amtstierarzt, mit dem Veterinär Dr. Brundiers, befreundet noch per Du noch sonst irgendetwas.

Aber ich verstehe Politik auch als Dialog. Und wenn ich mit verschiedenen Experten im Gespräch bin, um zu hören, wie es vor Ort läuft, dann ist es meine Aufgabe auch als Wahlkreisabgeordnete den zuständigen Veterinär einmal zu fragen: Wie sieht das aus mit der Tierhaltung im Kreis Steinfurt? Gibt es da Dinge?

(Beifall von der CDU und der FDP – Zuruf von den GRÜNEN)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank. – Der nächste Fragesteller ist Herr Kollege Hübner von der SPD-Fraktion.

Michael Hübner (SPD): Frau Präsidentin, vielen Dank. – Ich komme auf einen Sachverhalt zurück, den Sie vorhin angesprochen haben und der aus meiner Sicht äußerst ungewöhnlich ist.

Ich möchte noch einmal vorausschicken, dass in mein Eigentum auch schon mal eingebrochen worden ist und ich direkt danach die Versicherung angerufen und gefragt habe, ob der Schaden übernommen werden würde und wenn ja, ob das durch die Hausversicherung passiert, also durch die Gebäudeversicherung, oder durch die Haftpflichtversicherung.

(Zuruf von Henning Höne [FDP])

– Über die Hausratversicherung, richtig.

Da wurde mir seitens der Versicherung entgegnet, dass sie davon ausgeht, dass eine Anzeige erstattet worden ist, und zwar gegen Unbekannt. Ansonsten gebe es nämlich keine Überlegungen, den Schaden möglichst schnell zu übernehmen.

Sie haben gerade ausgeführt, dass Sie – wie ich finde, sehr ungewöhnlich – keine Anzeige gegen denjenigen, der bei Ihnen eingebrochen ist, gemacht haben, wobei offenkundig klar ist, wer es war. Denn sonst hätten wir die Bilder ja nicht sehen können. Dann hätten Sie ja auch …

(Zuruf von Josef Hovenjürgen [CDU] – Bodo Löttgen [CDU]: Das ist Strafvereitelung, was Sie hier sagen!)

– Also, ich stelle hier die Fragen, und Sie rufen dazwischen. Das ist doch völlig in Ordnung.

(Zuruf von Josef Hovenjürgen [CDU])

Könnten Sie mir dann deutlich machen, warum Sie von einer Anzeige abgesehen haben

(Zurufe von der CDU – Stefan Kämmerling [SPD]: Hör doch mal zu!)

und warum es …

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen! Die Spielregeln für die Fragestunde sind relativ einfach. Derjenige, der das Fragemikrofon offen hat, stellt die Frage, die Ministerin antwortet, und jeder, das etwas fragen möchte, kann sich hier zu Wort melden, weil wir die Fragestunde nicht abbrechen werden, bevor diese Mündliche Frage Nr. 2 nicht von allen Fragestellern ausreichend befragt werden konnte.

So, jetzt hat immer noch Herr Hübner das Wort, danach die Frau Ministerin.

Michael Hübner (SPD): Können Sie mir die Frage beantworten, warum Sie trotz eingetretenem Schaden keine Anzeige gemacht haben, und welcher Schaden eingetreten ist?

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Frau Präsidentin, herzlichen Dank. Herr Hübner, bei der Art und Weise, wie Sie jetzt gerade die Frage gestellt haben, kommt bei mir der Eindruck auf, als ob Sie wüssten, wer derjenige war. Ich würde Sie bitten, mir den Namen zu nennen, damit wir endlich Anzeige erstatten können.

(Lebhafter Beifall von der CDU, der FDP und der AfD)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Ich muss, liebe Kolleginnen und Kollegen, weil sich zweimal Frau Winkelmann eingeloggt hat und beide Male wieder herausgegangen ist, fragen: Möchten Sie fragen?

(Bianca Winkelmann [CDU]: Meine Frage hat sich erledigt, vielen Dank!)

– Prima! Fürs Protokoll: Die Frage hat sich erledigt. Vielen Dank.

Dann ist der nächste Fragesteller Herr Vogt auf dem Platz von Herrn Kollegen Herter.

Alexander Vogt (SPD): Frau Ministerin, um noch einmal auf die Prüfung in Ihrem Ministerium einzugehen: Ihr Ehemann hatte ja eine Stellungnahme abgegeben, und da würde ich gerne wissen, wie diese Stellungnahme durch Ihr Ministerium fachlich geprüft und bewertet wurde, und in welcher Form die Ergebnisse dieser Prüfung vom Ministerium in die Vorlagen 17/82 und 17/59 übernommen wurden.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Frau Präsidentin! Herzlichen Dank, Herr Vogt. – Das war eine der ersten bzw. die zweite Antwort, die ich schon zu Beginn dieser Fragestunde geäußert habe, aber herzlich gern sage ich das noch einmal: Natürlich ist diese Stellungnahme wie alle öffentlich verfügbaren Dinge mit in diese Bewertung der Fachabteilung eingeflossen.

Aber ich sage Ihnen auch – und das habe ich in der letzten Fragestunde auch schon einmal erwähnt –: Wenn das nicht so wäre, dann hätten wir hier auch gar nicht debattieren können; denn dann hätten die Bilder von „sternTV“ gar nicht zugrunde gelegt werden können. Das war auch aus der Öffentlichkeit verfügbar; die wurden ja nicht dem Ministerium überreicht.

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Danke schön, Frau Ministerin. – Die nächste Frage stellt Ihnen Herr Kollege Becker von den Grünen. Das ist dann auch seine zweite und damit letzte Fragemöglichkeit.

Horst Becker (GRÜNE): Frau Ministerin, Sie haben eben auf die Frage, wann genau die Ministerehrenkommission Ihre Unterlagen erhalten hat, nicht präzise geantwortet. Ich weise noch einmal darauf hin, dass nach der Geschäftsordnung der Landesregierung die Mitglieder der Landesregierung, also die Ministerinnen und Minister, verpflichtet sind, beim Amtsantritt, und im Übrigen auch für die Dauer ihrer Amtszeit, zu ihren Vermögensverhältnissen und externen Tätigkeiten Auskünfte zu geben.

Also, zu Ihrem Amtsantritt: Der war bekanntermaßen im Juli, und deswegen frage ich Sie noch einmal sehr präzise, weil Sie auch vorhin gesagt haben, Sie hätten sich präzise auf diese Befragung heute vorbereitet: Können Sie ausschließen, dass Ihre Unterlagen erst im August bei der Ministerehrenkommission vorgelegt worden sind?

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Frau Präsidentin, herzlichen Dank. – Herr Becker, ich kann Ihnen nicht das genaue Datum nennen. Ich kann Ihnen nur sagen: Als der Hinweis der Ministerehrenkommission kam, was wir alles angeben sollen, habe ich diese Fragebögen komplett ausgefüllt. Alle benötigten Informationen habe ich zur Verfügung gestellt. Dies liegt nun der Ministerehrenkommission vollumfänglich vor. Das habe ich auch in der letzten Fragestunde gesagt. Es gibt nichts zu verheimlichen, das ist alles offengelegt. Deshalb bitte ich Sie noch einmal: Warten wir doch das Votum der Ministerehrenkommission ab.

(Beifall von der CDU)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Frau Ministerin! – Die nächste Frage stellt Ihnen Herr Mostofizadeh von den Grünen.

Mehrdad Mostofizadeh (GRÜNE): Frau Präsidentin! Frau Ministerin, vielen Dank. Sie haben jetzt wieder die Formulierung in den Mund genommen: Warten wir doch das Ergebnis der Ministerehrenkommission ab. – Daraufhin hatte Thomas Kutschaty sinnvollerweise nachgefragt, ob Sie bereit wären, diese Ergebnisse vorzulegen. Warum aber sollen wir die Ergebnisse der Ministerehrenkommission abwarten, wenn wir davon nichts erfahren?

(Vereinzelt Heiterkeit)

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Frau Präsidentin! Ich denke, wenn irgendetwas von der Ministerehrenkommission käme, dass irgendwas nicht so richtig wäre, dann würden Sie garantiert ganz, ganz rechtzeitig davon erfahren. Von daher: Ich warte gelassen ab, tun Sie es doch bitte auch.

(Beifall von der CDU)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Frau Kollegin Watermann-Krass stellt Ihnen jetzt die zweite Frage, und damit sind auch ihre Fragemöglichkeiten erschöpft.

Annette Watermann-Krass (SPD): Frau Ministerin, mich würde schon interessieren: Nach Ihren Ausführungen habe ich in einem privaten Gespräch vernommen, dass die Polizei auf Ihrem Hof war. Aus den Ausführungen der Berichterstattung konnte man ja vernehmen, dass es zweimal Filmaufnahmen gegeben hat. Deswegen die Frage: Wann wurde in Ihrem Betrieb denn eingebrochen? Wann haben Sie das entdeckt?

(Zuruf von der CDU: Das kann Herr Hübner sagen! – Heiterkeit und Beifall von der CDU)

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Geben Sie mir bitte eine Sekunde. Das müsste in der Stellungnahme notiert sein; damit Sie die genauen Daten haben, wann die Einbrüche waren. Das habe ich nämlich auch erst durch „sternTV“ erfahren. – Das war einmal im März, zweimal im Juni.

Frau Watermann-Krass, Sie sind ja auch Ausschussmitglied, und es steht im Bericht des Ausschusses ausführlich drin. Da habe ich es auch gesagt. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Wir hatten diese drei Einbrüche, wie man den Stellungnahmen entnehmen kann. Daraus könnte ich jetzt auch nur zitieren. Ich kann Ihnen jetzt leider nicht das genaue Datum sagen, weil ich es gerade in diesem Moment nicht einsehe. Aber ich kann Ihnen das gerne nachreichen, wenn es Sie interessiert. – Ah, hier kommt es, einen Moment.

Im Bericht der Landesregierung – das liegt Ihnen, Frau Watermann-Krass, aber auch vor – heißt es direkt auf der ersten Seite in der Vorbemerkung:

„Über in Rede stehende Vorwürfe gegen den Schweinemastbetrieb Schulze Föcking wurde die Pressestelle des MULNV durch die „sternTV“-Redaktion am Nachmittag des 07.07.2017 informiert und um Stellungnahme gebeten. In den Nächten vom 06. auf den 07.03., vom 14. auf den 15.06. und vom 21. auf den 22.06.2017 seien von Tierschutzaktivisten Filmaufnahmen in den Stallungen des Betriebs … gefertigt worden.“

– Und so weiter.

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Die nächste Frage stellt Ihnen Herr Kollege Körfges von der SPD-Fraktion. Das ist auch seine zweite und damit letzte Fragemöglichkeit.

Hans-Willi Körfges (SPD): Frau Ministerin, in Ihren bisherigen Antworten haben Sie sich sehr intensiv auf die Ministerehrenkommission bezogen und gesagt, man solle diesbezüglich abwarten. Wollen Sie damit etwa das Recht des Parlaments, umfassende Informationen von Ihnen zu erhalten, in dieser Angelegenheit infrage stellen?

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Nein, selbstverständlich nicht.

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Die nächste Frage stellt Herr Kollege Hübner von der SPD-Fraktion. Das ist auch seine zweite Fragemöglichkeit; auch seine Fragemöglichkeiten sind damit erschöpft.

Michael Hübner (SPD): Frau Ministerin, ich habe eben in Ihrer Antwort nicht vernehmen können, ob Ihnen durch den Einbruch ein Schaden entstanden ist, und warum Sie nicht Anzeige erstattet haben.

(Josef Hovenjürgen [CDU]: Sie haben doch die Täter, Sie wissen doch die Namen!

– Das habe ich überhaupt nicht gesagt!

(Zurufe von der CDU und der SPD)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Das Wort hat nun wieder die Ministerin. – Sie wollten das doch gerade auch missverstehen. – Bitte schön.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Frau Präsidentin, herzlichen Dank. – Herr Kollege, wie Sie der Stellungnahme entnehmen können, gab es laut „sternTV“ diese drei Nächte, in denen eingebrochen wurde. Mehr kann ich Ihnen dazu auch nicht sagen.

(Michael Hübner [SPD]: Ein Schaden ist nicht eingetreten? – Fortgesetzt Zurufe)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Es fragt nun Herr Kollege Dahm von der SPD-Fraktion. Es ist seine dritte Frage. Damit sind auch seine Fragemöglichkeiten erschöpft.

Christian Dahm (SPD): Ich will noch einmal an die Frage von Herrn Körfges zu den Rechten des Parlaments und der Landtagsverwaltung anknüpfen. In der Vorlage 17/159 haben Sie geschrieben: Gegenüber der Landtagsverwaltung wurden alle notwendigen Angaben gemacht. – Auf der Internetseite des Landtags sind diese Angaben zum Teil auch veröffentlicht worden. Im Übrigen sind die Angaben in der letzten Woche korrigiert worden.

Es stellt sich die Frage, wie sich Ihre wirtschaftliche Situation und die Eigentumsanteile hinsichtlich des Betriebs darstellen. Das wird nämlich nicht angegeben.

(Josef Hovenjürgen [CDU]: Das ist alles beantwortet!)

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Frau Präsidentin, herzlichen Dank. – Herr Dahm, zunächst einmal: Die Ausführungen auf der Internetseite des Landtags sind für uns alle – für alle Abgeordneten – reduziert bzw. zum Teil auch gelöscht worden, weil wir mit dieser Legislaturperiode neu gestartet sind. Dementsprechend wurden diese Angaben – so wurde es mir gesagt – wieder erneuert.

(Christian Dahm [SPD]: Letzte Woche!)

Das müsste eigentlich bei Ihnen auch der Fall sein. Die Verwaltung versucht dies natürlich nach und nach weiterzuführen.

Was für Sie relevant sein sollte, sind nicht veraltete Angaben auf der Internetseite, sondern das, was tatsächlich Fakt ist. Fakt ist, dass ich zum 30.06., zum Ende des Wirtschaftsjahrs, überall raus bin und dementsprechend – so wie es auch im Bericht steht und ausführlich dokumentiert und dargestellt wurde – das bäuerliche Anwesen verpachtet habe und nicht, wie Sie mal vermutet haben, irgendwie mit Gewinnausschüttung. Nein! Vielmehr ist das bäuerliche Anwesen verpachtet worden, ergebnisunabhängig, mit Pacht, so wie es ganz normal zugrunde gelegt wurde. Das habe ich im Bericht so auch öffentlich dargestellt.

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Herr Kollege Bialas von der SPD-Fraktion stellt Ihnen die nächste Frage.

Andreas Bialas (SPD): Frau Präsidentin! Frau Ministerin, herzlichen Dank. Ich habe eben etwas nicht verstanden, als ein sehr starker Applaus seitens der CDU und der FDP aufbrandete. Auf die Frage von Herrn Hübner haben Sie mit starker emotionaler Vehemenz geantwortet, Sie wollten endlich Anzeige stellen, wenn Sie denn nur den Täter kennten. Daher meine Frage: Warum können Sie eine Anzeige nur dann erstatten, wenn Sie den Täter kennten?

(Josef Hovenjürgen [CDU]: Kennen! – Zuruf von der SPD: Kennten ist schon der richtige Konjunktiv!)

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Frau Präsidentin, herzlichen Dank. – Herr Bialas, wenn ich den Täter kennen würde – so hörte es sich in den Ausführungen von Herrn Hübner an –, wären wir ein ganzes Stück weiter. Dann könnten wir dem auch auf den Grund gehen. Alles andere ist die eigene Entscheidung, und ich bitte Sie, dies auch zu akzeptieren.

(Beifall von der CDU)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Frau Kollegin Beer von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen ist die nächste Fragestellerin.

Sigrid Beer (GRÜNE): Danke schön, Frau Präsidentin. – Frau Ministerin, ich habe eine Frage. Ich glaube, meine Kollegin Frau Steffens hat Sie im Ausschuss schon gefragt, ob Sie das Schreiben der Ministerehrenkommission, wenn es bei Ihnen eingetroffen ist, auch zur Verfügung stellen würden. Bleiben Sie am heutigen Tag bei dieser Zusage?

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Frau Präsidentin, herzlichen Dank. – Frau Beer, wir haben nicht darüber gesprochen, ob wir das Schreiben zur Verfügung stellen, sondern wir haben darüber gesprochen, ob ich darüber berichten bzw. Sie in Kenntnis setzen würde. Ich werde Ihnen gerne darüber berichten, was die Ministerehrenkommission gesagt hat.

Hier geht es aber doch darum, dass die Ministerehrenkommission – so war es in anderen Fällen auch – erst einmal unabhängig prüft. Das ist ja auch gut so. In der Vergangenheit war das genauso; wir als CDU haben auch geduldig gewartet, bis die Ministerehrenkommission so weit war, als Sie Regierungsverantwortung hatten.

(Michael Hübner [SPD]: Bei wem ist denn damals eingebrochen worden? – Zurufe)

Deshalb warten wir es doch bitte geduldig ab. Ich mache das so, und ich würde mich freuen, wenn Sie es genauso halten würden.

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Herr Kollege Rüße von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen stellt nun seine zweite und damit letzte Frage.

(Josef Hovenjürgen [CDU]: Das stimmt nicht! Das geht doch nicht, das ist die dritte oder vierte mittlerweile! – Zuruf: Nein, das ist die zweite! Bei Fipronil hat er gefragt! – Weitere Zurufe)

Das stimmt nicht, aber Sie können das gerne gleich mit mir gemeinsam überprüfen. Wir führen hier sehr akribisch eine Strichliste, und ich habe nicht den Eindruck, dass einer der Schriftführer bezweifelt, dass es richtig ist, was wir hier tun.

(Fortgesetzt Zurufe – Michael Hübner [SPD]: Josef, atme doch mal tief durch!)

Nach meinen Aufzeichnungen hat Herr Rüße jetzt seine zweite Fragemöglichkeit.

Norwich Rüße (GRÜNE): Frau Ministerin, Sie sind in dieser Fragestunde dreimal gefragt worden, wann genau die Unterlagen an die Ministerehrenkommission gegangen sind. Ich kann nachvollziehen, dass Sie nicht den Tag und die Uhrzeit angeben können. Das ginge jedem von uns so. Es gäbe aber sehr wohl die Möglichkeit, den Zeitpunkt mitzuteilen; denn vermutlich gibt es einen Posteingang der Ministerehrenkommission. Sie könnten rückwirkend die Ministerehrenkommission fragen und uns dann zu Protokoll geben, wann die Ministerehrenkommission die Unterlagen erhalten hat. Dann hätten wir die Information; denn es scheint ja hier ein Bedürfnis zu geben, das zu erfahren. Würden Sie das machen?

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Frau Präsidentin, herzlichen Dank. – Herr Rüße, ich habe es auch schon bei der letzten Fragestunde gesagt, und das sollte für Sie relevant sein. In der letzten Fragestunde hat Frau Kraft mich schon gefragt, ob ich die Unterlagen zur Verfügung gestellt hätte. Und schon da habe ich gesagt: Selbstverständlich habe ich sie zur Verfügung gestellt. Da gibt es auch nichts zu verheimlichen, sondern das liegt alles offen. Ob es jetzt am 01., 02. oder 03. passiert ist, hat dabei keine Relevanz.

(Horst Becker [GRÜNE]: Welcher Monat?)

Dementsprechend sage ich hier noch einmal: Es gibt gegenüber der Ministerehrenkommission nichts zu verheimlichen, nein. Natürlich habe ich alles vollumfänglich zur Verfügung gestellt.

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Frau Kollegin Müller-Witt von der SPD-Fraktion stellt Ihnen jetzt eine Frage.

Elisabeth Müller-Witt (SPD): Frau Ministerin, ich würde gerne von Ihnen wissen, wie Sie zu dem Sinneswandel gekommen sind, mir letztes Mal auf die Frage nach der Eigentumskonstruktion zu antworten: „Das ist Privatsache“, und heute führen Sie das ausführlich aus. Was hat diesen Sinneswandel bewirkt?

(Zuruf von der AfD)

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Frau Präsidentin, herzlichen Dank. – Frau Müller-Witt, freuen Sie sich doch, dass Sie eine Antwort bekommen, anstatt zu sagen: ist nicht.

(Zurufe von der SPD – Unruhe)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Bitte keine Zwischenrufe!

(Unruhe – Glocke der Präsidentin)

Ich frage jetzt einfach die Frau Ministerin, ob sie mit der Beantwortung fertig ist.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Nein, einen Moment bitte.

Frau Müller-Witt, es geht mir darum: Natürlich ist es auch da eine Privatsache. Das hätte ich heute genauso sagen können. Aber mir geht es darum: Ich habe es zumindest der Ministerehrenkommission gegeben. Ich habe auch Ihnen gegenüber nichts zu verheimlichen. Deshalb sage ich Ihnen das ganz offen – noch einmal –, ich habe es auch in den Bericht hineingeschrieben. Es ist ja nicht so, als ob es da nicht gestanden hätte, sondern im Bericht steht explizit – ich kann Ihnen das noch einmal vorlesen –, wie die jeweiligen Abläufe sind. Es gibt da nichts zu verheimlichen.

Wichtig ist doch, dass in dem Moment der Vereidigung das bäuerliche Anwesen komplett abgegeben und verpachtet wurde und ich keinerlei wirtschaftliche, organisatorische oder irgendeine Verknüpfung damit habe. Darum geht es.

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank. – Der nächste Fragesteller ist Herr Kollege Bialas. Das ist auch seine zweite und damit letzte Fragemöglichkeit.

Andreas Bialas (SPD): Ich habe noch einmal eine Frage, Frau Ministerin, zu dem Stand der Ermittlungen, weil Sie auch schon sagten, Sie wären eigentlich froh, wenn man da weiter wäre. Ermittelt die Polizei bereits von Amts wegen oder aber nicht? Eine Anzeige im polizeilichen Wesen löst häufig auch dann erst eine Ermittlung aus. Also, wird bereits ermittelt oder nicht?

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Da muss ich einmal nachfragen: Inwiefern ermittelt? Meinen Sie das auf die Staatsanwaltschaft bezogen? Ich verstehe jetzt Ihre Frage gerade nicht.

Andreas Bialas (SPD): Natürlich ist die Staatsanwaltschaft die Herrin des Verfahrens, aber die Polizei ist vor Ort letztendlich diejenige, die Ermittlungen durchführt. Sie machen das entweder auf Anzeige oder aber selbstständig. Deswegen die Frage: Machen sie es bereits selbstständig? Dann wäre es in der Tat nicht mehr zwingend notwendig, dass sie erst einmal eine Anzeige stellen. Oder aber wird nicht ermittelt? Dann löst erst die Anzeige auch die Ermittlungstätigkeit aus.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Herr Bialas, dazu kann ich Ihnen leider nichts sagen. Das ist mir nicht bekannt.

(Beifall von der CDU)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Der nächste Fragesteller ist der Kollege Schmeltzer von der SPD-Fraktion.

(Zuruf von Josef Hovenjürgen [CDU])

Rainer Schmeltzer (SPD): Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Ich stelle die Frage auch ohne die Zwischenbemerkung des Kollegen Hovenjürgen. Ich habe die Fragestunde während der letzten Plenarsitzung sehr intensiv verfolgt und mir anschließend noch einmal angesehen, auch diese jetzt wieder.

Frau Ministerin, ich frage Sie: Wann gedenken Sie dem Parlament die an Sie gerichteten Fragen aus diesen Fragestunden endgültig zu beantworten und nicht abzuschweifen?

(Beifall von der SPD)

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Frau Präsidentin! Herr Schmeltzer! Das ist wirklich eine böse Unterstellung, weil ich tatsächlich im Ausschuss ausführlich geantwortet habe, bis keine Frage mehr gestellt wurde. Ich habe das in der vergangenen Fragestunde hier getan. Ich habe es danach in dem folgenden Ausschuss wieder getan. Ich tue es heute auch wieder. Ich weiche Ihnen nicht aus, sondern ich beantworte Ihre Fragen.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Die letzte Frage, die mir im Moment hier angezeigt wird, ist die Frage von Herrn Ganzke von der SPD-Fraktion.

Hartmut Ganzke (SPD): Vielen Dank, Frau Präsidentin! – Frau Ministerin, zunächst eine Vorbemerkung: Ich freue mich, ebenso wie die Kollegin Müller-Witt und alle anderen, schon sehr auf Ihre Beantwortung der Fragen.

Die Frage, die ich stelle, lautet folgendermaßen: Sie haben gerade zweimal mitgeteilt, dass Sie das bäuerliche Anwesen verpachtet haben. Das haben Sie wortwörtlich gesagt. Ich stelle nur eine Frage, die ich eigentlich dem Justizminister stellen wollte, der jetzt leider nicht im Raum ist. Das bedeutet doch: Sie sind Eigentümerin der Flächen; denn nur ein Eigentümer kann – ich bin Jurist – ein bäuerliches Anwesen verpachten. Ist das richtig?

(Josef Hovenjürgen [CDU]: Die Frage hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut!)

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Frau Präsidentin, herzlichen Dank. – Genau das ist auch das, was im Bericht steht. Wenn Sie etwas nicht besitzen, können Sie es nicht verpachten. Aber ich finde, es ist auch keine Schande, Besitz – Eigentum – zu haben. Es ist wichtig, dass es sauber geregelt ist, und das ist es.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Jetzt gibt es doch noch eine Wortmeldung des Kollegen Yetim von der SPD-Fraktion.

Ibrahim Yetim (SPD): Danke schön, Frau Präsidentin. – Ich habe eine Frage an den Innenminister. Herr Minister Reul, da Frau Schulze Föcking kein Interesse daran hat, eine Strafanzeige gegen diejenigen zu stellen, die bei ihr auf dem Hof eingebrochen sind, frage ich mich natürlich: Was macht die Polizei eigentlich? Ich meine, das ist ein Offizialdelikt. Und da Sie ja von diesen Einbrüchen Kenntnis haben, müsste doch eigentlich die Polizei ermitteln.

(Minister Hendrik Wüst: Einbruch ist kein Offizialdelikt, dummes Zeug!)

Herbert Reul, Minister des Innern: Die Polizei hat sich die Sache angeschaut; es ist zur Kenntnis genommen worden. Und mehr Informationen habe ich nicht.

(Zurufe)

Es ist nicht so, dass der Innenminister über jeden Einbruch in Nordrhein-Westfalen persönlich informiert wird.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Herr Minister. – Jetzt habe ich eine Wortmeldung von Herrn Kollegen Katzidis von der CDU-Fraktion vorliegen.

Dr. Christos Georg Katzidis (CDU): Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Frau Ministerin, kurze Nachfrage: Nach meinem Kenntnisstand ist nichts entwendet worden, und es gab auch keine Diebstahlsabsicht, sodass es sich nicht um einen Einbruch im Sinne von §§ 242, 243 des Strafgesetzbuches handelt, sondern lediglich um einen Hausfriedensbruch im Sinne von § 123 Strafgesetzbuch und somit um ein Privat- und Anklagedelikt. Wäre das so korrekt?

(Beifall von der CDU)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Frau Ministerin.

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Frau Präsidentin, herzlichen Dank.

(Unruhe)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Liebe Kolleginnen und Kollegen, auch wenn Sie die wahrscheinlich eher rhetorische Frage als solche identifiziert haben, möchte die Ministerin gerne antworten.

(Beifall von der CDU)

Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz: Dem ist nichts hinzuzufügen.

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Frau Ministerin. – Jetzt habe ich eine weitere Wortmeldung von Herrn Kollegen Bolte-Richter vorliegen.

Matthi Bolte-Richter*) (GRÜNE): Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Ich würde gerne dem Minister des Innern eine anschließende Frage stellen. Herr Reul, Sie haben nämlich eben gesagt, dass der Innenminister nicht über jeden Einbruch in Nordrhein-Westfalen informiert wird. Nach meiner Kenntnis ist es allerdings so, dass, wenn Mitglieder des Landtages oder der Landesregierung von einem Einbruch betroffen sind, darüber eine WE-Meldung, also eine Wichtige-Ereignis-Meldung, angefertigt wird.

