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  • Porträt: Daniela Beihl (FDP).
    Porträt
    S. 27 in Ausgabe 10 - 30.11.2021

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Daniela Beihl (FDP). Die 36-jährige Politikwissenschaftlerin aus Espelkamp ist u. a. Sprecherin ihrer Fraktion im Wissenschaftsausschuss.

    Daniela Beihl ist sportbegeistert - und wegen dieser Leidenschaft ist die 36-Jährige, die eine Start-Zulassung für den Berlin-Marathon im kommenden Jahr hat, in die Politik gegangen: Vor 15 Jahren sollte das einzige Freibad ihrer Heimatstadt Espelkamp im ostwestfälischen Kreis Minden-Lübbecke geschlossen werden. Und Beihl, die als Jugendliche im Verein Fußball gespielt hat und bei Leichtathletik-Wettkämpfen dabei war, wollte das verhindern.

    2006 trat die Sportlerin deshalb in die FDP ein. Denn deren langjährige Fraktionsvorsitzende in Espelkamp, Gisela Vorwerg, kämpfte leidenschaftlich für das Waldfreibad, das heute gerade von Grund auf neu errichtet wird. In der FDP-Ratsfraktion der rund 25.000 Menschen zählenden Stadt wurde Beihl sachkundige Bürgerin, ging in den Sportausschuss. Im selben Jahr begann sie in Bielefeld ein Studium der Politik- und Medienwissenschaften. "Ich habe auch überlegt, Lehrerin zu werden", erzählt die Abgeordnete bei einem Gespräch im Landtag. "Doch dann war ich begeistert von meinem Studium und habe mir auch einen Job in der Politik vorstellen können."

    Aus einer "typischen FDP-Familie" komme sie nicht, sagt Beihl. Ihr Vater hat jahrzehntelang als Tischler gearbeitet, ihre Mutter ist gelernte Schneiderin, ihr 33-jähriger Bruder Koch. Ihr Studium hat die Liberale durch einen Job im Einzelhandel, als Verkäuferin in einem Schuhgeschäft, finanziert. "Eigentlich hätte ich in die SPD eintreten müssen", lacht sie - aber mit der Partei habe sie sich einfach nicht identifizieren können.

    Sie sei eben so erzogen worden, dass sie "eigenverantwortlich und eigenständig durchs Leben gehen" solle, sagt Beihl - und dieses "Lebensgefühl" habe sie in ihrer Partei wiedergefunden: "Die FDP glaubt an jeden, will jedem die bestmöglichen Chancen geben - aber jeder soll immer noch eigenverantwortlich handeln können."

    Nach ihrem Master-Abschluss 2012 ging Beihl nach Hannover. Schon in der Landeshauptstadt Niedersachsens arbeitete die Politikwissenschaftlerin im Landtag, war Referentin für Schule, Wissenschaft und Kultur der FDP-Fraktion. 2015 wechselte sie dann an den Rhein, wurde in Düsseldorf Büroleiterin des FDP-Landtagsabgeordneten Marc Lürbke.

    Selbst Parlamentarierin ist Beihl seit dem 27. Juni 2019. Nachgerückt ist sie für den aus dem rheinischen Langenfeld stammenden Moritz Körner, der ins Europaparlament gewechselt ist. Wie Körner vertritt sie im nordrhein-westfälischen Landtag die FDP im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum Fall Anis Amri, der sich mit dem Terroranschlag am Berliner Breitscheidplatz 2016 befasst - und ist hochschulpolitische Sprecherin ihrer Fraktion.

    Aus Düsseldorf nach Espelkamp zurückgezogen ist die Abgeordnete trotzdem direkt nach Antritt ihres Mandats. "Ich vertrete den Kreis Minden-Lübbecke - deshalb ist es selbstverständlich, dass ich dort lebe und wohne", sagt Beihl, die sich selbst als "Ostwestfälin durch und durch" beschreibt. Im Rat ihrer Heimatstadt ist sie FDP-Fraktionsvorsitzende, in Düsseldorf macht sie sich für gute Studienbedingungen stark. Die Hochschulpolitikerin kämpft für ein "auskömmliches" und vor allem "elternunabhängiges" BAföG ebenso wie für die Freiheit der Universitäten: Den Versuch Chinas, über seine Konfuzius-Institute Lesungen aus dem Buch "Xi Jinping - der mächtigste Mann der Welt" zu verhindern, hat sie scharf als "inakzeptabel" verurteilt.

    Als Ostwestfälin freut sich Beihl natürlich über die neue medizinische Fakultät der Universität Bielefeld, die ab diesem Wintersemester 60 Studierende ausbildet. Ein "sehr wichtiges Signal für den ländlichen Raum" sei das, findet sie - und hofft auf "Klebeeffekte", die helfen könnten, den immer drängender werdenden Hausärztemangel auf dem Land zu lindern.

    Möglich gemacht habe das die "Respekt-getragene" Koalition mit den Christdemokraten. Verbesserte Bildungschancen stünden auch für die kommende Legislaturperiode für Beihl im Fokus ihrer Arbeit. Auf der Landesliste der Liberalen steht Beihl an 24. Stelle - und sollte die FDP wie in aktuellen Umfragen 13 Prozent oder mehr erreichen, zieht der Listenplatz.

    Andreas Wyputta

    Zusatzinformationen:

    Zur Person

    Daniela Beihl wurde am 8. Dezember 1984 in Rahden geboren. Von 2005 bis 2012 studierte sie Politik- und Medienwissenschaften an der Universität Bielefeld. Das Studium schloss sie 2012 mit dem "Master" ab. Von 2013 bis 2015 arbeitete sie als Wissenschaftliche Referentin der FDP-Fraktion für Kultus, Wissenschaft und Kultur im Landtag Niedersachsen. Von 2015 bis 2019 war sie Wissenschaftliche Referentin/Büroleiterin im Büro des FDP-Landtagsabgeordneten Marc Lürbke. Beihl ist seit Juni 2019 selbst Abgeordnete im nordrhein-westfälischen Landtag. Sie rückte für Moritz Körner nach.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Da ich gerne und viel lese, ist die Frage nicht leicht zu beantworten. Ich mag politische Bücher, aber auch Biografien spannender Persönlichkeiten und im Urlaub auch sehr gerne Romane oder Klassiker.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Es kommt immer auf die Stimmung und die Situation an. Ich mag House- und Popmusik, aber auch mal die 80er oder Jazz.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Joghurt und je nach Saison: Himbeeren, Brombeeren und Heidelbeeren. Ich versuche, mich gesund zu ernähren, aber trotzdem ist auch mal eine Schokolade im Kühlschrank zu finden.

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Am liebsten reise ich zur Erholung nach Italien. Sehr spannend finde ich aber auch Städtetrips nach New York oder Rom.

    ID: LI211025

  • Porträt: Sebastian Watermeier (SPD).
    Porträt
    S. 19 in Ausgabe 9 - 12.10.2021

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Sebastian Watermeier (SPD). Der 36-jährige Historiker aus Gelsenkirchen vertritt seine Fraktion u. a. in den Ausschüssen für Europa und Internationales sowie für Digitalisierung und Innovation.

    Sebastian Watermeier stammt, wie er selbst sagt, aus einer klassischen sozialdemokratischen Familie. Beide Großväter waren Industriearbeiter, sein Vater trat wegen der Politik Willy Brandts in die SPD ein, das Parteibuch lag allerdings nur in der Schublade.

    Der 36-jährige Landtagsabgeordnete aus Gelsenkirchen wurde als direkt Betroffener politisch aktiv, wie er berichtet. Als CDU und FDP 2005 mit der Forderung nach Studiengebühren in den Landtagswahlkampf zogen, sei er zunächst mit Kommilitonen in Münster auf die Straße gegangen. Dann trat er den Sozialdemokraten bei. Andere Parteien seien für ihn nie in Betracht gekommen. Weder Grüne noch Linke und erst recht nicht CDU oder FDP hätten, so sagt er heute, Bezug zu seiner Lebenswelt gehabt.

    In der SPD machte der Student der Geschichte und Philologie rasch Karriere. Er engagierte sich bei den Jungsozialisten, wurde nach drei Jahren Juso-Chef in seiner Heimatstadt und stieg wenig später in die regionalen Vorstände der Partei auf. Als ihn 2014 der damalige Gelsenkirchener Bundestagsabgeordnete Joachim Poß fragte, ob er nicht in dessen Berliner Büro arbeiten wolle, griff Watermeier zu. Schließlich wüchsen im Ruhrgebiet Jobs für Geisteswissenschaftler nicht an den Bäumen.

    Doch schon nach einem Dreivierteljahr kehrte Watermeier in seine Heimatstadt zurück. Die Europaabgeordnete Gabriele Preuß bot ihm die Leitung ihres Heimatbüros an. Drei Jahre später begann seine eigene parlamentarische Karriere. Poß kandidierte nicht mehr für den Bundestag, der Landtagsabgeordnete Markus Töns strebte nach Berlin und sein Wahlkreis im Gelsenkirchener Süden wurde frei. Landespolitik findet Watermeier spannend, weil es dabei um Inhalte gehe, die unmittelbar mit dem Alltag der Menschen zu tun hätten. Als Beispiele nennt er das Thema Schule, das in vielen Familien zwischen Kindern, Eltern und Großeltern oft diskutiert werde, die Situation der Universitäten, Verkehrsprobleme sowie die Innere Sicherheit und die Sorgen der Polizei.

