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Dokument anzeigen Ein Holocaust-Überlebender - ein Düsseldorfer.

Landtag intern, 51. Jahrgang, Ausgabe 2 vom 17.03.2020, S. 12-13

26. Januar 2020 - Mit einer bewegenden Veranstaltung hat der Landtag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau vor 75 Jahren gedacht. Die Enkel des Überlebenden Gary Wolff aus Düsseldorf erinnerten an die Hölle von Auschwitz. Und sie mahnten eindringlich, alles zu tun, damit sich die Geschichte nicht wiederholt.
Als am 27. Januar 1945 sowjetische Soldaten auf ihrem Vormarsch nach Westen das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau erreichten, fanden sie nur noch wenige Tausend Überlebende vor - verängstigte, fast erfrorene und verhungerte Häftlinge. 1,1 Millionen Menschen waren in Auschwitz-Birkenau ermordet worden, darunter eine Million Juden.
In seiner Begrüßung mahnte der Präsident des Landtags, André Kuper: "Auschwitz gehört für immer zum Gedächtnis der Menschheit. Am Tag der Befreiung stehen wir im Zentrum der Demokratie zusammen: Legislative, Exekutive, Judikative, Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und Verbände. Wir bekämpfen Antisemitismus, wir wehren uns gegen politischen Totalitarismus - und wir suchen die Versöhnung."
Der in Düsseldorf geborene Gary Wolff ist einer der wenigen, die die Hölle von Auschwitz überlebt haben. Sein Vater Eduard und seine Mutter Johanna wurden dort von den Nationalsozialisten ermordet. Zur Gedenkfeier war der heute 91-Jährige aus seiner Heimat USA angereist, gemeinsam mit seinen beiden Enkeln Danielle und Julian.
Gary Wollf lauschte andächtig, als seine Enkel vor rund 500 Gästen der Veranstaltung seine Geschichte erzählten. Wie er als Kind den Aufstieg der Nationalsozialisten in Düsseldorf erlebte, wie er die Reichspogromnacht im November 1938 überlebte - versteckt in der Wohnung eines Nachbarn - und wie er ab 1941 den gelben Judenstern an seiner Kleidung tragen musste. Die verzweifelten Versuche der Eltern, aus Deutschland auszureisen, scheiterten, und so wurde der 13-Jährige am 27. Oktober 1941 mit ihnen ins Ghetto von Lodz deportiert und schließlich im Spätsommer 1944 in Viehtransporten nach Auschwitz gebracht.

Zwei Todesmärsche überlebt

An der Rampe von Auschwitz sah Gary Wolff seine Mutter zum letzten Mal. Sein Vater starb wenige Wochen später. Julian Wolff: "Opa erinnert sich lebhaft an eine Rede an diesem Tag: ,Wenn ihr glaubt hier herauszukommen, vergesst es. Der einzige Weg hier heraus führt durch die Schornsteine‘." Und er ergänzte: "Im Alter von 16 Jahren war Opa auf sich allein gestellt, aber entschlossen zu überleben. In Birkenau lernte er, sich unsichtbar zu machen und mit der Menge zu verschmelzen."
Gary Wolff wurde in Todesmärschen von Auschwitz nach Buchenwald und von dort nach Theresienstadt gebracht, wo er im Mai 1945 die Befreiung durch sowjetische Soldaten erlebte. Danielle Wolff Ser: "Opa wurde im Oktober geboren. Doch den 8. Mai 1945, den Tag, an dem er befreit wurde, nennen wir seinen zweiten Geburtstag."
Die Enkel berichteten auch, wie sie sich auf die Spuren des Leidens ihrer Familie gemacht haben, wie sie Theresienstadt, das Ghetto Lodz und Auschwitz-Birkenau besuchten. Und sie warnten vor einer Wiederholung der Geschichte. Julian: "Antisemitismus, Islamophobie, Fremdenfeindlichkeit, Homophobie und jede Form von Diskriminierung sind gefährliche Methoden, um die Bürgerschaft dieses Planeten zu spalten." Sie endeten ihre immer wieder von Applaus unterbrochene Rede mit einer Liebeserklärung an den "besten Großvater der Welt": "Wir sind stolz darauf, vor Ihnen zu stehen als die Enkel eines Holocaust-Überlebenden, eines erfolgreichen Geschäftsmannes, eines liebevollen Vaters und Großvaters, eines Düsseldorfers."
Abraham Lehrer, Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, sagte in seinem Grußwort für die jüdischen Verbände in Nordrhein-Westfalen: "Es ist für jeden Juden eine große Herausforderung, sich mit den Lücken auseinanderzusetzen, die durch die Shoa in seiner eigenen Familie entstanden sind. Das gilt auch für mich selbst. Im Judentum ist das Gedenken ein religiöses Gebot. Das Wort ‚Zachor‘, ‚erinnern‘, kommt in der Bibel Dutzende von Malen vor. Wir übersetzen es mit ‚Erinnere dich‘ oder ‚Gedenke‘. Das ist nicht nur eine Aufforderung, die Geschichte im Gedächtnis zu behalten. Es geht auch darum, unser Erbe für die Zukunft zu bewahren. Wir müssen uns um die gesamte junge Generation bemühen und sie in unsere Erinnerungskultur einbinden. Wenn wir junge Menschen nicht erreichen, dann sind sie für unsere Demokratie verloren."