(Zurufe von der CDU)

Ist das korrekt, und hatten Sie, Herr Minister, Kenntnis von einer solchen Meldung?

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Herr Minister, möchten Sie antworten?

Herbert Reul, Minister des Innern: Wenn ich mich recht erinnere – ich bin mir nicht hundertprozentig sicher –, ist die Information über diesen Vorgang uns allen erst dadurch bekannt geworden, dass Filmaufnahmen gesendet wurden, und nicht durch irgendeine Anzeige.

(Zuruf von der CDU: So ist das!)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Herr Minister. – Liebe Kolleginnen und Kollegen, mir liegen keine weiteren Wortmeldungen vor. Wir haben bereits die eine Stunde, die für eine Fragestunde vorgesehen ist, um knapp 18 Minuten überschritten. Ich schaue aber vorsichtshalber, damit es keine weiteren Irritationen gibt, noch einmal in die Runde. – Das bleibt auch so.

Damit ist die Mündliche Anfrage 3 beantwortet und für heute erledigt.

Ich rufe jetzt keine weiteren Mündlichen Anfragen auf, sondern frage, sofern die Fragestellerinnen und Fragesteller im Raum sind, kurz ab, ob sie die Mündlichen Anfragen, die noch vorliegen und die eingereicht worden sind, schriftlich beantwortet haben möchten oder wir sie in die nächste Fragestunde geben.

Das ist die

Mündliche Anfrage 4

von Frau Kollegin Müller-Witt.

(Elisabeth Müller-Witt [SPD]: In die nächste Fragestunde!)

– Nächste Fragestunde.

Dann habe ich die

Mündliche Anfrage 5

von Herrn Dr. Blex. Möchten Sie eine schriftliche Beantwortung oder eine Beantwortung in der nächsten Fragestunde?

(Dr. Christian Blex [AfD]: Nächste Fragestunde!)

– Nächste Fragestunde.

Dann die

Mündliche Anfrage 6

von Herrn Kollegen Bolte-Richter.

(Matthi Bolte-Richter [GRÜNE]: In die nächste Fragestunde!)

– Auch in die nächste Fragestunde.

Das waren die Fragen, die noch vorgelegen haben. Damit sind wir am Ende von Tagesordnungspunkt 5, den ich damit schließe.

Ich rufe auf:

6   Fünftes Gesetz zur Änderung des Polizeigesetzes des Landes Nordrhein-Westfalen

Gesetzentwurf
der Landesregierung
Drucksache 17/491

Beschlussempfehlung und Bericht
des Innenausschusses
Drucksache 17/824

zweite Lesung

Ich eröffne die Aussprache. Als erster Redner hat für die CDU-Fraktion Herr Dr. Katzidis das Wort.

Dr. Christos Georg Katzidis (CDU): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Heute ist ein guter Tag für unsere Polizei hier in Nordrhein-Westfalen; denn wir werden die 2016 eingeführte gesetzliche Kennzeichnungs- und Legitimationspflicht wieder abschaffen.

(Beifall von der CDU und der FDP – Zuruf von der CDU: Sehr gut!)

Bedanken möchte ich mich bei der Opposition ausdrücklich dafür, dass sie das in den Ausschüssen durch Verfahrensanträge nicht noch unnötig in die Länge zieht. Aus unserer Sicht ist es ganz wichtig, dass wir hier ein Versprechen schnell eingelöst haben und diese rein ideologische Vorschrift sehr schnell wieder beseitigen.

Es hat nie eine sachliche Notwendigkeit bestanden, eine derartige Vorschrift in das Polizeigesetz zu schreiben. Uns war und ist bis heute kein einziger Fall bekannt, in dem ein Polizeibeamter, der sich strafbar gemacht hat, nicht identifiziert werden konnte. Insofern sehen wir überhaupt keine sachliche Notwendigkeit, eine derartige Vorschrift in das Polizeigesetz zu schreiben.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Genau das Gegenteil ist der Fall. Wenn man gerade heute wieder mal in die Presseauswertung hineinschaut, findet man, dass die „Aachener Nachrichten“ schreiben: „Gewalt gegen Polizisten nimmt zu“.

Sie haben diese Vorschrift 2016 hier verabschiedet. Allein von 2010 bis 2016, also in sechs Jahren, ist die Zahl der Opfer unter den Polizeivollzugsbeamten von 9.469 auf über 16.000 angestiegen. Die Anzahl der Widerstände hat sich von 6.000 auf 7.488 erhöht; sie hat also um über 20 % zugenommen. Wir haben ein Problem im Zusammenhang mit dem Umgang und dem Respekt gegenüber unseren Polizistinnen und Polizisten – und nicht umgekehrt, meine sehr geehrten Damen und Herren!

(Beifall von der CDU)

Wenn wir in der Sache schon kein Problem haben, erweckt eine derartige Vorschrift erst recht den fatalen Eindruck, als hätten wir willkürlich und exzessiv um sich schlagende Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte. Das ist ein politisch verheerendes Signal,

(Verena Schäffer [GRÜNE]: Das ist doch Schwachsinn! Das wissen Sie! Das ist Blödsinn!)

wenn man so etwas ins Polizeigesetz hineinschreibt.

(Beifall von der CDU)

Ihre Kolleginnen und Kollegen, Frau Schäffer, haben sich auch nach dem G20-Gipfel entsprechend negativ zu Einsätzen der Polizeibeamten geäußert. Insofern wundert mich das jetzt gar nicht.

(Verena Schäffer [GRÜNE]: Was hat das eine denn mit dem anderen zu tun? – Nichts!)

Wir haben hier eine andere Vorstellung vom Umgang mit unseren Staatsdienern, die jeden Tag mit ihrer Gesundheit und mit ihrem Leben für uns, für unseren Rechtsstaat und unsere Verfassung eintreten. Wir werden heute und hier glücklicherweise diese Misstrauenskultur der Vergangenheit beenden. Ab jetzt wird es hier eine Vertrauenskultur geben!

(Beifall von der CDU und der FDP – Zuruf von Josefine Paul [GRÜNE])

Wir stehen hinter unseren Polizistinnen und Polizisten, und wir schreiben nicht irgendwo irgendwelche Vorschriften rein, die im Übrigen auch vorher schon zum Teil in den Erlassen bestanden haben. Es war also auch gar nicht notwendig, noch eine zusätzliche gesetzliche Regelung zu schaffen. Nur Absatz 3 ist eine substanzielle Änderung von Ihnen gewesen. Insofern hat es gar keinen Sinn gemacht, dass Sie auf die ohnehin vorhandene Erlassform noch eine gesetzliche Form draufsetzen.

Das wird es in Zukunft zum Glück nicht mehr geben. Wir haben ganz klar Wort gehalten neben anderen Sachen, die wir im Wahlkampf versprochen und auch sofort geliefert haben. Wir als CDU-Fraktion stehen hinter unseren Polizistinnen und Polizisten

Ich darf Sie bitten, diesem Gesetzentwurf heute in zweiter Lesung zuzustimmen. – Danke schön, meine sehr geehrten Damen und Herren.

(Beifall von der CDU und der FDP – Zuruf: Bravo!)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Vielen Dank, Herr Kollege. – Für die SPD-Fraktion spricht Herr Kollege Bialas.

Andreas Bialas (SPD): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Das Thema war von Anfang an aufgeladen mit Symbolpolitik, aufgeladen mit einer fast mystischen Überhöhung und Überfrachtung von scheinbarem Respekt und scheinbarem Misstrauen.

Worum geht es? – Es geht für 18 Hundertschaften um eine über die Kennzeichnung bis zur Gruppenstärke hinausgehende Identifikationsmöglichkeit, also darum, um für ca. 2.000 von 40.000 Polizistinnen und Polizisten eine anonymisierte, individuelle Erkennbarkeit herzustellen, um nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Für alle anderen Polizistinnen und Polizisten ist das übrigens selbstverständlich. Wenn Polizei eine Maßnahme trifft, besonders wenn Polizei eine belastende Maßnahme trifft, muss sie in der Nachvollziehbarkeit des Vorgangs namentlich erkennbar sein. Oder einfacher ausgedrückt: Die Maßnahme muss auf eine konkrete Person rückwirkend verfolgbar sein.

Das ist die Regel. Und das ist in einem Rechtstaat auch gut so. Der Staat handelt nicht anonym – unser Staat auf jeden Fall nicht. Der Staat tritt den Bürgerinnen und Bürgern besonders, wenn er belastend wirkt, besonders wenn er Waffen trägt und erhebliche Eingriffe vornehmen kann, nicht unbekannt gegenüber. Unser Staat zeigt Gesicht, aber natürlich auch nur bis zur Grenze der eigenen Schutzbedürftigkeit eingesetzter Kräfte. Da waren wir uns immer einig.

Aber wenn Sie bei dem Thema konstruieren, das Gesetz sei Ausdruck einer Misstrauenskultur, man müsse der Polizei nun wieder Respekt zeigen, weil der weg sei, und man unterstelle der Polizei vorab Fehlverhalten, so ist das schlicht völliger Quatsch. Es besteht überhaupt kein Widerspruch zu Respekt und dem hohen Ansehen, das die Polizei in Nordrhein-Westfalen völlig zu Recht in hohem Maße verdient.

Ihre Logik – das ist Ihnen scheinbar gar nicht bewusst – ist geeignet, die Schutzrichtung der Grundrechte infrage zu stellen. Denn die Artikel 1 bis 19 garantieren dem Einzelnen verbriefte Abwehrrechte gegenüber dem Staat. Unsere Verfassung begründet das Recht des Einzelnen gegenüber dem Staat und seinen Machtmöglichkeiten und natürlich auch gegenüber seinen Hoheitsträgern. Das ist die Schutzrichtung unseres Grundgesetzes.

Gerade die FDP müsste an dieser Stelle die Fahne ergreifen, jugendlich voranspringen und dieses Gesetz mit den Grünen und uns Hand in Hand verteidigen.

(Vereinzelt Heiterkeit von der CDU)

Aber ich freue mich bereits auf die Biegsamkeit in den Argumentationsketten der Bürgerrechtspartei.

Kollege Lürbke, lieber Marc, herzlichen Glückwunsch zum stellvertretenden Fraktionsvorsitz. Schön, dass du uns aber im Innenbereich erhalten bleibst. Denn der Streit würde mir fehlen. Vielleicht schreiben wir aber auch mal einen gemeinsamen Artikel zum Thema: Unterliegt das staatliche Gewaltmonopol einer jederzeitigen Überprüfbarkeit oder eben nicht?

Also: Symbolpolitik, Symbolpolitik, Symbolpolitik. Symbole sind wirkmächtig;

(Zuruf von der CDU: Genau!)

das wissen Sie. Das wissen wir auch. Auf der Klaviatur haben Sie sehr starken Wahlkampf gemacht und waren ja auch erfolgreich. Bezeichnend aber ist, dass eine Ihrer ersten Maßnahmen eine symbolische ist. Das andere war leider sehr real, als es nämlich darum ging, die Förderung von Frauen zu kappen. Die Tendenz wird also erkennbar.

Zur realen Arbeit: Sie erschöpft sich nicht im Symbolischen, nicht in flotten Sprüchen. Übrigens zeigt man Respekt auf sehr viele Arten. Unter anderem erwähne ich in Erinnerung der Jahre 2005 bis 2010 solche Dinge wie etwa LPVG, Beförderungen, Besoldungsanpassung, Einstellungen. Wir werden das sehr genau beobachten und begleiten, wie Sie es diesmal machen. Ich hoffe, es wird anders sein.

Abschließend zur Kennzeichnungspflicht: Es gab ein Leben vorher; es gab ein Leben währenddessen; es wird auch ein Leben danach geben. Nichtsdestotrotz halten wir Ihren Gesetzentwurf für falsch und stimmen ihm selbstverständlich nicht zu.

(Beifall von der SPD)

Vizepräsidentin Angela Freimuth: Vielen Dank, Herr Abgeordneter Bialas. – Als nächster Redner hat für die Fraktion der FDP der Abgeordnete Lürbke das Wort. Bitte schön, Herr Kollege Lürbke.

Marc Lürbke (FDP): Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Im Prinzip kann man das recht schnell zusammenfassen: Wir als Koalition aus FDP und CDU handeln rechtsstaatlich und stärken zugleich unsere Polizeibeamtinnen und ‑beamten mit Anerkennung, Respekt und Vertrauen den Rücken. Dafür braucht es eben nicht diese Kennzeichnungspflicht – Punkt. Herr Bialas, ich bin weiterhin fest davon überzeugt, dass diese Kennzeichnungspflicht von tiefem Misstrauen geprägt ist.

Angesichts der Wortbeiträge von Frau Schäffer im letzten Innenausschuss konnte man schon fast glauben, die Rücknahme dieser Regelung wäre der Niedergang des Rechtsstaats. Ich kann nur sagen: Das Gegenteil ist der Fall.

(Verena Schäffer [GRÜNE]: Das finde ich nicht!

Der Unterschied ist nur: Wir stehen immer an der Seite unserer Beamtinnen und Beamten, anstatt sie unter Generalverdacht zu stellen.

(Beifall von der FDP – Josefine Paul [GRÜNE]: Das tut doch niemand!)

Es ist doch mitnichten so, als würde sich kein Beamter mehr ausweisen oder wäre nicht zu identifizieren. Herr Bialas hat es gerade noch mal dargestellt, auch ohne die rot-grüne Kennzeichnung lassen sich Angehörige der Bereitschaftspolizei aufgrund der taktischen Kennzeichnung nicht nur bis zur Zugebene, sondern bis zur kleinsten taktischen Einheit, bis zur Gruppenebene identifizieren. Sie wissen ebenfalls ganz genau, dass im Grunde kein einziger Fall bekannt ist, bei dem diese Identifizierung gescheitert wäre. Es gibt also keinen praktischen Bedarf.

Deswegen meinen wir, statt Misstrauen braucht unsere Polizei endlich mal wieder spürbare politische Rückendeckung – und nach den Ereignissen des G-20-Gipfels umso mehr. Mit der Aufhebung von § 6 Polizeigesetz schützen wir nun eben die, die unseren Staat schützen.

Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen, ich will trotzdem in dieser Lesung noch mal ins Gedächtnis rufen:

Wie ist es überhaupt zu dieser Regelung gekommen? – Rot-Grün hat damals im Prinzip den Beamtinnen und Beamten von hinten in die Beine gegrätscht – vorbei an den Gewerkschaften und vorbei am Polizeihauptpersonalrat, wo Ihre Vorlage damals krachend gescheitert war.

Wenn wir der Wahrheit ganz genau auf den Grund gehen, sehen wir, dass das im Grunde genommen auf Betreiben der Grünen geschah. – Frau Schäffer nickt.

(Verena Schäffer [GRÜNE]: Ja!)

Denn die SPD hatte in dieser Frage sechs Jahre lang keinen Handlungsbedarf gesehen.

(Andreas Bialas [SPD]: Ich bestreite das aufs Schärfste! – Gegenruf Dr. Christos Georg Katzidis [CDU]: Aufs Schärfste! – Heiterkeit von der CDU)

Doch dann kam die Debatte über die Bodycams. Da haben sich die Grünen dann quergestellt.

(Verena Schäffer [GRÜNE]: Das ist Blödsinn! Das stand im Koalitionsvertrag! Sie müssten wissen, was das ist!)

– Sie haben sich quergestellt, und der Preis dieser Koalition damals war diese Kennzeichnungspflicht. Das ist doch ein offenes Geheimnis.

Auch in der letzten Innenausschusssitzung wurde wieder deutlich: Vertrauen in unsere Beamtinnen und Beamten sucht man leider bei Ihnen vergeblich.

(Beifall von der FDP, der CDU und Nic Peter Vogel [AfD])

Lieber Kollege Bialas, das kann doch nicht Ihr Anspruch sein. Das kann doch nicht Anspruch der SPD sein.

(Andreas Bialas [SPD]: Wir schreiben den Artikel!)

Diese Kennzeichnungspflicht in dieser Form war doch von Ihnen nie so gewollt.

Deswegen wiederhole ich meine Worte aus der letzten Innenausschusssitzung: Seien Sie ehrlich. Machen Sie sich frei an der Stelle. Sie unterliegen nicht mehr dem Koalitionszwang. – Ich habe im Innenausschuss gesagt: Waschen Sie sich von diesem Makel frei. Dazu besteht jetzt eine wunderbare Gelegenheit. Stimmen Sie dieser Gesetzesänderung zu. Das würde uns freuen und wäre auch sehr angemessen. – Herzlichen Dank.

(Beifall von der FDP und der CDU)

Vizepräsidentin Angela Freimuth: Vielen Dank, Herr Kollege Lürbke. – Als nächste Rednerin hat für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen Frau Kollegin Schäffer das Wort. Bitte schön, Frau Schäffer.

Verena Schäffer*) (GRÜNE): Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Eines vorab: Die Polizeibeamtinnen und ‑beamten in Nordrhein-Westfalen leisten jeden Tag einen guten Job. Ich finde, insbesondere die Kräfte der Einsatzhundertschaften leisten einen guten Job. Sie sind nicht darum zu beneiden, dass sie fast jedes Wochenende in Einsätzen sind, etwa bei Demos, bei Fußballspielen, dass sie ihr Wochenende eben nicht mit Familie oder mit Freunden verbringen können. Dafür gebührt ihnen selbstverständlich unser Dank und auch unser Respekt.

(Beifall von den GRÜNEN, der SPD und Marc Lürbke [FDP] )

– Ich würde mich eigentlich freuen, wenn auch CDU und FDP dazu klatschen würden.

(Marc Lürbke [FDP]: Habe ich doch!)

Aber das ist nicht der Punkt der heutigen Debatte. Im Fokus dieser Debatte steht nicht, der Polizei Anerkennung zu zollen. Ich glaube, das tun wir alle. Es geht mit dieser Kennzeichnungspflicht auch nicht um eine Misstrauenskultur. Ganz im Gegenteil: Es geht eigentlich um eine Vertrauenskultur. Es geht bei der Kennzeichnungspflicht darum, das Vertrauen in die Polizei und in den Rechtsstaat zu stärken. Das haben Sie leider nicht verstanden.

(Zuruf von Dr. Christos Georg Katzidis [CDU])

– Herr Katzidis, es geht auch nicht um die Frage nach der Gewalt. Es gibt überhaupt keine Evaluation zu dem Kennzeichnungspflichtgesetz.

(Zuruf von Dr. Christos Georg Katzidis [CDU])

Wir haben nach wie vor keinen Zahlen dazu. Es gibt weder Zahlen noch Evaluationen, die aussagen würden, dass es aufgrund der Kennzeichnungspflicht zu mehr Gewalt kommen würde. Insofern können Sie beide Sachen überhaupt nicht miteinander vergleichen und in Relation zueinander stellen, weil das einfach völlig unsachlich ist und weil es keine Begründung dafür gibt.

Eines habe ich Ihnen im Ausschuss auch schon vorgeworfen: Sie schwingen hier die großen Reden, aber Sie setzen sich überhaupt nicht mit den Argumenten der Befürworter auseinander. Ganz im Gegenteil! Sie treffen sich nicht mit den Verbänden, mit den Bürgerrechtsorganisationen. Sie müssen nicht mit ihnen einer Meinung sein; das ist gar nicht der Punkt. Ich bin auch nicht einer Meinung mit den Einsatzhundertschaftsführern, mit denen ich zusammengesessen habe, oder mit der GdP. Ich habe mit ihnen allen diskutiert und schwierige Gespräche geführt. Aber ich habe sie immerhin geführt. Sie machen das nicht. Sie führen die Auseinandersetzung eben nicht, weil Sie sich offenbar nicht trauen. Das mache ich Ihnen zum Vorwurf.

Ich finde es wirklich krass und unverschämt, dass Herr Golland im Ausschuss sogar sagt: Warum sollte ich denn mit Menschenrechtsorganisationen in Deutschland reden, da wir doch eine rechtsstaatliche Polizei haben? – Selbstverständlich haben wir eine rechtsstaatliche Polizei. Aber der neue Polizeipräsident von Köln ist dabei, finde ich, auf einem guten Weg. Er redet nämlich mit den Menschenrechtsorganisationen. Er redet mit Amnesty International – das hat er neulich noch in einer öffentlichen Veranstaltung gesagt –, ganz im Gegenteil zur CDU-Fraktion und zum Abgeordneten Golland.

Ich finde es richtig, dass diese Gespräche stattfinden, weil Kommunikation ein wichtiges Mittel polizeilicher Arbeit ist und sein muss. Damit sind wir am Punkt. Herr Reul hat selbst zur Bewertung der Einsätze im Rheinischen Revier bei den Braunkohleprotesten gesagt, dass natürlich die kommunikative und deeskalierende Vorgehensweise der Polizei mit dazu beigetragen hat, dass dieser Einsatz im Rheinischen Revier so erfolgreich war.

Natürlich – dessen bin ich mir bewusst – kann eine Kennzeichnung auf dem Rücken das direkte Gespräch mit den Leuten in keiner Weise ersetzen. Aber trotzdem ist die Kennzeichnung ein wichtiges Zeichen, weil sie deutlich macht, dass die Polizei, obwohl und weil sie Inhaberin des Gewaltmonopols des Staates ist, bei einem möglichen Fehlverhalten von einzelnen Polizeibeamtinnen und ‑beamten kritisierbar ist und man rechtlich dagegen vorgehen kann. Es geht also um die Stärkung des Rechtsstaats und um die Stärkung des Vertrauens in die Polizei. Deshalb ist es ein falsches Signal, dass Sie die Kennzeichnungspflicht einfach abschaffen wollen.

(Beifall von den GRÜNEN)

Wie gesagt, es geht auch um das Symbolische. Es geht darum, dass die Polizei deutlich macht, dass sie für Offenheit und für Transparenz steht. Gerade weil wir wissen, dass unsere Polizei demokratisch ist, weil wir wissen, dass sie rechtsstaatlich arbeitet, muss sie nichts fürchten, wenn die Polizistinnen und Polizisten diese Kennzeichnung auf dem Rücken tragen.

Wenn man zurückschaut, wie sich das Verhältnis zwischen Bürgerinnen und Bürgern sowie der Polizei in den letzten Jahren eigentlich verändert hat, und wenn ich mir anschaue – wir sind jetzt im Jahr 2017 –, dass die Studierendenproteste der Jahre 1967 und 1968 fast 50 Jahre vorbei sind, dann kann man sich fragen: Was hat sich in diesen fünfzig Jahren eigentlich verändert und auch zum Guten verändert?

Heute trägt die nordrhein-westfälische Polizei in ihrem Leitbild ganz selbstverständlich die Leitziele, bürgerorientiert zu sein, professionell zu sein und rechtsstaatlich zu sein. Dafür steht die nordrhein-westfälische Polizei. Das ist richtig und auch gut so. Gerade weil sie dafür steht, ist es richtig, eine Kennzeichnungspflicht zu haben, die einen Beitrag zur Vertrauensbildung und zur Bürgernähe schafft.

Ihnen – das werfe ich Ihnen vor – geht es nicht um die inhaltliche Debatte, Ihnen geht es nicht um den Diskurs und um die Auseinandersetzung. Das haben wir hier ganz deutlich gemerkt. Sie liefern überhaupt keine Argumente. Ihnen geht es darum, ein Wahlversprechen gegenüber den Polizeibeamtinnen und ‑beamten einzulösen – ohne jegliche Argumentation, rein mit Ideologie. Ganz ohne Not schaffen Sie das Gesetz ab.

(Widerspruch von der CDU)

Das tun Sie ohne jegliche Evaluation, ohne Zahlen. Das finde ich unverschämt.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist heute kein guter Tag,

(Zuruf von der CDU: Ein sehr guter Tag!)

Herr Katzidis, das ist ein schlechter, ein schwarzer Tag für die Bürgerrechte in Nordrhein-Westfalen.

(Beifall von den GRÜNEN – Zurufe von der CDU: Oh!)

Vizepräsidentin Angela Freimuth: Vielen Dank, Frau Abgeordnete Schäffer. – Als nächster Redner hat für die Fraktion der AfD der Abgeordnete Wagner das Wort. Bitte schön.

Markus Wagner (AfD): Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Selbst die Vertreter der Grünen mussten bereits in der Vergangenheit einräumen, dass die Kennzeichnungspflicht keinerlei praktischen Nutzen hat. Wie bereits mehrfach erwähnt, gibt es in NRW keinen einzigen Fall, in dem ein Polizeibeamter nach einem individuellen Fehlverhalten nicht intern identifiziert werden konnte. Auch die SPD, die sich hier mit den Grünen gegen die Polizei verbündet hatte, versuchte immer wieder, diese Entscheidung zu rechtfertigen. Die Begründungen dazu sind teilweise schon sehr abenteuerlich.

(Andreas Bialas [SPD]: Das ist mir klar, dass Verfassungsrecht für Ihre Partei abenteuerlich ist!)

Man wolle angeblich das Vertrauen der Bevölkerung in die Polizei stärken. Nein, meine Damen und Herren, hier wurde lediglich linke polizei- und polizistenfeindliche Klientelpolitik betrieben. Hier wurde eine Politik betrieben, die unsere Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten unter Generalverdacht gestellt hat.

(Beifall von der AfD)

Welcher rechtschaffene und normaldenkende Bürger hätte denn ein Problem damit, die Privatsphäre des Menschen hinter der Uniform zu schützen? Intern kann doch ohnehin jeder Beamte bis in die kleinste Einheit hinein identifiziert werden. Eine Kennzeichnungspflicht kann jedoch Beamte und deren Familien in größte Gefahr bringen. Personen aus dem rechts- oder linksextremen Spektrum, islamische Hetzer oder gar das organisierte Verbrechen können somit ungehindert die Privatsphäre der Beamten identifizieren.

(Beifall von der AfD)

Da wir im 21. Jahrhundert leben, ist es heutzutage überhaupt kein Problem, mit wenigen Mausklicks vielfältige Informationen über Privatpersonen herauszubekommen, was durch die Kennzeichnungspflicht noch erleichtert würde. Einschüchterungen, Bedrohungen und Erpressungen von Polizei- oder Justizbeamten sind ohnehin schon leider längst traurige Realität. Bereits im Mai 2011 erklärte der Bundesvorstand der GdP – ich zitiere –:

„Es ist eine Tatsache, dass schon heute einzelne Beamte persönlich ausgeforscht, ihr Name und ihre Privatanschrift ermittelt und in der politisch extremen Szene veröffentlicht werden und polizeiliche Strukturen sehr weitgehend erfasst und ebenfalls veröffentlicht werden.“

Meine Damen und Herren, die Kennzeichnungspflicht macht das ganz sicher nicht besser.

(Beifall von der AfD)

Es ist von daher dringend an der Zeit, unseren Polizeibeamten mehr Solidarität vonseiten der Gesellschaft und der Politik zukommen zu lassen.

(Beifall von der AfD)

Reicht es denn nicht, dass unsere Polizei schon seit Jahren unter unzulänglicher Ausrüstung, enormen Überstunden und tätlichen Angriffen leidet, und das bei nicht gerade üppiger Vergütung? Den Beamten in dieser Situation auch noch kennzeichnen zu wollen, muss ihn nur noch mehr verunsichern; schließlich wird das Risiko, dass die Beamtin und ihre Familie von entsprechenden Gewalttätern angegriffen werden, dadurch nur noch größer. Die Kennzeichnungspflicht ist daher eine reale Gefahr für die Privatsphäre und die körperliche Unversehrtheit unserer Polizeibeamten und deren Familien.

(Beifall von der AfD)

Wir müssen hier als Politik ein klares Zeichen setzen, um der Polizei das zu ermöglichen, was sie will, nämlich ihre Arbeit erfolgreich zu machen, anstatt sich des Misstrauens von Teilen der linken Seite hier im Hause zu erwehren.

Meine Damen und Herren, die AfD als die Partei, die auf der Seite der Polizei steht, stimmt natürlich für die Rücknahme dieser Kennzeichnungspflicht. – Vielen Dank.

(Beifall von der AfD)

Vizepräsidentin Angela Freimuth: Vielen Dank. – Als nächster Redner hat für die Landesregierung Herr Minister Reul das Wort. Bitte schön.