    "Wenn ich Schülern das föderale System erkläre, dann fange ich damit an, dass für die Probleme direkt vor der Haustür, etwa die Müllabfuhr, die Stadt oder der Kreis zuständig sind. Um die Bildung im Lande und die Sicherheit auf den Straßen kümmert sich die Landespolitik und die übergeordneten Fragen, etwa Steuern, Wirtschaft oder Verteidigung, sind Aufgaben des Bundes." Deshalb finde er es auch geradezu paradox, dass in der Regel die Beteiligung an Kommunalwahlen am niedrigsten sei, bei Bundestagswahlen am höchsten und beim Landtag meist irgendwo dazwischenliege.

    "Fest verankert im Wahlkreis"

    An einen Wechsel in die Bundes- oder Europapolitik denke er nicht. Er finde die Arbeitsbedingungen in Düsseldorf gut, freue sich, dass er abends nach Hause fahren und sich dort um seine anderthalbjährige Tochter kümmern könne. Wichtig sei ihm auch, dass er in seinem Wahlkreis fest verankert und regelmäßig anzutreffen sei. Bei der Landtagswahl im nächsten Mai möchte er wieder antreten. Neben der Bewältigung der Folgen der Corona-Pandemie werde es im Wahlkampf vor allem um das Thema Schule gehen, etwa den "gravierenden Lehrermangel" oder eine unzureichende Ausstattung der Schulen mit moderner Technik. Dabei wolle er sich mit seiner Partei dafür stark machen, dass die Mittel des Landes vor allem dorthin gingen, wo sie am dringendsten benötigt würden.

    Für einen gebürtigen Gelsenkirchener ist es nahezu selbstverständlich, Fan von Schalke 04 zu sein. Watermeier ist überzeugt, dass dem Verein schon in dieser Saison der Wiederaufstieg in die erste Bundesliga gelingt. Dabei gehe es um mehr als Fußball. Die Bedeutung von Schalke für die Stadt Gelsenkirchen könne gar nicht überschätzt werden, sagt der Abgeordnete. Wenn er als Jugendlicher irgendwo in der Welt gefragt worden sei, wo er herkomme, und er Gelsenkirchen gesagt habe, habe kaum jemand gewusst, wo das sei. Habe er aber "aus Schalke" gesagt, hätten alle sofort Bescheid gewusst.

    Peter Jansen

    Zur Person

    Sebastian Watermeier ist seit 1. Juni 2017 Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags. Der gebürtige Gelsenkirchener studierte nach Abitur und Grundwehrdienst von 2005 bis 2006 Rechtswissenschaften und von 2006 bis 2011 Geschichtswissenschaft sowie Englische und Deutsche Philologie (Abschluss: Magister Artium). Seit 2005 ist er Mitglied der SPD, von 2008 bis 2011 war er Vorsitzender des Juso-Unterbezirks Gelsenkirchen. Seit 2012 ist Watermeier Mitglied des SPD-Unterbezirkvorstands Gelsenkirchen. Im Landtag ist er ordentliches Mitglied im Ausschuss für Europa und Internationales, im Ausschuss für Digitalisierung und Innovation sowie in der Enquetekommission II ("Brexit").

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Die "Klingen-Reihe" von Joe Abercrombie. Ein wunderbar sarkastisches Fantasy-Epos, das mit einigen Konventionen des Genres bricht und trotzdem eine große Geschichte spannend erzählt.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Am liebsten höre ich Heavy Metal.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Milchschnitte darf in meinem Kühlschrank nie fehlen. Das liegt sicherlich auch am Mitspracherecht meiner kleinen Tochter, mit der ich natürlich immer gerne und gerecht teile.

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Mein liebstes Reiseziel liegt gar nicht so weit entfernt an der Wiege Europas: Die griechischen Inseln haben es mir wirklich angetan.

    ID: LI210918

  • Porträt: Olaf Lehne (CDU).
    Porträt
    S. 23 in Ausgabe 8 - 14.09.2021

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Olaf Lehne (CDU). Der 59-jährige Rechtsanwalt aus Düsseldorf ist Sprecher seiner Fraktion im Haushalts- und Finanzausschuss. Lehne engagiert sich zudem seit vielen Jahren im "Freundeskreis Yad Vashem" für die Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem. Das Interesse an Israel wurde durch seine Eltern geweckt.

    Olaf Lehne ist Lokalpatriot durch und durch - "und Landespatriot", wie er hinzufügt. Aus seinem Büro auf der sechsten Etage des Landtags fällt der Blick an diesem sonnendurchfluteten Tag auf den Hafen, die Gehry-Bauten und - das Stadttor. Bis heute ist der Christdemokrat froh, dass Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) vor vier Jahren die Staatskanzlei aus dem gläsernen Turm zurück neben die historische Villa Horion verlegt hat. Da hält es Lehne mit Johannes Rau, der den Amtssitz seiner SPD-Nachfolger nie betreten haben soll und kommentierte: "Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen wohnt nicht zur Miete."

    "Heimspiel" in Düsseldorf

    Düsseldorf, das bedeutet für Olaf Lehne: Heimspiel. Seinen Nord-Wahlkreis mit 16 Stadtteilen, zu denen die Altstadt zählt, nennt er "den schönsten der Stadt". Natürlich. Und kritisch merkt er an, dass die meisten der 199 Abgeordneten Düsseldorf "nur mäßig" kennen. Leider. "Die Identifikation mit der Landeshauptstadt ist zu gering", bemängelt er und wünscht sich mehr Initiative in allen Fraktionen.

    Geboren wird Olaf Lehne in Duisburg. Zu den ersten Erinnerungen zählt er, "dass es damals im Ruhrgebiet nie richtig hell wurde" - eines der vielen Dinge, die sich in NRW positiv verändert hätten. Bald zieht die Familie nach Düsseldorf. Nach dem Abitur studiert er Jura in Freiburg und Köln, macht sich 1994 als Rechtsanwalt selbstständig. Heute betreibt er mit zwei Partnern eine Kanzlei. Aufgrund der Tätigkeit als Mitglied des Landtags hat er diese Arbeit jedoch stark reduziert. "Zum Abgeordneten bin ich ja vom Bürger gewählt worden", sagt er.

    Politisch fasst der junge Olaf schnell Tritt. Zu Hause - der Vater ist Rechtsanwalt, die Mutter Richterin - wird viel über Politik geredet, doch es ist sein älterer Bruder, der ihn ermuntert, sich zu engagieren. SPD und FDP kommen nach Probeterminen nicht infrage, die Grünen gibt es noch nicht. "Meine Eltern haben mich nicht bedrängt, aber dass ich zur CDU kam, war irgendwie programmiert", sagt er. Mit 14 Jahren tritt er in die Junge Union ein, mit 16 in die CDU.

    Zwischen Stadt und Land

    Bis heute pendelt der 59-Jährige politisch zwischen Stadt und Land. Seit er 1989 erstmals in den Düsseldorfer Rat einzog, hat er dort mit Unterbrechungen 19 Jahre zugebracht. 2005 schafft er im dritten Anlauf den Sprung in den Landtag. Fünf Jahre später wiederholt er, obwohl die CDU/FDP-Regierung scheitert, seine Direktwahl. Erst 2012, als die Union mit Spitzenkandidat Norbert Röttgen regelrecht abstürzt, muss auch Olaf Lehne seinen Platz räumen. Nach einem weiteren lokalen Intermezzo gewinnt er 2017 seinen Wahlkreis klar und kehrt in die landespolitische Arena zurück.

    Lehne ist CDU-Sprecher im Haushaltsund Finanzausschuss. Dass sein Bruder Klaus-Heiner als Präsident dem Europäischen Rechnungshof vorsteht, bedeute nicht, dass Finanzpolitik in der Familie liege. "Reiner Zufall", sagt er. Das Hantieren mit Etatzahlen sei mitunter trockene Materie, allerdings findet er es reizvoll, finanzielle Gestaltungsspielräume auszuloten.

    Seit vielen Jahren engagiert sich Olaf Lehne im "Freundeskreis Yad Vashem" für die Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem. Sein Interesse an Israel wird früh durch seine Eltern geweckt, die mit der jüdischen Familie von Josef Neuberger befreundet sind. Neuberger wurde 1938 von NS-Schergen schwer verletzt und emigrierte nach Palästina, kehrte nach dem Krieg zurück und ließ sich in Düsseldorf als Anwalt nieder. Von 1966 bis 1972 war er NRW-Justizminister für die SPD in der Regierung Heinz Kühn.

