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Dokument anzeigen Erstes Modell eines Berufskollegs in der Bundesrepublik wird in NRW noch in diesem Jahr verwirklicht.
Plenarbericht;
Landtag intern, 28. Jahrgang, Ausgabe 10 vom 18.06.1997, S. 9, 13

Das bundesweit erste Modell eines Berufskollegs soll in Nordrhein-Westfalen noch in diesem Jahr Wirklichkeit werden. Die neue Schulform wird Kolleg- und berufsbildende Schulen zusammenfassen und der gymnasialen Oberstufe eine attraktive Alternative gegenüberstellen. Schulministerin Gabriele Behler (SPD) bezeichnete bei der Einbringung des Gesetzes zur Änderung des Schulverwaltungsgesetzes (Berufskolleggesetz) am 12. Mai das neue Schulprojekt als wichtigstes bildungspolitisches Vorhaben dieser Legislaturperiode. Die CDU-Opposition betonte die Einheit von schulischer und betrieblicher Ausbildung und warnte vor einer Schieflage im dualen System bei Ausweitung des Schulunterrichts (Drs. 12/1998).
Schulministerin Gabriele Behler (SPD) sprach von einem der wichtigsten bildungspolitischen Vorhaben dieser Legislaturperiode. Rein formal betrachtet wolle man nunmehr nach fast 20 Jahren den Kollegschulversuch abschließen und die 42 Kollegschulen des Landes mit den 331 berufsbildenden Schulen unter dem neuen Titel "Berufskolleg" zusammenführen. Die Landesregierung habe damit die Chance zu einer inhaltlichen Neuorientierung des beruflichen Bildungswesens gesucht. Denn ein leistungs- und zukunftsfähiges Berufsbildungssystem gehöre zu den wichtigsten Voraussetzungen des Standortes NRW. Die Ministerin führte aus, es gehe um Gleichwertigkeit von beruflicher und allgemeiner Bildung, um Transparenz im beruflichen Bildungsangebot und um Verbesserung beruflicher Qualifizierung. Für diese Ziele werde auch eine zunehmende Differenzierung sowohl für Leistungsstärkere als auch für Leistungsschwächere ermöglicht. Da würden Fremdsprachenangebote ihre Rolle spielen. Da gehe es auch um die bisher vorhandene Lücke zur allgemeinen Hochschulreife, die man durch einen neuen Bildungsgang in Klasse 13 schließe. Frau Behler fuhr fort, berufliche Bildung könne nur gelingen, wenn Schule, Wirtschaft, Industrie, Handel und Handwerk so eng wie möglich miteinander kooperierten. Wesentliches Ziel der Landesregierung sei es gewesen, die Qualität zu sichern, und zwar für beide Seiten des Systems — für die Schulen und für die Betriebe. Zum Berufsschulunterricht sagte sie, mit der Bandbreitenregelung für die künftigen Stundentafeln könnten die Bedürfnisse der Betriebe berücksichtigt werden, ohne daß das bestehende Unterrichtsvolumen verändert werde.
Manfred Degen (SPD) betonte, nach einer Marathonstrecke von rund 20 Jahren seit dem Start des ersten Kollegschulversuchs in NRW werde heute mit dem Berufskolleg die Zielgerade erreicht. Es sei sicherlich ein ungewöhnlich langer Weg gewesen, den der Kollegschulversuch im Lande zurückgelegt habe, ein Weg mit Hindernissen, auch mit Umwegen, aber einer, der sich gelohnt habe und der Spuren hinterlasse. Teilergebnisse und Erfahrungen aus dem Kollegschulversuch seien bereits in das berufliche Regelsystem übernommen worden. Mit dem Berufskolleg werde die Möglichkeit geboten, gleichzeitig mit beruflichen Qualifizierungen studienqualifizierende Abschlüsse zu erreichen. Damit hätten Schülerinnen und Schüler zwei Optionen für den weiteren Lebensweg. Das Berufskolleg, das die Gleichwertigkeit von beruflicher und allgemeiner Bildung herstelle, werde damit zu einer attraktiven Alternative zur gymnasialen Oberstufe.