Herbert Reul, Minister des Innern: Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Alle Argumente sind hier in den letzten Wochen bereits mehrfach vorgetragen worden; deshalb will ich es kurz machen:

Jeder hier will die Rechte der Bürgerinnen und Bürger gegenüber dem Staat schützen. Das ist auch gegeben. Es hat in der Vergangenheit nicht einen einzigen Fall gegeben, in dem sich ein Bürger nicht über einen Polizisten oder eine Polizistin beschweren konnte. Das ist Fakt. Es gab gar kein Problem. Die letzte Landesregierung hat eine Kennzeichnungspflicht eingeführt, ohne dass es ein Problem gab. Das nennt man unnötig. Das war absolut unnötig und überflüssig.

Frau Schäffer, bei denen, die diesen Dienst leisten, hat es aber etwas ausgelöst. Das ist der Punkt. Das wollten Sie wahrscheinlich gar nicht, aber es hat etwas ausgelöst. Die Polizistinnen und Polizisten fühlen sich durch die Kennzeichnungspflicht sehr belastet. Wenn etwas unnötig ist und man die Menschen, die diese Aufgabe wahrnehmen, damit belastet, dann nimmt man das zurück. Das ist doch nur klug und vernünftig. Deshalb ist dieser Vorschlag sehr vernünftig. Das Misstrauen, dass die Polizistinnen und Polizisten durch diese Kennzeichnungspflicht gespürt haben, muss zurückgenommen werden. Wir wollen ihnen sagen, wir haben Vertrauen in ihre Arbeit und unterstützen sie.

Natürlich liegen darüber keine Zahlen vor. Das macht auch gar keinen Sinn. Es geht nicht um Zahlen. Es geht um die Frage, ob wir denjenigen, die diesen Dienst für uns alle wahrnehmen, vertrauen oder misstrauen. Deshalb ist dieser Vorschlag klug und vernünftig.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Vizepräsidentin Angela Freimuth: Vielen Dank, Herr Minister Reul. – Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Weitere Wortmeldungen sehe ich zu diesem Tagesordnungspunkt nicht. – Das bleibt auch nach einem Blick in die Runde so. Dann sind wir am Schluss der Beratung und Aussprache und kommen zur Abstimmung.

 Der Innenausschuss empfiehlt in der Drucksache 17/824, den Gesetzentwurf Drucksache 17/491 unverändert anzunehmen. Wir kommen somit zur Abstimmung über den Gesetzentwurf selbst und nicht über die Beschlussempfehlung. Ich darf fragen, wer dem Gesetzentwurf zustimmen möchte. – Das sind die Abgeordneten der Fraktion der CDU, der Fraktion der FDP und der Fraktion der AfD. Gibt es Gegenstimmen? – Das sind die Abgeordneten der Fraktion der SPD und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Fraktionslose Abgeordnete sehe ich nicht im Raum. Dann ist der Gesetzentwurf Drucksache 17/491 angenommen und in zweiter Lesung verabschiedet.

(Beifall von der CDU, der FDP und der AfD)

Ich rufe auf:

7   Kinder- und Jugendförderplan erhöhen – Fördervielfalt ausweiten!

Antrag
der Fraktion der SPD
Drucksache 17/813 – Neudruck

Entschließungsantrag
der Fraktion der CDU und
der Fraktion der FDP
Drucksache 17/882

Ich eröffne die Aussprache und gebe für die antragstellende Fraktion dem Kollegen Dr. Maelzer das Wort. Bitte schön.

Dr. Dennis Maelzer (SPD): Vielen Dank, Frau Präsidentin! – Liebe Kolleginnen und Kollegen! Mit dem vorliegenden Antrag spricht sich die SPD-Fraktion dafür aus, den Kinder- und Jugendförderplan des Landes Nordrhein-Westfalen um 20 % zu erhöhen. Bereits vor der Landtagswahl hat sich die SPD zu diesem Ziel bekannt. Wir wollen, dass das Land künftig mindestens 130,8 Millionen € jährlich zur Verfügung stellt.

Meine Damen und Herren, wir wissen, dass sich die Jugendhilfe vor Ort in den vergangenen Jahren deutschlandweit mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert sieht: seien es der U3-Ausbau, die steigenden Zahlen von Inobhutnahmen, neue Anforderungen an frühe Förderung oder der Ausbau der Schulsozialarbeit.

Nicht selten gerät die Kinder- und Jugendarbeit gegenüber diesen Herausforderungen ins Hintertreffen. Bundesweit beträgt der Anteil, der für Kinder- und Jugendarbeit aufgewandt wird, noch lediglich 5 % der Jugendhilfeausgaben. Das wird der enorm wichtigen Aufgabe der Kinder- und Jugendarbeit nicht gerecht. Lassen Sie mich das an zwei Beispielen verdeutlichen.

Die Akteure der offenen Kinder- und Jugendarbeit schaffen Freiräume für junge Menschen und sind als Träger der informellen Bildung unverzichtbar. Kinder- und Jugendarbeit ist darüber hinaus ein wichtiges Element von Präventionsketten.

Umso wichtiger war es, dass das Land unter Führung der SPD in den vergangenen Jahren seiner Verantwortung gerecht geworden ist. Wir haben den Kinder- und Jugendförderplan, wie es im Neudruck richtigerweise heißt, von 80 Millionen € in zwei Schritten zunächst auf 100 Millionen € und dann nochmals um weitere 9 Millionen € angehoben.

(Beifall von der SPD)

Das war eine enorme Entlastung, zumal in der Zeit davor ziemlich wenig in diesem Bereich geschehen war.

Wir haben auch dafür gesorgt, dass inzwischen eine überjährige Förderung möglich ist. Die pädagogischen Konzepte müssen sich jetzt nicht mehr der Logik des Landeshaushaltes anpassen, nein, die Haushaltslogik passt sich den pädagogischen Erfordernissen an. Die Förderung eines Projektes kann nun auch über ein, zwei oder drei Haushaltsjahre erfolgen.

Aus pädagogischen Gesichtspunkten war es auch richtig, die Fördertatbestände auszuweiten und auch Aspekte wie beispielsweise Demokratieförderung und Antidiskriminierung im aktuellen Kinder- und Jugendförderplan zu verankern – ein Umstand, der mir gerade in diesen Tagen besonders wichtig erscheint.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, in der vergangenen Legislaturperiode war das Verhältnis von Projekt- zu Strukturförderung im Kinder- und Jugendförderplan ein Streitpunkt zwischen den Parteien dieses Hauses. Die Experten hatten hingegen eine klare Auffassung, die zuletzt im Jahre 2016 zu Protokoll gegeben wurde. Dort hieß es:

„Aus Sicht des Landesjugendrings ist das prozentuale Verhältnis der Fachbezogenen Pauschale zur Gesamtförderung angemessen. Allerdings bedarf es zur Absicherung der oben beschriebenen qualitativen wie quantitativen Kinder- und Jugendarbeit in NRW dringend einer Erhöhung der zur Verfügung stehenden Mittel um mindestens 20 %.“

Genau das ist die Position der SPD.

In ihrem Koalitionsvertrag haben CDU und FDP allerdings vereinbart, die Mittel des Kinder- und Jugendförderplans vorrangig für die vorhandenen Strukturen einzusetzen. Gleichzeitig ist es das Ziel, die Fördertatbestände zu reduzieren. Davor können wir als SPD nur entschieden warnen. Wir benötigen auch in der Zukunft eine Förderung, die die Vielfalt der Interessen der Kinder und Jugendlichen bedarfsgerecht abbildet.

Wir brauchen einen Kinder- und Jugendförderplan, der Raum für Innovationen lässt und nicht einseitig bestehende Strukturen zementiert. Gerade die Kinder- und Jugendarbeit zeichnet sich durch eine ungeheure Dynamik aus, die politisch gefördert und nicht abgewürgt werden sollte.

Genau das legt aber Ihr Entschließungsantrag nahe: Demnach soll es zwar keine Kürzungen bei der Projektförderung geben, Erhöhungen aber nur in die Strukturen fließen. Das ist in der Tat ein falsches Signal. Es wären ausreichend Mittel vorhanden, sowohl neue Ideen als auch bestehende Strukturen besser zu fördern, wenn Sie unserem Antrag folgen.

Noch etwas erscheint mir an Ihrer Entschließung diskussionswürdig: Durch den Kinder- und Jugendförderplan soll nun anscheinend auch die Familienarbeit gefördert werden. Das wäre in der Tat ein Novum und könnte zulasten der Akteure der Kinder- und Jugendarbeit gehen. Ich kann nur hoffen, dass es sich hierbei um ein Missverständnis Ihrerseits handelt.

Ich kann Sie nur ermutigen: Rücken Sie von den einseitigen Festlegungen in Ihrem Koalitionsvertrag ab. Wie der Pfad dafür aussehen könnte, ist in unserem Antrag beschrieben.

Liebe Kolleginnen und Kollegen von CDU und FDP, mir ist die politische Logik durchaus bewusst. Deshalb bezweifle ich, dass Sie den Mut haben, unserem Antrag heute zuzustimmen. Wir wollen Ihnen aber eine Brücke bauen: Wir lassen den Feststellungsteil und den Beschlussteil gesondert abstimmen. Nutzen Sie die Chance, den Akteuren der Kinder- und Jugendarbeit zu zeigen, dass auch Sie verstanden haben: Erfolgreiche Kinder- und Jugendarbeit braucht Vielfalt, braucht Innovation und braucht mehr Geld. Diesen Weg will die SPD gehen. Gehen Sie doch einfach mit.

(Beifall von der SPD und den GRÜNEN)

Vizepräsidentin Angela Freimuth: Vielen Dank, Herr Abgeordneter Dr. Maelzer. – Als nächster Redner hat für die Fraktion der CDU der Abgeordnete Kamieth das Wort.

Jens Kamieth (CDU): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Kinder und Jugendliche gehören für die NRW-Koalition an allererste Stelle, denn mit der Zukunft unserer Kinder und Jugendlichen entscheidet sich auch die Zukunft unseres großartigen Bundeslandes.

Neben Schule und Familie spielt die, wie man so schön sagt, informelle Bildung von heranwachsenden Menschen in Vereinen überall in unserem Land eine ganz zentrale Rolle, und sie ist fest im Bildungsdreiklang zusammen mit Schule und Familie verankert.

Unser herzlicher Dank gilt daher all den vorbildlich engagierten Menschen in Nordrhein-Westfalen, die in Haupt- und Ehrenamt tagtäglich in verschiedenen Bereichen dafür arbeiten, unsere Kinder und Jugendlichen auf ein selbstbestimmtes Leben vorzubereiten.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, das aktive Gestalten und Unterstützen der Kinder und Jugendlichen hat für die CDU in Nordrhein-Westfalen und die CDU-Landtagsfraktion eine lange Tradition, die wir verlässlich pflegen. Deswegen lassen wir unserem Dank auch entsprechende Taten folgen.

Daher stehen wir als NRW-Koalition zuverlässig dafür ein, die finanzielle Ausstattung des Kinder- und Jugendförderplanes auskömmlich und nachhaltig und damit zukunftssicher zu gestalten. Denn nur so kann die inklusive und integrative Weiterentwicklung und Öffnung der Angebote der Kinder-, Jugend- und Familienarbeit gelingen.

Bereits im letzten Haushalt haben wir bewusst eine Erhöhung der Mittel gefordert. Jetzt in der Regierungsverantwortung setzen wir uns trotz aller haushaltsrechtlichen Schwierigkeiten und der Zustände im Haushalt für finanzielle Verbesserungen zum Wohl unserer Kinder und Jugendlichen ein, ganz nach dem Motto: Sagen, was man tut, und tun, was man sagt.

(Dr. Dennis Maelzer [SPD]: Dann sag doch mal!)

Sehr geehrter Herr Maelzer, Sie haben gerade auf die 109 Millionen € verwiesen, die im Moment im Haushalt stehen. Dabei haben Sie natürlich verschwiegen, dass Sie nur aufgrund unseres Antrages und Drucks, den Ansatz auf 120 Millionen € zu erhöhen, nachgebessert haben.

(Dr. Dennis Maelzer [SPD]: Das wäre mir in der Tat neu!)

Wenn Sie meinen, 109 Millionen € seien zu wenig, dann frage ich Sie: Warum haben Sie in der Vergangenheit nicht mehr eingestellt?

(Beifall von der CDU und der FDP – Wolfgang Jörg [SPD]: Wir haben mehr eingestellt! 30 Millionen € mehr!)

Sie haben in der mittelfristigen Finanzplanung auch für die kommenden Jahre immer 109 Millionen € eingestellt. Jetzt, da Sie in der Opposition sind, interessiert Sie das nicht mehr. Kommen Sie zurück zu seriöser Haushaltspolitik im Sinne unserer Kinder und Jugendlichen!

(Beifall von der CDU und der FDP – Dr. Dennis Maelzer [SPD]: Seriöse Haushaltspolitik! Das sagt ihr!)

Unsere Aufgabe ist es, die politischen Versäumnisse der abgewählten rot-grünen Vorgängerregierung nun zügig, aber mit der gebotenen Gründlichkeit zu korrigieren.

Mit dem Kinder- und Jugendförderplan für die Legislaturperiode 2017 bis 2022 unterstützt die NRW-Koalition deshalb die aktive und vielfältige Kinder- und Jugendarbeit bei uns im Land. Dafür wird die NRW-Koalition zeitnah Eckpunkte festlegen. Einige wirklich besonders wichtige Regelungen und Vorschläge möchte ich Ihnen hier kurz darlegen.

Wir wollen eine Neugruppierung der Förderbereiche. Wir halten diese für unbedingt notwendig. Mit der finanziellen Unterstützung werden wir uns auch um eine Stärkung der strukturellen Belange, die gerade unter der SPD-geführten Vorgängerregierung zusammengestrichen worden sind, kümmern, ohne dabei die Projektarbeit aus den Augen zu verlieren.

Wir wollen über Steuerungsmechanismen Anreize für die Kommunen in Nordrhein-Westfalen zur Aufrechterhaltung ihres finanziellen Engagements bei der Kinder- und Jugendarbeit bieten.

Bei all diesen Überlegungen haben wir stets vor Augen: Kinder- und Jugendarbeit kann nur dann wirklich effektiv und gut funktionieren, wenn die Praktikerinnen und Praktiker mit im Boot sind. Das ist dann der Fall, meine Damen und Herren, …

Vizepräsidentin Angela Freimuth: Herr Kollege Kamieth, entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche. Aber es wurde der Wunsch nach einer Zwischenfrage an Sie geäußert, und zwar von dem Kollegen Dr. Maelzer.

Jens Kamieth (CDU): Ja, bitte.

Vizepräsidentin Angela Freimuth: Bitte sehr, Herr Kollege Dr. Maelzer.

Dr. Dennis Maelzer (SPD): Vielen Dank, Herr Kollege Kamieth, dass Sie die Zwischenfrage zulassen. Ich habe mich ein wenig gewundert. Denn nicht erst aufgrund unseres Antrags, sondern auch schon in der vergangenen Legislaturperiode sollten Sie mitbekommen haben, dass die Mittel für den Kinder- und Jugendförderplan unter der SPD-geführten Landesregierung um etwa 30 Millionen € erhöht worden sind. Wie kommen Sie vor dem Hintergrund zu der Aussage, die Mittel für die Strukturen seien zusammengestrichen worden?

(Zuruf von Marcel Hafke [FDP] – Stefan Zimkeit [SPD]: Grundkenntnis!)

Jens Kamieth (CDU): Sie haben ursprünglich, allerdings in einer Zeit, in der wir beide noch nicht im Landtag waren, die Strukturen ausgedünnt und haben dann – das gebe ich zu – den Ansatz zunächst auf 100 Millionen € angehoben. Anschließend haben Sie aber nichts weiter gemacht.

Auf CDU-Antrag des Arbeitskreises Familie, Kinder und Jugend wollten wir die Förderung auf 120 Millionen € erhöhen. Erst aufgrund dieses Drucks und auch, wie ich glaube, des besonderen Engagements der Grünen haben Sie sich in Richtung 109 Millionen € bewegt. Dabei ist es dann aber geblieben. Ich wiederhole es gerne noch einmal: Sie haben in der mittelfristigen Finanzplanung für die kommenden Jahre lediglich 109 Millionen € eingesetzt.

(Zuruf von der CDU: Aha!)

Wenn Sie jetzt 130 Millionen € fordern, ist das unseriös und allein Ihrer neuen Rolle in der Opposition geschuldet.

(Stefan Zimkeit [SPD]: Das ist unser Wahlprogramm! – Dr. Dennis Maelzer [SPD]: Unserem Wahlprogramm ist das geschuldet!)

Mir ist, wie gesagt, wichtig, dass wir die Praktikerinnen und Praktiker ins Boot holen. Genau das haben wir bereits getan. Wir haben in der letzten Woche ein Werkstattgespräch durchgeführt und mit einer überragenden Stimmung mit etwa 150 Leuten intensiv über Wegweisungen im Kinder- und Jugendförderplan gesprochen. Ich bin sehr froh, dass unser Minister Stamp dabei war. Auch der jugendpolitische Sprecher der FDP war dabei.

Das ist das, was gefordert wird: ein transparentes Verfahren. Dann werden wir auch einen Kinder- und Jugendförderplan schaffen können, der die Kinder- und Jugendarbeit in unserem Land wirklich nach vorne bringt.

Dabei dürfen wir eines nicht vergessen: Wir müssen die nachfolgenden Generationen heute für die Herausforderungen stark machen, die sie morgen treffen. Genau das ist das Ziel, das wir mit dem Kinder- und Jugendförderplan verfolgen. Wir laden Sie ein, dabei mitzumachen.

Ihren Antrag allerdings können wir nur abschlägig bescheiden, egal wie darüber abgestimmt wird. Ich werbe dafür, unserem Entschließungsantrag zuzustimmen. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Vizepräsidentin Angela Freimuth: Vielen Dank, Herr Kollege Kamieth. – Als nächster Redner hat für die Fraktion der FDP der Abgeordnete Brockmeier das Wort. Bitte schön, Herr Kollege.

Alexander Brockmeier (FDP): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Die SPD fordert hier im Kern eine Erhöhung des Kinder- und Jugendförderplans auf 130,8 Millionen €. Die Genossinnen und Genossen müssen mir bei Gelegenheit erst einmal erklären, wie sie auf diese krumme Summe kommen. Jedenfalls hat keiner der Akteure diesen Betrag jemals gefordert.

Besonders interessant wird die Forderung der SPD dann, wenn man sich ihr Abstimmungsverhalten in den letzten sieben Jahren anschaut.

(Zuruf von Wolfgang Jörg [SPD])

Denn als die CDU – Jens Kamieth hat es gerade bereits gesagt – 120 Millionen € gefordert hat, liebe SPD – und nicht 130,8 Millionen €, wie Sie es jetzt tun –, haben Sie diesen Antrag abgelehnt. Das ist ein akuter Fall von politischem Gedächtnisverlust.

(Zuruf von Josefine Paul [GRÜNE])

Was Sie hier machen, macht Sie absolut unglaubwürdig und hat nichts mit konstruktiver Oppositionsarbeit zu tun.

(Beifall von der FDP und der CDU)

Auch weitere wichtige parlamentarische Initiativen wie Entbürokratisierung, Erhöhung der Planungssicherheit oder die Dynamisierung, ein oft genanntes Stichwort, haben sowohl die Vertreter von der SPD als auch die Vertreter von den Grünen in den vergangenen sieben Jahren immer wieder abgelehnt. Bislang wurden die Mittel – und das haben wir jetzt auch erlebt – zum Ende der Legislatur dann erhöht, sodass ein Überbietungswettkampf bei den Wahlkämpfen stattfindet. Oder wie jetzt hier bei der SPD, die gerade irgendwie in ihre Oppositionsrolle stolpert, kurz nach dem Wahlkampf.

Diese Art und Weise, sich mit der Finanzierung der Kinder- und Jugendarbeit auseinanderzusetzen, lehnen wir entschieden ab. Mit einem stabilen Finanzrahmen wollen wir Ruhe und Verlässlichkeit in die Kinder- und Jugendarbeit bringen, was Sie in sieben Jahren nicht vermocht haben.

(Beifall von der FDP)

Die SPD fordert weiter in Ihrem Antrag, dass zum Ende eines Kalenderjahres bilanziert und dann in der ersten Sitzung des Familienausschusses im Folgejahr die Bilanz vorgestellt und anschließend darüber diskutiert werden soll.

Natürlich wird der Kinder- und Jugendförderplan analysiert, bilanziert und auf mögliche Verbesserungen hin geprüft. Das wird dann auch umgesetzt. Aber warum sollen wir das eigentlich zum Ende eines Kalenderjahres machen, zu einem Zeitpunkt, wo keine Bilanz vorliegt, wo kein Abschlussbericht vorliegt und zu dem die Zahlen aus dem zurückliegenden Jahr noch gar nicht richtig aufgearbeitet sind? – Das macht keinen Sinn. Auch eine jährliche politische Diskussion über die personelle Ausstattung der Kinder- und Jugendarbeit bringt nichts. Das halten wir für falsch; denn es garantiert keine dauerhaft gesicherte Finanzierung, wenn man jährlich darüber diskutiert.

Wir haben einen viel effektiveren und besseren Weg, und das nennt man Dynamisierung. Das ist das, was Sie einfach nicht umsetzen wollen, aber alle Verbände fordern.

(Josefine Paul [GRÜNE]: Das haben Sie auch nicht gerade eingefordert!)

Einer der wichtigsten Punkte für uns ist es, den Verbänden und Organisationen im ganzen Land Planungssicherheit geben zu können. Deswegen werden wir – und das steht auch in unserem Koalitionsvertrag – insbesondere die Strukturmittel erhöhen, ohne dabei die Projektmittel zu kürzen. Im Gegenteil, gute Kinder- und Jugendarbeit erfordert verlässliche Strukturen. Und wir sorgen endlich dafür.

Sehr geehrte Damen und Herren, uns Freien Demokraten war ein direkter Austausch mit den Akteuren aus der Praxis immer besonders wichtig. Jens Kamieth hat es auch gerade gesagt: Wir hatten ein Werkstattgespräch, bei dem die NRW-Koalition wirklich in den Dialog gekommen ist und im Zuge des aufzustellenden Kinder- und Jugendförderplans zugehört hat, was die Akteure eigentlich wirklich wollen.

Ich kann Ihnen dazu sagen: Ich habe in viele zufriedene Gesicherter geschaut; denn Planungssicherheit – ich sage es noch einmal – ist das A und O in der Kinder- und Jugendarbeit. Die Akteure, die so zahlreich daran teilgenommen haben, bekommen das endlich in dieser Legislatur einmal gesichert.

(Beifall von der FDP und der CDU)

Auch die weitere Aufstellung des Kinder- und Jugendförderplans setzt ein Beteiligungsverfahren voraus. Marcel Hafke hat in der Oppositionsarbeit auch immer dafür gestritten.

Wir werden das mit einem Eckpunktepapier einleiten. In diesem Eckpunktepapier – das kann man dem Entschließungsantrag auch schon entnehmen – werden wir beispielsweise die Erhöhung und Dynamisierung der Fördermittel beantragen und neue Förderschwerpunkte wie beispielsweise Digitalisierung oder auch den ländlichen Raum berücksichtigen. Wir werden für Entbürokratisierung sorgen, indem wir die Förderbereiche etwas straffen.

Aus den genannten Gründen werden wir jetzt den SPD-Antrag ablehnen und verweisen auf den Entschließungsantrag. – Vielen Dank.

(Beifall von der FDP und der CDU)

Vizepräsidentin Angela Freimuth: Vielen Dank, Herr Abgeordneter Brockmeier. – Als nächste Rednerin hat für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen Frau Kollegin Paul das Wort. Bitte schön.

Josefine Paul (GRÜNE): Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Brockmeier, Herr Kamieth, ich muss mich doch schon sehr wundern. Was Sie hier für einen künstlichen Popanz aufbauen, ist aus meiner Sicht überhaupt nicht notwendig.

(Beifall von Mehrdad Mostofizadeh [GRÜNE])

Sie erinnern sich doch: Wir waren vor zwei Tagen noch gemeinsam bei der Veranstaltung des SVLS, bei der Fachtagung von „gerne anders NRW“. Da haben wir gemeinsam auf dem Podium gestanden, der Minister war auch anwesend. Im Grunde genommen war die Erkenntnis des Tages: Es war für die Zuhörerinnen und Zuhörer relativ langweilig, weil alle relativ ähnliche Auffassungen vertreten haben, nämlich dass die Kinder- und Jugendarbeit in unserem Land grundsätzlich gut aufgestellt ist, dass wir aber alle miteinander der Auffassung sind, dass eine Erhöhung des Kinder- und Jugendförderplans wichtig ist.

Mir fehlt daher ein bisschen die Fantasie, warum Sie hier einen solchen Popanz aufbauen. Oder ist das nur, damit die Plenardebatte ein bisschen spannender ist, damit man die eigene Existenz rechtfertigen kann oder weil es nach einem Regierungswechsel so wichtig ist, zu dokumentieren, dass auf jeden Fall etwas anders gemacht werden muss?

Wenn man sich das ganz nüchtern anschaut, dann bleibt doch die Erkenntnis, dass grundsätzliche Einigkeit – und das ist doch gut – in diesem Haus darüber herrscht, dass es eine Notwendigkeit gibt, den Kinder- und Jugendförderplan zu erhöhen.

Natürlich muss in dieser Legislaturperiode ein neuer Kinder- und Jugendförderplan aufgestellt werden. Und natürlich – und das nehme ich auch sehr positiv zur Kenntnis – ist nicht nur bei der Fachtagung, sondern auch in Ihrem Entschließungsantrag herausgekommen, dass Sie auch der Vielfalt der Jugendarbeit Rechnung tragen. Das ist insbesondere schön, weil heute Coming-Out-Day und Weltmädchentag ist. Dass sowohl der SPD-Antrag als auch der Antrag von CDU und FDP noch einmal explizit auf die LSBTI-Jugendarbeit und auf die Mädchenförderung eingeht, finde ich persönlich erfreulich. Ich nehme es auch zur Kenntnis, dass das bei Ihnen so explizit aufgestellt wird.

(Vereinzelt Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Ich lese, und ich will das so interpretieren – ich habe vor zwei Tagen schon gesagt, dass ich das so verstehen möchte –, dass der Minister nämlich gesagt hat, dass auch Sie endlich zu der Erkenntnis gelangt sind, dass die Aufstockung des Kinder- und Jugendförderplans nicht alleine in die Infrastruktur gehen darf, sondern dass es auch weiterhin Projektförderung geben muss.

Eines ist natürlich klar: Bewährte Projekte müssen im Sinne der Nachhaltigkeit auch in eine strukturelle Förderung überführt werden. Aber ich will auch noch einmal darauf hinweisen, dass es manch innovatives Projekt, was wir jetzt in die strukturelle Förderung überführen können, nicht gegeben hätte, hätten wir nicht diese Projektförderung. Das heißt, wir brauchen auch weiterhin ausreichend Projektmittel, um Innovationen zu erhalten und die Vielfalt in der Jugendarbeit zu stärken.

Ich will Ihren Antrag, Ihre Redebeiträge und auch den Minister so verstehen, dass Sie endlich auch zu dieser Erkenntnis gelangt sind und dieser Forderung bei der Neuaufstellung des Kinder- und Jugendförderplans Rechnung tragen werden. Jedenfalls werden wir sehr genau verfolgen, ob das im Endeffekt auch so ist.

Grundsätzlich unterstützen wir auch Ihre Forderung nach der Dynamisierung der Mittel.

Da muss ich jetzt einen kleinen Einschub machen. Bei all dem, was Herr Brockmeier gerade zur Dynamisierung vorgetragen hat, hat er ja auch noch so schön gesagt: politischer Gedächtnisverlust.