    Es ist vier Wochen vor der Bundestagswahl, als dieses Gespräch stattfindet, und Olaf Lehne zeigt sich "nach wie vor davon überzeugt, dass Armin Laschet Kanzler wird". Er sagt: "Deutschland steht vor extrem großen Herausforderungen und wir brauchen dringend ein Modernisierungsjahrzehnt." Es wird also spannend, auch für ihn persönlich. Bei der Landtagswahl im Mai kandidiert er erneut. Mal sehen, wie es dieses Mal ausgeht.

    Theo Schumacher

    Zur Person

    Olaf Lehne ist verheiratet mit Frau Svenja. Das Ehepaar hat zwei Töchter, Jana und Luisa. Zur Familie gehören auch der Flat-Coated Retriever "Pinot Noir" und zwei Pferde. Lehne war bereits vom 8. Juni 2005 bis 14. März 2012 Abgeordneter des Landtags Nordrhein-Westfalen. 2017 wurde er erneut ins Landesparlament gewählt.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    "Im Westen nichts Neues", weil es den Krieg in seinen Niederungen in perfekter und abschreckender Form beschreibt.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Queen und die Toten Hosen

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Wein und Käse

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Mallorca

    ID: LI210820

  • Porträt: Helmut Seifen (AfD).
    Porträt
    S. 23 in Ausgabe 6 - 06.07.2021

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Helmut Seifen (AfD). Der 67-Jährige ist Sprecher seiner Fraktion im Ausschuss für Schule und Bildung, wissenschaftspolitischer Sprecher und Vorsitzender des Wissenschaftsausschusses. Seifen ist Gymnasiallehrer und hat bis 2017 das Werner-von-Siemens-Gymnasium in Gronau geleitet. Er hat die Fächer Deutsch und Geschichte unterrichtet.

    Wenn Helmut Seifen im Landtag ans Redepult tritt, dann wird es gelegentlich literarisch. Neulich hat er von "Tobias Mindernickel" berichtet, dem Protagonisten aus Thomas Manns gleichnamiger Novelle, dessen "gefühlskaltes Mitleid" er auch in einem Antrag der SPD-Fraktion zu erkennen glaubte. Das Thema der Debatte: die Pandemie und ihre Folgen. Seifen ist von Haus aus Lehrer. Bis 2017 war er Leiter des Werner-von-Siemens- Gymnasiums in Gronau (Münsterland), hat Deutsch und Geschichte unterrichtet. In beiden Fächern gehe es schon in Klasse 5 um die "Substanz des Menschlichen und anthropologische Existenzgrundlagen", sagt er und erzählt die Geschichte von der eingesperrten Ziege, die sich nichts sehnlicher wünsche als saftige Wiesen und die Freiheit der Berge, obwohl sie genau wisse, dass dort der Wolf lauere. "Da sind schon Sextaner ganz gebannt", sagt der 67-Jährige.

    "Immer neugierig"

    Er selbst sei stets gerne in die Schule gegangen - als Lehrer, aber auch als Schüler: "Ich war immer neugierig." Nur Langeweile habe er nicht gemocht. Und langweilige Lehrer. Das einzige Fach, das ihn, wenn überhaupt, nur am Rande interessiert habe, sei Mathematik gewesen.

    Als Helmut Seifen im Juni 2017 als Schulleiter verabschiedet wurde, nannte sein Stellvertreter ihn einen "Humanisten alter Prägung". So kann man es in einem Bericht der Lokalzeitung nachlesen. Seifen, so der Kollege, wolle "bei Individuen die höchstmögliche Leistung" herauskitzeln und sei gleichzeitig davon überzeugt, "dass sozialverantwortlicher Umgang miteinander unabdingbar ist für ein gelingendes autonomes Leben in einer Demokratie". Ob er sich treffend beschrieben fühle? "Ja", sagt Seifen.

    Als junger Lehrer sei er "sehr streng" gewesen, sein damaliger Schulleiter dagegen eher Vertreter einer Laissez-faire-Pädagogik. "Wir haben beide voneinander gelernt und gemerkt, dass der andere nicht ganz Unrecht hatte", sagt Seifen. Später, als er selbst eine Schule leitete, sei es für ihn das Entscheidende gewesen, Strenge in der Sache und Wertschätzung gegenüber der Person unabdingbar miteinander zu verbinden.

    "Humanistische Positionen"

    Früher war Seifen CDU-Mitglied, er saß für die Christdemokraten von 2004 bis 2009 im Rat der Stadt Gronau. Als CDU und FDP im Jahr 2005 die bisherige rot-grüne Landesregierung ablösten, seien seine Hoffnungen auf Veränderungen groß gewesen, aber schnell enttäuscht worden. Er habe "humanistische Positionen" wie das individuell orientierte Leistungsprinzip in der Bildungspolitik erwartet, aber nicht finden können. Mitentscheidend für seinen Parteiaustritt sei ein Satz von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gewesen. Über Thilo Sarrazins 2010 erschienenes Buch "Deutschland schafft sich ab" habe sie gesagt, es sei "nicht hilfreich". Mit diesen Worten habe die Kanzlerin im "Duktus von Kurfürsten" gesprochen, die den Menschen vorgeben wollten, wie sie zu denken hätten. Seifen: "Da war mir klar, das hat mit CDU nichts mehr zu tun."

    Er begann, sich im Internet über die Programme anderer Parteien zu informieren. Bei der AfD habe er Inhalte entdeckt, die in weiten Teilen früheren CDU-Positionen entsprochen hätten. Hinzu sei die Kritik an der Euro-Rettungspolitik und der Haltung Deutschlands in dieser Frage gekommen. Zum Humanismus gehöre es, zwischen Fremdverfügung und Selbstbehauptung das richtige Maß zu finden, sagt er. Die AfD habe genau diesen "Mangel an Deutschlands Selbstbehauptung" aufgegriffen.

    Zurück zum Anfang, zurück zu "Tobias Mindernickel", dem Protagonisten in Thomas Manns gleichnamiger Novelle. Mit der Erzählung habe sich Thomas Mann übrigens über den Philosophen Arthur Schopenhauer lustig gemacht, erklärt Helmut Seifen, der "Humanist alter Prägung".

    red

    Zur Person

    Helmut Seifen ist gebürtiger Gelsenkirchener. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Sein Studium der Germanistik, Geschichte, Philosophie und Pädagogik absolvierte er in Münster. Von 1981 an war er als Gymnasiallehrer tätig. Im Juni 2013 trat er in die AfD ein. Seit 2015 ist er fachpolitischer Sprecher der AfD für Schule und Weiterbildungspolitik und war bis 2018 Sprecher des Landesfachausschusses Schule und Bildung der AfD in Nordrhein-Westfalen. Der 67-Jährige ist seit Juni 2017 Landtagsabgeordneter.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Wilhelm Busch - Die fromme Helene

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Klassik von Bach bis Brahms - Big Band- Musik

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Käse und Weißwein

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Landschaften mit gelungener Verbindung von Natur und Kultur, z. B. Stubaital, Salzkammergut

    ID: LI210621

  • Porträt: Mehrdad Mostofizadeh (Grüne).
    Porträt
    S. 15 in Ausgabe 5 - 26.05.2021

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Mehrdad Mostofizadeh. Der 52-Jährige ist Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen-Fraktion.

    Ende März, die Debatte im Plenarsaal ist im vollen Gange, wird es emotionaler, hitziger. Es geht um Corona, wieder einmal. Während die Landesregierung ihr Konzept zur Pandemie- Bekämpfung vorstellt, kann Mehrdad Mostofizadeh nicht an sich halten. Von den Fraktionsreihen der Grünen aus mischt er sich ein. In Zwischenrufen mahnt der 52-Jährige an, dass zu viele Impfdosen ungenutzt seien, in Unternehmen zu wenig getestet werde, die Landesregierung schlichtweg den falschen Kurs fahre.

    Mitmischen, widersprechen, eigene Standpunkte einbringen - für den Grünen-Politiker gehört das zum Ringen um die beste Lösung. "Ich bin eher der Typ, der das auch mal offener und klarer austrägt", sagt Mostofizadeh, während er einige Wochen später in seinem Landtagsbüro sitzt. "Deutlich, aber nie unverschämt" - so halte er es in Debatten, sagt Mostofizadeh, der heute Sakko trägt, dazu ein lilafarbenes Hemd, Maske, keine Krawatte.

    Das politische Geschehen kennt der Mann aus Essen aus unterschiedlichen Rollen: Von 2015 bis 2017 war er Fraktionschef der Grünen, als sie noch in Regierungsverantwortung standen. Aktuell, in der Opposition, bekleidet Mostofizadeh das Amt des Parlamentarischen Geschäftsführers und ist Sprecher der Fraktion für Arbeit, Gesundheit und Soziales sowie Kommunalpolitik. Ein Wortführer, der die politische Bühne nicht scheut, und ein Profi im Politgeschäft, der Erfahrung aus mehr als drei Jahrzehnten einbringt.