Marie-Theres Ley (CDU) empfand es als beschämend, daß ein Schulversuch erst nach 20 Jahren beendet werde. Wenn sie den Gesetzentwurf lese, habe dieser Versuch unter anderem tatsächlich die Einsicht gebracht, daß die Attraktivität des dualen Systems zu steigern sei. Brauche man dafür 20 Jahre lang einen Kollegschulversuch? fragte Frau Ley. Daß das duale System der beruflichen Bildung das beste Ausbildungssystem sei, sei nicht nur in Deutschland bekannt. Es stelle sich weiter die Frage, wieso denn jetzt durch das Berufskolleg die Attraktivität des dualen Systems gesteigert werden solle? Wo liege denn zum Beispiel in dem neuen Berufskolleg der Unterschied zwischen der alten Berufsschule und der neuen Berufsschule? Die bloße Aneinanderreihung bisher bestehender Ausbildungsmöglichkeiten aus beiden Systemen unter einem neuen Begriff habe mit einer Qualitätssteigerung überhaupt nicht zu tun. Die Qualitätssteigerung könne hingegen in der Differenzierung liegen: eine alte Forderung der CDU. Sie begrüße deshalb die auch im Entwurf angesprochene Differenzierung ausdrücklich. "Differenzierung" bedeute aber, daß Arbeit in kleinen Gruppen möglich sein müsse.
Brigitte Schumann (GRÜNE) unterstrich, der Gesetzentwurf der Landesregierung Berufskolleggesetz setze einen Rahmen, der in Kernpunkten aber noch nicht klar sage, ob und wie die in ihm angelegten innovativen Möglichkeiten eingelöst werden sollten und umgesetzt würden. Sie folgerte: "Deshalb läßt sich auch über die Qualität der von Rot-Grün angepeilten Reform aus meiner Sicht noch nichts Abschließendes sagen . Dies könne erst geschehen, wenn Verordnungen als Ausgestaltung des Gesetzes danebengelegt würden. Es sei vereinbart, daß dies vor Verabschiedung des Berufskolleggesetzes passieren solle. Die Landesregierung in NRW habe der Legislative etwas vorgelegt. Sie habe sich dazu verpflichtet, vor der Verabschiedung des Gesetzes mindestens die Grundlinien der Rechtsverordnung vorzulegen. Es sei jetzt an den Koalitionsfraktionen zu entscheiden, ob sie Reform nach den gemeinsam vereinbarten rot-grünen Eckpunkten wollten. Frau Schumann schloß: "Unsere Entscheidung ist klar: Wir halten uns an das zwischen Rot und Grün Vereinbarte und erwarten eine entsprechende Umsetzung."
Hubert Schulte (CDU) betonte die Grundaussage seiner Fraktion, wonach beide Säulen des dualen Systems tragfähig bleiben müßten. Eine Ausweitung des Schulunterrichts bringe automatisch eine Reduzierung der Ausbildungszeit im Betrieb mit sich. Hier solle eine Vorgabe gemacht werden, ohne vorher die Frage beantwortet zu haben, ob dies nicht zu Lasten der Qualität der betrieblichen Ausbildung gehe. Eine vermeintliche Optimierung der schulischen Ausbildung, die zu Lasten der betrieblichen gehe, lehne man ab. Es nutze überhaupt nichts, wenn die schulische Ausbildung so weit gehe, daß sich die Betriebe aus der Ausbildung verabschiedeten. Das wäre das Ende der dualen Ausbildung. Bei der Gestaltung der Rechtsvorschirften sei darauf zu achten, daß auch die Interessen der Ausbildungsbetriebe berücksichtigt würden.
Carina Gödecke (SPD) erklärte, der Entwurf zum Berufskolleggesetz sei mehr als eine rein organisatorische Regelung. Das Berufskolleggesetz sei ein klares und eindeutiges Bekenntnis zum dualen System, ein Bekenntnis zur Stärkung und Weiterentwicklung des Lernortes Schule. Für den trage nämlich Politik die Verantwortung. Damit negiere man wirklich nicht das Zusammenwirken vom Lernort Betriebe und vom Lernort Schule. Das Gesetz schaffe die schulrechtlichen Voraussetzungen dafür, daß junge Menschen am Ende der Sekundarstrufe l tatsächlich die Wahl zwischen zwei gleichwertigen Bildungswegen der Sekundarstufe II hätten.
Schulministerin Gabriele Behler (SPD) bot abschließend an, sie wolle im Schulausschuß sehr gerne auch weiterhin erläutern, was sich offensichtlich bei einer so komplizierten Materie dem einzelnen nicht unbedingt auf Anhieb erschließe.

Bildunterschrift:
Zielgerade erreicht: v. l. Schulministerin Gabriele Behler (SPD), Manfred Degen (SPD), Marie-Therese Ley (CDU), Brigitte Schumann (GRÜNE), Hubert Schulte (CDU) und Carina Gödecke (SPD). Fotos: Schälte

Systematik: 4230 Berufsbildende Schulen

ID: LI971019

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