Es tut mir leid. Ich finde, es ist ein bisschen anstrengend, dass man hier immer diese Geschichtsstunden hat. Dann haben die das gemacht, und dann haben die das gemacht. Ich kann Ihnen aber, insbesondere Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen von der FDP-Fraktion, diese kleine Aufarbeitung der vergangenen Jahre nicht ersparen, insbesondere weil Sie von politischem Gedächtnisverlust gesprochen haben.

2011, als Rot-Grün die Mittel im Kinder- und Jugendförderplan um 20 Millionen € aufgestockt hat, gab es einen Haushaltsantrag der FDP-Fraktion und einen Entschließungsantrag zum Haushalt mit folgendem Wortlaut:

Nicht jede wünschenswerte neue Aufgabe ist ohne Weiteres möglich. Dies gilt beispielsweise dafür, das Volumen des Kinder- und Jugendförderplans trotz vieler sinnvoller Maßnahmen, die in diesem Paket enthalten sind, auf dem Vorjahresvolumen von 80 Millionen € zu belassen und die von der Landesregierung vorgesehene Aufstockung abzulehnen.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Aha, die FDP-Fraktion, die jetzt so tut, als hätte sie es immer schon gewusst und immer schon gefordert, hat 2011 eigentlich gefordert, dass es keine Aufstockung geben soll. Das würde ich einmal politischen Gedächtnisverlust nennen.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Auch mit dem Antrag, den Herr Kamieth zum letzten Haushalt 2017 vorgestellt hat, hat die CDU-Fraktion in der Tat eine Aufstockung auf 120 Millionen € beantragt. Von der FDP-Fraktion ist ein solcher Antrag nicht bekannt. Allerdings haben Sie es clever angestellt und sich sozusagen im Nachhinein schnell an diesen Antrag drangehangen. Das ist aber unredlich und ehrlich gesagt Geschichtsklitterung.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Wir erwarten, dass jetzt Ihren Ankündigungen in Ihrem Antrag und auch den Ankündigungen des Ministers konkrete Zahlen, Daten und Fakten folgen. Ja, eine Erhöhung ist richtig. Eine Dynamisierung ist auch richtig. Wir erwarten aber, dass nun bald die tatsächlichen Eckpunkte kommen; denn was wir bislang vermissen, sind konkrete Zahlen.

Sie haben die konkreten Zahlen im SPD-Antrag kritisiert. Aber dann konkretisieren Sie Ihren eigenen Antrag. Dann sagen Sie uns, um welche Summe Sie aufstocken wollen. Dann sagen Sie uns, wie Sie die Dynamisierung anlegen wollen. Und vor allem sagen Sie uns, was Sie eigentlich meinen, welche Förderbereiche Sie streichen und straffen wollen, wo schon wieder irgendetwas entbürokratisiert werden soll! Ist das ein Mantra, oder gibt es dafür aus Ihrer Sicht eine pädagogische Notwendigkeit?

Wir möchten gerne, dass Sie das nicht nur in der Fraktion bei einem Fachgespräch diskutieren, sondern wir möchten das gerne anhand von konkreten Eckpunkten intensiv im Ausschuss diskutieren. Ich hoffe, dazu werden wir bald Gelegenheit haben. – Vielen Dank.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Vizepräsidentin Angela Freimuth: Vielen Dank, Frau Kollegin Paul. – Als nächste Rednerin hat für die Fraktion der AfD Frau Dworeck-Danielowski das Wort. Bitte schön.

Iris Dworeck-Danielowski (AfD): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Es ist schon ziemlich erstaunlich, zu welchen Anträgen eine Partei fähig ist, die bis vor Kurzem noch die Geschicke dieses Landes gelenkt hat. Der von der SPD vorgelegte Antrag ist in mehrfacher Hinsicht einfach nur unglaublich dünn.

Um was geht es in diesem Antrag? Wir haben es zwar schon ein paarmal gehört, aber nichtsdestotrotz: Im Zentrum steht die Forderung, den Kinder- und Jugendplan unseres Landes nach einer Erhöhung durch die rot-grüne Vorgängerregierung für 2017 auf 109 Millionen € und für die kommenden Jahre der Legislaturperiode auf jährlich rund 130 Millionen € zu erhöhen. Die Begründung dafür ist, die Vielfalt der Maßnahmen des Plans auszubauen. Es geht also nicht um die Qualitätssicherung oder sonst etwas, sondern es geht in erster Linie wieder einmal um die Vielfalt. Nun gut.

(Dr. Dennis Maelzer [SPD]: Damit haben Sie es nicht so!)

Ich möchte zu diesem äußerst fragwürdigen Antrag lediglich fünf Anmerkungen machen.

Erstens: In einem Land, das ca. 180 Milliarden € Schulden vor sich herschiebt, halten wir es geradezu für vermessen, nach einer Steigerung im laufenden Jahr von ohnehin ca. 10 % im darauffolgenden Jahr gleich noch einmal 20 % zusätzlich zu beantragen. Wir dachten eigentlich eher, es wäre unsere Aufgabe, nach Einsparmöglichkeiten Ausschau zu halten oder gegebenenfalls die einzelnen Maßnahmen auf ihre Effizienz hin zu prüfen.

Zweitens: Wenn man dann schon diesen Bedarf einfordert bzw. diese Steigerung wünscht, würde ich erwarten, dass man uns überzeugende Argumente liefert, warum das so zwingend notwendig ist.

(Beifall von der AfD – Eva-Maria Voigt-Küppers [SPD]: Dann reden Sie doch mal mit den Leuten!)

Im Antrag ist dazu aber komplette Fehlanzeige festzustellen, weil er nicht ein Wort dazu enthält.

Drittens: Wenn ich mir dazu schon etwas denken muss, frage ich: Wem soll denn das Mehr zugutekommen? Worin soll es investiert werden? Gleich auf der ersten Seite finden wir wieder eine Aufzählung, unter anderem LSBTTI-Jugendliche als höchst wichtiges Handlungsfeld. Das wundert mich dann schon oder auch nicht. Wenn man den letzten Bericht zum Landesjugendhilfeplan durchliest, fragt man sich, warum beispielsweise gendersensible Kinder- und Jugendarbeit mit 1,2 Millionen € gefördert wird, aber die Landessportjugend gerade einmal mit 3,55 Millionen € abgespeist wird, wobei darunter 19.000 Sportvereine geführt werden. Solche Missverhältnisse sind wohl kaum dem gemeinen Bürger zu vermitteln. Mir auf jeden Fall nicht.

(Beifall von der AfD)

Viertens: Ich habe mir in meiner Naivität bisher immer gedacht, bei staatlichen Fördermaßnahmen sei es üblich, von Zeit zu Zeit die Wirksamkeit oder, wenn Sie so wollen, die Rentabilität des Konzeptes zu überprüfen. Was Sie in diesem Antrag aber fordern, ist keine vernünftige Evaluation, sondern lediglich Mehr von demselben.

Fünftens: Wie soll man darüber hinaus, bitte schön, in einer ersten Sitzung des Jahres über das Vorjahr abschließend und substanziell berichten können, wenn man Art und Kosten der einzelnen Maßnahmen erst auf der kommunalen Ebene erheben muss – da sind wohl die meisten Projektarbeiten anzusiedeln –, dann die Daten aufbereiten und letztlich noch bewerten soll? Vielleicht ist das aber nach der bevorstehenden Entfesselung und dem dramatischen Abbau der Bürokratie dank unserer neuen Regierung bald alles möglich.

Sehr geehrte Damen und Herren, es wird Sie nicht überraschen: Wir lehnen diesen Schaufensterantrag ab. Nichtsdestotrotz möchte ich nicht, dass ein Irrtum entsteht. Wir von der AfD sind sehr dafür, dass mit einem Kinder- und Jugendplan alle Möglichkeiten genutzt werden, Kinder zu schützen und ihnen den Weg in ein erfolgreiches Leben zu ebnen, wenn dazu die Unterstützung der Allgemeinheit beitragen kann und Familien in ihrer Erziehungsaufgabe unterstützt und gestärkt werden sollen.

(Beifall von der AfD)

Andererseits sind wir aber konsequent dagegen, dass wir mit den draußen sauer erwirtschafteten Steuergeldern weitere Spielwiesen für Sozialpädagogen schaffen und dort randständigen Pseudowissenschaften wie Genderideologie etc. Raum schenken. Unter diesen Kriterien werden wir auch den neuen Kinder- und Jugendplan von der Koalition prüfen und bewerten. Allzu große Hoffnungen machen wir uns da allerdings nicht, weil ohnehin das meiste an Ausrichtung gesetzlich verankert ist.

Vielleicht wagen Sie aber doch den viel zitierten Kurswechsel. Die Hoffnung stirbt bekanntermaßen zuletzt. – Herzlichen Dank.

(Beifall von der AfD)

Vizepräsidentin Angela Freimuth: Vielen Dank. – Für die Landesregierung hat nun Herr Minister Dr. Stamp das Wort. Bitte schön, Herr Minister.

Dr. Joachim Stamp, Minister für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration: Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Frau Paul, ich fand es ganz bemerkenswert, dass Sie eben gesagt haben, jetzt hätte der Minister nach all der Zeit auch mal ein Einsehen gehabt und sei jetzt auf dem richtigen Kurs.

Wenn ich Sie daran erinnern darf: Ich bin seit drei Monaten im Amt. Aber wo Sie recht haben: Jetzt wird gehandelt!

(Beifall von der CDU und der FDP)

Meine Damen und Herren, mit ihrem Antrag greift die SPD vom Ansatz her die wesentlichen Festlegungen des Koalitionsvertrags auf. Denn das, was Sie, meine Damen und Herren von den Sozialdemokraten, im Kern fordern, haben wir bereits in der NRW-Koalition vereinbart. Wir beabsichtigen, die Mittel für den Kinder- und Jugendförderplan zu erhöhen und darüber hinaus dynamisch anwachsen zu lassen, um so die Auskömmlichkeit dauerhaft zu gewährleisten. Das ist genau das, was sich die Träger lange gewünscht haben. Wir machen damit ernst, meine Damen und Herren.

(Beifall von der FDP – Vereinzelt Beifall von der CDU)

Allerdings enthält Ihr Antrag auch eine Reihe von Einschätzungen und Bewertungen, die ich im Detail nicht teilen kann. So bewerte ich zum Beispiel die offene Kinder- und Jugendarbeit deutlich stärker als eine Infrastruktur der Jugendarbeit, die sich an alle jungen Menschen richtet. Sie hat zwar auch eine sozial-kompensatorische Komponente, aber eben nicht nur, und gerade im ländlichen Raum ist sie oft die Infrastruktur. Ich würde auch die Bedeutung der Jugendverbandsarbeit, der kulturellen Jugendarbeit und der Jugendsozialarbeit viel deutlicher herausstellen.

Vor allem aber, meine Damen und Herren, möchte ich heute darauf hinweisen, dass wir gesetzlich geregelte Verfahren für die Aufstellung und Realisierung des Kinder- und Jugendförderplans haben. So sind im Aufstellungsverfahren die Träger, Kinder und Jugendliche und der Fachausschuss des Landtags zu beteiligen. Genau das werden wir selbstverständlich tun. Ich finde es nicht günstig, diesem Beteiligungsverfahren durch eine Aushandlung zum jetzigen Zeitpunkt vorzugreifen und damit die Beteiligungsverfahren ad absurdum zu führen.

Zur Höhe des künftigen Kinder- und Jugendförderplans wird es eine Klärung im Rahmen der Debatte über den Haushalt 2018 im Parlament geben. Sie stimmen mir sicher zu, dass so eine Frage von allen Beteiligten im Landtag nur unter Kenntnis aller Zahlen sinnvoll geführt werden kann.

Abschließend noch zu Ihrer Forderung zu Berichtspflichten gegenüber dem Ausschuss für Familie, Kinder und Jugend. Es ist bislang schon guter Brauch, dass das Ministerium dem Ausschuss unaufgefordert über das jeweils abgelaufene Förderjahr berichtet. Dies erfolgt jedoch erst nach Vorliegen der Haushaltsrechnung durch den Finanzminister. Vorher vorgelegte Zahlen wären bestenfalls vorläufig, gegebenenfalls auch falsch oder unvollständig.

Lassen Sie uns daher bei diesem Verfahren bleiben, anstatt neue bürokratische Verfahren zu erfinden. Lassen Sie uns hier gemeinsam einen zukunftsfesten Plan auf den Weg bringen. – Herzlichen Dank.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Vizepräsidentin Angela Freimuth: Vielen Dank, Herr Minister Dr. Stamp. – Meine Damen und Herren, damit sind wir am Schluss der Aussprache. Denn auch beim Blick in die Runde gibt es keine weiteren Wortmeldungen.

Wir kommen daher zur Abstimmung. Jetzt bitte alle einmal herhören: Die antragstellende Fraktion der SPD hat nach § 42 Abs. 2 beantragt, über die Abschnitte II und III gesondert abstimmen zu lassen. So verfahren wir deswegen auch.

Ich frage nun, wer dem Abschnitt II des Antrags Drucksache 17/813Neudruck – zustimmen möchte. – Das sind die Abgeordneten der Fraktion der SPD und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Gegenstimmen? – Das sind die Abgeordneten der Fraktion der CDU, der Fraktion der FDP und der Fraktion der AfD. Fraktionslose Abgeordnete sehe ich nicht im Hohen Hause. Damit hat der Abschnitt II nicht die erforderliche Mehrheit des Hohen Hauses gefunden.

Ich lasse nun über den Abschnitt III abstimmen. Wer diesem Abschnitt zustimmen möchte, den darf ich jetzt um das Handzeichen bitten. – Das sind die Abgeordneten der Fraktion der SPD und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Gegenstimmen? – Das sind die Abgeordneten der Fraktion der CDU, der Fraktion der FDP, der Fraktion der AfD. Auch hier keine Beteiligung der fraktionslosen Abgeordneten. Damit hat auch der Abschnitt III keine Mehrheit gefunden.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir haben uns im Ältestenrat darauf verständigt, dass wir, anders als in der letzten Legislaturperiode gehandhabt, auf eine Gesamtabstimmung an dieser Stelle verzichten können, wenn in einem Antrag bei den Einzelabstimmungen keine Position die Mehrheit des Hohen Hauses gefunden hat. Ich frage noch einmal in die Runde. – Das bleibt auch so. Dann stelle ich hiermit fest, dass der Antrag Drucksache 17/813Neudruck – vom Hohen Hause abgelehnt wurde.

Ich komme damit zur Abstimmung über den Entschließungsantrag der Fraktionen von CDU und FDP Drucksache 17/882. Wer diesem Entschließungsantrag zustimmen möchte, den darf ich jetzt um das Handzeichen bitten. – Das sind die Abgeordneten der Fraktion der CDU und der Fraktion der FDP. Gegenstimmen? – Das sind die Abgeordneten der Fraktion der SPD und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Enthaltungen? – Die Fraktion der AfD. Herr Pretzell, auch Enthaltung? – Der fraktionslose Abgeordnete Pretzell hat sich ebenfalls der Stimme enthalten. Damit ist der Entschließungsantrag Drucksache 17/882 mit den Stimmen von CDU und FDP gegen die Stimmen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen bei Enthaltung der Fraktion der AfD und des fraktionslosen Abgeordneten Pretzell angenommen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir sind am Schluss der Beratungen zu Tagesordnungspunkt 7 und kommen zu:

8   Entlastung der Polizei und Justiz durch Einstufung des Schwarzfahrens als Ordnungswidrigkeit

Antrag
der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Drucksache 17/798

Entschließungsantrag
der Fraktion der CDU und
der Fraktion der FDP
Drucksache 17/883

Ich eröffne die Aussprache. Für die antragstellende Fraktion erteile ich Frau Kollegin Schäffer das Wort. Bitte schön.

Verena Schäffer*) (GRÜNE): Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Tja, da dachte ich, wir hätten mit unserem Antrag so viele schöne Brücken gebaut, Herr Biesenbach, indem wir Sie in diesem Vorhaben unterstützen, und dann lese ich den Entschließungsantrag von CDU und FDP, und siehe da, beide befinden sich offenbar noch im Wahlkampf.

Ich finde es sehr schade, dass Sie hier wieder Unterstellungen verbreiten, von verfehlter Personalpolitik und mangelnder Wertschätzung reden, davon, wir hätten bei Polizei und Justiz nicht genügend eingestellt. Ich würde Sie doch noch einmal bitten, sich die Zahlen anzuschauen, wie viel wir gerade im Bereich der Polizei in den letzten Jahren gemacht und wie viele Personen wir eingestellt haben. Wir hatten es erst in der letzten Innenausschusssitzung noch einmal thematisiert, Herr Lürbke. Sie kennen ja auch die Zahlen.

Ich will aber auch betreffend die Justiz darauf hinweisen, dass wir im Rahmen des 15-Punkte-Plans 300 Stellen in der Justiz geschaffen haben, aber auch im Nachtrag 2016 und im Haushaltsplan 2017. Hier sind enorm viele Stellen im Bereich der Justiz geschaffen worden. Es ist gut, dass wir das so gemacht haben. Das erleichtert Ihnen einen guten Start in die Regierung.

Ich finde es auch ehrlich gesagt ein bisschen … – na ja, wie soll ich es jetzt bezeichnen? Ich verzichte mal lieber auf eine Bezeichnung. Aber wenn Sie in der Beschlussfassung schreiben, die Landesregierung solle Vorschläge unterbreiten, in welchen Feldern Justiz und Polizei entlastet werden sollten, will ich nicht unerwähnt lassen, dass wir das Thema in der letzten Legislatur angegangen sind. Gerade zum Bereich Polizei haben wir die entsprechenden Gutachten und die Expertenkommission auf den Weg gebracht. Die haben eine Menge Vorschläge erarbeitet, die meistens von CDU und FDP zerrissen wurden. Lustigerweise tauchen diese in Ihrem Entschließungsantrag wieder auf. Ihre Argumentationslinie ist nicht ganz kohärent. Aber das nur so nebenbei.

Wenn man die Aussagen nebeneinanderlegt, dann wird es wirklich lustig. Aber ich verzichte darauf, im Einzelnen darauf einzugehen.

Vizepräsidentin Angela Freimuth: Frau Kollegin Schäffer, entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche. Der Abgeordnete Lürbke würde Ihnen gerne eine Zwischenfrage stellen.

Verena Schäffer*) (GRÜNE): Ja, sehr gerne, von Herrn Lürbke immer gern.

Marc Lürbke (FDP): Vielen Dank, Frau Kollegin, dass Sie die Zwischenfrage zulassen.

Ich bin gerade stutzig geworden, denn Sie haben angesprochen, dass unter Rot-Grün verschiedene Maßnahmen – Expertenkommission, Vorschläge – erarbeitet worden sind. Das will ich nicht in Abrede stellen, auch wenn die nicht von der CDU und der FDP zerrissen worden sind. Aber die Frage ist: Welche dieser Vorschläge sind denn von Rot-Grün konkret umgesetzt worden?

Verena Schäffer*) (GRÜNE): Was wir umgesetzt und eingeleitet haben, ist ein Pilotprojekt in Sachen Schwerlasttransporte.

(Marc Lürbke [FDP]: Ach!)

Das müssten Sie eigentlich wissen; das ist ja schon in der letzten Legislatur angestoßen worden.

Eingehen will ich auf den Punkt „Verkehrsunfälle“ und die Frage: Muss die Polizei bei Verkehrsunfällen ohne Personenschaden kommen? Eigentlich nein. Die Polizei muss eigentlich nicht kommen, denn das ist eine reine Frage der Versicherung. Die Polizei hat da überhaupt nichts zu regeln. Dies wurde als eine Anregung von der Expertenkommission vorgeschlagen, und diesen Vorschlag fanden wir auch sinnvoll.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie er von Kollegen – es mögen ja keine von der FDP gewesen sein, aber von der CDU – kritisiert wurde. Und jetzt taucht er hier wieder auf. Das finde ich ganz spannend, wie die Argumentationen nicht ganz schlüssig sind und man jetzt plötzlich Sachen für gut befindet, die man in der letzten Legislatur noch abgelehnt hat.

(Widerspruch von der FDP – Beifall von den GRÜNEN)

Ich würde jetzt aber ganz gerne auf den eigentlichen Antrag und damit auf das Schwarzfahren zu sprechen kommen. Insofern hat Herr Biesenbach ja einen Vorstoß gewagt, den ich unterstützen kann. Ich finde, es kann nicht sein, dass Menschen – aus welchen Gründen auch immer – eine Anklage vor Gericht droht, weil sie vielleicht zwei-, dreimal eben nicht die 2 € für einen Kurzstreckenfahrschein bezahlt haben. Von daher ist es gut, Herr Biesenbach, dass Sie es angesprochen haben.

Das Thema wird wirklich seit Jahrzehnten diskutiert. Ich habe einen von meinen Kollegen Volker Beck 1995 in den Deutschen Bundestag eingebrachten Antrag genau zu diesem Thema mitgebracht. Es ist wirklich schade, dass sich in diesen vielen Jahren nichts getan hat. Umso besser, dass jetzt ein konservativer Justizminister darauf einschwenkt und diese Forderung, diese urgrüne Forderung unterstützen möchte.

(Beifall von den GRÜNEN)

Ein Argument ist ja immer, dass man eine Entlastung der Justiz erreichen könnte. Das wäre schon ein Gewinn an sich.

Aber es ist nicht nur die Frage der Entlastung der Justiz, sondern es ist auch eine Frage der Verhältnismäßigkeit der Strafe bei einem Delikt, das nur wenig krimineller Energie bedarf, zumal es beim Schwarzfahren wirklich unterschiedliche Gründe gibt oder geben kann. Es können finanzielle Gründe sein – dann müssten wir über sozialpolitische Maßnahmen reden. Es kann aber auch schlicht sein, dass Menschen sich in dem Tarifdschungel nicht zurechtfinden und völlig ohne Vorsatz ein öffentliches Verkehrsmittel ohne Fahrschein benutzen. Und wenn das nur einmal passiert, ist das ja nicht so schlimm. Aber wenn es mehrfach passiert, dann steht diese Person eben vor Gericht.

Es ist auch eine Frage des Umgangs mit Jugendlichen ab 14 Jahren, die sich vor Gericht wiederfinden. Ist das der richtige Umgang unserer Gesellschaft mit Jugendlichen ab 14 Jahren, wenn sie sich aufgrund von Schwarzfahren vor Gericht wiederfinden? Ich finde, das ist er nicht, sondern man muss über die Verhältnismäßigkeit sprechen. Es wird als Gegenargument immer angeführt, der Verzicht auf eine Strafbarkeit des Schwarzfahrens sei geradezu eine Ermutigung, schwarzzufahren. Das halte ich ehrlich gesagt für ziemlich realitätsfern.

(Beifall von den GRÜNEN)

Der Punkt ist doch, dass kaum jemand in unserer Gesellschaft weiß, dass Schwarzfahren überhaupt strafbar ist. Abschreckend ist das sogenannte erhöhte Beförderungsentgelt von 60 €. Das schreckt womöglich ab, aber doch nicht der Straftatbestand, weil der in der Regel überhaupt nicht bekannt ist.

Ich würde gerne einen Journalisten von der „Frankfurter Rundschau“ zitieren – das ist Christian Bommarius –, der in einem Kommentar gesagt hat: „Mit schlechten Strafgesetzen verhält es sich wie mit Vorurteilen. Erst einmal entstanden, sind sie kaum mehr aus der Welt zu schaffen.“

Und Sie, Herr Biesenbach, und liebe Kollegen von CDU und FDP, können heute einen Beitrag dazu leisten, zumindest einen Teil meiner Vorurteile gegen Schwarz-Gelb aus der Welt zu schaffen, aber Sie können auch einen Beitrag dazu leisten, ein schlechtes Strafgesetz aus der Welt zu schaffen. Wir würden Sie dabei unterstützen, Herr Biesenbach.

Vielleicht geben Sie sich doch noch einen Ruck – auch wenn das nun von der Opposition kommt. Wir unterstützen letztendlich ja auch nur den Minister. Stimmen Sie unserem Antrag bitte zu. – Danke schön.

(Beifall von den GRÜNEN)

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Frau Schäffer. – Für die CDU-Fraktion hat das Wort nun Frau Kollegin Erwin.

Angela Erwin (CDU): Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Zu einer erfolgreichen Sicherheitspolitik und einem modernen Wirtschaftsstandort Nordrhein-Westfalen gehört neben einer leistungsfähigen Polizei auch eine leistungsfähige Justiz. Um die Funktionsfähigkeit von Polizei und Justiz zu erhalten, wollen wir als CDU und FDP diese entlasten und die dafür notwendigen Rahmenbedingungen schaffen.

Unter der Vorgängerregierung war jedoch das Gegenteil der Fall. Insofern verwundert mich der heutige Antrag der Grünen, der die Überschrift „Entlastung von Polizei und Justiz …“ trägt, doch sehr. In den Jahren unter Rot-Grün wurden Polizei, Staatsanwaltschaften als auch Richter personell und materiell stiefmütterlich behandelt. So haben sich durch eine verfehlte Personalpolitik und eine falsche politische Schwerpunktsetzung mehr als 4 Millionen Überstunden bei den nordrhein-westfälischen Polizistinnen und Polizisten angehäuft – ganz zu schweigen von der mangelnden Wertschätzung der alten Landesregierung für die elementare Arbeit unserer Polizisten und Vollzugskräfte.

All das wollen und werden wir als CDU und FDP ändern. Bereits in ihren ersten 100 Tagen hat die NRW-Koalition viel auf den Weg gebracht. Wir stehen für null Toleranz gegenüber Kriminellen. Wir sorgen für mehr Polizei auf den Straßen. Zum 1. September wurden 2.300 neue Kommissaranwärterinnen und -anwärter eingestellt – das sind 300 mehr als unter Rot-Grün. Zusätzliche Experten für den Kampf gegen Terror und Extremismus, modernere Technik für die Polizei und eine Bundesratsinitiative zur Ausweitung der beschleunigten Verfahren wurden in Angriff genommen.

Das sind nur einige Punkte, die wir bereits umgesetzt bzw. angestoßen haben. Daran wollen wir anknüpfen. Wir wollen daran anknüpfen mit einer ehrlichen und umfassenden Aufgabenüberprüfung; denn innere Sicherheit hat für die NRW-Koalition oberste Priorität.

Um die Funktionsfähigkeit von Polizei und Justiz zu erhalten und die notwendigen Rahmenbedingungen für deren Entlastung zu definieren, brauchen wir keine Schnellschüsse wie den Antrag der Grünen, sondern wir müssen zunächst einmal wissen, wie sich die Istsituation darstellt. Nur auf dieser Basis können wir beurteilen, was zu tun ist.

(Andreas Bialas [SPD]: Oh!)

Das spiegelt sich auch in unserem Entschließungsantrag wider, der eine ehrliche, sachgerechte und umfassende Aufgabenkritik nebst einer Analyse der bisher eingesetzten personellen Ressourcen, der konkreten Darstellung des Aufwands und einer Prognose der Entlastungsmöglichkeiten vorsieht. Nur so können nachhaltige Lösungsansätze zur Entlastung von Richtern, Staatsanwälten und Polizisten entwickelt werden.

Wir als CDU und FDP wollen eine schlagkräftige Polizei und einen starken, funktionsfähigen und konsequenten Rechtsstaat.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Im Rahmen der Aufgabenprüfung wird zum Beispiel zu prüfen sein, ob studierte Polizistinnen und Polizisten Aufgaben, wie zum Beispiel die Begleitung von Schwertransporten, Personen- und Objektschutz, Geschwindigkeitskontrollen ohne Anhaltevorgang etc., wahrnehmen müssen.

(Frank Sundermann [SPD]: Und Schwarzfahren?)

Auch das StGB gehört in den Blickpunkt der Analyse. Wie soll zukünftig mit einzelnen Straftaten und Ordnungswidrigkeiten umgegangen werden? Ist eine Herabstufung einzelner Delikte auf eine Ordnungswidrigkeit, wie von den Grünen für das Schwarzfahren gefordert, sinnvoll?