    Politisiert habe ihn sein Elternhaus, resümiert Mostofizadeh: Sein Vater kam Mitte der 1960er-Jahre aus dem Iran nach Deutschland, um Maschinenbau zu studieren. Fragen rund um Menschenrechte und demokratische Impulse im Iran seien oft Thema daheim am Küchentisch gewesen. Die Familie zog von Niedersachsen nach Essen, als Mehrdad Mostofizadeh fünf Jahre alt war. Sein Vater arbeitete beim Krupp-Konzern, schlug später eine Universitätslaufbahn ein und forschte als Professor zu Themen rund um Umwelt- und Energietechnik, während der Sohn in Essen zur Schule ging, Abitur machte und im Zivildienst als Altenpfleger arbeitete. Danach studierte er Sozialwissenschaft und Englisch. Später wechselte er zur Rechtswissenschaft in Bochum.

    Menschenrechts- und Umweltthemen - und eine Zeitungsanzeige - führten ihn zu den Jungen Grünen. Er besuchte Diskussionsabende und war "sofort mittendrin". Ein Jahr später, bei der Kommunalwahl in Essen, sei es ganz schnell gegangen, erzählt Mostofizadeh. "Schwupps stand ich auf der Liste für die Bezirksvertretung - und wurde gewählt." Da war er gerade mal 19 Jahre alt.

    Es sei eine Zeit gewesen, als die Grünen noch ausgebremst worden seien. CDU und SPD hätten abwechselnd Anträge der Fraktion abgelehnt, ohne sie gelesen zu haben. Es klingt nicht bissig, wenn Mostofizadeh davon erzählt. Er muss auch nicht erwähnen, dass sich die Zeiten geändert haben und die Grünen vielerorts an Einfluss gewannen - auch im Landtag, wo Mostofizadeh von 2001 an als wissenschaftlicher Mitarbeiter zunächst für die Enquetekommission "Zukunft der Städte in NRW" und später für die Bereiche Haushalt und Finanzen sowie Kommunalpolitik zuständig war.

    Kommunen im Blick

    Seit 2010 ist der Abgeordnete aus Essen selbst Mitglied im Landtag. Lange brachte er seine in Kommunen gestärkte Expertise als finanz- und haushaltpolitischer Sprecher ein. Noch heute versteht er sich als deren Fürsprecher. Seine Verbundenheit zu Essen wiederum zeigt sich auch an Bildern, die in seinem Büro hängen: Die Zeche Zollverein ist darauf zu sehen; viele Jahre war der Grünen-Politiker Mitglied im Aufsichtsrat der Entwicklungsgesellschaft Zollverein. Ein anderes Motiv zeigt eine Aschebahn, auf der Seniorinnen und Senioren zum Rollator-Rennen antreten. Ein drittes Bild wiederum ein Schachbrett mit Menschen im Miniaturformat, die sich um Figuren gruppieren - eine Anspielung auf Rotationen und Rochaden in der Politik.

    Da kann es zu Niederlagen kommen, eine Erfahrung, die Mostofizadeh im vergangenen Jahr bei der Essener Kommunalwahl machte: Er trat als Oberbürgermeisterkandidat der Grünen an, hatte gegenüber dem amtierenden CDU-Kandidaten aber das Nachsehen. Dennoch: Es klingt nach Aufbruch, wenn der Grünen-Politiker über den Wahlkampf spricht und von den tausend Kilometern, die er mit dem E-Lastenrad zurücklegte. Ein Wahlkampf-Plakat hängt noch im Büro. "Für Kultur und Vielfalt" steht darauf.

    Ihm gehe es, sagt Mostofizadeh, neben der politischen Agenda auch um den politischen Stil: weg von der "paternalistische Ich-Mache-Alles-Für-Euch-Politik", hin zu mehr Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern und mehr Vielfalt. Dafür werde er sich zu Wort melden, einbringen, streiten, sagt Mostofizadeh. Bestimmt auch bei den nächsten Debatten, wenn die Wogen im Plenum wieder höher schlagen.

    tob

    Zur Person

    Mehrdad Mostofizadeh wurde 1969 in Bad Gandersheim im Kreis Northeim in Niedersachsen geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern. Von 1994 bis 2010 war er Mitglied im Essener Stadtrat.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Ken Keseys "Einer flog über das Kuckucksnest", ein brillantes Buch, heiter und schaurig zugleich. Darauf aufbauend der packende Film mit einem grandiosen Jack Nicholson, der auf höchstem Niveau die finstersten Ebenen von Mensch und Gesellschaft durchleuchtet, trotzdem unterhält und letztlich in einem verheerenden Drama endet.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Nirvana, The Doors, Depeche Mode, aber auch Bach.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Stauder und herzhaften Hartkäse

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Bretagne, Südfrankreich und Fahrradtouren in Deutschland

    ID: LI210518

  • Porträt: Thomas Nückel (FDP).
    Porträt
    S. 15 in Ausgabe 4 - 04.05.2021

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Thomas Nückel (FDP). Der 58-jährige Journalist stammt aus Herne. Seine Schwerpunkte im Landtag sind die Verkehrs-, die Kultur- und Medien- sowie die Europapolitik.

    Den Rat eines längst verstorbenen Oberbürgermeisters seiner Heimatstadt Herne hat Thomas Nückel in den Wind geschlagen. Als der damalige Schülersprecher bei der Einweihung eines neuen Schulgebäudes mit einer sehr beeindruckenden Rede aufgefallen war, hatte ihm das Stadtoberhaupt empfohlen, der SPD beizutreten - sonst könne er in der Stadt nichts werden. Angesprochen fühlte sich Nückel dagegen wenig später vom Informationsstand der Liberalen Hochschulgruppen, als er für ein Referat Unterlagen aus der Bochumer Universitätsbibliothek sammeln musste. Kurz entschlossen gründete er mit ein paar Freunden in der Arbeiterstadt eine Ortsgruppe der Jungen Liberalen und trat mit 16 Jahren in die FDP ein.

    An ein Leben als Berufspolitiker dachte Nückel damals keine Sekunde. Er schlug die journalistische Laufbahn ein, arbeitete für verschiedene Zeitungen und Agenturen, wechselte dann zum Fernsehen, überwiegend mit dem Schwerpunkt Regionales. Schon damals habe ihn gestört, dass man als Journalist zwar viel über alle möglichen Probleme berichten, aber wenig tun konnte, um Probleme zu lösen.

    Das änderte sich in seinen Augen, als 2004 aus dem Kommunalverband Ruhr der Regionalverband Ruhr wurde, mit mehr Kompetenzen und besetzt entsprechend der Stärke der Parteien in der Region. Das sei die Chance, etwas zu verändern, dachte Nückel, zumal er die Mitgliedschaft im Ruhrparlament gut mit seiner beruflichen Arbeit vereinbaren konnte. Auch die FDP habe gemeint, er sei der Richtig für das neue Gremium. Zugute sei ihm dabei eine Erfahrung gekommen, die er als Parteimitglied der Liberalen im Ruhrgebiet gemacht habe: Er habe gelernt, mit Widerstand zu leben und in kontroversen Diskussionen standhaft zu bleiben.

    Nückels Wirbeln im Regionalverband blieb seiner Partei nicht verborgen, und so konnte er 2010 zum ersten Mal für den Landtag kandidieren, allerdings auf einem aussichtslosen Listenplatz. Zwei Jahre später, nach der völlig unverhofften vorzeitigen Auflösung des Landesparlaments, trat er erneut auf einem scheinbar genauso aussichtslosen Platz an. Doch weil die FDP weit besser abschnitt als erwartet, zog Nückel vor mittlerweile neun Jahren in den Landtag, für den er auch im nächsten Jahr wieder kandidieren will. Mittlerweile ist der 58-Jährige Vorsitzender des Verkehrsausschusses und Sprecher seiner Fraktion im Kulturund Medienausschuss sowie im Ausschuss für Europa und Internationales.

    Termine am Bildschirm

    Die seit über einem Jahr grassierende Corona- Pandemie habe die politische Arbeit massiv verändert. Es gebe zwar nicht weniger Termine als früher, aber die fänden jetzt am Bildschirm statt. An bis zu neun Videokonferenzen an einem Tag hat Nückel schon teilgenommen. Ortstermine, etwa die vor allem im Verkehrsbereich wichtigen Besichtigungen an Ort und Stelle, fallen weitgehend weg.

    "Es geht", sagt Thomas Nückel, "aber es geht einem auch auf den Wecker." Kontakt zu anderen Parteimitgliedern oder Bürgerinnen und Bürgern in seinem Wahlkreis in Herne hält er über Facebook, Instagram und Whats- App. An manchen Tagen laufen einige Hundert E-Mails bei ihm ein. Nückel vermisst vor allem die Begegnungen mit Medienschaffenden und den Aktiven in der Theaterszene, für die sein Herz ganz intensiv schlage. Ihm fehlten die Gespräche unter vier oder sechs Augen, ein paar persönliche Worte und dass man nach einem offiziellen Termin noch zusammen einen Wein trinke.

    Von den Auswirkungen der Pandemie besonders hart getroffen ist der Kulturbereich, in dem sich Nückel schon vor seiner politisch-parlamentarischen Arbeit als Schauspieler, Hörspielsprecher und Theatergründer engagiert hat. Jetzt gehe es darum, den Kulturbetrieb im Land am Leben zu halten und das werde schwierig. Viele Künstler, ob Musiker, Schauspieler, Kabarettisten oder andere hätten keine Reserven mehr.

