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Dokument anzeigen Kunsthochschulen: Irmin Kamp erinnert an Worte von Beuys. Experten-Kritik am Regierungsentwurf
Ausschussbericht
Landtag intern, 18. Jahrgang, Ausgabe 10 vom 30.06.1987, S. 3-4

Irmin Kamp, Professorin an der bisher einzigen Kunstakademie des Landes in Düsseldorf, erinnerte an ein Fernsehinterview, das der inzwischen verstorbene Künstler Joseph Beuys vor zwei Jahren gegeben hatte. Der international renommierte Beuys habe einen Strich gezogen und mitgeteilt, vor ihm liege die Freiheit, hinter ihm die Unfreiheit, mit der die Akademie gemeint gewesen sei. Sie selbst habe damals dagegen protestiert, weil die Akademie Freiraum garantiere. Sollte jedoch der Entwurf der Landesregierung eines Kunsthochschulgesetzes Wirklichkeit werden, müsse sie Joseph Beuys nachträglich Recht geben. Von der Akademie seien zahlreiche Vorschläge erarbeitet worden. Beim jetzigen Stand müsse die Akademie den Eindruck gewinnen, für den Papierkorb gearbeitet zu haben. Bei einem Hearing des Wissenschafts- und des Kulturausschusses zum geplanten Kunsthochschulgesetz nahm die kämpferische Professorin vor allem Anstoß an der Position des Kanzlers im künftigen Rektorat. Diese Ansicht wurde von Professoren des Kunst- und Musikbereichs anderer Hochschulen geteilt.
Vor den beiden Ausschüssen unter der Leitung des Vorsitzenden des Ausschusses für Wissenschaft und Forschung, Joachim Schultz-Tornau (F.D.P.), erklärte Irmin Kamp, die Standortfrage Münster habe sich auch nach ihrer Auffassung zum Guten gewendet (siehe Kasten). Kritikpunkte seien hingegen die geplante Rektoratsverfassung und die Position des Kanzlers. Die Landesregierung handele gegen den Willen der Betroffenen, wenn sie als einzige Ausnahme zu allen Kunsthochschulen in der Bundesrepublik für NRW die Rektoratsverfassung beschließe. Der Verwaltungsaufwand würde nur vergrößert. Ihr Kollege Professor Dr. Hofmann, ebenfalls aus Düsseldorf, forderte das volle Promotionsrecht für die Kunsthochschulen, demnach auch für die dort unterrichteten wissenschaftlichen Fächer.
Professor Hanspaul Isenrath, Abteilung Münster der Düsseldorfer Akademie, schloß sich "in allen Punkten" der Ansicht von Irmin Kamp an. Das gelte besonders für die Rektoratsverfassung. Er sehe nicht ein, warum die teuerste Lösung gewählt werden müsse. Außerdem sei es bei der "Kleinheit" der Hochschule in Münster geradezu grotesk, einen Juristen als Kanzler einzusetzen.
Professor Karl Marx von der Fachhochschule Köln, Fachbereich Kunst und Design, fragte, ob es wirklich notwendig sei, neben der Hochschule für Film und Fernsehen in München eine weitere Hochschule in Köln einzurichten. Er befürwortete eher eine Hochschule für Kunst, Film und Fernsehen, die weitgehend einer Konzeption des Fachbereichs Kunst und Design der Fachhochschule Köln entspreche, in der die Ausbildungsstätten für Freie Kunst um die neuen Medien ausgeweitet werden sollten.
Professor Dr. Wolfgang Ruppert von der Fachhochschule Bielefeld, Fachbereich Design, empfahl "den historischen Schritt", in der dritten Industrialisierungsphase die Spaltung zwischen Kunst und gestalterischem Alltag aufzuheben. Er schlug eine Hochschule für Gestaltung mit Sitz in Bielefeld vor. Dagegen wandte sich der Rektor der Bielefelder Fachhochschule, Professor Dr. Heinrich Ehlebracht. Die Ausgliederung des Fachbereichs Design aus der Fachhochschule sei nicht das richtige Vehikel, die Hochschulentwicklung in Gang zu bringen. Der Rektor der Fachhochschule Köln, Professor Dr. Erhard E. Schilling, verwies darauf, man brauche starkes Produkt- und Industriedesign.