Schnellschüsse sind auch hier unangebracht. Zudem handelt es sich bei der Herabstufung des Schwarzfahrens nur um einen kleinen Aspekt. Bevor überhaupt über eine Entkriminalisierung des Schwarzfahrens nachgedacht werden kann, müsste zunächst das Ausmaß der Belastung in diesem Bereich ermittelt werden. Außer Acht zu lassen wäre in dieser Beziehung auch nicht der Schaden, der den Verkehrsunternehmen durch das Erschleichen von Leistungen entsteht; ebenso wenig wie die Möglichkeit des Errichtens von Zugangskontrollen.

Um der hohen Anzahl der Ersatzfreiheitsstrafen zu begegnen, könnten uneinbringliche Geldstrafen gegebenenfalls auch auf anderem Wege getilgt werden – zum Beispiel durch das Ableisten gemeinnütziger Arbeit wie im Modell „Schwitzen statt sitzen“, das seit 1991 erfolgreich in Niedersachsen betrieben wird.

Das Anstoßen einer politischen Diskussion ist richtig. Eine kluge Politik beruht jedoch auf soliden Grundlagen. Dafür bedarf es einer umfassenden Aufgabenprüfung, die ergebnisoffen ist.

Ich bitte daher um Zustimmung für unseren Entschließungsantrag.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Frau Erwin. – Für die SPD-Fraktion spricht nun Herr Kollege Ganzke.

Hartmut Ganzke (SPD): Vielen Dank, Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Bei Ihrer Rede, geehrte Frau Kollegin Erwin, habe ich meinen Sitznachbarn Frank Sundermann gefragt, bei welchem Tagesordnungspunkt wir denn sind; denn ich hatte in Erinnerung, dass wir eigentlich über das Schwarzfahren sprechen wollten. Viel zum Schwarzfahren war in Ihrem Entschließungsantrag, zu dem ich noch kommen werde, nicht vorhanden.

(Zuruf von Dietmar Brockes [FDP] – Gegenruf von Andreas Bialas [SPD])

Ich will Ihnen das Abstimmungsverhalten der SPD-Fraktion zu den beiden vorgelegten Anträgen – und damit zunächst zu dem von den Grünen vorgelegten Antrag – erläutern.

Wir werden uns hinsichtlich des Antrags der Grünen enthalten. Einerseits glauben wir, dass es nachvollziehbar ist, dass die Grünen den Minister der Justiz dazu bringen wollen, zu erklären, wie sein Vorschlag, den er in der Presse geäußert hat, mit seiner an anderer Stelle wiederholt erwähnten Nulltoleranzstrategie zusammenpasst. Das ist höchst interessant, weshalb wir verstehen, warum die Grünen den Antrag gestellt haben.

Ich muss gestehen, dass wir in der Fraktion auch sehr daran interessiert sind, ob der Minister der Justiz seine jetzige Entkriminalisierungsoffensive in seinem Redebeitrag auch vertreten wird. Vielleicht erläutert Minister Biesenbach auch, ob und wie er sich in der Sache mit seinem Kabinettskollegen Wüst, dem Verkehrsminister, abgesprochen hat.

Ich vermute, wir werden gleich, wenn Herr Biesenbach das Wort erhält, eine abgestimmte Regierungsmeinung erfahren. Dann wird hoffentlich auch erläutert, wie die Regierung die Meinung des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen bewertet, der die Aussagen des Ministers Biesenbach mit – Zitat – „großer Verwunderung“ zur Kenntnis genommen hat.

Fakt ist aber auch, liebe Kolleginnen und Kollegen, dass eine Arbeitsgruppe der Länder unter Führung von Nordrhein-Westfalen und Brandenburg nach unseren Informationen noch im Frühsommer daran gearbeitet hat, eine mögliche Gesetzesänderung vorzulegen.

Auch deshalb fragen wir den Minister der Justiz, wie weit denn hier vorgearbeitet wurde und was der Stand der gemeinsamen Überlegungen ist. Vielleicht können Sie uns auch gleich informieren, ob diese Arbeitsgruppe auch schon zu Ergebnissen gekommen ist.

Wir sind nämlich seitens der SPD-Fraktion der Ansicht, dass wir die Frage nicht einzig darauf zurückführen können, ob der umgangssprachlich „Schwarzfahren“ genannte Tatbestand nunmehr straffrei begangen werden kann oder nicht. Vielmehr ist vorrangig – und da sind wir auch bei den Grünen – die Frage eines flexiblen Strafrechts zu diskutieren. Denn wir wissen auch: Für einen vermögenden Straftäter ist eine Geldstrafe nicht gerade von Belang. Es ist eine Kleinigkeit, und der vermögende Straftäter ist auch nicht beeindruckt von solchen Strafen.

Wir wissen aber, dass für den Schwarzfahrer, der nach mehrmaliger Verurteilung seine Geldstrafe nicht zahlen kann, möglicherweise die Auflage einer gemeinnützigen Arbeit genau das Richtige ist. Aus dem Grunde ist es, glaube ich, auch wichtig, dass wir diese Diskussion insgesamt viel breiter führen. All dies, die Diskussionen, Gespräche mit anderen Akteuren wie Verkehrsverbünden, mit Passagierverbänden, mit der Justiz, aber auch die Auseinandersetzung mit der Rechtslehre, kann durch diesen Antrag leider nicht erreicht werden.

Hierfür wäre auch eine Überweisung in die Ausschüsse mit einer anschließenden Sachverständigenanhörung der richtige Weg gewesen und eben nicht die direkte Abstimmung hier. Das ist auch der Grund, warum wir uns enthalten.

(Beifall von der SPD)

Liebe Kolleginnen und Kollegen der CDU und der FDP, Ihr vorgelegter Entschließungsantrag ist es auch nicht. Für uns wird deutlich, dass Sie dadurch, wie Sie Ihren Entschließungsantrag beginnen, irgendwie ein Entsetzen über die Äußerung des Justizministers zeigen. Wir können uns vorstellen, dass Sie das alles in diesen Antrag reingeschrieben haben – von Überstunden bis zur Wertschätzung bis hin zu angeblich fehlenden Stellen etc. – , weil Sie sehr überrascht waren, dass der Justizminister mit Ihrer Sache vorgeprescht ist.

Aus dem Grunde ist dieser ganze Vorbericht in Ihrem Antrag nur eine Ablenkung von der einzigen Frage: Soll man das Schwarzfahren entkriminalisieren oder soll man es nicht tun? Vor dem Hintergrund kann Ihr Entschließungsantrag von uns auch nicht positiv beschieden werden.

Vielleicht gibt es auch noch eine andere Lesart der ganzen Anträge hier. Eventuell nehmen die Grünen dieses Thema mit in die Koalitionsgespräche in Berlin und kommen dort gemeinsam mit der den Minister für Justiz tragenden Partei und den Kolleginnen und Kollegen der FDP zu einer abschließenden Regelung. Im nordrhein-westfälischen Landtag jedenfalls wird die SPD-Fraktion sich bezüglich des Antrags der Grünen enthalten und den Entschließungsantrag von Ihnen, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen der CDU und FDP, ablehnen. – Vielen Dank.

(Beifall von der SPD)

Vizepräsident Oliver Keymis: Danke schön, Herr Ganzke. – Für die FDP-Fraktion hat nun Herr Kollege Mangen das Wort.

Christian Mangen (FDP): Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Wir sind dem Minister dankbar, dass er diese Diskussion angestoßen hat. Denn wenn man sich den Antrag von Bündnis 90/Die Grünen anschaut, dann könnte man denken, Schwarzfahren stelle in unserem Land lediglich ein geringes Problem dar. Es sei eine Art Unregelmäßigkeit, welche es nicht verdiene, als Straftat gewürdigt zu werden.

Doch neueste Schätzungen zeigen, dass es sich keineswegs um ein nebensächliches Phänomen handelt. So sind in deutschen Bus- und Bahnunternehmen schätzungsweise 3 % der Fahrgäste ohne einen gültigen Fahrschein unterwegs. In der Düsseldorfer Altstadt wurde bei einer Schwerpunktkontrolle festgestellt, dass es 10 % der Fahrgäste waren.

Beim Schwarzfahren handelt es sich also nicht um ein Kavaliersdelikt, sondern es handelt sich um den Straftatbestand der bewussten Erschleichung von Leistungen nach § 265a StGB. Und das ist auch gut so, denn der Transport durch ein solches Unternehmen erzeugt Kosten. Und wenn diese nicht beglichen werden, wird das Unternehmen als Ganzes geschädigt und auch und insbesondere die schwächsten Nutzer.

(Beifall von der FDP)

Ein Mensch, der also bereitwillig und wissentlich die Leistungszahlung verweigert und sich der Tatsache bedient, dass nicht jedermann kontrolliert werden kann, muss folgerichtig auch entsprechend sanktioniert werden. Es ist auch richtig, dass es sich beim Schwarzfahren leider um ein alltägliches Phänomen handelt, welches erhebliche Ressourcen von Polizei und Justiz in Anspruch nimmt. Das tun Ladendiebstähle allerdings auch. Reformen bezüglich des Sanktionssystems können überdacht werden.

Es ist auch nicht so, dass jedem Schwarzfahrer sofort Gefängnis droht. Zunächst werden die 60 € erhöhtes Beförderungsentgelt verlangt, erst in Wiederholungsfällen kommt es normalerweise zur Anklage, und auch die sind im Regelfall mit geringem Umfang verbunden. Denn es gibt dann normalerweise lediglich die Strafanzeige im Datenblatt, und das war’s. Weniger Aufwand gibt es sonst eigentlich nie.

Vizepräsident Oliver Keymis: Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Bialas?

Christian Mangen (FDP): Gerne.

Vizepräsident Oliver Keymis: Das ist freundlich von Ihnen. – Bitte schön, Herr Kollege Bialas.

Andreas Bialas (SPD): Vielen Dank, dass Sie die Frage zulassen. – Habe ich Sie richtig verstanden, dass Sie jetzt einen Antrag gemeinsam vorlegen, um diesen Vorschlag einer Aufgabenkritik zu unterziehen, weil die FDP keine Entkriminalisierung an dieser Stelle wünscht?

Christian Mangen (FDP): Nein, wir müssen das prüfen. Aber dazu komme ich gleich in meinem Vortrag noch. Also hören Sie weiter zu! Dann ist die Frage, glaube ich, von sich aus beantwortet.

(Andreas Bialas [SPD]: Danke für den Hinweis!)

Aber ein maßgeblicher Vorteil des momentanen Systems ist nämlich die Tatsache, dass Richterinnen und Richter unter anderem pädagogisch auf Täter einwirken können. So können sie durch Maßnahmen und Auflagen sozialisierend wirken, was im Falle einer Herabstufung zu einer Ordnungswidrigkeit nicht mehr möglich wäre.

(Beifall von der FDP – Sven Wolf [SPD]: Kommt da noch der Redner von der Koalition, der den Minister unterstützt?)

Das heißt, die eigentliche Frage, die wir uns stellen sollten, ist, wie wir Polizei und Justiz entlasten und so deren Arbeit unterstützen können. Publikumswirksame Schnellschüsse brauchen wir hier nicht. Deswegen hat Justizminister Biesenbach zu Recht einen wichtigen Anstoß für die rechtspolitische Diskussion gegeben. Diese gilt es nun zu führen, und zwar gewissenhaft und gründlich.

Hierfür bedarf es in einem ersten Schritt einer umfassenden Aufgabenprüfung und Aufgabenkritik. Dem wird sich die neue Landesregierung nun stellen, nachdem es von der Vorgängerregierung jahrelang nicht angepackt wurde. – Vielen Dank.

(Beifall von der FDP und der CDU)

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Herr Mangen. – Für die AfD-Fraktion tritt nun ans Pult zu seiner ersten Rede Herr Kollege Röckemann.

Thomas Röckemann (AfD): Die Knäste sind übervoll. Geld ist keines mehr da. Die Kriminalitätsstatistik schießt durch die Decke, und der Herr Justizminister Biesenbach von der CDU übt den Schulterschluss mit den Grünen. Jamaika im Bund lässt grüßen!

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Worum geht es hier?

Deutschlandweit und insbesondere bei uns in NRW quellen die Haftanstalten über. So ein Andrang wie in den letzten Jahren gab es hierzulande noch nie. Insbesondere verantwortlich dafür ist die rechtswidrige Einwanderungspolitik der Frau Bundeskanzlerin Merkel von der CDU.

(Beifall von der AfD)

Es besteht nun ein Dilemma. Haftanstalten haben nun einmal die unangenehme Eigenschaft, nicht mit dem Bedarf mitzuwachsen. Wenn sie voll sind, dann bleiben die zu Inhaftierenden eben auf freiem Fuß.

Was liegt da näher, als Platz zu schaffen? Die Lösung des Herrn Ministers ist dann das Zauberwort „Entkriminalisierung“. In einem Interview berichtete er, dass in NRW zurzeit 1.215 Gefangene eine Ersatzfreiheitsstrafe wegen Schwarzfahrens absäßen, darunter auch solche, die keine Kurzstreckentickets kauften. Jeder Hafttag koste pro Gefangenen 131 €, und daher solle Schwarzfahren als Ordnungswidrigkeit und erst bei hartnäckigen Wiederholungstätern als Straftat behandelt werden.

Als ausgebildetem Polizeibeamten und Rechtsanwalt setzte bei mir sogleich Schnappatmung ein. Wie soll das gehen? Entweder ist eine Tat eine Straftat oder sie ist eine Ordnungswidrigkeit. Beides gleichzeitig ist in Deutschland rechtssystematisch gar nicht möglich. Ein bisschen schwanger geht eben nicht.

Auch ist der Begriff der Hartnäckigkeit dem deutschen Recht fremd. Kommt jetzt neben der sogenannten „Hasskriminalität“ des zu Recht abgewählten Herrn Ministers Maas die „Hartnäckigkeitskriminalität“ des Herrn Ministers Biesenbach? Soll hier erneut Recht geschrieben werden, Recht, das spätestens vom Bundesverfassungsgericht kassiert wird?

Meine Damen und Herren, wie sähe das bei anderen Delikten aus? Der notorische Falschparker handelt erst ordnungswidrig, macht sich dann irgendwann strafbar und kommt in letzter Konsequenz dann doch ins Gefängnis? Tatsächlich wollen Sie ein zusätzliches vorgelagertes Verfahren, das Ordnungswidrigkeitenverfahren, noch einführen. Worin besteht dann die angedachte Entlastung von Polizei und Justiz?

Wie sollen sich denn die betroffenen Unternehmen zukünftig gegen Schwarzfahrer wehren? Sie wissen schon, dass zusätzliches Personal und zusätzliche Zugangsbeschränkungen zu Verkehrsmitteln zusätzliches Geld kosten, das zusätzlich auf diejenigen umgelegt wird, die sich an Recht und Gesetz halten?

(Beifall von der AfD)

Stellen Sie sich einmal die Frage: Wird es in Deutschland sicherer, wenn Sie den Straftatenkatalog bereinigen? Meinen Sie, dass die allgemeine Moral dadurch angehoben wird? Tatsächlich zählt für Sie doch nur der Nebeneffekt. Die Kriminalitätsstatistik wird entlastet. Welche Straftaten werden als nächste gestrichen? Diebstahl? Körperverletzung? Nein, Herr Minister, das wollen wir nicht.

Wir wollen, dass unser Staat uns beschützt und repressiv tätig wird, wenn es nötig ist.

(Beifall von der AfD)

Und wenn das Geld kostet, so sind wir auch bereit, dieses Geld aufzubringen. Den hohen Preis Ihrer verfehlten Politik zahlen wir nämlich längst.

(Beifall von der AfD)

Die Geister, die Sie riefen, meine sehr geehrten Damen und Herren Kollegen der Konsensparteien, diese Geister werden Sie also nicht los. Ihr Vorschlag, Herr Minister, und der darauf beruhende Antrag Ihrer baldigen grünen Mitstreiter im Bund ist das Papier nicht wert, auf dem es geschrieben steht.

(Beifall von der AfD)

Wir haben nämlich Ideen. Wir brauchen zunächst einmal – es wird Sie vielleicht überraschen – sichere Grenzen. Wir brauchen die konsequente Abschiebung Nichtberechtigter – und dies bei verschlankten Asylverfahren. Die Verwaltungsgerichte quellen über. Hier muss man ansetzen.

(Beifall von der AfD)

Wenn Einwanderungspolitik, dann eine nach kanadischem Modell! Meine Damen und Herren von der FDP, die Kanadier haben es erfunden. Wir haben es nachgemacht, und jetzt kommen Sie mittlerweile auf die Idee. Aber wunderbar, dass Sie das auch gelernt haben.

Wir brauchen mehr und besser ausgerüstete Polizei auf Wegen und Straßen, und unsere Bevölkerung braucht Politiker, die dies auch offen aussprechen.

Wir von der AfD lehnen den Antrag der Grünen und den Vorstoß des Herrn Ministers Biesenbach hiermit ab. – Schönen Dank.

(Beifall von der AfD)

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Herr Röckemann. Herzlichen Glückwunsch zur ersten Rede! – Nun spricht als Nächster für die Landesregierung der Minister, Herr Biesenbach.

Peter Biesenbach, Minister der Justiz: Verehrte Kolleginnen! Verehrte Kollegen! Es hat mir richtig Freude gemacht, zu hören, welcher Bogen hier geschlagen wurde.

Frau Schäffer, ich will nicht verhehlen, dass ich mich nicht erinnern kann, mal in einer früheren Plenardebatte Lob der Grünen bekommen zu haben. Das nehme ich aber gerne an. Es könnte ja vielleicht auch zur Gewohnheit werden. Ich habe nichts dagegen.

Umgekehrt schlägt Herr Ganzke dann den Bogen, zu sagen, wir zwei würden es als Grundstein für Berlin nehmen. Ich betrachte das vielleicht als ein bisschen zu viel. Ich glaube, so viel erwarten wir davon wirklich nicht. Aber es macht deutlich – auch die ganze Diskussion, auch der Ansatz der SPD, sich zu enthalten, oder die übrigen Situationen –, wie wichtig es ist, über das Thema zu sprechen.

Ich habe ganz einfach die Frage gestellt: Ist es richtig, die Justiz mit diesem Thema und in diesem Umfang zu beschäftigen, oder gibt es nicht andere Themen, die die kostbaren Ressourcen der Justiz in anderen Kriminalitätsfeldern sinnvoller einfordern?

Vielleicht einmal die Zahl: Mehr als jede zehnte Verurteilung – in absoluten Zahlen: 16.000 bis 17.000 und in manchen Jahren auch 18.000 Urteile im Jahr – betrifft den Bereich des sogenannten Erschleichens von Leistungen, im Volksmund „Schwarzfahren“ genannt. Bitte überlegen Sie einmal, welche Kapazität dabei von Polizei, Staatsanwälten und Richtern gebunden wird.

Am 18. September, Herr Wolf – nur mal die Zahl –, saßen in Nordrhein-Westfalen 1.215 Gefangene wegen einer Ersatzfreiheitsstrafe ein. Der überwiegende Teil davon sind Schwarzfahrer. Jeder kostet den Steuerzahler jeden Tag 131 €. Wieder die Frage: Ist das richtig? Ist das erforderlich? Sind das Ansätze, die das Gesetz wollte? Das Gericht wollte sie nicht; denn sonst hätte es sie nicht zu einer Geldstrafe verurteilt. Das ist der eine Punkt.

Auf der anderen Seite ist völlig richtig: Wir wollen auch das Schwarzfahren nicht zum Kavaliersdelikt machen. – Das ist auch richtig. Von daher kann ich auch die Bedenken mancher Innenpolitiker verstehen, die fragen, ob das der richtige Weg ist. Die Zweifel sind genauso angebracht wie die Frage: Ist der Umgang damit der richtige?

Deswegen war mein Wunsch – und ich stelle fest, das hat ja auch geklappt –, eine Diskussion anzustoßen.

Es ist ersichtlich, dass auch von der Bundesebene Reaktionen kommen. Der „Deutschen Richterzeitung“ ist das Thema so wichtig, dass in der neuen Ausgabe zwei Positionen – pro und kontra – dargestellt werden. Ich weiß, dass ein Senator – also nicht Biesenbach – die Pro-Seite vertreten wird und ein anderer Justizminister die Kontra-Seite. Nur, die Diskussion ist notwendig.

Ich will auch sagen, was uns noch helfen könnte. Dass der Verkehrsverband natürlich keine Änderung will, ist nachvollziehbar. Es taucht aber die Frage auf: Sind nicht auch unsere Verkehrsverbände gefordert? Vielleicht erinnern sich einige oder sogar alle von Ihnen an folgende Tatsache: Wer im europäischen Ausland in einen Bus einsteigt, muss vorne einsteigen und kommt nur rein, wenn er sein Ticket entwertet. Der Fahrer bekommt mit, ob ein Ticket da ist. – Schwarzfahren ausgeschlossen. Wer dort in die U- oder S-Bahn will, muss durch Zugangsschleusen, das Ticket entwerten, und dann kommt er rein. – Schwarzfahren ausgeschlossen.

Nur wir in Deutschland leisten uns den Luxus, weder beim Einsteigen in den Bus noch beim Einsteigen in die S- oder U-Bahn zu kontrollieren. Ist dafür die Justiz der richtige Reparaturbetrieb? Können wir vieles von dem nicht dadurch unterbinden, indem wir die Verkehrsunternehmen dazu bringen, Zugangskontrollen durchzuführen?

Ich will hier gar nicht sagen, welchen Weg ich für den richtigen halte. Ich möchte nur einen Anstoß geben, was die Kapazität angeht. Wir alle wissen, wie es bei unserer Justiz aussieht. Wir alle wissen, was die Verwaltungsgerichte zu tun haben. Wir alle wissen, wie lange die Verfahren vor den Strafgerichten dauern. Dort muss die Frage gestellt werden: Ist es sinnvoll, die Ressource Justiz auf diese Weise zu verbrauchen?

(Vereinzelt Beifall von den GRÜNEN)

Lassen Sie uns diesen Punkt doch gemeinsam diskutieren! Dann kommen wir zu einem Ergebnis, das mehrheitsfähig ist. Wir müssen es aber diskutieren, ganz simpel, das ist der Weg. Wenn das gelungen ist, hat sich der Vorstoß gelohnt. Vielleicht kommt dann die SPD dazu, mitzumachen, statt sich heute zu enthalten. – Vielen Dank.

(Beifall von der CDU – Vereinzelt Beifall von der FDP)

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Herr Minister Biesenbach. – Es gibt keine weiteren Wortmeldungen.

Wir kommen erstens zur Abstimmung über den Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen Drucksache 17/798. Die antragstellende Fraktion hat direkte Abstimmung beantragt. Wer stimmt dem Antrag zu? – Bündnis 90/Die Grünen. Wer stimmt dagegen? – AfD-Fraktion. – Wer enthält sich? – SPD-Fraktion.

Darf ich noch einmal nachfragen? Wer stimmt für diesen Antrag? – Die Grünen.

(Beifall und Zurufe von der SPD)

Wer stimmt gegen diesen Antrag? – AfD-Fraktion …

(Zurufe von der SPD: Hej! – Weitere Zurufe)

Dagegen stimmen CDU, FDP und AfD-Fraktion. Wer enthält sich? – SPD-Fraktion. Nun haben wir auch hier oben Klarheit. Der Antrag ist mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen abgelehnt.

(Zurufe von der SPD)

Ich bin immer froh, wenn Abstimmungen so viele Reaktionen auslösen.

Wir stimmen zweitens ab über den Entschließungsantrag der Fraktion der CDU und der Fraktion der FDP Drucksache 17/883. Wer stimmt dieser Entschließung zu? – CDU und FDP. Wer stimmt dagegen? – SPD und Grüne. Wer enthält sich? – AfD-Fraktion. Damit ist der Entschließungsantrag mit Mehrheit der Koalitionsfraktionen angenommen.

Ich rufe auf:

9   Nordrhein-westfälische Interessen mit starker Stimme in Brüssel vertreten – Gestaltung des mehrjährigen Finanzrahmens und der Kohäsionspolitik nach 2020 im Sinne des Landes ausrichten

Antrag
der Fraktion der CDU und
der Fraktion der FDP
Drucksache 17/807

Ich eröffne die Aussprache und erteile für die CDU-Fraktion Herrn Krauß das Wort.

Oliver Krauß (CDU): Vielen Dank. – Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Vor einem Monat, am 13. September 2017, hat Jean-Claude Juncker in Straßburg seine Rede zur Lage der Europäischen Union 2017 gehalten. Dabei hat er ein Zitat von Mark Twain bemüht, das in sinngemäß wie folgt lautet: Jahre später werden wir mehr enttäuscht sein von den Dingen, die wir nicht getan haben, als von den Dingen, die wir getan haben. Also löse die Knoten …

Dieses Zitat passt – beim Brexit, im Zusammenhang mit Populismus und der Legitimation der EU. Mit neuem wirtschaftlichem Schwung im Rücken gibt es jetzt ein besonderes Zeitfenster, um zu handeln und die Knoten zu lösen. Dazu läuft der Weißbuchprozess für eine enger vereinte stärkere und demokratische Union.

Es geht um eine umfassende Reform unserer Union. Sie soll zusammenbringen, was die Menschen in Europa von der Gemeinschaft erwarten, was diese zu leisten vermag. Wie europäisch können die Bürger in Europa, wie europäisch können die Bürger in NRW leben? Können die Menschen die Vorteile Europas erleben? Oder bekommen sie als Einziges irgendwelche Verordnungen über Glühbirnen oder den Krümmungsgrad von Bananen mit?

Für uns in NRW geht es insbesondere um die Strukturförderung. Von diesem Geld profitieren wir in unserem Bundesland, in unseren Städten und Gemeinden ganz konkret. Damit das so bleibt, müssen wir dafür Sorge tragen, dass unsere Kommunen Strukturfördermittel der Kohäsionspolitik erhalten. So wird Europa vor Ort erlebbar.

Der Europäische Fonds für regionale Entwicklung und der Europäische Sozialfonds fördern gute Ideen, Initiativen, Best Practice, Arbeit, Bildung und Ausbildung. Nordrhein-Westfalen hat in den Förderperioden seit der EU-Osterweiterung mehr Mittel aus den EU-Förderfonds erhalten als vorher; das hat unser Minister Stephan Holthoff-Pförtner auf eine Kleine Anfrage hin erst vor wenigen Tagen erklärt. Inklusive der Kofinanzierung stehen allein mit dem operationellen Programm EFRE NRW im jetzigen Förderzeitraum rund 2,4 Milliarden € zur Verfügung. Die Verhandlungen für den abschließenden Finanzrahmen nach 2020 haben parallel zu der Halbzeitrevision im vergangenen Jahr begonnen.

Mit unserem heutigen Antrag möchten wir die Landesregierung unterstützend beauftragen, das substanzielle Interesse Nordrhein-Westfalens an einer vitalen Strukturförderpolitik frühzeitig proaktiv geltend zu machen. Für die unterschiedlichen Entwicklungsbedürfnisse in allen EU-Regionen sind im jetzigen Förderzeitraum 351,8 Milliarden € vorgesehen, fast ein Drittel des gesamten EU-Haushalts.

Damit ist die Kohäsionspolitik ganz real das, was sie auch im eigentlichen Wortsinn ist, nämlich eine profunde Investition in den Zusammenhalt unserer Gemeinschaft, der Regionen und unsere Nachbarschaften. Vor diesem Hintergrund bitte ich um Unterstützung dabei, die künftige Forderung jetzt mutig und klug zu verhandeln – mit Idealismus und Entschlossenheit.

In der letzten Legislaturperiode ist vor allem das notwendige Interesse zu spät erklärt worden, die EFRE-Mittel auch für den Ausbau unserer Verkehrsinfrastruktur zu nutzen. Ebenso hat man um Sprechfähigkeit gerungen, als es im Jahr 2014 um die Öffnung des operationellen Programmes für den flächendeckenden Breitbandausbau ging.

Für die neue Förderperiode wollen wir die nordrhein-westfälischen Interessen jetzt frühzeitig und exakt platzieren,

(Beifall von der CDU – Vereinzelt Beifall von der FDP)

nicht zuletzt mit dem Ziel, dass der EFRE bei Bedarf auch für stärker entwickelte Regionen künftig flexibler genutzt werden kann – selbstverständlich mit transparenten Förderkriterien.