    Das Land habe viel getan, die Ausgaben für Kultur kontinuierlich erhöht und erst kürzlich die Künstlerstipendien verlängert, der Bund dagegen habe die Notlage lange Zeit "verpennt". Und selbst wenn, wie Nückel hofft, sich im Sommer oder Spätsommer ein goldener Streifen am Horizont abzeichnet, werde es für die Kunstszene noch einige Zeit dauern, bis Theater, Konzertsäle, Kinos und anderes wieder voll sein würden.

    Peter Jansen

    Zur Person

    Thomas Nückel wurde in Herne geboren. Er ist seit 1979 Mitglied der FDP. Seit 2012 gehört er dem Landtag an, seit 2017 ist er Vorsitzender des Verkehrsausschusses. Nückel ist zudem seit 2006 Mitglied im FDP-Landesvorstand NRW.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Kostolanys Börsenpsychologie (1991) - ein amüsant geschriebenes Buch eines brillanten Beobachters, der viel über menschliche Eigenarten und Unvollkommenheiten schreibt und so nebenbei praktische Tipps für Aktienfans vermittelt.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Klassik: Beethoven; Funk & Soul: Prince; Singer-Songwriter: Leonhard Cohen; Deutsch-Rock: Heinz-Rudolf Kunze

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Mineralwasser und dunkle Schokolade (früher: ein Satz Ilford-Filme)

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Portugal (Küste nördlich von Lissabon) & Hawaii (Big Island) & San Marino

    ID: LI210416

  • Porträt: Gordan Dudas (SPD).
    Porträt
    S. 19 in Ausgabe 3 - 30.03.2021

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Gordan Dudas (SPD). Der 50-Jährige stammt aus Lüdenscheid, seine Schwerpunkte im Landtag sind die Verkehrs- und Arbeitspolitik.

    Dass Gordan Dudas‘ Weg irgendwann in die SPD führte, ist keine große Überraschung. Dudas entstammt dem traditionellen Arbeitermilieu. Der Vater arbeitete als Monteur, die Mutter als Putzfrau. "Ich war ein Schlüsselkind", sagt der aus Lüdenscheid stammende Dudas. Wenn er nach der Schule nach Hause kam, wurde er früh zur Selbstständigkeit gezwungen. "Meine Mutter hatte etwas vorgekocht, das habe ich mir dann warm gemacht."

    Besonders prägend in der Zeit war der Klassenlehrer des heute 50-Jährigen, der ihn auf der Gesamtschule in Kierspe unterrichtete. "Er war ein Glücksfall für uns als Schüler und hat uns Werte beigebracht. Und er hat immer gesagt: Hinterfragt die Dinge!", so Dudas.

    Noch heute ist Dudas mit seinem ehemaligen Lehrer befreundet. Und ihm, so sagt er, verdankt er auch seinen Weg in die Politik. "Das Hinterfragen habe ich mir angeeignet", sagt Dudas. Mit 15 begann er, sich für Politik zu interessieren. Also machte er sich als Jugendlicher auf den Weg, schaute sich die Jugendorganisationen der Parteien an. "Bei den Jusos bin ich dann hängen geblieben. Da stimmte die Chemie. Dann hat sich alles gefügt und ergeben."

    Mit 16 Eintritt bei den Jusos, dazu mit 18 der Beitritt zur SPD. "Die Absicht, Politiker zu werden, hatte ich damals eigentlich überhaupt nicht", erzählt er. "Klar wollte ich mitreden, aber erstmals ging es um Themen und Einfluss vor Ort." Mit anderen Jugendlichen kämpfte Dudas damals für eine Diskothek in Lüdenscheid.

    Er machte eine Lehre als Raumausstatter, ging zur Bundeswehr und landete schließlich bei einem größeren Möbelhaus in der Region. Seine Aufgabe war die Gestaltung von Verkaufsflächen. "Schau-Werbe-Gestalter nannte sich das damals", erzählt Dudas. "Und das hat mir wirklich wahnsinnig viel Spaß gemacht."

    Eines Tages kam die Geschäftsleitung mit der Bitte auf ihn zu, die Rolle des Ausbildungsleiters in dem Haus zu übernehmen. "Da habe ich spontan zugesagt, was sich im Nachhinein als sehr gute Entscheidung erwiesen hat", sagt Dudas heute. Insgesamt 14 Jahre war er in dieser Rolle. "Auch das hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht. Es war spannend mitzubekommen, wie sich junge Menschen vom Azubi weiterentwickeln und diesen Weg eng zu begleiten", so Dudas. "Bis 2010 habe ich das gemacht."

    In dieser Zeit blieb die Politik als Hobby immer fester Bestandteil in seinem Leben. "Ich wurde gefragt, ob ich nicht für ein Ratsmandat in Lüdenscheid kandidieren wolle", erinnert er sich. 1994 zog er für fünf Jahre in das Kommunalparlament. "Dann habe ich fünf Jahre Pause gemacht. Die Liebe war schuld daran. Ich hatte andere Interessen", lacht Dudas. 2004 zog er dann aber erneut in den Rat und ist seitdem ununterbrochen Mitglied dort.

    Landtags-Kandidatur

    2010 kamen wieder Menschen auf Gordan Dudas zu. Diesmal kam die Idee, ob er nicht für den Landtag kandidieren wolle. "Auch da habe ich zugesagt", sagt er. Nach Rücksprache mit der Familie warf er sich ins Rennen, kippte einen CDU-Wahlkreis und sitzt seitdem im Düsseldorfer Parlament. Neben der Verkehrspolitik ist die Arbeitspolitik Schwerpunkt des ehemaligen Betriebsratsvorsitzenden.

    Das Landtagsmandat nimmt viel Zeit im Leben von Gordan Dudas in Anspruch. Er sagt: "Deswegen versuche ich, die wenige Freizeit, die ich habe, nicht zu vergammeln." Mit seiner heutigen Lebensgefährtin, mit der er seit 8 Jahren liiert ist, teilt er das große Hobby Wandern. "Am liebsten im Urlaub wie zuletzt in Österreich", so Dudas. Denn dort kann er das Wandern mit seiner weiteren Leidenschaft, der österreichischen Küche, gut verbinden. "Ich esse sehr gerne und bin ein ganz passabler Koch. Ich experimentiere gerne am Herd und meine Freunde müssen dann als Versuchskaninchen herhalten und meine Werke verspeisen", sagt er.

    Und als Ur-Lüdenscheider zum Essen ein gepflegtes Pils? "Da falle ich aus der Reihe", sagt er. "Ich bin ein großer Fan vom Alt und habe durch die Zeit in Düsseldorf da einiges kennengelernt. Ich habe immer einen Kasten Alt im Keller", so Dudas.Eine andere Leidenschaft, das Fußball-Gucken, tritt derzeit etwas in den Hintergrund.

    Wegen seiner Liebe zu Blau und Weiß. "In Lüdenscheid steht man irgendwann vor der Frage: Dortmund oder Schalke? Ich habe mich schon früh für die Schalker Seite entschieden, bin auch früh Mitglied geworden und habe noch eine vierstellige Mitgliedsnummer. Aber momentan macht es einfach wenig Spaß zuzuschauen. Ich leide im Stillen mit", so Dudas.

    Weniger Fußball, dafür mehr Zeit für den Wahlkampf. In gut einem Jahr ist Landtagswahl. Und Gordan Dudas hofft, dass seine Düsseldorfer Zeit noch weitergeht und er zum vierten Mal seinen Wahlkreis direkt holen kann.

    Jörg Löbker

    Zur Person

    Gordan Dudas wurde 1971 in Lüdenscheid geboren. Seit 1990 ist er Mitglied der SPD und war von 2010 bis 2018 Stadtverbandsvorsitzender der SPD Lüdenscheid. Seit November 2016 ist Dudas Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Märkischer Kreis und seit 2018 Mitglied im SPD-Landesvorstand NRW. Er ist Mitglied der Arbeiterwohlfahrt sowie der Gewerkschaft ver.di und seit Juni 2010 Abgeordneter des nordrhein-westfälischen Landtags.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Ich mag besonders die "Kommissar Dupin"- Kriminalromane. Die Kombination aus Spannung, Humor und bretonischer Eigenart sind ein absoluter Lesespaß.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Ich bin da nicht festgelegt, je nach Stimmungslage höre ich Rock, Pop und Jazz, aber auch schon mal Stimmungs- und Karnevalsmusik.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Fleischwurst, Aufschnitt und Käse, damit ich auch in stressigen Zeiten schnell ein Brot schmieren kann.

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Istrien! Sowohl die mediterranen slawisch-italienischen als auch die alpinen österreichischen ergänzt um die ungarischen Einflüsse machen diese Region so einzigartig erlebenswert.

    ID: LI210319

  • Porträt: Heike Troles (CDU).
    Porträt
    S. 19 in Ausgabe 2 - 09.03.2021

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Heike Troles. Die 52-jährige Bilanzbuchhalterin ist frauenpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag.