Professor Dr. Franz Müller-Heuser von der Staatlichen Musikhochschule Rheinland bedauerte, daß Änderungsvorschläge nicht in den Gesetzentwurf eingeflossen seien. Die Kunsthochschulen richteten ihre Hoffnungen auf den Landtag, ein Gesetz zu erwirken, mit dem man in Zukunft leben könne.
Professor Werner Krotzinger, Staatliche Hochschule für Musik Ruhr, befürchtete eine Überorganisation der Hochschule und Verlust der Durchgängigkeit auf allen Ebenen. Sein Kollege Professor Friedrich Wilhelm Schnurr, Staatliche Hochschule für Musik Westfalen-Lippe, hielt die Bildung von Fachbereichen nach regionalen Gesichtspunkten in der Sache für akzeptabel, in der Terminologie jedoch nicht. Die Institute in Dortmund und Münster sollten deshalb nicht als Fachbereiche sondern als Abteilungen organisiert werden. Als Vertreter der Studentenschaft bezeichnete Matthias Pannes ein Rektorat mit Kanzler als "überproportioniert" angesichts der Größe der Musikhochschulen.
Professor Dr. Helmut Kirchmeyer vom Robert-Schumann-Institut Düsseldorf schloß sich, was den Kanzler anbetraf, den Stellungnahmen an. Er meinte, ein Kanzler für mehrere Hochschulen wäre noch am billigsten. Beigeordneter Bernd Dieckmann wies für die Landeshauptstadt Düsseldorf auf die besondere Stellung des Robert-Schumann-Instituts hin. Die Rechte aus dem alten Vertrag über das Institut zwischen Land und Stadt sollten auch bei einer Neuregelung erhalten bleiben. Er empfahl Verselbständigung des Institutes.
Als "unzweckmäßig" erachteten es die Professoren Dr. Hanau und Dr. Gundlach für die Landesrektorenkonferenz der wissenschaftlichen Hochschulen, die Musik- und Kunstdidaktik bei der Ausbildung von Lehrern für die Primarstufe aus den wissenschaftlichen Hochschulen herauszunehmen und den Kunst- und Musikhochschulen anzugliedern. Inhaltliche und finanzielle Gründe machte Professor Dr. Peter Schulte von der Landesrektorenkonferenz der Fachhochschulen gegen die Herauslösung des Studiengangs Design aus der Fachhochschule Köln im Zuge der Errichtung einer Kölner Medienkunsthochschule geltend. Neue Medien würden bereits jetzt im Studium an den Fachhochschulen angeboten. Anstatt vielversprechende Ansätze in Dortmund oder Bielefeld zu schwächen, sollte der umgekehrte Weg eingeschlagen werden: Ausbau der Ausbildung für Berufe der neuen Medien an den vorhandenen Einrichtungen.
Anthony Reiss vom DGB, der später auch als Vertreter der Lehrbeauftragten an Musikhochschulen das Wort ergriff, knüpfte an die Eingangsvoraussetzung Fachoberschulreife (Paragraph 36,3) die Frage, ob hier die Landesregierung etwa dem Verband kommunaler Arbeitgeber in die Taschen spielen wolle, da sich diese niedrige Eingangsvoraussetzung später in der Besoldung durch die Kommunen niederschlage. An den Regelungen für Lehrbeauftragte bemängelte er, daß sie für die Betroffenen keinen sozialen Schutz und keine Mitbestimmungsmöglichkeit vorsähen: "Der DGB ist nicht bereit, diese Wilderei am Rande des Arbeitsrechts hinzunehmen." Ferner sprach sich Reiss gegen die Kanzlerregelung aus.