Meine Damen und Herren, Nordrhein-Westfalen ist im Herzen Europas ein starker und erfolgreicher Akteur. Im Jahr 1986 hat NRW als erstes deutsches Flächenland eine Landesvertretung in Brüssel eingerichtet. Jetzt geht es aber nicht nur darum, ein bisschen Lobbyarbeit in Brüssel zu machen.

Ich sage es ganz deutlich: NRW braucht eine starke Stimme in Europa. Ohne persönliche Kontakte und ohne eine ständige Präsenz in Brüssel ist dies nicht möglich. Nur so erhalten wir Informationen unmittelbar aus erster Hand, können schnell handeln und unsere Landesinteressen frühzeitig in Entscheidungsprozesse tragen.

Es geht darum, ob Europa bei den Bürgerinnen und Bürgern in Nordrhein-Westfalen spürbar und erlebbar wird. Es geht darum, ob die Idee, den Zusammenhalt in Europa zu fördern und die Einigung Europas voranzubringen, weiterhin zu den Grundfesten nordrhein-westfälischer Politik gehört.

In diesem Sinne freue ich mich auf die Beratungen in den beteiligten Ausschüssen – vielen herzlichen Dank.

(Beifall von der CDU und von der FDP)

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Herr Krauß. – War das Ihre erste Rede?

Oliver Krauß (CDU): Das war meine erste Rede.

Vizepräsident Oliver Keymis: Das war ihre erste Rede! Herzlichen Glückwunsch, das hat man gar nicht gemerkt.

(Heiterkeit – Beifall von der CDU, der FDP und Ministerin Christina Schulze Föcking)

Für die FDP-Fraktion spricht nun Herr Kollege Nückel. Das ist nicht seine erste Rede; das wissen alle hier. Das ist wahrscheinlich die 48. Rede von Herrn Nückel. Sie haben das Wort, bitte schön.

Thomas Nückel (FDP): Vielen Dank. – Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Am 25. März dieses Jahres jährte sich zum 60. Mal der Tag der Unterzeichnung der Römischen Verträge. Nach diesen über 60 Jahren steht die EU vor wichtigen Weichenstellungen. Wie wird der Einigungsprozess, wie wird die stärkere Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten untereinander und mit der EU gestaltet werden?

Eine weitere wichtige Entscheidung ist die über den EU-Haushalt für die Periode nach dem Jahr 2020. Welche Höhe das zur Verfügung stehende Budget in der nächsten Periode hat, ist zwar noch völlig offen, aber eines können wir erahnen: Durch den Brexit stehen mit Sicherheit etwa 10 Milliarden € bis 11 Milliarden € weniger zur Verfügung. Deswegen ist es so wichtig, dass die EU weiterhin ihre Schwerpunkte auf die für Nordrhein-Westfalen besonders wichtigen Politikfelder legt. Für Nordrhein-Westfalen ist das natürlich der Blick auf die europäischen Strukturfonds: EFRE, ESF und europäischer Landwirtschaftsfonds.

Das sind entscheidende Instrumente für Wachstum und Beschäftigung in unserem Land angesichts von 2,4 Milliarden €, die NRW in der laufenden Periode erhält. Da ist die Fortsetzung über das Jahr 2020 hinaus von existenzieller Bedeutung.

Die EU-Kommission verfolgt derzeit den Ansatz, den EU-Haushalt schwerpunktmäßig auf die Bereiche auszurichten, die theoretisch einen sogenannten hohen europäischen Mehrwert bieten. Sie hat dabei Szenarien erarbeitet, die die Gefahr von Kürzungen bergen – mit der Folge, dass unter Umständen der Fortbestand einzelner Programme infrage steht.

Wir halten es für unakzeptabel und für nicht vermittelbar, wenn die Förderung nur noch auf Regionen mit Krisenmodus begrenzt würde. Das würde aus unserer Sicht auch dem Gedanken des europäischen Mehrwerts widersprechen; denn es sind gerade auch die wirtschaftsstarken Regionen wie Nordrhein-Westfalen, die zur Steigerung der EU-weiten Wettbewerbsfähigkeit beitragen. Letztlich stellen sich die großen Herausforderungen wie Globalisierung, demografischer Wandel und Digitalisierung für alle Regionen gleichermaßen.

Für die FDP-Fraktion möchte ich unterstreichen, dass künftig auch ein deutlicher Akzent auf mehr Effizienz und Effektivität gelegt werden muss. Sämtliche Programme müssen dringend entbürokratisiert werden. Sie müssen einfacher und flexibler ausgestaltet werden. Wir brauchen deutlich einfachere Förderbedingungen; denn man hat manchmal den Eindruck: Ganze Geschwader von Mitarbeitern sind bei den Antragstellern nur noch mit der Fördersystematik beschäftigt. Man fragt sich, welche innovativen Dinge sie hätten kreieren können, wenn sie nicht durch die ausufernde Antragsbürokratie abgelenkt worden wären. Also – mehr Effektivität!

Angesichts der vielen unterschiedlichen Interessen der EU ist es daher umso wichtiger, dass sich nicht nur die Bundesregierung, sondern auch die Landesregierung mit deutlicher Stimme in Brüssel Gehör verschafft. – Vielen Dank.

(Beifall von der FDP – Vereinzelt Beifall von der CDU)

Vizepräsident Oliver Keymis: Danke schön, Herr Kollege Nückel. – Für die SPD-Fraktion spricht nun Herr Kollege Neumann.

Josef Neumann (SPD): Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Antrag der Koalition ist in seiner Grundausrichtung nicht zu beanstanden. Uns eint der Konsens darüber, dass die EU die Interessen Nordrhein-Westfalens weiter berücksichtigen soll und dass wir auch weiterhin von der EU-Förderung bestmöglich profitieren müssen und profitieren sollen – unabhängig von der Debatte, wie wirtschaftlich stark oder nicht stark wir dabei sein möchten.

Der Antrag macht aber den zweiten Schritt vor dem ersten. Wir müssen erst einmal darüber reden, wie der EU-Haushalt ab 2021 ohne den britischen Beitrag aussehen soll und aussehen wird. Fantasien, wie sie insbesondere von der CDU/CSU und wem auch immer dort geäußert werden, die einen drastisch kleineren EU-Haushaltes umfassen, werden wir uns nicht leisten können; denn die Regierungen der Mitgliedstaaten sind munter dabei, sich neue Aufgabenbereiche für die EU zu überlegen, etwa die neue Verteidigungspolitik. Das wird aber nur mit zusätzlichen Mitteln funktionieren.

Der Fokus der Debatte muss also darauf gelegt werden, wie wir die Einnahmesituation der EU gestalten wollen. Wenn die alte Merkel’sche Blockadehaltung weiter gilt – nicht mehr als 1 % des Bruttonationaleinkommens in den EU-Haushalt, aber fleißig neue Aufgaben nach Europa geben –, wird das Geld weder für Nordrhein-Westfalen noch für andere reichen.

Darauf muss die Landesregierung hier Antworten geben. Das sehe ich aktuell aber nicht.

Als Europäerinnen und Europäer könnten, ja sollten wir uns auch die Frage stellen, ob ein EU-Haushalt überhaupt noch auf Überweisungen aus den Nationalstaaten angewiesen und nur allein davon abhängig sein sollte. Warum nicht eigene Steuern einführen? Ich erinnere an die Debatte um die Transaktionssteuer, die seit vielen Jahren im Gespräch ist. Warum denken wir an dieser Stelle nicht weiter?

Wie steht die Koalition zu diesen vielen grundlegenden Fragen, auf die wir Antworten finden müssen? Die Koalition erwähnt kurz den Brexit. Zumindest laut Debatte soll jetzt ein Brexit-Beauftragter ernannt werden. Es wird spannend sein, welche Rolle er im Zusammenhang mit den EU-Fördertöpfen haben wird.

Die Koalition fordert auch eine Vereinfachung der komplexen Regelungen zur Nutzung der EU-Strukturfonds und eine kritische Betrachtung von Umsetzung und Kontrolle. Ich denke, wir sind uns darüber einig, dass bürokratische Hürden beseitigt und abgebaut werden müssen. Das ist gar keine Frage.

Erlauben Sie mir hier einen Hinweis auf die Arbeit der SPD-geführten Landesregierung und die Verbesserungen, die es in den letzten Jahren gegeben hat. Ich erinnere daran, dass es heute fast überall nur noch Pauschalen für Personal- und Gemeinausgaben gibt. Zweckgebundene Spenden sind als einzubringender Eigenanteil möglich. Bürgerschaftliches Engagement gilt als Ausgabe. Dergleichen gibt es viele Maßnahmen mehr. Allein beim EFRE wurde die Anzahl der zu bewilligenden Stellen von über 100 auf 9 reduziert.

Ich vermisse im Antrag der Koalition einen Hinweis auf die sich abzeichnende Hinwendung der Kommission zu zentral verwalteten Programmen. Die in der Tat stärker entwickelten Regionen wie Nordrhein-Westfalen – die Vorredner sind schon darauf eingegangen – würden dann bei der EU geführt und massiv benachteiligt. Anstatt alle Fördermaßnahmen einer kritischen Prüfung zu unterziehen, muss das Augenmerk klar auf einer Regionalförderung liegen, um europäischen Mehrwert zur Regionalität zu schaffen und insbesondere Europa in die Regionen und damit auch in die Regionalverwaltung zu bringen.

Nicht weniger Projekte und weniger Geld, sondern jeweils mehr wäre der richtige Ansatz. Die Finanzierung muss nicht erst seit dem Brexit auf ein neues Fundament gestellt werden. Wir wünschen uns mehr Ideen und weniger Floskeln. Wir sind gern bereit, darüber zu debattieren, uns einzubringen und uns zu diesen Fragen zu positionieren. – Vielen Dank.

(Beifall von der SPD)

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Herr Kollege Neumann. – Jetzt spricht für die grüne Fraktion Herr Kollege Remmel.

Johannes Remmel (GRÜNE): Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Es freut mich und meine Fraktion sehr, dass hier im Hohen Hause gleich mehrfach europäische Themen auf der Tagesordnung stehen. Heute Morgen hat der Ministerpräsident ein starkes Statement für mehr Europa abgegeben. Insofern ist es ein guter Tag für dieses Land und auch für das Thema.

Allerdings gießt der Antrag der Koalitionsfraktionen sowohl im Tonfall als auch im Inhalt jede Menge Wasser in den europäischen Wein. Ja, Sie haben recht, wenn Sie darauf hinweisen, dass der Brexit entsprechende Auswirkungen auf den EU-Haushalt haben wird. Ja, Sie haben recht, es ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um über zukünftige Perspektiven von europäischen Programmen zu diskutieren. Ja, es ist auch richtig, darauf hinzuweisen, was es für Nordrhein-Westfalen bedeutet, wenn sich die Finanzierung ändert. Unser Land profitiert sehr stark von den Geldern aus Brüssel.

Als Fazit muss ich aber festhalten: Ihr Antrag will eigentlich nur das fortschreiben, was es bisher schon gibt. Das wird angesichts der Rahmenbedingungen, die wir vorfinden werden, nicht gehen. Er hat keinen inhaltlichen Schwerpunkt, keine Vision, keine Perspektive nach vorn und gibt keine Antworten auf die Fragen, die beantwortet werden müssen.

Im Übrigen sei mir der Hinweis erlaubt: Sie beziehen sich auf die Lissabon-Ziele. Diese sind allerdings schon durch die Europa-2020-Strategie abgelöst. Auch dies müsste meines Erachtens in einer Ausschussberatung korrigiert werden.

Ich darf in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass viele der Fragen, die zu beantworten wären, in einem Beschluss der Europaministerkonferenz breit aufgelistet worden sind. Ich rege an, dass dieses Papier zumindest in die Debatte des Ausschusses einbezogen wird, weil es eine Orientierung dahin gehend gibt, auf welche Fragen wir hier in Nordrhein-Westfalen Antworten geben müssen. Ich will aus meiner Sicht einige Punkte nennen.

Die allerwichtigste Frage ist: Wie können europäische Programme so gestaltet werden, dass sie tatsächlich Investitionen in großem Stil auslösen? – Das ist zurzeit das Problem in Europa. Die Tränke ist voll. Das Geld ist so billig wie nie, aber es wird zu wenig investiert. Deshalb müssen europäische Programme so justiert sein, dass Investitionen tatsächlich in breitem Stil ausgelöst werden.

Eine weitere Frage lautet: Wie sieht es mit politischer Schwerpunktsetzung aus? Es gibt einige Bereiche, die dringend einer Unterstützung im Hinblick auf Investitionen bedürfen, zum Beispiel eine Klimaschutzinvestitionsstrategie für Europa. Hier hat die Kommission bereits in der letzten Legislaturperiode Schwerpunkte gesetzt. Dazu bräuchte es weiterhin eine klare Positionierung der Landesregierung.

Gleiches gilt für den digitalen Ausbau, die Digitalisierung und aus meiner Sicht auch für die Frage, wie wir europaweit und auch in Deutschland Jugendarbeitslosigkeit so in das Programm einbeziehen können, dass hier mehr passiert als in der Vergangenheit.

Laut einiger Studien haben bestimmte Regionen ihre Potenziale durch eine europäische Förderung in den letzten Jahren nicht verbessert. Starke Regionen sind gestärkt worden, und sogenannte schwache Regionen sind eher zurückgefallen. Auch das muss durch eine neue Förderung beantwortet werden.

Natürlich gibt es auch den Aspekt der Bürokratie, aber dabei darf man nicht ausklammern, dass das europäische Beihilferecht jedenfalls derzeit viele Investitionen verhindert und deshalb überarbeitet werden muss, insbesondere wenn es um die De-minimis-Regel geht, womit auch kleinere Unterstützungen geleistet werden können.

Eines wundert mich jedoch sehr hier im Landtag Nordrhein-Westfalen, bei dieser Koalition, bei diesem Koalitionsvertrag, nämlich dass weder im Antrag noch in den Redebeiträgen – Herrn Nückel hat es etwas verschämt erwähnt – die Landwirtschaft auftaucht. Das ist doch der größte Anteil des EU-Haushaltes, das ist sozusagen die europäischste Politik.

Wenn man über die Zukunft der europäischen Finanzpolitik redet, dann muss man eine Aussage dazu machen, welchen Stellenwert Agrar- und Landwirtschaftspolitik zukünftig haben sollen. Man kann sich doch nicht hierhin stellen und sagen: EFRE und ESF müssen weiter so laufen wie bisher, aber bei kleiner werdendem Budget. Das geht dann zulasten der Landwirtschaft. Wo ist denn die Interessenvertretung der nordrhein-westfälischen Landwirtschaft innerhalb von CDU und FDP, wenn nichts davon im Antrag steht?

(Beifall von den GRÜNEN)

Das ist eine der zentralen Fragen für den ländlichen Raum – nicht nur in Nordrhein-Westfalen, sondern weit darüber hinaus. Das muss beantwortet werden.

Deshalb finde ich es sehr entgegenkommend, dass unser Anliegen, diesen Antrag inhaltlich im Landwirtschaftsausschuss zu beraten, vielleicht dazu führt, die entsprechenden Ergänzungen machen zu können. Ich jedenfalls bin davon überzeugt, dass dies notwendig ist, um eine starke Stimme Nordrhein-Westfalens auch auf europäischer Ebene zur Geltung zu bringen. – Vielen Dank.

(Beifall von den GRÜNEN)

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Herr Remmel. – Nun spricht für die AfD-Fraktion Herr Tritschler.

Sven Werner Tritschler (AfD): Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Dieser Antrag kommt mir vor wie jemand, der gerade ausgeraubt wurde und anschließend den Räuber anbettelt, ihm noch ein paar Groschen für die Bahn dazulassen.

(Beifall von der AfD)

Das ist offensichtlich so eine Art von europapolitischem Stockholm-Syndrom. Es freut mich ja, dass Sie in Ihrem Antrag den Brexit wenigstens zur Kenntnis nehmen; verstanden aber haben Sie ihn nicht. Sie ignorieren die wachsende EU-Skepsis im Volk, ja in den Völkern Europas, und machen einfach weiter wie bisher.

Kohäsionspolitik, also Politik, die den Zusammenhalt fördern soll, ist dabei symptomatisch. Davon abgesehen, dass das Ganze wie üblich hinter einem Namen versteckt wird, den draußen auf der Straße kein Mensch versteht, ist schon die Grundidee absurd. Der Zusammenhalt – so der Gedanke – soll gestärkt werden, indem Sie vielen Geld wegnehmen, um es wenigen zu geben.

(Beifall von der AfD)

Dazwischen schalten Sie einen gewaltigen Verwaltungsapparat und gut gefütterte Lobbyisten, bei denen ein Gutteil der Mittel versickert. Wer ernsthaft glaubt, dass dieser Verschiebebahnhof geeignet sein könnte, den Zusammenhalt unter den Völkern Europas zu stärken, muss doch zumindest anerkennen, dass das bisher nicht funktioniert hat.

Anstatt jedoch den Staaten ihr Geld zu belassen und sie aus dem Eurogefängnis zu entlassen, marschieren Sie brav weiter in Richtung EU-Superreich. Vorwärts immer, rückwärts nimmer – das ist jetzt auch das Motto der EU.

(Beifall von der AfD)

Da hilft es auch nicht, wenn Sie dem Geld unserer Steuerzahler noch ein paar fromme Wünsche hinterherschicken. Es ist ja schön, dass Sie sich einen sparsamen und zielgerichteten Umgang mit den Geldern wünschen, aber glauben Sie ernsthaft, dass das in Brüssel jemanden interessiert?

(Heiterkeit von der AfD)

Nein, das ist so, als würde man einem Alkoholiker eine Flasche Schnaps schicken und ihn nebenbei zum maßvollen Genuss auffordern: Augenwischerei.

(Beifall von der AfD)

Wie in so vielen Bereichen zeigt sich die Landesregierung also auch in der Europapolitik unambitioniert. Statt auf grundlegende Reformen setzen sie auf „Weiter so“. Der Unmut gegen diese Politik wird weiter wachsen, nicht aber der Zusammenhalt der Nationen. Darauf können Sie sich verlassen. Sie können sich auch darauf verlassen, dass wir diesen Antrag nicht unterstützen.

(Beifall von der AfD)

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Herr Tritschler. – Nun spricht Herr Pretzell, fraktionslos.

Marcus Pretzell (fraktionslos): Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Deutschland ist der größte Nettozahler in der Europäischen Union, und zwar mit mehr als 14 Milliarden €. „Kohäsionspolitik“ nennt sich das in Brüssel. Das Ganze kennen wir aber in Deutschland auch unter dem Namen „Länderfinanzausgleich“ und dem vieler anderer Instrumente.

Bedenken Sie bitte, dass Brüsseler Kohäsionspolitik für den deutschen Steuerzahler die teuerste aller dieser Varianten ist.

(Zuruf von Sigrid Beer [GRÜNE] – Lachen)

Jeder Euro, den Sie über Brüssel schicken und wieder zurückholen, zahlen Sie nämlich doppelt – nicht Sie, die Steuerzahler. Das sollte Sie aber bekümmern.

(Zuruf von der SPD: Und die Gehälter der Europaabgeordneten!)

– Deswegen weiß ich ja, wovon ich spreche.

(Lachen)

Deshalb kann ich Herrn Nückel auch erklären, dass ich über liberale Politik in Brüssel spätestens seit dem Zeitpunkt aufgeklärt bin, als ich Frau Meißner gehört habe, wie sie sogar an die Kernkompetenz jedes Unternehmers heran wollte und staatliche Förderung allein für unternehmerische Ideen verlangt hat. Seitdem bin ich, was liberale Ideen in der FDP betrifft, wirklich geheilt.

(Thomas Nückel [FDP]: Sie haben nicht richtig zugehört!)

– Doch, ich habe zugehört. Ich höre der Dame schon viel zu häufig zu.

Herr Winkler hat es neulich in Brüssel gesagt: Er möchte jetzt die Kohäsionspolitik sogar in der Weise verändern, dass nach politischem Gutdünken bzw. Wohlverhalten gefördert wird, dass also Staaten wie zum Beispiel Polen, Tschechien und andere Staaten wie Ungarn, die nicht ausreichend Flüchtlinge aufnehmen, in Zukunft an dieser Kohäsionspolitik nicht mehr teilnehmen und entsprechend keine Fördermittel mehr bekommen. Vielleicht können Sie etwas mehr davon für Nordrhein-Westfalen ergattern, aber möglicherweise werden die deutschen Steuerzahler das dann mit mehr Mitteln, die sie für die Briten zahlen müssen, wieder ausgleichen müssen.

Hören Sie deswegen auf, die Mittel über Brüssel zu verteilen, wo Sie einen irre teuren Apparat mitfinanzieren müssen, wo Sie massenhaft Beamte finanzieren müssen und wo Sie vor allem alles Mögliche finanzieren, aber ganz sicher nicht Politik, die in Deutschland stattfindet.

Deshalb kann ich nur dazu aufrufen: Hören Sie auf, untereinander dieses Spiel zu spielen und überall in Töpfe hineinzugreifen, wohlwissend, dass es aus anderen Töpfen, aber letztlich auch vom deutschen Steuerzahler bezahlt werden muss. Hören Sie auf mit diesem „Rechte Tasche, linke Tasche“-Spiel. Das ist letztlich Betrug am deutschen Steuerzahler. Sie werden es dem deutschen Steuerzahler auf Dauer auch nicht erklären können. Zudem werden Sie feststellen, dass das, was Sie beim Brexit erlebt haben, in anderen Staaten in diesem Europa auch stattfinden wird, wenn Sie das nicht offen eingestehen und daraus Ihre Schlussfolgerung ziehen. – Herzlichen Dank.

Vizepräsident Oliver Keymis: Vielen Dank, Herr Pretzell. – Für die Landesregierung hat nun Herr Minister Dr. Holthoff-Pförtner das Wort.

Dr. Stephan Holthoff-Pförtner, Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten sowie Internationales: Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Meine Damen und Herren! Die Kohäsionspolitik ist ein zentrales Instrument für Wachstum und Beschäftigung in der EU. Eine Fortsetzung dieser Politik nach 2020 ist für unser Land Nordrhein-Westfalen von großer Bedeutung. Deshalb müssen wir die Interessen unseres Landes kontinuierlich in die Diskussion zur zukünftigen Kohäsionspolitik einbringen.

Als Bundesland profitieren wir von den Finanzmitteln der europäischen Struktur- und Investitionsfonds deutlicher als der Bund. Hier gilt es, unsere Interessen als starkes Land im Länderkreis, aber auch als starkes NRW gegenüber dem Bund und der EU zu vertreten. Die Landesregierung hält die Diskussion darüber von großer Bedeutung.

Derzeit erhält Nordrhein-Westfalen Kohäsionsmittel in Höhe von 2,4 Milliarden €, die durch das Land und weitere Projektträger kofinanziert werden. Ein Wegfall dieser europäischen Finanzmittel hätte beträchtliche Folgen für den Innovationsstandort Nordrhein-Westfalen und auch für Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen in grenzüberschreitender Zusammenarbeit. Das gilt besonders im ländlichen Raum.

Wir begrüßen außerordentlich, dass der eindeutige europäische Mehrwert der Kohäsionspolitik in den Überlegungen der Kommission über die Zukunft der EU-Finanzen nicht mehr infrage gestellt wird. Die Kohäsionspolitik ist ein besonders wirkungsvolles Instrument, auf der lokalen Ebene Initiativen zu generieren. Wir fordern daher auch nach 2020 eine angemessene Finanzausstattung dieses Politikbereichs.

Die Länder haben – auf Initiative der Vorgängerregierung in Nordrhein-Westfalen – bereits im Dezember 2016 mit einer Stellungnahme des Bundesrates auf die von der EU-Kommission vorgelegte Halbzeitprüfung des MFR 2014 bis 2020 reagiert und sich positioniert. Einer der wichtigsten Punkte für Nordrhein-Westfalen ist, dass alle Regionen, auch die besser entwickelten wie zum Beispiel Nordrhein-Westfalen, weiter gefördert werden müssen.

Die Kohäsionspolitik muss für diese Aufgabe finanziell angemessen ausgestattet sein. Die europäische Struktur und die Investitionsfonds als Instrument für Innovation, Wachstum und Beschäftigung müssen in der Umsetzung attraktiv bleiben, und dafür müssen die Regelungen auf europäischer Ebene deutlich vereinfacht werden. Insoweit stimme ich dem Abgeordneten Neumann uneingeschränkt zu.

Wir sind aber der Auffassung, dass wir den bürokratischen Aufwand nicht nur in der EU, sondern auch bei uns in Deutschland, in Nordrhein-Westfalen deutlich reduzieren müssen. Das Motto der Entfesselung muss auch für den Zugang zu den europäischen Struktur- und Investitionsfonds gelten. Wir arbeiten in dem Bereich kontinuierlich weiter.

Auf der letzten EMK in Hannover haben wir das Thema im Länderkreis erneut diskutiert. Die Landesregierung wird sich entschieden für die Interessen Nordrhein-Westfalens im Bereich der Kohäsionspolitik und der zukünftigen Finanzplanung auf europäischer Ebene beim Bund einsetzen.

Erlauben Sie mir nun noch ein persönliches Wort zu Ihnen, Herr Remmel. Ich glaube, dass es wichtiger ist, den Konsens zu sichern, denn die Diskussion über das, was wir tun, ist damit nicht beendet. Die Diskussion über NRW im Zusammenhang mit der Bundesrepublik und Benelux sowie mit Europa ist eine Diskussion, die wir anfangen und vertiefen sollten. Ich fände es schade, wenn das, was uns vereint, verhindert wird, weil wir bestimmte Dinge für die Zukunft nicht miteinander verbinden. Wir sollten nur das miteinander verbinden, was verbunden werden muss.

(Beifall von der CDU)

Was mich aber nachhaltig friedlich stimmt, ist, dass Ihnen die Ablehnung offensichtlich gleich sehr schwerfällt. Ich bitte Sie um Zustimmung zu diesem Antrag.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Präsident André Kuper: Vielen Dank, Herr Minister. – Wir sind damit am Ende der Aussprache und kommen zur Abstimmung.

Der Ältestenrat empfiehlt die Überweisung des Antrags Drucksache 17/807 an den Ausschuss für Europa und Internationales – federführend –, an den Ausschuss für Wirtschaft, Energie und Landesplanung, an den Haushalts- und Finanzausschuss sowie an den Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales. Alle fünf im Landtag vertretenen Fraktionen haben sich zwischenzeitlich darauf verständigt, den Antrag auch an den Ausschuss für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz zu überweisen. Die abschließende Abstimmung soll im federführenden Ausschuss in öffentlicher Sitzung erfolgen.

Wer dem zustimmen möchte, den bitte ich um das Handzeichen. – Gibt es Gegenstimmen? – Gibt es Enthaltungen? – Somit haben die Abgeordneten aller hier vertretenen Fraktionen sowie alle anwesenden fraktionslosen Abgeordneten diese Überweisungsempfehlung einstimmig angenommen.

Ich darf dann aufrufen:

10 Europafeindlichem Populismus entschieden entgegentreten

Antrag
der Fraktion der CDU,
der Fraktion der SPD,
der Fraktion der FDP und
der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Drucksache 17/805 – Neudruck

Ich eröffne die Aussprache und erteile für Bündnis 90/Die Grünen Herrn Remmel das Wort.

Johannes Remmel (GRÜNE): Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Auch wenn das ungewöhnlich ist, Herr Minister, möchte ich zunächst die Gelegenheit nutzen, zu sagen, dass ich der Überweisung sehr gerne zugestimmt habe. Es gab auch keine Überlegung, etwas anderes zu tun. Schließlich bietet die Überweisung die Möglichkeit, den Antrag in den Ausschussberatungen noch besser zu machen. Diese Anregung hatte ich eben in meiner Rede gegeben. Selbstverständlich würde ich mich sehr freuen, wenn etwas Gemeinsames dabei herauskommt.