    Seit fast vier Jahren fährt Heike Troles zweigleisig. Ihren politischen Aktionsradius beschreibt das Bild in ihrem Abgeordnetenbüro, das ihre Familie ihr nach dem Wahlsieg 2017 geschenkt hat: Die Collage zeigt den Landtag und die Wahrzeichen ihres Wahlkreises, aus Grevenbroich, Dormagen und Rommerskirchen. Neben ihrer Arbeit in Düsseldorf ist die 52-Jährige lokal fest verankert, Kommunalpolitikerin durch und durch.

    "Nahbar sein"

    "Mitmensch sein", steht auf ihrer Homepage, aber was heißt das? Zu oft, findet Heike Troles, redeten die Bürgerinnen und Bürger von "denen da oben", wenn sie Politikerinnen und Politiker meinten. Das missfällt ihr. "Ich will nahbar sein, immer ansprechbar", sagt sie, "das ist mein Auftrag." Umso mehr hadert sie mit dem Entzug durch Corona. Sicher, sie ist unterwegs in sozialen Medien, präsent in Telefonsprechstunden und Videokonferenzen: "Aber der persönliche Kontakt mit den Bürgern fehlt mir sehr."

    Heike Troles ist ein Kind der Braunkohle. Sie wächst auf in Frimmersdorf, "im Schatten der Kühltürme". Das verbindet. Ihr Vater, der bei der Feuerwehr im Tagebau Garzweiler arbeitet, stirbt jung, ihre Mutter zieht die drei Kinder allein groß. Politik ist daheim nur ein Thema unter vielen, gelebt werden christliche Werte. Ihre Oma, die der CDU nahesteht, übernimmt schließlich die politische Sozialisation ihrer Enkelin und schiebt sie sanft in Richtung Union.

    Nach der Mittleren Reife in Grevenbroich macht Heike Troles eine Lehre als Bürokauffrau, bildet sich weiter zur staatlich geprüften Bilanzbuchhalterin. An eine Karriere in der Politik denkt sie nicht im Traum, bis ihr erster Sohn zur Welt kommt. Da fängt sie Feuer. Plötzlich sieht die junge Mutter, die ihren Kinderwagen durch die Stadt schiebt, die Welt mit anderen Augen: Spielplätze fehlen oder sind schwer erreichbar, Bürgersteige zu schmal. Sie kommt mit einem CDU-Ratsherrn ins Gespräch und er rät ihr: "Da musst du selbst was machen."

    Blitzstart

    Sie macht. Heike Troles schnuppert rein in die CDU, tritt schließlich 2002 ein. Es wird ein Blitzstart. Schon zwei Jahre später zieht sie in den Grevenbroicher Rat ein, wird kurz darauf zur Fraktionsgeschäftsführerin gewählt. Eine Zäsur, denn Politik ist jetzt ihr Beruf. "Ich hab’s gewagt und nicht bereut", sagt sie heute, "man ist mittendrin im Geschehen." Von Vorteil: Die Pendelei zum Job nach Mönchengladbach fällt weg, jetzt arbeitet sie, wo sie lebt. Es ist kein Zufall, dass sich die Rheinländerin auch in ihrer Ausschussarbeit der Familien- und Bildungspolitik verschreibt, als sie 2017 in den Landtag einzieht. Auf Anhieb hat sie als erste CDU-Frau der SPD das Direktmandat im Rhein-Kreis Neuss II abgenommen. Im Rat ihrer Heimatstadt bleibt sie Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses. Dass das so wichtige soziale Gremium zu ihrem Bedauern zwischenzeitlich acht Monate nicht tagen kann, gehört zu den vielen Folgeschäden der Pandemie, die das politische Geschäft erschweren.

    Befremdet, so erzählt sie, habe sie anfangs der mitunter rustikale Stil in mancher Plenardebatte. Auch aus Rückmeldungen von Besucherinnen und Besuchern auf der Tribüne weiß sie, dass Zwischenrufe bisweilen nicht gut ankommen. "Streit gehört zur Demokratie, sich gegenseitig zuzuhören aber auch", sagt Troles.

    Für Heike Troles wird 2021 ein wichtiges Jahr. Sie will erneut für den Landtag kandidieren, die Nominierung findet im Juni statt. Außerdem bewirbt sie sich erstmals um den Vorsitz der CDU Grevenbroich. Sieht so aus, als hätte ihre Oma ganze Arbeit geleistet.

    Theo Schumacher

    Zur Person

    Heike Troles hat bis auf eine kurze Auszeit immer in Grevenbroich gelebt. Sie ist verheiratet mit ihrem Mann Wolfgang, einem freiberuflichen Unternehmensberater, mit dem sie zwei Söhne hat, Jonas und Noah. Die 52-Jährige ist seit Juni 2017 Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags und Sprecherin der CDU-Fraktion im Ausschuss für Gleichstellung und Frauen.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    "Trauer und Hoffnung" von Noa Ben Artzi-Pelossof. Die Enkelin Jitzhak Rabins schildert in diesem Buch die Sicht einer jungen israelischen Frau auf ihr Leben und ihre Generation in einem Einwanderungsland mit einer jahrtausendealten Geschichte. Eine junge Frau, die mich sehr beeindruckt hat.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Von A wie Abba bis W wie Robbie Williams höre ich alles - ausgenommen AC/DC und Status quo. Williams ist sogar mein Lieblingssänger. Lieblingslieder habe ich viele und sie sind oft situations- und tagesformabhängig.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Leckeren Käse, Schinken und Salami für eine richtig gute Brotzeit und im Weinkühlschrank einen leckeren Wein.

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Mein Lieblingsreiseziel ist Österreich. In der Stille der Berge und an der frischen Luft verbringe ich gerne mit meiner Familie im Sommer wie im Winter gemeinsame Urlaube auf einer Alm.

    ID: LI210217

  • Porträt: Christian Loose (AfD).
    Porträt
    S. 19 in Ausgabe 1 - 02.02.2021

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Christian Loose. Der 45-jährige Diplom-Kaufmann ist wirtschaftspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion.

    Die Vorkehrungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie hätten die politische Arbeit im nordrhein-westfälischen Landtag nicht einfacher gemacht. Plexiglasscheiben vor und neben jedem Abgeordnetensitz im Plenarsaal engten den Raum ein, veränderten die Geräuschkulisse und machten Zwischenrufe mühsamer. "Ich habe viel weniger Lust dazwischenzufunken", sagt Christian Loose, wirtschaftspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion, augenzwinkernd. Im Fraktionssaal säßen die Abgeordneten mit großem Abstand zueinander, meist müssten die Mitarbeitenden draußen bleiben.

    Loose betrachtet einige der landesweit geltenden Beschränkungen skeptisch. "Mein Motto ist: Schulen öffnen und Alte schützen", sagt der 45-jährige Diplom-Kaufmann, der aufgrund seines Alters erst in einigen Monaten mit einem Impftermin rechnen kann. Er fordert vor allem den Einsatz von Schnelltests für Bewohnerinnen und Bewohner sowie Beschäftigte von Alten- und Pflegeheimen.

    Politisch aktiv wurde Loose, der nach einem Studium der Betriebswirtschaftslehre in Hagen und Münster bei einem großen Energieunternehmen als Controller arbeitete, als er den Mitgründer und früheren Vorsitzenden der AfD, Bernd Lucke, in einer Fernsehdiskussion erlebte. Bis dahin sei er zwar politisch interessiert gewesen und habe sich, geprägt durch seinen Vater, einem gelernten Schlosser und späteren Betriebsratsvorsitzenden in einem großen Industrieunternehmen, immer für Erhalt und Sicherung der Arbeitsplätze in der Industrie starkgemacht. Doch für ein politisches Engagement hätten ihm die Zeit und die zu ihm passende Partei gefehlt. Was Lucke etwa zu Steuerreformen oder Volksabstimmungen sagte, habe ihn so stark beeindruckt, dass er am nächsten Tag das Beitrittsformular ausgefüllt habe.

    Auch in der AfD wollte er zunächst aber nicht aktiv mitarbeiten, sondern vor allem die damals noch junge Partei personell und finanziell stärken. Dann aber sei dem Kreisverband Bochum der Schatzmeister abhandengekommen. Loose wurde gefragt, sagte zu und ist mittlerweile einer der dienstältesten Schatzmeister in der Partei. Obwohl sein politisches Interesse in erster Linie in der Finanz-, Wirtschafts- und Energiepolitik liegt - hier arbeitet Loose an den entsprechenden Programmen der Bundespartei mit -, gehört er seit 2014 dem Bochumer Stadtrat an. Er habe sich damals geärgert, dass ein Baugebiet in Bochum zwar ausgewiesen, aber nichts zur Realisierung unternommen worden sei. Deshalb habe er auf der AfD-Liste für das kommunale Parlament kandidiert - mit Erfolg.