"Nie wieder"

Und Ministerpräsident Armin Laschet sagte: "Auch 75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers in Auschwitz ist Antisemitismus leider noch immer Realität in Deutschland. Dem müssen wir uns entschieden entgegenstellen: Judenhass, Ausgrenzung und Diskriminierung haben hier keinen Platz! Nicht auf den Straßen, nicht im Internet und nicht auf unseren Schulhöfen - nie wieder! ‚Nie wieder‘ muss in jedem unserer Köpfe tief verankert sein, ‚nie wieder‘ muss unser aller Handeln und Entscheiden prägen, ‚nie wieder‘ muss Teil der Staatsräson sein. Für uns in Nordrhein-Westfalen, wo heute die größte jüdische Gemeinschaft der Bundesrepublik lebt, ist die Mahnung und die Wahrung der Erinnerung an die Gräuel der Nazi-Zeit ein persönliches Anliegen. Wir sehen uns im Kampf gegen den Antisemitismus weiter als starker Partner an der Seite aller Jüdinnen und Juden."
wib/red

"Es liegt in Ihren Händen"

5. März 2020 - Das Grauen begann im November 1944. Als Zehnjährige sei sie ohne ihre Eltern in einem Viehwaggon von der Slowakei aus ins Konzentrationslager Bergen-Belsen verschleppt worden, erzählt Dr. Yvonne Koch (Bild) im Plenarsaal des Landtags. Rund 200 Schülerinnen und Schülern aus Bottrop, Düsseldorf und Ratingen hören gebannt zu, als die heute 86-jährige Holocaust-Überlebende mit jüdischer Abstammung beim "Zeitzeugengespräch" von ihren Erlebnisse berichtet - und einen Appell an die Zukunft richtet: "Wer in der Demokratie schläft, wacht im Totalitarismus auf."

Sechs Wochen im Koma

Nicht alles könne sie berichten, was sie als Last im Rucksack ihres Lebens trage, nur Schlaglichter: Es komme ihr vor, als sei es gestern gewesen, wie sie zwischen den Leichen im Konzentrationslager nach ihrer Mutter gesucht und gebetet habe: "Lieber Gott, verlass mich nicht." Wie sie Kartoffelschalen aus dem Müll geholt habe und dass sie noch heute stets Brot bei sich trage, aus Angst vor unerträglichem Hunger. Und wie sie bewusstlos auf einer Pritsche gefunden wurde, als die Briten das Lager am 15. April 1945 befreiten. Sechs Wochen habe sie im Koma gelegen. Als sie aufwachte, seien ihre Gefühle "auf das Primitivste reduziert" gewesen, "wie bei einem Tier".
Trotz aller Bürden gelang es ihr, Abitur zu machen und zu studieren. Später arbeitete sie als promovierte Mikrobiologin und zog mit ihrem Ehemann nach Düsseldorf. Erst mit 75 Jahren brach sie ihr Schweigen und erzählte öffentlich von ihren Erlebnissen. "Mein Vermächtnis ist, dass so etwas nie wieder geschieht", sagt sie. Es gebe bald nicht mehr viele Zeitzeugen, die das Unmenschliche des Nationalsozialismus erlebt hätte. Daher sei die junge Generation gefordert, die Demokratie und Menschenrechte zu wahren. "Es liegt in Ihren Händen."
Diesen Appell richtete auch Landtagspräsident André Kuper an die Schülerinnen und Schüler. "Nur wenn Demokratie und Menschenrechte unwiderruflich in der Verfassung verankert seien, können Schicksale wie das von Yvonne Koch verhindert werden." Dafür brauche es das Engagement jedes Einzelnen.
tob

Bildunterschriften:
Der gebürtige Düsseldorfer Gary Wolff mit seinen Enkeln Julian und Danielle.
Sie erinnerten an die Befreiung von Auschwitz-Birkenau vor 75 Jahren (v.l.): der Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, Abraham Lehrer, der Präsident des Landtags, André Kuper, der Holocaust-Überlebende Gary Wolff mit seinen Enkeln Danielle und Julian sowie Ministerpräsident Armin Laschet.

Zusatzinformationen:
Ein Video zu der Gedenkveranstaltung finden Sie im Internet unter www.landtag.nrw.de/Akuelles&Presse/ Parlaments-TV/Videoportal/Veranstaltungen und Ausstellungen.
Ein Video zu der Veranstaltung finden Sie im Internet unter www.landtag.nrw.de/Akuelles&Presse/Parlaments- TV/Videoportal/Veranstaltungen und Ausstellungen.

Systematik: 1060 Ideologien

ID: LI200204

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