Jürgen Haas von der DAG wandte sich in Sachen Lehrbeauftragte dagegen, daß ein "beachtlicher Teil" der in der Lehre an Kunsthochschulen tätigen Personen in den Gremien nicht vertreten sei: "Es sollte selbstverständlich sein, daß Institutionen in einem demokratischen Staat Strukturen aufweisen, die intern demokratisch legitimiert sind und die allen Mitgliedern die Partizipation an allen Entscheidungen ermöglichen." Den Lehrbeauftragten sei Mitbestimmung zu gewähren, "da die Lehrbeauftragten aufgrund ihrer eigenen künstlerischen Qualität die Arbeit und das Ansehen der Musikhochschule wesentlich mitprägen".
"Der Verband Bildender Künstler bedauert, daß die größte Kunstmetropole in Europa nicht als Standort einer Kunstakademie vorgesehen wird", erteilte Dierk Engelken den Plänen zu einer Kölner Medienkunsthochschule eine Abfuhr. In der Kanzlerlösung sehe sein Verband eine "Parkinsonsche Aufblähung"; hier werde der Verwaltungsfetichismus so weit getrieben, daß eine kleine Kunstakademie mit dem Raster einer Rektoratsverfassung überzogen werden müsse. Jeder wisse doch, "in welcher Inbrunst eine Verwaltung Aufgaben für sich selbst produziert und damit die Hochschule lahmt". Seine Feststellungen für die künftige Kölner Medienhochschule: "Keine Technikerschule fürKölner Rundfunkanstalten und kein Hollywood für geistig Arme." Auch der Studiengang Freie Kunst sei ein Medium; wenn man Freie Kunst in Köln einstellen wolle, "dann muß man das offen sagen". Erfuhrfort: "Echtes Multimedia für Köln, aber kein Money- Media"; die Medien sollten gleichrangig vertreten sein.
Das Rektorat mit Kanzler sei wegen der Größenordnung und Aufgabenstellung der künstlerischen Hochschulen nicht einzusehen, erklärte Johannes Read vom Landesmusikrat NW. Die Folge sei nämlich, daß sich die Hochschule mehr mit sich selbst beschäftigen müsse. Auch er lehnte eine "Minderanforderung" ab: Der Musikschullehrer dürfe nicht schlechter gestellt werden als andere.
Sabine Eggelke, Dozentin an der Folkwang Hochschule in Essen, lehnte für sich und ihre Dozentenkollegen kategorisch die Bezeichnung "Lehrbeauftragte für besondere Aufgaben" ab, da die Beschäftigten der Vergütungsgruppe III a/b in ihrer Arbeit nicht an die weisungsbindende Aufsicht eines Professors gebunden seien. Darin sah die Sprecherin eine "Herabstufung, Diskriminierung unserer Gruppe" mit schlimmen Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit des Landes auf diesem Gebiet: Schon jetzt sei es nämlich so, daß "qualifizierte Künstler des gekennzeichneten Tätigkeitsbereichs an Kunsthochschulen in andere Bundesländer abwandern".
Der Vorsitzende des Deutschen Werkbunds NW, Dipl.-Ing. Werner Ruhnau, kritisierte den hohen wissenschaftlichen Anteil in der Künstlerausbildung zu Lasten praktischer Elemente. Einen Ausweg sah Ruhnau im Knüpfen eines Netzes von "praxisorientierten Werkstätten und Bauhütten".

Bildunterschriften:
Vor dem Hearing: vorne Professoren, hinten auf dem Präsidentenstuhl Ausschußvorsitzender Joachim Schultz- Tornau (F.D.P.): links CDU-Abgeordnete, rechts Parlamentarier der SPD.

Systematik: 4320 Kunst- und Musikhochschulen; 4300 Hochschulen

ID: LI871006

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