    "Taktisches Manöver"

    Innerhalb der AfD liege er auf der Linie des Vorsitzenden Jörg Meuthen, vom Thüringer Landesvorsitzenden Björn Höcke, Vormann des rechten Parteiflügels, halte er wenig. Dessen Bedeutung werde in der Öffentlichkeit überschätzt, inhaltlich habe Höcke kaum etwas zu bieten, sagt Loose. Er selbst bezeichnet sich als "Hardliner im freiheitlich-konservativen Lager". Und dabei nehme er kein Blatt vor den Mund, egal, ob es um den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet von der CDU oder um Mitglieder der eigenen Partei gehe. Dass die AfD von den anderen Parteien in der Bundesrepublik weitgehend geschnitten werde, ist in seinen Augen im Wesentlichen ein taktisches Manöver, "um uns klein zu halten". Er sei überzeugt, dass in einem Zeitraum von fünf bis zehn Jahren die AfD etwa in Sachsen oder in Mecklenburg-Vorpommern in der Landesregierung vertreten sein werde, zunächst vielleicht über eine Tolerierung. "Wenn auf Dauer 30 Prozent der Wähler ignoriert werden, macht das die Leute wütend."

    Wenn Loose mal nicht von der Politik in Beschlag genommen wird, geht er mit Frau und Sohn gerne wandern, zum Tennis hat er kaum noch Zeit, seitdem er das Mandat in Düsseldorf hat. Auch ins Stadion von Borussia Dortmund, seinem Lieblingsverein in der Fußball-Bundesliga, schafft er es nicht mehr, und das nicht erst, seitdem die Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden.

    Peter Jansen

    Zur Person

    Christian Loose (45) ist gebürtiger Ibbenbürener. Nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann studierte er an der Fernuniversität Hagen und an der Universität Münster Betriebswirtschaftslehre. 2002 schloss er das Studium als Diplom-Kaufmann ab. Loose ist seit 2013 Mitglied der AfD und war von September 2014 bis September 2020 Mitglied im Rat der Stadt Bochum. Seit 2017 ist er Abgeordneter im nordrhein-westfälischen Landtag und dort u. a. Sprecher seiner Fraktion im Ausschuss für Wirtschaft, Energie und Landesplanung.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    "Blackout" von Marc Elsberg. Ein wirklich fesselnder Thriller darüber, was passiert, wenn ein Land seine Energieversorgung gegen die Wand fährt. Diese schonungslose Beschreibung der zwingenden Folgen kann niemanden kalt lassen, der sich mit dem Thema Energieversorgung schon einmal beschäftigt hat.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Von "99 Luftballons" bis "Born to be wild". Auf jeden Fall Gute-Laune-Musik. Das passt immer dann, wenn ich gute Laune habe. Und es hilft in den seltenen Fällen, wenn ich wieder welche bekommen möchte.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Natürlich Milch. Denn Milch macht ja bekanntlich müde Männer munter.

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Südtirol. Dort können wir in Bergseen schwimmen, wandern und auf der Alm einen Kaiserschmarrn genießen. Abends im Dorf lassen wir den Tag dann mit einem Glas Wein und dem Blick auf die Berge ausklingen.

    ID: LI210119

  • Porträt: Matthi Bolte-Richter (Grüne).
    Porträt
    S. 23 in Ausgabe 10 - 22.12.2020

    "Die Wehrmachtsausstellung hat mich in die Politik gebracht", sagt Matthi Bolte-Richter. "Um die 1.000 Neonazis" seien angereist, als die Dokumentation der Verbrechen und des Vernichtungskriegs der deutschen Armee im Frühjahr 2002 in seiner Heimatstadt Bielefeld gezeigt wurde, erinnert sich der Landtagsabgeordnete. "Ich habe gegen die Rechtsextremen protestiert - und dabei viele junge Leute getroffen, die bei den Grünen aktiv waren."

    Gerade 17 war Bolte-Richter damals, wollte im progressiven politischen Spektrum mitarbeiten. Seine Eltern, von Beruf Lehrerin und Bankkaufmann, hätten parteipolitisches Engagement immer positiv betrachtet. "Doch die Linkspartei war mir als damalige PDS zu rückwärtsgewandt - und die SPD zu langweilig", lacht der heute 35-Jährige. "Bei den Grünen hatte ich dagegen das Gefühl: Das ist der richtige Club." Der Teenager trat in die Partei ein. Friedenspolitik, der drohende zweite Irakkrieg, aber auch die Kanzlerkandidatur des bayerischen CSU-Ministerpräsidenten Edmund Stoiber seien genug Motivation gewesen, erzählt Bolte-Richter.

    Was folgte, scheint in der Rückschau wie eine Blitzkarriere: 2004 wurde er, noch keine 19 Jahre alt, in den Bielefelder Stadtrat gewählt. "Danach habe ich mit meinem Vater verhandelt" - auch der war ins Kommunalparlament gewählt worden, allerdings für die FDP. Der Sohn ging als jüngstes Ratsmitglied in den Jugendhilfe- und in den Schul- und Sportausschuss. "Größter Erfolg war der massive Ausbau der Kinderbetreuung", bilanziert der Abgeordnete - gelungen sei dieser "übrigens im interfraktionellen Konsens". Gleichzeitig studierte Bolte-Richter Politikwissenschaft an der Bielefelder Universität. Seinen Bachelor hat er 2008 gemacht.

    Das Superwahljahr 2009 mit Bundestags-, Europa-, sechs Landtags- und Kommunalwahlen in NRW erlebte der Politikwissenschaftler dann als Wahlkampfkoordinator der Bielefelder Grünen. "In der Rückschau sieht das alles so geradlinig und logisch aus", sagt der seit 2014 verheiratete Vater zweier Kinder. Dabei habe er auch Niederlagen einstecken müssen: "Ich habe zwei Mal versucht, in den Landesvorstand der Grünen Jugend gewählt zu werden - doch das hat nie geklappt."

    Geholfen hat seine landesweite Vernetzung dennoch. Der Grünen Jugend sei klar gewesen: "Wenn wir unser Engagement ernst nehmen, brauchen wir auch Mandate." Im Mai 2010 gelang Bolte-Richter über Listenplatz 14 der Sprung in den Landtag. Mit 24 war er der zweitjüngste Abgeordnete - jünger war nur die heutige Ko-Vorsitzende der Grünen Landtagsfraktion, Verena Schäffer.

    "Sorge um Studierende"

    Im Landesparlament ist der gebürtige Bielefelder heute Sprecher seiner Fraktion im Wissenschaftsausschuss und im Ausschuss für Digitalisierung und Innovation. Mit Sorge blickt Bolte-Richter, der selbst noch im Masterstudiengang Politikwissenschaft an der Fernuniversität in Hagen eingeschrieben ist, deshalb auf die Folgen von Corona für Studierende: Schließlich jobbten zwei Drittel für ihren Lebensunterhalt - und mit den Shutdowns hätten sich viele Jobs etwa in der Gastronomie in Luft aufgelöst.

    Dennoch hätten bisher nicht einmal 10 Prozent der 770.000 Studierenden in Nordrhein- Westfalen Corona-Überbrückungshilfen erhalten. "Viele, denen das Wasser bis zum Hals stand, haben die Unis schon verlassen", klagt Bolte-Richter deshalb. Trotzdem zeige die NRW-Wissenschaftsministerin "keinerlei Interesse" an der Notlage vieler "Studis". Schließlich seien auch die Bundeshilfen "völlig unzureichend": Gezahlt werden maximal 500 Euro - dabei seien in vielen Universitätsstädten schon 400 Euro für ein WG-Zimmer fällig.

    Allerdings: Corona verdeutliche auch Zukunftschancen, findet der Grüne.

    Zusammen mit der energiepolitischen Sprecherin seiner Fraktion, Wibke Brems, hat Bolte- Richter schon im Sommer einen "Investitionspakt in Digitalisierung und Klimaschutz" vorgestellt. Glasfaser und 5G-Netz sollen danach verstärkt ausgebaut werden. "Noch heute verfügt fast die Hälfte aller Haushalte in NRW nicht über ausreichend schnelles Internet", ärgert sich der Ostwestfale.

    Dabei mache erst schnelles Netz Homeoffice möglich - und könne so helfen, Berufsverkehr ebenso zu reduzieren wie Behördengänge. Auch eine Verkehrswende weg vom Auto werde durch bessere Vernetzung von Bahn, Bus, Carsharing und Fahrrädern einfacher, hoffen die beiden Grünen. Starten werde die Umsetzung spätestens in zwei Jahren, glaubt Bolte-Richter mit Blick auf Umfragen, die die Grünen in NRW bei 20 Prozent und mehr sehen: "Ich gehe davon aus, dass wir 2022 wieder Teil der Landesregierung sind."

