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Landesgeschichte 23. April 1949

Elten wird niederländisch

(14.4.2009) 23. April 1949, Samstagmorgen sechs Uhr. Das beim niederrheinischen Emmerich gelegene Elten wird für zwei Wochen hermetisch abgeriegelt. Deutschland – und damit das junge Bundesland Nordrhein-Westfalen – zählt auf einmal 3.500 Menschen und knapp 20 Quadratkilometer Land weniger. Land und Leute werden am Mittag im Eltener Rathaus mit einem Federstrich den Niederlanden einverleibt.

Bis zur Rückkehr in den deutschen Staatsverband bleiben die Menschen in und um Elten zwar Deutsche, bekommen aber einen holländischen Pass und müssen sich ausweisen, wenn sie über den neuen Grenzübergang nach Deutschland wollen. Sie haben kein Wahlrecht, weder hüben noch drüben.

Das war eine der vielen Besonderheiten, die die niederländischen Gebietsannexionen in Folge des zweiten Weltkriegs nach sich zogen. Starke Polizeikräfte, holländisches und britisches Militär marschierten am Eltener Schnabel - wie ein solcher Schnabel ragt hier Deutschland in niederländisches Staatsgebiet hinein - wehrhaft auf. Sogar ein Panzerwagen stand bereit - man befürchtete Unruhen unter der deutschen Bevölkerung. Die war zwar von den neuen Herren nicht begeistert und protestierte mit Plakaten wie "Freundschaft ja, Grenzkorrektur nein" und "Wir sind und blieben deutsch". Der Aufstand aber blieb aus. Man arrangierte sich.

Warum wollten die Niederlande auf Kosten des besiegten Deutschlands größer, sogar viel größer werden? Immerhin hatte der Grenzverlauf zwischen beiden Nachbarn schon seit  dem Wiener Kongress Anfang des 19. Jahrhunderts Bestand. War es Rache, weil die Holländer im zweiten Weltkrieg so unter der deutschen Besatzung zu leiden hatten? Abgesehen vom Leid durch hunderttausende von Opfern und durch die gnadenlose Deportation der jüdischen Bevölkerung in die nazistischen Vernichtungslager wurde damals der materielle Schaden durch die Kriegshandlungen von niederländischer Seite auf mehr als 25 Milliarden Gulden geschätzt.

Dafür wollte man Genugtuung und Entschädigung. Die annektierten deutschen Gebiete Suderwick, Elten und Selfkant waren aus holländischer Sicht Faustpfand für die kommende große Friedenskonferenz, auf der es auch um die deutschen Reparationen gehen würde.


Elten kehrt zurück nach NRW: Arbeiter richten im August 1963 das neue deutsche Ortsschild auf.
(Foto: Stadtarchiv Emmerich am Rhein)

Okkupationspläne

Im Nachbarland wurden detaillierte - und weit reichende - Pläne für ein wesentlich größeres Holland ausgearbeitet. Auf Regierungsebene gab es eine Staatskommission für Annektierungsfragen, in der erwogen wurde, ausgehend von Borkum im Norden, vorbei an Wilhelmshaven, unter Einbeziehung von Münster, Hamm und Köln bis nach Aachen das Staatsgebiet zu erweitern. Sprecher dieser Bestrebungen war der Politiker Frits Bakker-Schut. In der niederländischen Bevölkerung und besonders in der Presse des Nachbarlands war der Griff nach Osten umstritten. Da half es auch nicht viel, dass unter dem Schlagwort "Ons Land" (Unser Land) vom Komitee für Gebietserweiterungen Propaganda für die "Grenze an der Weser" gemacht wurde.

Die deutsche Seite, Bundesregierung und NRW-Landesregierung,  war natürlich strikt gegen solche  Gebietsansprüche. Hätten sie doch in letzter Konsequenz  bedeutet, dass das neugegründete Land Nordrhein-Westfalen - bis auf Ostwestfalen, Sauer- und Siegerland - holländische Provinz geworden wäre. Damals jedoch, 1949, waren die deutschen Mitwirkungsmöglichkeiten an solchen Entscheidungen durch das Besatzungsregiment der Alliierten eingeschränkt. Die Alliierten waren es, die die niederländischen Blüten- und deutschen Alpträume verhinderten: Sie wollten keine Vertreibung aus dem Westen zusätzlich zu den 14 Millionen Vertriebener und Flüchtlinge aus dem deutschen Osten.

