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Dokument anzeigen Stromerzeuger plädiert auf Freispruch. Abgeordnete fordern zügigere Sanierung der Masten in NRW
Ausschussbericht
Landtag intern, 37. Jahrgang, Ausgabe 9 vom 30.08.2006, S. 15

Fast 200.000 Menschen waren betroffen, als im Winter 2005 durch heftige Schneefälle im Münsterland Dutzende Strommasten unter der Last von Eis und Schnee wie Streichhölzer umknickten und in weiten Teilen die Stromversorgung zusammenbrach. Wie konnte es dazu kommen? Glaubt man dem Betreiber der Strommasten, dem Stromkonzern RWE, war das extreme Wetter schuld. Bestätigt sieht RWE dies durch mehrere Gutachten, deren Ergebnisse dem Wirtschaftsausschuss (Stellvertretender Vorsitz Dietmar Brockes, FDP) vorgestellt wurden. Kritiker behaupten jedoch, viele Masten seien veraltet oder schlecht gewartet und hätten daher den Belastungen nicht standgehalten. Die Abgeordneten nutzten in der Sitzung die Gelegenheit, bei RWE nachzuhaken.
War Thomasstahl die Hauptursache für das "Stromchaos" im Münsterland? Hätten moderne Strommasten den Belastungen durch Eis und Schnee getrotzt? "Ganz klar Nein", waren sich die Vertreter von RWE sicher. Sowohl ein eigens in Auftrag gegebenes Gutachten sowie ein Gutachten der Bundesnetzagentur werteten sie als "Freispruch". Dr. Werner Roos, Vorstandsmitglied bei RWE Energy, wörtlich: "Beide Gutachten kommen zu der Überzeugung, dass Korrosion keine Ursache für die Ereignisse im Münsterland gewesen ist. Es gab ebenfalls keine Hinweise auf mangelhafte Instandhaltung." Und weiter: "Schadensauslöser war nach beiden Gutachten die extreme Wettersituation." Trotzdem habe RWE aus den Ereignissen gelernt: So werde man das 2001 gestartete Sanierungsprogramm für Strommasten aus Thomasstahl fortführen. Frühere Untersuchungen hätten bereits gezeigt, dass ein "latentes Problem mit Thomasstahl gegeben ist".
Betroffen von der Sanierung sind 28.000 der insgesamt 44.000 RWE-Strommasten, die vor Ende der 60-er Jahre gebaut worden sind. RWE geht davon aus, dass sich die Sanierung aller Masten bis zum Jahre 2015 hinziehen wird.
Ein zu üppiger Zeitplan, fanden die Abgeordneten von CDU, FDP und GRÜNE. Hannelore Brüning (CDU) forderte, die Erneuerung der Masten zu beschleunigen. Darüber hinaus sehe sie sehr wohl einen Unterschied zwischen dem RWE-Gutachten und dem der Bundesnetzagentur, "die ganz eindeutig sagt, dass der auslösende Faktor ein brüchiger Mast aus Thomasstahl war". Auch das von RWE vorgebrachte Argument, bei dem Schneechaos im Münsterland handele es sich um eine "Jahrhundertereignis", wollte Brüning als Erklärung nicht gelten lassen.
Unzufriedenheit auch bei Reiner Priggen (GRÜNE): Ein halbes Jahr nach den Vorfällen im Münsterland "sind die Kritik an der Intransparenz der Öffentlichkeitsarbeit Ihres Unternehmens und die Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit für mich überhaupt nicht ausgeräumt", sagte der Abgeordnete. Die Deutung des Gutachtens der Bundesnetzagentur durch RWE nannte er eine "etwas beschönigende Zusammenfassung". Er habe den Eindruck, RWE konzentriere sich eher auf seine Beteiligungspläne an dem niederländischen Energiekonzern Nuon, "statt die Masten mit Nachdruck zu sanieren". Er habe gehofft, etwas über die Konsequenzen zu hören, die RWE aus den Ereignissen ziehe. "Alles, was wir dazu gehört haben: Es geht weiter wie bisher!"
Rechtfertigungsversuche von RWE: Die Sanierung von 28.000 Masten könne nicht von heute auf morgen geschehen. "Wir können nur Zug um Zug vorgehen, weil wir gleichzeitig Versorgungssicherheit gewährleisten müssen", so Roos. Schließlich könne man auch nicht alle Autobahnen in Nord-Süd-Richtung sperren, um die Fahrbahndecke zu erneuern.
"Hypothese"
Die Behauptung, der verwendete Thomasstahl sei ursächlich für die Mastumbrüche, bezeichnete er zudem als "eine Hypothese, die nicht haltbar ist". Ursächlich seien eindeutig die wetterbedingten, "extrem über der Norm liegenden Belastungsverhältnisse" gewesen, die auch einen neuen Mast zum Einstürzen gebracht hätten.
Rückendeckung erhielt Roos von Uwe Leuchtenberg (SPD): Er attestierte der RWE, korrekt gehandelt zu haben. Beide Gutachten hätten deutlich gemacht, dass sich die Unfälle auch dann ereignet hätten, wenn besagte Masten aus Thomasstahl vorab bereits saniert worden wären.
Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU) kündigte an, sich einen Überblick über die Thomasstahl-Situation in NRW verschaffen zu wollen. Dazu werde sie den Verband der Elektrizitätswirtschaft um Mithilfe bitten. Es gehe um die Frage, welche Stromkonzerne Thomasstahl in ihren Masten verbaut haben und wie ein Sanierungsplan aussehen könnte. Sollte dies keinen Erfolg haben, wolle sie einzeln auf die Unternehmen zugehen.
ax

Zusatzinformation:
Thomasstahl
Im 19. Jahrhundert entwickeltes Verfahren der Stahlherstellung, bei dem Luft in flüssiges Roheisen geblasen wird. Vorteil: Auch Erze mit hohem Phosphorgehalt konnten fortan zu Stahl verarbeitet werden. Nachteil: Thomasstahl hat einen höheren Stickstoffanteil. Dies kann dazu führen, dass der Stahl im Laufe der Jahre spröde wird und seine Festigkeit verliert.

ID: LIN02321

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