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Dokument anzeigen Porträt der Woche: Joachim Schultz-Tornau (FDP).
Porträt
Landtag intern, 32. Jahrgang, Ausgabe 11 vom 26.06.2001, S. 11

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder. Es war Mitte der achtziger Jahre. Die FDP-Landtagsfraktion mit Achim Rohde an der Spitze war auf Bildungsreise in der Toskana unterwegs. Die Sonne schien, die italienische Küche trumpfte auf, herrlicher Wein löste die Zungen und hob die Stimmung in immer schönere Höhen. Animiert von seinen Kolleginnen und Kollegen, reckte sich nach dem Dessert der stattliche Abgeordnete Joachim Schultz-Tornau empor und sang mit hörbar geschultem Bariton romantische deutsche Lieder. Der Mann, der 1943 im deutsch besetzten Metz geboren wurde, dann nach Koblenz kam, in Saarbrücken seine Jugendzeit verbrachte und heute in Bielefeld zu Hause ist, zählt zu den freundlichen Zeitgenossen, die sich in geselliger Runde nicht zu schade sind, die Stimmungskanone zu geben.
Eine gewisse Arglosigkeit war dem Liberalen lange Zeit eigen. Das hat sich geändert, weil es Enttäuschungen gegeben hat. Schultz-Tornau sagt, dass er zwar nicht zum Zyniker geworden sei, aber ein Stück Vertrauen sei schon im Laufe der politischen Jahre verloren gegangen.
So seien beispielsweise Schmunzelgeschichten, die er selbst von sich preisgegeben habe, durch übelmeinende politische Wettbewerber überspitzt, am Ende sogar derart verfälscht worden, dass Dritte meinen könnten, der Bielefelder Jurist sei fürs richtige politische Leben, für Führungsaufgaben sowieso, untauglich. Schultz-Tornau gibt zu, dass er ein bisschen den Typ "zerstreuter Professor" verkörpere. Gut, da schlüpft man mal aus Versehen in den falschen Mantel, lässt unachtsam Schirme im Ständer zurück. Das sind eher liebenswürdige Eigenschaften. Parteifeinde machten daraus böse Geschichten, Karikaturen des Menschen Schultz-Tornau. Eingepennt sei er im Zug von Bielefeld nach Düsseldorf und erst im Bahnhof Amsterdam aufgewacht. Schultz-Tornau korrigiert die Geschichte: "Alles dummes Zeug, ich war so ins Gespräch vertieft mit einem bekannten Mitreisenden von der Landesrundfunkanstalt, dass wir beide den falschen Zug gewählt haben und anstatt nach Düsseldorf zu fahren, in Emmerich, also kurz vor der holländischen Grenze, den Irrtum bemerkt haben." Schultz-Tornau empfindet es als mies, wenn andere daraus eine Tölpelstory zu machen versuchen und ihn so in die Unfähigkeitsecke manövrieren wollen. Schultz-Tornau ist zu vorsichtig und zu vornehm, Namen zu nennen, aber man hat so seinen Verdacht, dass er nicht die so genannten politischen Gegner aus anderen Parteien im kritischen Blick hat.
Schultz-Tornau legt Wert auf fairen Umgang miteinander, einen gewissen Stil möchte er gewahrt wissen. Wichtigtuer, Schreihälse, Großkotze sind ihm ein Greuel. Der Mann wirkt unmodisch. Er ist nicht nur Parteiliberaler, sondern auch Gesinnungsliberaler. Liberal zu sein, bedeutet für ihn, Verantwortung für sich selbst, für andere und für zukünftige Generationen zu übernehmen. Effizienz sei gut, aber nicht alles dürfe dem Diktat des Ökonomischen untergeordnet werden. Wertevermittlung hält der Kinderlose in der Erziehung für ganz entscheidend, den Kirchen komme bei der Sinnstiftung eine unverzichtbare Rolle zu. Schultz-Tornau hält nichts von den Radikalliberalen in der Tradition des 19. Jahrhunderts, denen Hass auf Papst und Kirche Pflicht war. Anachronistisch nennt er so etwas. Sein Elternhaus war gemischt konfessionell, da konnte der Sohn des liberalen Juristenehepaares Schultz-Tornau ("Stresemann-Liberale") den Wert Toleranz schätzen lernen.
Er wurde später in der evangelischen Landeskirche aktiv. Zur FDP stieß Schulz-Tornau 1966. Seit 1963 gehörte er bereits zur damaligen Jugendorganisation der Partei, den Jungdemokraten, die sich erst viel später politisch radikalisierten, in eine andere Partei als die FDP einzutreten, hat Schultz-Tornau nie erwogen. Werner Maihofer, der Juraprofessor und FDP-Bundesminister am Tische der Kanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt, war an den Universitäten Saarbrücken und Bielefeld Schultz-Tornaus akademischer Vater. Ihm diente er eine Zeit lang als Assistent, bis der junge Liberale Rechtsdezernent im Ostwestfälischen wurde.
Schultz-Tornau politische Karriere machte einmal einen ungewöhnlichen Satz. Das war 1994, als er beim Landesparteitag in Castrop-Rauxel gegen die Mitbewerber Schaumann und Möllemann den Vorsitz erklomm. Seine Vorstellungsrede war die beste. Diesmal hatte er, anders als sonst, nicht frei gesprochen, vielmehr am Tag vor der Personalentscheidung sein zündendes Redekonzept fertiggestellt. Schultz-Tornaus Vorsitzendenzeit dauerte nur zwei Jahre, wohl auch, weil er nicht der Typ machtsichernder Leitwolf ist, der sich den Weg freibeißt. Niemandes Herr und niemandes Knecht zu sein - das könnte wohl sein Lebensmotto sein.
Aus dem jungen Sportler, der einst den 35 Kilometer langen Hermannslauf im Ostwestfälischen schaffte, ist eine gesetzte Persönlichkeit geworden, die andere Hobbys pflegt. Einmal in der Woche ist Chorprobe, vor Aufführungen wird zusätzlich geübt. Schultz-Tornau ist Vorsitzender des Musikvereins Bielefeld, eines 1820 gegründeten Oratorienchors. In diesem Jahr werden noch drei Konzerne in der Oetker-Halle Bielefeld gegeben. Schultz-Tornaus, der an einem ehrwürdigen humanistischen Gymnasium in Zweibrücken mit Griechisch und Latein vertraut gemacht wurde, gehört zur sich rar machenden Spezies deutscher Bildungsbürger. Er kann sich mächtig über neumodische Aufgeblasenheiten aufregen, wenn etwa alltägliche Dinge zunehmend englisch ausgedrückt werden. Er nennt es bizarr und lächerlich, wenn etwa eine Bahnhofstoilette McClean heißt. So jemand wie Schultz-Tornau hat selbstverständlich Interesse en anspruchsvoller Lektüre, Historischem zum Beispiel. Aber auch "Harry Potter" ist ihm nicht fremd. Alle erschienenen Bände hat er gelesen. Und sie haben ihm gut gefallen.
Reinhold Michels

ID: LIN03333

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