So kam es zu einer reichlich abgespeckten Form der Grenzkorrekturen an mehreren Stellen nordrhein-westfälischen Gebiets. Neben Elten gingen West-Suderwick (342 Einwohner, 0,6 Quadratkilometer) und Teile der Selfkant  mit 41 Quadratkilometern Fläche und 5.700 Einwohnerinnen und Einwohnern  an Holland. Weiter südlich verkleinerte das Königreich Belgien NRW im Gebiet zwischen Aachen - wo der Ortsteil Bildchen an den Nachbarn abzutreten war  -  und Losheimergraben in der Eifel. Die belgisch okkupierten Gebiete fielen 1958 an Deutschland zurück, bei den holländischen dauerte die Rückgabe  bis 1963, weil der Nachbar die auch vom ihm akzetierte Rückgabe eine Zeitlang mit Forderungen im Ems-Dollart-Gebiet verband.


Nach 13 Jahren verschwindet das holländische und wird gegen das deutsche Ortsschild ausgewechselt.

(Foto: Stadtarchiv Emmerich am Rhein)

Freude über die Rückkehr: Menschen drängen sich bei der Rückgabe Eltens im August 1963 am Grenzübergang.
(Foto: Stadtarchiv Emmerich am Rhein)

Heimkehr

1963 war es dann so weit, die Grenzsperren wurden - mit geringen Abweichungen - wieder in ihrer alten Positionen gerückt - unser heutiges Europa ohne Grenzen war noch weit. "Ohne Trara, Flaggen und Ehrenjungfrauen" titelte damals die Wochenzeitung "Die Zeit". Die Eltener erlebten den Tag mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Man war natürlich froh, dass man wieder Deutscher war und die lästigen Grenzformalitäten der Vergangenheit angehörten. Ein wenig bang aber ging der Blick in die Zukunft, weil man den wirtschaftlichen Wohlstand, der in den dreizehn Jahren - durchaus mit holländischer Unterstützung - erreicht worden war, zu Ende gehen sah. Vorbei die Zeiten, als Elten Ziel vieler niederländischer Besucher war, die auf den Eltenberg strömten, der damals mit seinen 80 Metern eine der höchsten holländischen Erhebungen war. Geschichte waren auch die Einkäufe und die Kaffeefahrten deutscher Tagesausflügler vor allem aus dem nahen Ruhrgebiet, die  in Elten Pause machten und sich mit günstigen holländischen Waren eindeckten.

Mit einem Paukenschlag, der den Menschen der Region  als "Eltener Butternacht" in Erinnerung geblieben ist,  endeten die 13 Jahre niederländischer Verwaltung.  Aus allen Teilen der Niederlande kamen in der Nacht zum 1. August 1963 Händler mit Lastwagen voller holländischer Güter, aus Deutschland strömten die Menschen und Geschäftsleute ebenfalls heran, um ein einmaliges Schnäppchen zu machen. Durch die Grenzverlegung wurden plötzlich und ganz legal über Nacht die holländischen Waren deutsch - ohne dass ein Pfennig Zoll fällig wurde. Den Gewinn schätzte man auf 50 bis 60 Millionen Gulden.

In dieser Nacht sollen zehn Prozent der gesamten jährlichen Kaffeeeinfuhr in die Bundesrepublik umgeschlagen worden sein. Klar, dass der deutsche Fiskus sich über die entgangenen Einnahmen grämte - Nachversteuerung lautete das Stichwort im Bonner Finanzministerium. Damit war der damalige Landesvater Dr. Franz Meyers von der CDU so gar nicht einverstanden: Er intervenierte in mehreren Telefonaten und bat, die Bevölkerung in den zurück gegliederten Gebieten nicht gleich mit Steuermaßnahmen zu überziehen und ihr so die Rückkehr zu verleiden.

Noch heute, knapp 50 Jahre nach der Rückgliederung Eltens, ist auf einem Grenzpfahl weiter westlich bei Kranenburg am Wylerberg- einem Zipfel Land, das damals bei Holland blieb - in zwei Sprachen zu lesen: "Laat vriendschap heelen, wat grenzen deelen". Gleich daneben die deutsche Übersetzung: "Lasst Freundschaft heilen, was Grenzen teilen".

 

Text: Jürgen Knepper

 

 

 

 

 

 

 

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