(Josef Hovenjürgen [CDU]: Das geht von seiner Redezeit ab!)

Meine sehr verehrten Damen und Herren, es ist in Europa etwas in Bewegung gekommen. Die Präsidentenwahlkämpfe in Frankreich, aber auch in Österreich, und auch die Parlamentswahlen in den Niederlanden haben gezeigt: Man kann mit einem klaren Bekenntnis nicht nur zu Europa, sondern zur EU auch Wahlen gewinnen. In den europäischen Staaten, auch in Deutschland, in unseren Städten, gibt es eine neue Bewegung – das ist sehr erfreulich –: „Pulse of Europe“. Regelmäßig gehen Menschen auf die Straße, und es sind nicht wenige. Zuletzt in Köln haben, meine ich, 400 Menschen Flagge gezeigt, die sich öffentlich zu Europa bekennen.

(Zuruf von der AfD: 400!)

– Gehen Sie mal sonntags regelmäßig zu 400

(Zuruf von der AfD: Ich war da! Ich habe das gesehen! Ja, 400!)

oder zu Tausenden wie zuletzt in Düsseldorf auf die Straße. Das ist schon ein klares Bekenntnis der Menschen zu etwas, zu Europa. Ich kenne sonst keine Bewegung, die entsprechend auftritt.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Das ist keine Bewegung, meine sehr verehrten Damen und Herren, gegen etwas, sondern für etwas, für eine gemeinsame Perspektive in einem gemeinsamen Europa. Das ist eine positive Entwicklung.

Leider müssen wir auch feststellen, dass das Projekt eines vereinten und friedlichen Europas durchaus gefährdet ist.

(Zuruf von der AfD: Durch Ihre Politik!)

Weltweit, übrigens auch in Deutschland, erleben wir im Übrigen das Erstarken nationalistischer, auf den eigenen Fokus gerichteter Bewegungen, die autoritär und fremdenfeindlich auftreten. Deshalb ist die Europäische Union auch eines der Hauptangriffsziele von rechts.

Nun tritt erstmals ein Mitgliedsstaat aus der EU aus. In Staaten wie Polen und Ungarn sehen wir Entwicklungen, die uns fragen lassen: Wo ist der gemeinsame Weg von Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit?

Wir sind überzeugte Europäerinnen und Europäer und haben die EU lange, meine ich, für zu selbstverständlich gehalten. Wir sind damit groß geworden. Es gab keine andere Option als diese Europäische Gemeinschaft, die uns den, glaube ich, längsten Frieden auf deutschem Boden beschert hat und die für uns nationalstaatlich bildend war, indem sie die Deutsche Einheit ermöglicht hat.

Ein solches Verständnis von Europa muss allerdings den Bürgerinnen und Bürgern immer wieder neu erklärt werden, bzw. die Bürgerinnen und Bürger müssen mit Leidenschaft und Herz für eine solche Europäische Union stehen können.

(Zuruf von der AfD: In der Tat, das stimmt!)

Das bedeutet, wenn man Europa erhalten will, dass man für Veränderungen streiten muss; denn nur wenn sich etwas verändert, kann man auch etwas erhalten. Deshalb kann es nicht so bleiben, wie es ist, sondern es braucht auch neue Impulse.

Wenn wir einmal zurückschauen und uns fragen, welches denn das letzte europäische Projekt war, dann war es möglicherweise der Euro. Manchen ist das gar nicht mehr in Erinnerung – jedenfalls jungen Leuten –, auf welche Weise dieses große europäische Projekt auf den Weg gebracht wurde.

Präsident André Kuper: Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten Blex?

Johannes Remmel (GRÜNE): Ich würde gerne den Gedanken zu Ende führen, damit der Inhalt des Antrags klar ist, und dann gerne die Zwischenfrage.

Es braucht neue Impulse, und deshalb ist es so wichtig, europäische Initiativen aufzugreifen. Ich bin sehr dankbar, dass die Europaministerkonferenz, ich glaube, die erste Institution war, die in Deutschland die Initiative von Macron aufgegriffen und gesagt hat: Ja, das sind wichtige Impulse für eine neue Debatte, für einen neuen Impuls in Europa.

Deshalb wäre es aus meiner Sicht im Interesse aller in diesem Landtag, dass wir das als Landtag auch erklären, dass wir die Hand reichen für neue Wege in Europa und dass insbesondere auch die Vorschläge für mehr Investitionen in Europa den Menschen zugutekommen müssen. Deshalb ist es richtig, dass wir hier in der ganzen politischen Breite eine solche Initiative einbringen.

(Vereinzelt Beifall von den GRÜNEN)

Die Europaministerkonferenz hat – im Übrigen in der ganzen politischen Breite, von CSU bis zu den Linken – dieses Bekenntnis zur Europäischen Union erstaunlicherweise gefasst.

Welchen Impuls haben wir hier heute im Hohen Hause zu thematisieren? – Es gilt, den Populisten entgegenzutreten, es gilt, neue Initiativen in Richtung Europa zu bringen, und es gilt, dass wir konkret und beharrlich europäische Ideen weiterentwickeln und hierfür mit Herz und Verstand eintreten.

Jetzt kann ich eine Zwischenfrage beantworten.

Präsident André Kuper: Herr Dr. Blex hat das Wort.

Dr. Christian Blex (AfD): Sie hatten eben in Ihrer Rede angeführt, Sie hätten Angst, dass Europa zerbricht. Haben Sie Angst, dass unser Kontinent zerbricht, oder meinen Sie die Europäische Union?

(Zurufe: Oh!)

Johannes Remmel (GRÜNE): Ich habe Ihre Frage als rhetorische Frage verstanden, und ich meine, dass ich in meiner Rede alles Nötige dazu gesagt habe. – Vielen Dank.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Präsident André Kuper: Vielen Dank, Herr Remmel. – Für die CDU-Fraktion hat Herr Dr. Bergmann das Wort.

Dr. Günther Bergmann (CDU): Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen, meine Herren! Ladies and Gentlemen! Geachte dames en heren! Panie i panowie! Das ist für Josef Neumann, auch wenn er das gerade nicht hört.

Sich mit Europa zu befassen, ist eigentlich eine gute Sache. Dass wir das heute hier so in dieser Form tun müssen, ist allerdings ein Armutszeugnis, ein Armutszeugnis eigentlich für uns alle, weil der Anlass, den wir dafür nehmen müssen, populistische Äußerungen sind. Das ist traurig bei so einem wichtigen Thema.

Viele Dinge hat Herr Remmel ja richtigerweise erwähnt. Sie können sehen, dass auch ein Christdemokrat aus dem ländlichen Bereich, Herr Remmel, Ihnen auch einmal ausdrücklich zustimmen kann.

(Beifall von Arndt Klocke [GRÜNE])

Allerdings ist ein proeuropäisches Petitum alles andere als eine Selbstverständlichkeit in der heutigen Zeit. Leider! Das hätte man sich vor einigen Jahren noch nicht träumen lassen. Wer allerdings anti-europäische Populismen verbreitet, ist eigentlich mit dem Klammerbeutel gepudert, weil es natürlich gegen die Interessen unseres Vaterlandes ist,

(Zuruf von der AfD)

gegen Europa zu sein.

Wer heute behauptet, dass Europa oder gar der Euro für uns gefährlich ist, hat nicht verstanden, dass es ohne den Euro keine Einheit unseres Vaterlandes gäbe

(Dr. Christian Blex [AfD]: So ein Unsinn!)

und dass wir unsere Wettbewerbsfähigkeit schon längst verloren hätten.

(Beifall von der CDU, der SPD, der FDP und den GRÜNEN)

Alles andere zeugt nur von nicht vorhandenem wirtschaftspolitischem Wissen.

Die Vorteile, die Herr Remmel gerade schon erwähnt hat, will ich alle gar nicht wiederholen: Frieden, solange wie wir ihn auf deutschem Boden noch nie gehabt haben, über drei Generationen hinweg,

(Zuruf von Dr. Christian Blex [AfD])

grenzüberschreitende Chancen, auch in den Euregios. En dit is heel belangrijk voor mij van de Duits-Nederlandse grens, dames en heren.

(Zuruf von der AfD)

– Sie haben mich nicht verstanden. Deswegen ist der Einwurf an der Stelle auch völlig unpassend. Das ist aber egal.

(Beifall und Heiterkeit von der CDU und der FDP)

Wer in der heutigen Zeit gegen Europa redet, hat nicht verstanden, dass wir angesichts von 8 Milliarden Menschen auf der Welt mit 82 Millionen Menschen nur noch ein Fliegenklecks auf der Landkarte der Welt sind und bei 10 Milliarden Menschen, die in der Perspektive schon feststehen, nur noch dann ansatzweise eine Chance haben, in dem 500 Millionen Menschen starken Europa eine Rolle zu spielen, indem wir eine leitende Funktion als die größte Nation haben.

(Beifall von Johannes Remmel [GRÜNE])

Wer das nicht verstanden hat, der ist für die Zukunft überhaupt nicht geeignet.

(Beifall von der CDU und der FDP – Zuruf von Helmut Seifen [AfD])

– Wissen Sie, Sie sprechen wie Pippi Langstrumpf früher: Ich baue mir meine Welt, so wie sie mir gefällt.

(Zuruf von Helmut Seifen [AfD])

Der Spruch stimmt aber dann nicht, wenn man das Lied weiter singt. Ich habe ein Haus, ein kunterbuntes Haus. Sie wollen gar kein kunterbuntes Haus. Sie können nur in schwarz-weiß denken.

(Helmut Seifen [AfD]: Doch!)

Sie haben noch nicht einmal Grauschattierungen auf Lager.

(Beifall von der CDU und der FDP – Zurufe von der AfD)

Sie versuchen, die Unsicherheiten der Menschen auszunutzen, um mit dumpfer Stimmungsmache gegen Europa zu laufen.

(Zuruf von Helmut Seifen [AfD])

Das ist schlichtweg beschämend. Sie erfüllen damit eigentlich das Klischee, das in südost- und osteuropäischen Ländern über uns Deutsche oftmals verbreitet wird. Es ist beschämend, dass Sie das produzieren.

(Beifall von der CDU und der FDP – Zurufe von der AfD)

– Darüber können wir uns gerne unterhalten. Dann bin ich einmal gespannt, welche Äußerungen Sie dazu tätigen.

Dabei hat die Bundesrepublik Deutschland mit dem Föderalismus die beste Basis, um überhaupt in Europa zu leben.

Wissen Sie, ich bin Deutscher. Darauf bin ich nicht stolz, weil da kann ich nichts für, aber ich finde es schön, dass ich hier lebe.

(Zuruf von Helmut Seifen [AfD])

Ich bin NRWler – das bin ich mit Stolz und finde das toll –, aber vor allem bin ich Niederrheiner. Diese lokale Identität, also meine persönliche Wohlfühlzone, kann man in Europa, kann jede Nation, kann jedes Volk für sich gestalten.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Präsident André Kuper: Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten Dr. Blex?

(Zuruf: Herrn Seifen!)

Dr. Günther Bergmann (CDU): Klar!

Helmut Seifen (AfD): Herr Dr. Bergmann, ich bin Ihnen dankbar, dass Sie mir erlauben, eine Zwischenfrage zu stellen.

(Dr. Günther Bergmann [CDU]: Gerne!)

Sie haben gerade – ich habe das zumindest so verstanden – behauptet, dass die AfD mit dafür verantwortlich sei, dass sich überall in Europa so Art Gegenbewegungen entwickeln. Können Sie sich vorstellen, dass der Hass, der sich leider Gottes in Griechenland im Zuge der Euro-Rettungspolitik entwickelt hat, im Rahmen dessen Frau Merkel sogar als Hitler dargestellt worden ist, was ich für unerhört halte, wirklich von der AfD gezündelt worden ist? Glauben Sie das?

Dr. Günther Bergmann (CDU): Sie überschätzen die Bedeutung der AfD bei Weitem.

(Beifall und Heiterkeit von der CDU, der SPD, der FDP und den GRÜNEN)

Wenn Sie meinen, dass ich gerade gesagt hätte, dass die AfD für die europaweiten Entwicklungen verantwortlich sei, dann überschätzen Sie sich dezent. Das habe ich so nicht gesagt. Das würde ich auch so nie sagen, weil es überhaupt nicht den Tatsachen entspricht.

(Zurufe von der AfD)

Das ist schön, das ist nicht schlimm, das haben wir jetzt geklärt.

Ich glaube, dass wir Globalisierung mit Lokalpatriotismus, sprich mit lokaler Identität, verbinden können und verbinden müssen. Das ist die Aufgabe, die wir heute haben, damit den Menschen die Sorgen genommen werden, die oftmals unbegründet sind. Wir müssen das Gefühl vermitteln, dass sie ganz klar in ihrer Heimat – ob in Westfalen, im Rheinland, in Flandern, wer weiß wo – verortet sind. Das heißt, wir müssen viel mehr gegen Kleinstaatlichkeit und auch gegen Kleingeistigkeit agieren.

(Beifall von der CDU)

Wir müssen die Chancen, die darin für unser Vaterland in der Zukunft liegen, deutlicher als jemals zuvor – in den vergangenen zehn Jahren war für uns alles viel zu selbstverständlich geworden – unterstreichen. Das ist unsere Aufgabe.

Ich kann alle Rechtspopulisten nur auffordern: Kommen Sie aus dem Haus von gestern raus, begreifen Sie die Herausforderungen von heute und nutzen Sie mit uns gemeinsam die Chancen für morgen in einem gemeinsamen Europa. – Hartelijk bedankt voor de aandacht, dames en heren! Dziękuję bardzo!

(Beifall von der CDU, der SPD, der FDP und den GRÜNEN)

Präsident André Kuper: Vielen Dank, Herr Kollege Dr. Bergmann. – Für die SPD hat nun Herr Watermeier das Wort. Alles Gute zu Ihrer Jungfernrede!

Sebastian Watermeier (SPD): Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Der europafeindliche Populismus, den wir dieser Tage überall und so auch in diesem Hause erleben, ist eine Nagelprobe für die europäische Demokratie. Dabei spielt es keine Rolle, von welcher extremen Seite des politischen Spektrums er ausgeht, sei es von rechts außen mit der häufigen Mischung aus nationalistischer Kraftmeierei und bitterem Chauvinismus oder aber von links außen mit protektionistischen Autarkiefantasien. Das befruchtet sich gegenseitig.

Er stellt den europäischen Einigungsprozess infrage, will dessen Befürworter mit einem Wust aus Halbwahrheiten und Verleumdungen diskreditieren und simple nationalstaatliche Scheinlösungen für die großen politischen Herausforderungen unserer Zeit anbieten. Er ist kurzum die Antithese zu einer jahrzehntelangen Tradition der europäischen Einigung und will sich auch genauso verstanden wissen.

(Beifall von Michael Hübner [SPD])

Die Europaministerkonferenz hat sehr gut daran getan, diese Nagelprobe durch den Populismus klar zu benennen und ihm in Einigkeit den Kampf anzusagen. Auch die Kolleginnen und Kollegen der grünen Fraktion haben sehr gut daran getan, diesen Appell aufzunehmen und ihn in den Landtag von Nordrhein-Westfalen zu bringen; denn es ist notwendig, dass sich auch dieses Haus klar erneut und eindeutig zum europäischen Einigungsprozess bekennt. Diese Position machen wir uns zu eigen und stellen uns an Ihre Seite, genauso wie wohl auch die anderen demokratischen Fraktionen dieses Hauses.

Das tut bitter Not; denn wir in Nordrhein-Westfalen, im Herzen Europas, wissen nur zu gut, dass der europafeindliche Populismus nichts ist, was nur anderen passiert. Wir sehen, wie er an Einfluss im politischen Diskurs gewinnt, und wir kennen selbst die Diskussionen, die nicht nur in diesem Hohen Hause, sondern auch auf den Straßen und Plätzen, in den Sälen und Gaststätten in unseren eigenen Städten und Gemeinden geführt werden.

Es tut gut und gibt Kraft, dass wir uns als Demokratinnen und Demokraten in dieser Sache gemeinsam unterhaken können. Den Fehdehandschuh, den uns der Populismus hingeworfen hat, werden wir gemeinsam mit Ihnen aufnehmen und zurückschleudern. Es ist unsere Aufgabe, die parlamentarische Demokratie als Errungenschaft gemeinsam zu verteidigen.

Der Antrag ist also zuerst und zuvorderst ein Signal der Geschlossenheit der demokratischen Fraktionen dieses Hauses und die Selbstverpflichtung auf diese demokratische Grundlage.

(Beifall von der SPD)

Es ist uns aber wichtig, diese Selbstverpflichtung zu ergänzen um die Unterstützung der vielen außerparlamentarischen Initiativen – Vereine, Verbände, Gruppierungen und Einzelpersonen unserer Zivilgesellschaft –, die sich zum Teil seit Jahrzehnten, zum Teil auch ganz neu und enthusiastisch für die europäische Einigung und ihre Werte einsetzen.

Denn diese Einigung ist eben kein Projekt einer vermeintlich kleinen politischen Elite, wie es uns der Populismus glauben machen will, sondern wird von einem breiten Willen der Menschen in Europa getragen. Diese historische Entwicklung gilt es, gesamtgesellschaftlich voranzutreiben und zu verteidigen.

Es haben deshalb Städtepartnerschaftsvereine, überparteiliche Verbände wie die Europa-Union und die Jungen Europäischen Föderalisten und breite spontane Bewegungen wie „Pulse of Europe“ einen Anspruch auf unsere Solidarität, weil sie das Bekenntnis zum europäischen Gedanken mit Leben füllen, so, wie viele andere, die noch zu nennen wären, wenn die Redezeit es gestatten würde.

Meine Damen und Herren, ich freue mich deshalb, dass auch der überfraktionell eingebrachte Änderungsantrag in Form des Neudrucks der Vorlage Ihre Unterstützung finden wird. Wir müssen uns an die Seite der vielen Europäerinnen und Europäer in unserem Bundesland, in unserer Republik und auf unserem Kontinent stellen. Sie treten, bewegt von ihrer ganz eigenen und eben doch verbindenden europäischen Idee, für die Zukunft ihrer und unserer Europäischen Union ein.

Auch diese Bearbeitung ist eine Selbstverortung und Selbstverpflichtung, und zwar eine, die uns in diesem Hause als Teil eines Ganzen verortet, das am Ende größer ist als die Summe seiner Teile. Europas Zivilgesellschaften müssen aufstehen gegen populistische Bestrebungen, die den Meißel an ihre demokratischen Fundamente setzen und uns zurück in nationale Chauvinismen und den Isolationismus treiben wollen. Lassen Sie uns das zusammen tun. – Ich danke Ihnen herzlich.

(Beifall von der SPD und den GRÜNEN)

Präsident André Kuper: Vielen Dank, Herr Kollege Watermeier. Herzlichen Glückwunsch zur ersten Rede!

(Allgemeiner Beifall)

Ich darf dann weiterleiten auf den hier schon stehenden und wartenden Abgeordneten Kollegen Nückel von der FDP. Bitte.

Thomas Nückel (FDP): Vielen Dank. – Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Wir blicken auf über sieben Jahrzehnte Frieden in der EU mit mittlerweile 500 Millionen Bürgern, die in guter Nachbarschaft in einem geeinten, offenen und demokratischen Europa leben. Das wird leider allzu gern vergessen.

Frieden und Nachbarschaft in der EU – das ist ein Erfolg, der in der europäischen Geschichte einzigartig sein dürfte. Deswegen schlägt der Puls bei vielen Menschen hoch, beispielsweise bei denen, die bei „Pulse of Europe“ mitgehen, aber auch bei vielen, die mit großer Sorge die Entwicklungen, ja, auch das Wachstum des Rechtspopulismus, der Vereinfacher, betrachten.

Denn das Projekt Europa ist mehr. Es steht für Vielfalt, es steht für Freiheit, für Rechtsstaatlichkeit, aber es steht auch für Wohlstand der Bürgerinnen und Bürger der EU.

Für uns Deutsche ist natürlich – klar – eine neue Situation mit den aktuellen Wahlergebnissen eingetreten, freilich eine Zäsur, die aber bei den Nachbarn schon lange Realität ist. Gleichwohl sollten sich die demokratischen Kräfte nicht nur an den Sprösslingen des Rechtspopulismus und Rechtsextremismus abarbeiten, sondern wir haben die Aufgabe, uns an die Sorgen und Nöte der Bevölkerung heranzuarbeiten.

Die Herausgeberin der „WirtschaftsWoche“, Miriam Meckel, hat in der letzten Woche den Philosophen Jürgen Habermas zitiert, der formuliert hat, dass sich in Phasen der Unübersichtlichkeit die Handlungsbereitschaft, die eine Gesellschaft sich zutraut, erst zeigt. Diese Handlungsbereitschaft darf man einfordern, allerdings mit überzeugenden politischen Lösungen.

Freilich geht es auch darum, auch Werte engagiert zu vermitteln und zu leben. Das sind Dinge, die über die politischen Alltagsentscheidungen deutlich hinausgehen.

Klar ist aber, dass wir den Herausforderungen, vor denen die EU zweifellos steht, nicht mit völkisch autoritärem Gedankengut oder Nationalismus von rechts begegnen können, sondern mit einem neuen Realismus, der Chancen und Fehler offen benennt und um sachliche Lösungen bemüht ist. Deswegen unterstützen wir auch den zur Abstimmung stehenden Antrag.

(Beifall von der FDP)

Wir Freien Demokraten sagen klar ja zu Europa, weil es Frieden und Wohlstand sichert, und wir wollen, dass sich Europa um große Dinge kümmert wie die gemeinsame europäische Außen-, Verteidigungs- und Sicherheitspolitik, solide Finanzen,

(Lachen von der AfD)

Reformen in den Krisenländern, mehr Wettbewerb und Demokratie, auch wenn Sie von der AfD das nicht verstehen. – Vielen Dank.

(Beifall von der FDP)

Präsident André Kuper: Vielen Dank, Herr Kollege Nückel. – Für die AfD hat Herr Kollege Seifen das Wort.

Helmut Seifen (AfD): Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen! Der hier vorliegende Antrag der Altparteien befasst sich mit einem Pamphlet, das die Europaministerkonferenz am 28. September 2017 in Hannover verabschiedet hat,

(Jochen Ott [SPD]: Unverschämt!)

dieser Schmähschrift, die in nie dagewesener Deutlichkeit offenbart, worum es den Verfassern geht.

Es geht ihnen erstens um die Zustimmung zur Errichtung eines autoritären europäischen Zentralstaats nach den Vorstellungen Junckers und Macrons

(Lachen von der SPD)

und der Vernichtung der Nationalstaaten.

(Beifall von der AfD – Zuruf von der SPD: Wo leben Sie denn hier?)

Es geht Ihnen zweitens um die Ausschaltung all derjenigen, die anderer Meinung sind und die sich gegen diese Pläne wehren.

Es geht Ihnen deshalb drittens um die Beseitigung der Meinungsfreiheit.

(Beifall von der AfD – Zurufe von der CDU – Lachen von der SPD)

Letztlich und damit verbunden – und das ist das Niederträchtigste, was man sich im demokratischen Gemeinwesen vorstellen kann – geht es den Verfassern dieses Pamphlets um die Entmündigung der Bürgerinnen und Bürger in den europäischen Nationalstaaten.

(Beifall von der AfD – Zuruf von Dr. Günther Bergmann [CDU])

Es geht Ihnen darum, sie zu Untertanen zu degradieren und ihnen jegliche Mitsprache zu verwehren!

(Dr. Günther Bergmann [CDU]: In welchem Jahrzehnt leben Sie denn?)

– Hören Sie einfach zu!

(Zuruf von Dr. Günther Bergmann [CDU])

– Feixen Sie nur. Ich befürchte, dass die Entwicklung in Europa schlimmer wird, und zwar durch Ihre Politik, nicht durch unsere Kritik!

(Beifall von der AfD)

Wer grundsätzlich jede Meinung, die den Europakonstruktionen der Herrschaftseliten Widerstand entgegensetzt, skandalisiert und kriminalisiert so wie Sie, der beweist, dass er nicht diskutieren, sondern vollziehen will. Da werden die Gegner der Ideen eines Zentralstaates Europas generell als europafeindlich, nationalistisch, menschenverachtend und populistisch verunglimpft.

Besonders den Begriff „populistisch“ haben Sie sich als handliche Waffe geschmiedet, um jeden damit zu verletzen oder zu erdolchen, dem Sie mit Ihren Argumenten nicht beikommen können.

(Zurufe von der CDU und der SPD)

Eurokritik – populistisch! Kritik an der Masseneinwanderung in Deutschland – populistisch! Kritik an der zunehmenden Einflussnahme radikal-islamischer Verbände – richtig: populistisch! Kritik an der Fürsorgeindustrie von Wohlfahrtsverbänden und Kirchen – richtig: populistisch!

Besonders perfide ist die Haltung Ihrer Parteivertreter, AfD-Aussagen als menschenfeindlich zu verunglimpfen, die andere, große Europäer genauso gemacht haben. Wollen Sie etwa einen Charles de Gaulle, der für ein Europa der Vaterländer eintrat, kriminalisieren?

(Beifall von der AfD)

Wollen Sie den britischen Premier Harold Macmillan ächten, der feststellte: „Es handelt es sich bei der EWG nicht um eine Gesellschaft für die Preisgabe nationaler Identitäten. Wie können wir aufhören, das zu sein, was Geografie und Geschichte aus uns gemacht haben?“

Viele andere Politikeraussagen zum Euro, zu Europa, zur Zuwanderung könnte man hier noch anfügen.

Sie wissen genau, dass Sie sich mit Ihrer Politik verrannt haben, dass das Währungskonstrukt Euro scheitern wird, dass Sie in Ihrer Europapolitik gegen den Willen der Mehrheit der Völker Europas agieren. Und weil Sie keine Argumente für Ihre Wahnsinnsideen haben, treten Sie als pharisäerhafte Gesinnungsdespoten auf, müssen Sie Ihre Kritiker diffamieren und verunglimpfen, müssen Sie Hass erzeugen gegen diejenigen, die Ihnen nicht willenlos folgen.

(Zurufe von der CDU)

Und dazu verwenden Sie Schlagwörter wie „Populismus“. Mit deren Hilfe grenzen Sie die Meinungsgegner aus dem herrschaftsfreien Diskurs aus, Stichwort „Habermas“, der für demokratische Prozesse unabdingbar ist. Sie sind die Jakobiner des 21. Jahrhunderts

(Beifall von der AfD – Lachen von der SPD)

– jawohl –, die ihre Kritiker auf das Schafott der sozialen Ausgrenzung zerren und mit dem Fallbeil der Verunglimpfung hinrichten. Sie begehen Rufmord, ohne mit der Wimper zu zucken!

(Zuruf von der CDU: Ich muss doch sehr bitten!)

Sie stellen damit der Sturmabteilung der selbsternannten Antifa damit einen Freibrief aus, unbescholtene, unbeugsame Bürgerinnen und Bürger zu beschimpfen, zu bedrohen, zu verfolgen und anzugreifen.

(Lebhafter Widerspruch von allen Fraktionen)

Schauen Sie sich doch einmal um! Das können Sie doch nicht negieren.

(Weitere Zurufe – Unruhe – Glocke)

Wer diesem Pamphlet zustimmt, macht sich mitverantwortlich für die Untaten, die in seinem Namen geschehen.

Präsident André Kuper: Herr Kollege Seifen.

Helmut Seifen (AfD): Ich komme zum Ende.

(Zuruf von der CDU: Bravo! – Zurufe von der SPD)

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, nehmen Sie diesen Antrag – ich bitte Sie – der Europaminister zum Anlass, in sich zu gehen.

Präsident André Kuper: Herr Kollege, die Redezeit ist beendet.

Helmut Seifen (AfD): Kommen Sie zur Besinnung und kehren Sie zurück zu den jahrzehntelang üblichen demokratischen Gepflogenheiten des offenen Meinungsstreits. Hören Sie auf, die Meinungsfreiheit in diesem Lande zu beschädigen!

(Anhaltende Unruhe)

Präsident André Kuper: Die Redezeit ist beendet.

(Das Präsidium schaltet dem Redner das Mikrofon ab.)

Helmut Seifen (AfD): Sie legen die Axt an die Wurzeln der Demokratie. – Vielen Dank.

(Beifall von der AfD – Zuruf von der SPD. Charles de Gaulle würde sich nach dieser Rede im Grabe umdrehen! – Helmut Seifen (AfD): Vor Ihrer Politik habe ich Angst, und zwar richtige Angst!)

Präsident André Kuper: Es hat jetzt der Abgeordnete Kollege Pretzell das Wort.

Marcus Pretzell (fraktionslos): Herr Präsident! – Liebe Kinder, hier ist ja Stimmung.

Eine kurze Bemerkung zu Herrn Bergmann: Herr Bergmann, warum tun Sie sich so schwer damit, stolz Deutscher zu sein, und sind auf der anderen Seite stolz, NRWler zu sein? Das können Sie mir irgendwann mal bei einem Glas Bier erklären.

(Zuruf von der CDU. Wir sind stolz darauf, aber nicht als Nationalisten!)

– Man muss gar nicht stolz sein, aber man muss sich schon für das eine oder andere entscheiden. Wer stolz ist, …

(Zurufe von der CDU und der FDP)

– Sie sind noch etwas aufgebracht, Sie sind noch ein bisschen aufgebracht. Beruhigen Sie sich doch. Beruhigen Sie sich doch!

Herr Nückel, Ihnen darf ich auch noch kurz mitteilen: Europa hat Frieden gehabt, lange bevor es die Europäische Union gegeben hat. Europa hat 47 Jahre Frieden geschafft ohne die Europäische Union, denn so alt, wie Sie glauben, ist die Europäische Union noch gar nicht.

(Zuruf von der CDU: Das stimmt doch überhaupt nicht! Sie können nicht die Fakten umdrehen!)

– Das stimmt leider. Gucken Sie es doch nach, gucken Sie es doch nach! Die Europäische Union gibt es exakt seit 1992, Herr Bergmann.

(Zurufe von der CDU)

Dass Frau Merkel inzwischen als große Integrationsfigur in Europa nicht mehr taugt, haben Sie verstanden. Aber begehen Sie doch nicht den Fehler, sich ausgerechnet Macron auszusuchen. Der Kerl ist nach wenigen Monaten in Frankreich bereits durch. Und Sie versuchen, den jetzt in Europa zu verkaufen. Den kann zuhause schon keiner mehr leiden. Hören Sie doch auf mit so einem Quatsch!

(Zurufe)

Erlauben Sie mir – ich muss Sie leider darauf hinweisen –: Sie haben Ihren Antrag verbunden mit dem Hinweis auf Antisemitismus.

Nun, Antisemitismus hat in Brüssel großen Raum. Ja, und Sie hätten alle die Chance gehabt, sich mit Ihren Vertretern im Brüsseler und Straßburger Parlament, als zum Beispiel die Waren von Judäa und Samaria von dort boykottiert wurden, mit klarer Stimme zu erheben. Sie hätten die Chance gehabt, als Leila Khaled vor wenigen Tagen eingeladen war und dort begrüßt worden ist als Vertreterin der Volksfront zur Befreiung Palästinas. Die Dame hat vor knapp fünf Jahrzehnten zwei Flugzeuge entführt. Als sie dort gefeiert und als offizielle Vertreterin begrüßt worden ist – wo waren denn Ihre Proteste gegen so viel Antisemitismus, meine Damen und Herren?

Reden Sie mit Ihren Vertretern in Brüssel und Straßburg und fordern Sie sie auf, klare Kante gegen Antisemitismus zu zeigen! Das wäre angebracht.

Meine Damen und Herren, nehmen Sie zur Kenntnis, dass nicht Rechtspopulismus – oder wie immer Sie das Kind nennen – Europa zerstört. Der Zusammenhalt in Europa wird zerstört durch Ihre Politik, meine Damen und Herren, denn Sie machen die Politik, die die Menschen auszubaden haben. – Herzlichen Dank.

Präsident André Kuper: Für die Landesregierung hat nun Herr Minister Holthoff-Pförtner das Wort.

Dr. Stephan Holthoff-Pförtner, Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten sowie Internationales: Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren Abgeordnete! Ganz selten spricht für einen Antrag schon die entlarvende Sprache derer, die er alleine durch seine Existenz in Harnisch versetzt.

(Heiterkeit von der CDU und der FDP – Beifall von der CDU, der SPD, der FDP und den GRÜNEN)

Die Landesregierung begrüßt den fraktionsübergreifenden Antrag, europafeindlichem Populismus entschieden entgegenzutreten, sehr, der den Beschluss der 75. Europaministerkonferenz im September dieses Jahres aufnimmt. Es ist aus Sicht der Landesregierung sehr zu begrüßen, dass sich alle Fraktionen hinter diesem Antrag versammeln. Wir brauchen bei der europäischen Einigung Differenzierungen, wir brauchen Auseinandersetzungen, aber wir brauchen vor allem das Bewusstsein für die Errungenschaften der europäischen Integration.

Die Europäische Union – eine jahrzehntelange Ära des Friedens, wirtschaftlicher Stärke, des Wohlstands, der Verbundenheit, des Vertrauens und der Nähe zu unseren europäischen Nachbarn sowie internationaler Anerkennung. Große Teile der Zivilgesellschaft haben sich in den vergangenen Jahrzehnten mit Erfolg dafür eingesetzt und tun dies weiterhin.

Gerade in Zeiten großer Vereinfachungen und Polarisierung zeigen zivilgesellschaftliche Kundgebungen, Initiativen und Partnerschaften, was Europa ausmacht und warum wir in diesem Europa die Zukunft gestalten wollen. Das ist mehr als ermutigend, und deshalb fördert die Landesregierung das Engagement für ein vereintes Europa.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Wir sind es auch dieser Zivilgesellschaft und der Bevölkerung von Nordrhein-Westfalen schuldig, konstruktiv über Europa zu debattieren. Den Gefahren einer populistischen Europafeindlichkeit müssen wir dabei im Parlament und anderswo mit den Mitteln inhaltlicher Auseinandersetzung entgegentreten.

Meine Damen und Herren Abgeordnete, wir debattieren in diesem Jahr besonders über die Zukunft der Europäischen Union. In dieser Debatte halten wir unterschiedliche und abweichende Meinungen aus und ertragen sie. Es gehört zu unserem Verständnis, unterschiedliche Meinungen zu akzeptieren und sich mit ihnen auseinanderzusetzen – nicht aber jene, die bewusst Nationalsozialismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Ausgrenzung schüren.

(Beifall von der CDU, der SPD, der FDP und den GRÜNEN)

Wir debattieren offen und konstruktiv, treten aber unzulässiger Vereinfachung und Ausgrenzung entschieden entgegen.

(Beifall von Angela Freimuth [FDP])

Deshalb wollen wir diesen Antrag und den Beschluss der Europaministerkonferenz als Landesregierung hier zur Abstimmung gestellt wissen. Wir sind der festen Überzeugung: Wenn wir Ruhe bewahren, liegen die besseren Argumente auf der Seite des vereinten Europas.

(Beifall von der CDU, der FDP und Michael Hübner [SPD])

Präsident André Kuper: Vielen Dank, Herr Minister. – Ich schließe damit die Aussprache.

Wir kommen zur Abstimmung. Die antragstellenden Fraktionen von CDU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen haben direkte Abstimmung beantragt. Wir kommen somit zur Abstimmung über den Inhalt des Antrags Drucksache 17/805 – Neudruck. Wer möchte zustimmen? – Die SPD, Bündnis 90/Die Grünen, die CDU und die FDP. Wer ist dagegen? – Die AfD und der fraktionslose Kollege Pretzell. Gibt es Enthaltungen? – Das ist nicht der Fall. Damit ist der Antrag Drucksache 17/805 angenommen.

Ich rufe auf:

11 Gesetz zur Sicherung der Akkreditierung von Studiengängen in Nordrhein-Westfalen

Gesetzentwurf
der Landesregierung
Drucksache 17/494

Beschlussempfehlung und Bericht
des Hauptausschusses
Drucksache 17/842

zweite Lesung

Alle fünf im Landtag vertretenen Fraktionen haben sich inzwischen darauf verständigt, ihre Reden zu Protokoll zu geben (Anlage 2) zu Protokoll zu geben.

Wir kommen somit direkt zur Abstimmung. Der Hauptausschuss empfiehlt in Drucksache 17/842, den Gesetzentwurf Drucksache 17/494 unverändert anzunehmen. Wir kommen somit zur Abstimmung über den Gesetzentwurf Drucksache 17/494 selbst und nicht über die Beschlussempfehlung. Wer dem Gesetzentwurf zustimmen möchte, den bitte ich um das Handzeichen. – Das sind SPD, Bündnis 90/Die Grünen, CDU, FDP, AfD und der fraktionslose Abgeordnete Pretzell. Gibt es Gegenstimmen? – Enthaltungen? – Damit ist der Gesetzentwurf Drucksache 17/494 einstimmig angenommen und in zweiter Lesung verabschiedet.

Ich rufe auf:

12 Gebrochene Wahlversprechen und kein Ende: Was tut die Landesregierung gegen die Staus in Nordrhein Westfalen?

Antrag
der Fraktion der SPD
Drucksache 17/812

Eine Aussprache zu diesem Tagesordnungspunkt ist heute nicht vorgesehen.

Wir kommen somit zur Abstimmung. Der Ältestenrat empfiehlt die Überweisung des Antrags Drucksache 17/812 an den Verkehrsausschuss. Die abschließende Aussprache und Abstimmung soll nach Vorlage der Beschlussempfehlung erfolgen. Wenn Sie dem zustimmen möchten, bitte ich um Ihr Handzeichen. – Gibt es Gegenstimmen? – Enthaltungen? – Damit ist die Überweisungsempfehlung mit dem Votum aller Fraktionen und des anwesenden fraktionslosen Abgeordneten Pretzell angenommen.

Ich rufe auf:

13 Anforderungen der Enquete-Kommission zur Zukunft der Familienpolitik umsetzen: Familienpolitik auf Basis von Zahlen und Fakten weiterentwickeln

Antrag
der Fraktion der SPD
Drucksache 17/814

Eine Aussprache ist zu diesem Tagesordnungspunkt heute nicht vorgesehen.

Wir kommen daher zur Abstimmung. Der Ältestenrat empfiehlt die Überweisung des Antrags Drucksache 17/814 an den Ausschuss für Familie, Kinder und Jugend. Die abschließende Aussprache und Abstimmung soll nach Vorlage der Beschlussempfehlung erfolgen. Wer dem zustimmen möchte, den bitte ich um sein Handzeichen. – Ist jemand dagegen? – Enthält sich jemand? – Somit haben wir einen einstimmigen Beschluss mit dem Votum aller Fraktionen und des fraktionslosen Abgeordneten Herrn Pretzell. Die Überweisungsempfehlung ist damit angenommen.

Ich rufe auf:

14 Demokratie leben, Demokratie schützen, für Demokratie werben – Politische Bildung muss alle mitnehmen!

Antrag
der Fraktion der SPD
Drucksache 17/815

Eine Aussprache ist zu diesem Tagesordnungspunkt heute nicht vorgesehen.

Wir kommen daher zur Abstimmung. Der Ältestenrat empfiehlt die Überweisung des Antrags Drucksache 17/815 an den Hauptausschuss – federführend –, an den Ausschuss für Kultur und Medien sowie an den Ausschuss für Schule und Bildung. Die abschließende Aussprache und Abstimmung soll nach Vorlage der Beschlussempfehlung des federführenden Ausschusses erfolgen. Wenn Sie dieser Überweisungsempfehlung folgen wollen, bitte ich um Ihr Handzeichen. – Gibt es Gegenstimmen? – Gibt es Enthaltungen? – Damit ist die Überweisungsempfehlung einstimmig angenommen.

Ich rufe auf:

15 Gesetz zur Änderung des Gesetzes zur Umsetzung des Kommunalinvestitionsförderungsgesetzes in Nordrhein-Westfalen

Gesetzentwurf
der Landesregierung
Drucksache 17/750

erste Lesung

Frau Ministerin Scharrenbach hat mitgeteilt, die Einbringungsrede zu Protokoll zu geben. (Siehe Anlage 3) Eine Aussprache ist heute nicht vorgesehen.

Wir kommen somit zur Abstimmung. Der Ältestenrat empfiehlt die Überweisung des Gesetzentwurfs Drucksache 17/750 an den Ausschuss für Heimat, Kommunales, Bauen und Wohnen – federführend – sowie an den Haushalts- und Finanzausschuss. Gibt es jemanden, der dagegen ist? – Gibt es jemanden, der sich enthält? – Das ist nicht der Fall. Dann haben wir die Überweisungsempfehlung einstimmig angenommen.

Ich rufe auf:

16 Gesetz zur Rettung der Trägervielfalt von Kindertageseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen

Gesetzentwurf
der Landesregierung
Drucksache 17/751

erste Lesung

Herr Minister Dr. Stamp hat mitgeteilt, die Einbringungsrede zu Protokoll zu geben. (Siehe Anlage 4) Eine Aussprache ist also nicht vorgesehen.

Wir kommen somit zur Abstimmung. Der Ältestenrat empfiehlt die Überweisung des Gesetzentwurfs Drucksache 17/751 an den Ausschuss für Familie, Kinder und Jugend – federführend – sowie an den Ausschuss für Heimat, Kommunales, Bauen und Wohnen. Gibt es jemanden, der dagegen ist – oder sich enthalten möchte? – Das ist nicht der Fall. Damit haben wir diese Überweisungsempfehlung einstimmig angenommen.

Ich rufe auf:

17 Verfahren über die Verfassungsbeschwerden

I.    des Herrn R. S. – Bevollmächtigter: Rechtsanwalt Thorsten Bölck, Bahnhofstraße 11, 25451 Quickborn –

1.  unmittelbar gegen

a)  den Beschluss des Bundesverwaltungsgerichts vom 9. Juni 2016 – BVerwG 6 C 37.16 –,

b)  das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 18. März 2016 – BVerwG
6 C 7.15 –,

c)  das Urteil des Oberverwaltungsgerichts für das Land Nordrhein-Westfalen vom 12. März 2015 – 2 A 2423/14 –,

d)  das Urteil des Verwaltungsgerichts Arnsberg vom 20. Oktober 2014

– 8 K 3353/13 –   

2.  mittelbar gegen

§ 2 Abs. 1 des Rundfunkbeitragsstaatsvertrags vom 15. Dezember 2010 (RBStV) in Verbindung mit dem Nordrhein-Westfälischen Zustimmungsgesetz

 

1 BvR 1675/16

 

II.   des Herrn B. A. – Bevollmächtigter: Rechtsanwalt Prof. Dr. Thomas Koblenzer, Königs-allee 14, 40212 Düsseldorf –

1.    unmittelbar gegen

a)    das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 25. Januar 2017 – BVerwG 6 C 11.16 –,

b)   das Urteil des Verwaltungsgerichtshofs Baden-Württemberg vom 3. März 2016 – VGH 2 S 386/15 –,

c)    das Urteil des Verwaltungsgerichts Stuttgart vom 27. Januar 2015 – 3 K 1773/14 –,

2.  mittelbar gegen

§ 2 Abs. 1 des Rundfunkbeitragsstaatsvertrags vom 15. Dezember 2010 (RBStV) in Verbindung mit dem Baden-Württembergischen Zustimmungsgesetz

 

1 BvR 745/17

 

III. des Herrn B. W. – Bevollmächtigter: Rechtsanwalt Prof. Dr. Thomas Koblenzer, Königsallee 14, 40212 Düsseldorf –

1.    unmittelbar gegen

a)  das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 25. Januar 2017 – BVerwG 6 C 15.16 –,

b)  das Urteil des Verwaltungsgerichtshofs Baden-Württemberg vom 3. März 2016 - 2 S 1629/15 –,

c)  das Urteil des Verwaltungsgerichts Stuttgart vom 1. Juli 2015 – 3 K 4017/14 –,

2.  mittelbar gegen

§ 2 Abs. 1 des Rundfunkbeitragsstaatsvertrags vom 15. Dezember 2010 (RBStV) in Verbindung mit dem Baden-Württembergischen Zustimmungsgesetz

 

1 BvR 981/17

 

IV.der S. GmbH & Co.KG – Bevollmächtige:

1.  Prof. Dr. Christoph Degenhart, Stormstraße 3, 90491 Nürnberg

2.  Rechtsanwalt Dr. Holger Jacobj, in Sozietät Prof. Versteyl Rechtsanwälte, Koken­horst­straße 19, 30938 Burgwedel –

 

1.     unmittelbar gegen

a)    den Beschluss des Bundesverwaltungsgerichts vom 21. März 2017 – BVerwG 6 C 5.17 –,

b)   das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 7. Dezember 2016 – BVerwG 6 C 49.15 –,

 

2.     mittelbar gegen

§ 2 Abs. 1 des Rundfunkbeitragsstaatsvertrags vom 15. bis 21. Dezember 2010, nach Zustimmung des Landtags vom 17. Mai 2011, bekannt gemacht am 7. Juni 2011 (BayGVBl S. 258)

 

1 BvR 836/17

Vorlage 17/103

Beschlussempfehlung
des Rechtsausschusses
Drucksache 17/748

Eine Aussprache hierzu ist nicht vorgesehen.

Wir kommen somit zur Abstimmung. Der Rechtsausschuss empfiehlt in Drucksache 17/748, nicht Stellung zu nehmen. Wir kommen zur Abstimmung über die Beschlussempfehlung Drucksache 17/748. Wer dafür ist, den bitte ich um das Handzeichen. – Das sind SPD, Bündnis 90/Die Grünen, CDU, FDP, AfD und Herr Pretzell, fraktionslos. Wer ist dagegen? – Wer enthält sich? – Damit ist diese Beschlussempfehlung einstimmig angenommen.

Ich rufe auf:

18 Nachwahl eines stellvertretenden Mitglieds des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses I (Fall Amri)

Wahlvorschlag
der Fraktion der FDP
Drucksache
17/762

Eine Aussprache ist nicht vorgesehen.

Wir kommen zur Abstimmung über den Wahlvorschlag Drucksache 17/762. Wer diesem Vorschlag folgen möchte, den bitte ich um das Handzeichen. – Das sind SPD, Bündnis 90/Die Grünen, CDU, FDP, AfD und Herr Pretzell. Damit ist der Wahlvorschlag, da ich keine Enthaltungen und keine Gegenstimme habe, einstimmig angenommen.

Ich rufe auf:

19 Nachwahl eines Mitglieds des Kontroll-gremiums gemäß § 23 des Gesetzes über den Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen

Wahlvorschlag
der Fraktion der AfD
Drucksache
17/825

Die Fraktion der AfD hat den Wahlvorschlag im Laufe des heutigen Vormittags noch vor Drucklegung zurückgezogen. Damit entfällt dieser Tagesordnungspunkt.

Ich rufe auf:

20 Zuordnung von stellvertretenden Mitgliedern der Medienkommission der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) zu den ordentlichen Mitgliedern

Antrag
der Fraktion der CDU
Drucksache 17/747

Eine Aussprache ist hierzu nicht vorgesehen.

Wir kommen somit zur Abstimmung über den Antrag Drucksache 17/747. Wer diesem Antrag folgen möchte, den bitte ich um das Handzeichen. – Das sind SPD, Bündnis 90/Die Grünen, CDU, FDP, AfD und Herr Pretzell. Die Gegenprobe! – Enthaltungen? – Damit ist der Antrag Drucksache 17/747 einstimmig angenommen.

Ich rufe auf:

21 Bestätigung der Vertreterlisten für das Versorgungswerk der Mitglieder des Landtags Nordrhein-Westfalen und des Landtags Brandenburg

Drucksachen 17/850 bis 17/856

Eine Aussprache ist hierzu nicht vorgesehen.

Wir kommen somit zur Abstimmung, als Erstes über die Vorschlagsliste der Fraktionsgruppe der CDU Drucksache 17/850. Wer hier seine Zustimmung erteilen möchte, den bitte ich um das Handzeichen. – Das sind SPD, Bündnis 90/Die Grünen, CDU, FDP, AfD und Herr Pretzell, fraktionslos. Gegenstimmen? – Enthaltungen? – Damit ist diese Vorschlagsliste Drucksache 17/850 einstimmig angenommen.

Als Zweites stimmen wir ab über die Vorschlagsliste der Fraktionsgruppe der SPD Drucksache 17/851. Wer möchte dem zustimmen? – Das sind SPD, Bündnis 90/Die Grünen, CDU, FDP, AfD und Herr Pretzell. Gibt es Gegenstimmen? – Enthaltungen? – Damit ist die Vorschlagsliste Drucksache 17/851 einstimmig angenommen.

Als Drittes stimmen wir ab über die Vorschlagsliste der Fraktionsgruppe der FDP Drucksache 17/852. Wer möchte dem zustimmen? – Das sind SPD, Bündnis 90/Die Grünen, CDU, FDP, AfD und Herr Pretzell Gibt es Gegenstimmen? – Enthaltungen? – Das ist nicht der Fall. Damit ist die Vorschlagsliste Drucksache 17/852 angenommen.

Als Nächstes stimmen wir ab über die Vorschlagsliste der Fraktionsgruppe der AfD Drucksache 17/853. Wer dieser Vorschlagsliste zustimmen möchte, den bitte ich um das Handzeichen. Das sind die AfD und die CDU. Wer ist dagegen? – Wer enthält sich? – Das sind FDP, Bündnis 90/Die Grünen und die SPD. Damit ist die Vorschlagsliste Drucksache 17/853 mit den Stimmen von AfD und CDU angenommen.

Als Nächstes stimmen wir ab über die Vorschlagsliste der Fraktionsgruppe von Bündnis 90/Die Grünen Drucksache 17/854. Wer möchte dem zustimmen? – Ich bitte diejenigen, die zustimmen möchten, dies mit Handzeichen kundzutun. – Das sind SPD, Bündnis 90/Die Grünen, CDU, FDP, AfD und Herr Pretzell, fraktionslos. Gibt es Gegenstimmen? – Enthaltungen? – Damit ist die Vorschlagsliste Drucksache 17/854 einstimmig angenommen.

Ich muss noch einmal über die Drucksache 17/853 der Fraktionsgruppe der AfD abstimmen lassen, weil das Abstimmungsergebnis auf Hinweis nicht eindeutig gewesen sei. Ich muss noch einmal über die Vorschlagsliste Drucksache 17/853, den Wahlvorschlag der AfD, abstimmen lassen. Wer ist dafür, bitte ein deutliches Handzeichen! – Das ist die AfD und der fraktionslose Kollege Herr Pretzell. Wer ist dagegen? – Das ist niemand. Wer enthält sich der Stimme? – Das sind dann FDP, CDU, Bündnis 90/Die Grünen und die SPD. Damit ist gleichwohl diese Vorschlagsliste Drucksache 17/853 mit den


Stimmen der AfD und des fraktionslosen Kollegen Pretzell angenommen.

Wir müssen noch über zwei weitere Vorschlagslisten abstimmen lassen, und zwar jetzt über die Vorschlagsliste der Fraktionsgruppe der Piraten Drucksache 17/855. Wer dieser Vorschlagsliste zustimmt, den bitte ich um das Handzeichen. – Das sind die SPD, Bündnis 90/Die Grünen, die CDU, die FDP, die AfD und der fraktionslose Kollege Herr Pretzell. Gibt es Gegenstimmen? – Gibt es Enthaltungen? – Damit ist diese Vorschlagsliste Drucksache 17/855 einstimmig angenommen.

Last but not least stimmen wir ab über die Vorschlagsliste der Fraktionsgruppe der Linken Drucksache 17/856. Wer dieser Vorschlagsliste zustimmen möchte, den bitte ich um das Handzeichen. – SPD, Bündnis 90/Die Grünen, die FDP, die AfD und der fraktionslose Kollege Pretzell. Gibt es Enthaltungen? – Das ist nicht der Fall. Stimmt irgendjemand dagegen? – Dann gehe ich davon aus, dass die CDU gerade mitgestimmt hat und wir feststellen können, dass wir einstimmig ohne Enthaltungen und ohne Gegenstimmen diese Vorschlagsliste Drucksache 17/856 angenommen haben. – Das ist dann so.

Ich rufe auf:

22 Über- und außerplanmäßige Ausgaben im 2. Quartal des Haushaltsjahres 2017

Antrag
des Ministeriums der Finanzen
gemäß Artikel 85 Absatz 2 LV
Vorlage 17/111

Beschlussempfehlung und Bericht
des Haushalts- und Finanzausschusses
Drucksache 17/826

Eine Aussprache ist nicht vorgesehen.

Wir kommen somit zur Abstimmung. Der Haushalts- und Finanzausschuss empfiehlt in Drucksache 17/826, die in Vorlage 17/111 beantragte Genehmigung zu erteilen. Wir kommen somit zur Abstimmung über die Vorlage 17/111 selbst und nicht über die Beschlussempfehlung.

Wer diesem so zustimmen möchte, den bitte ich um das Handzeichen. – Das sind die SPD, CDU, FDP, AfD und der fraktionslose Kollege Pretzell. Ich habe keine Meldung der Grünen gesehen. Sollte das auch eine Zustimmung sein? – Gut. Gibt es Gegenstimmen? – Gibt es Enthaltungen? – Damit ist die Vorlage 17/111 mit dem Votum aller Fraktionen plus des fraktionslosen Abgeordneten Pretzell angenommen und die beantragte Genehmigung erteilt.

Ich rufe auf:

23 In den Ausschüssen erledigte Anträge

Übersicht 1
gem. § 82 Abs. 2 GO
Drucksache 17/827

Die Übersicht enthält drei Anträge, die vom Plenum nach § 82 Abs. 2 der Geschäftsordnung an einen Ausschuss zur abschließenden Erledigung überwiesen wurden. Das Abstimmungsverhalten der Fraktionen ist aus der Übersicht ersichtlich.

Ich lasse nun abstimmen über die Bestätigung des Abstimmungsverhaltens der Fraktionen in den jeweiligen Ausschüssen entsprechend der Übersicht 1. Wer dem so zustimmen möchte, den bitte ich um das Handzeichen. – Das sind die SPD, Bündnis 90/Die Grünen, die CDU, die FDP, die AfD und der fraktionslose Abgeordnete Pretzell. Gibt es Gegenstimmen? – Gibt es Enthaltungen? – Das ist beide Male nicht der Fall. Damit sind die in Drucksache 17/827 enthaltenen Abstimmungsergebnisse der Ausschüsse einstimmig bestätigt.

Ich rufe auf:

24 Beschlüsse zu Petitionen

Übersicht 17/4
gemäß § 97 Abs. 8
der Geschäftsordnung

Gemäß § 97 Abs. 8 unserer Geschäftsordnung sind die Beschlüsse des Petitionsausschusses mindestens vierteljährlich dem Landtag zur Bestätigung vorzulegen. Ihnen liegen mit der Übersicht 4 Beschlüsse zu Petitionen vor, über deren Bestätigung wir abstimmen.

Eine Aussprache hierzu ist nicht vorgesehen.

Wir kommen somit zur Abstimmung. Wer möchte diesem so zustimmen? – Das sind die SPD, Bündnis 90/Die Grünen, CDU, FDP, AfD und der fraktionslose Kollege Pretzell. Gibt es Gegenstimmen? – Gibt es Enthaltungen? – Damit sind die Beschlüsse des Petitionsausschusses in der Übersicht 4 einstimmig bestätigt.

Damit, meine Damen und Herren, sind wir am Ende der heutigen Sitzung.

Ich berufe das Plenum wieder ein für morgen, Donnerstag, 12. Oktober, 10:00 Uhr.

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Abend.

Die Sitzung ist geschlossen.

Schluss: 18:57 Uhr

 


Anlage 1

Die Stahlsparte von Thyssenkrupp muss in Nordrhein-Westfalen bleiben! – Drucksache         
(namentliche Abstimmung)

 

 


Lfd.
Nr.