    Andreas Wyputta

    Zur Person

    Matthi Bolte-Richter (35) stammt aus Bielefeld. Nach dem Abitur 2004 studierte er Rechtswissenschaften, Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Bielefeld. Das Studium schloss er mit dem Bachelor-Grad ab. Seit 2017 absolviert er zudem ein politikwissenschaftliches Studium an der Fernuni Hagen. Bolte-Richter ist seit 2010 Mitglied des Landtags und Sprecher seiner Fraktion im Wissenschaftsausschuss sowie im Ausschuss für Digitalisierung und Innovation. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Es ist kein "Lieblingsbuch" für gemütliche Stunden, aber "Früchte des Zorns" von John Steinbeck ist historisch und politisch immer wieder beeindruckend.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Punkrock, Ska und Liedermacher.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Sojasoße

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Die Nordsee

    ID: LI201020

  • Porträt: Christian Mangen (FDP).
    Porträt
    S. 23 in Ausgabe 9 - 01.12.2020

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Christian Mangen (FDP). Der Jurist stammt aus Mülheim/Ruhr und wollte eigentlich nie in die Berufspolitik, wie er sagt. Doch es kam anders. Mangen ist seit 2017 Abgeordneter des nordrhein-westfälischen Landtags. Als Sprecher der FDP-Fraktion im Rechtsausschuss profitiert er von seiner Erfahrung als Rechtsanwalt.

    Der parlamentarische Betrieb nimmt Fahrt auf an diesem Dienstagmorgen. Die Fraktionen tagen nach den Herbstferien zum ersten Mal, Abgeordnete eilen durch das Landtagsfoyer zu den Sitzungssälen. Christian Mangen sieht sich um, nippt an seinem Milchkaffee. "Ich wollte nie in die Berufspolitik", sagt der Freidemokrat nachdenklich. Jetzt ist er mittendrin.

    Erster Job bei Großwerft

    Darauf hat nichts hingedeutet, damals, als er 1991 an der Otto-Pankok-Schule in Mülheim das Abitur macht. Der Karriereentwurf sieht Politik nicht vor, sondern Rechtswissenschaft. Er studiert in Bielefeld, Speyer und Düsseldorf. Den ersten Job bekommt er 1996 als Vorstandsassistent bei der Bremer Vulkan. Als die Großwerft in Konkurs geht, übernimmt ihn kurzzeitig die renommierte Sozietät Redeker, die das Verfahren gegen den Vulkan-Vorstandschef geführt hat. Mit der Anstellung in einer Oberhausener Anwaltskanzlei kehrt Christian Mangen bald darauf an seinen Geburtsort Mülheim zurück.

    "Politisch war ich nicht vorgeprägt", sagt der 48-Jährige. Dabei ist Politik zu Hause immer ein Thema. Beide Elternteile sind Mitglied der FDP. Sein Vater, Betriebsleiter bei Mannesmann, sitzt für die Liberalen im Mülheimer Rat. Doch das politische Erweckungserlebnis des Sohnes kommt erst später und fällt paradoxerweise in eine Phase um sich greifender Politikverdrossenheit. "Das fand ich doof ", erzählt Mangen, "mein Standpunkt war immer, dass man sich engagieren muss."

    "Freiheitsgedanke" reizt

    Doch wo? Die SPD, zu der er bis heute einen "guten Draht" hat, und die CDU kommen durchaus in Frage, die Grünen dagegen scheiden aus. "Ihre Verbotskultur ging mir gegen den Strich", sagt er. Am meisten reizt ihn der "Freiheitsgedanke" der FDP, die Idee, jeder solle sich im Rahmen der Gesetze entfalten können. Es bleibt sein Credo bis heute: "Ich war und bin überzeugt, dass ich am besten weiß, was gut für mich ist." 1993 tritt er in die FDP ein.

    Zwölf Jahre vergehen - als Rechtsanwalt hat er sich längst selbstständig gemacht -, dann lenkt der Zufall sein Leben in eine neue Richtung. In Mülheim springt der bereits nominierte Landtagskandidat der FDP wieder ab. Ersatz muss her, Mangen ist zur Stelle. Auf Listenplatz 113 hat er "null Chance", denkt sich: Das war’s mit der Politik! Doch sein Einsatz hinterlässt Eindruck. Als die FDP drei Jahre später einen OB-Kandidaten sucht, spricht ihn Kreischefin Ulrike Flach an. Mangen macht’s wieder - und wieder vergeblich, auch wenn er das landesweit beste Ergebnis für die FDP einfährt.

    Ende der Fahnenstange, sagt er sich erneut, doch wieder kommt es anders. 2012, vor der vorgezogenen Neuwahl des Landtags, dümpelt die NRW-FDP im Umfragekeller, als der aufstrebende Spitzenkandidat Christian Lindner frische Kandidaten sucht. Diesmal verfehlt Christian Mangen den Einzug in den Landtag nur hauchdünn. Fünf Jahre später dann, als die Regierung Kraft/Löhrmann abgewählt wird, ist er "drin". Und findet sich schnell in der Realität des Abgeordnetendaseins wieder: Sein erlernter Beruf verkümmert fast zum Nebenjob. "Es ist schon viel, wenn ich einen Tag pro Woche als Rechtsanwalt arbeite", sagt er.

    Als Sprecher der FDP im Rechtsausschuss profitiert er von seiner Erfahrung - etwa bei der Gesetzesänderung zur Juristenausbildung ("Das schafft heute kein Student ohne fremde Hilfe") oder der Strafverschärfung bei sexuellem Missbrauch von Kindern, der künftig grundsätzlich als Verbrechen geahndet werden soll. Auch im Kampf gegen die Corona-Krise, sagt er, müssten gerade Rechtspolitiker darauf achten, "dass die Grundrechte der Bürger gewahrt bleiben".

    Wie geht es weiter? Bei der Landtagswahl 2022 will Mangen auf jeden Fall wieder kandidieren. "Mein Leben lang werde ich das aber nicht machen", sagt er. Mal sehen. Wäre ja nicht das erste Mal, dass es anders kommt.

    Theo Schumacher

    Zur Person

    Christian Mangen ist seit 2010 Chef der Mülheimer FDP und saß bis 2018 im Stadtrat. Mit seiner Frau Paulina, die er vor fünf Jahren beim FDP-Parteitag in Siegburg kennengelernt hat, lebt er in Mülheim-Holthausen. Mangen ist seit Juni 2017 Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Marc Aurel "Selbstbetrachtungen". Es fällt nie aus der Zeit, obwohl es schon vor 2.000 Jahren geschrieben wurde.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Marinechöre

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Curry-Paste

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Kampen

    ID: LI200925

  • Porträt: Gabriele Hammelrath (SPD).
    Porträt
    S. 19 in Ausgabe 8 - 13.10.2020

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Gabriele Hammelrath (SPD).

    Aufgewachsen in einem katholisch geprägten Elternhaus im Leverkusener Stadtteil Rheindorf, Abitur auf einem katholisch geführten Mädchengymnasium - und dann als Studentin der Eintritt in die SPD! Der Lebensweg von Gabriele Hammelrath (67) war nicht immer stromlinienförmig. Dass sie irgendwann in der Politik landet, war aber dennoch abzusehen. Denn sie sagt: "Wenn man etwas erreichen will, braucht man eine einflussreiche Machtposition."

    Schon als Schülerin nahm Hammelrath eine Führungsrolle ein: Klassensprecherin, stellvertretende Schülersprecherin. Sie machte den Mund auf, wenn ihr etwas nicht passte. Das führte auf dem von Nonnen streng hierarchisch geführten Gymnasium auch zu Konflikten. "Wenn man die Form wahrte, war alles okay", erzählt sie. "Aber meine zweite Seite ist: Ich bin manchmal schon rebellisch."

    In Rheindorf wuchs sie als Kind behütet auf. In der Gegend kannte jeder jeden. "Ich war Einzelkind, durfte alles machen, was ich wollte. Dadurch war ich als Schülerin empfindlich, was Hierarchien angeht", so Hammelrath. "Aber ich war auch immer rheinisch harmoniebedürftig und so fand sich immer irgendwie ein Weg."

    Nach dem Abitur studierte sie Pädagogik, Psychologie und Soziologie an der Uni Köln. Ihre Diplomarbeit schrieb sie über die Ehe in der Industriegesellschaft. "Über das Frauenthema kam ich dann auch in die Politik”, so Hammelrath. Mit Anfang 20 bekam sie das Parteibuch der SPD. Ihre politische Heimat war immer der linke Flügel der Sozialdemokratie. Jahrelang engagierte sie sich ehrenamtlich. Sie wurde aktiv in der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen, war sieben Jahre lang deren Vorsitzende. Als ihre Tochter geboren wurde, nahm sie sich eine dreijährige politische Auszeit. Danach war sie Ortsvereinsvorsitzende in Ehrenfeld und später auch Vize-Chefin des Unterbezirks.

    Doch komplett abhängig sein von der Politik, das wollte sie nie. Beruflich stand sie somit schnell auf eigenen Beinen. Zunächst arbeitete sie ab 1980 fünf Jahre lang in einer Unternehmensberatung im Bereich Personal, Organisation und Marketing. Dann wechselte sie zur Kölner Volkshochschule, bevor sie 2005 Leiterin des Amtes für Weiterbildung der Stadt Köln wurde. Dieses Amt bekleidete sie sieben Jahre. Doch auch in dieser Zeit war die Politik immer Teil ihres Lebens, ob in Köln oder auch als Delegierte auf Landes- oder Bundesebene.

    Doch irgendwann wurde sie in ihrer Komfortzone unruhig. "In mir reifte der Wunsch, noch einmal etwas völlig anderes zu machen", sagt Hammelrath. Mit 59 Jahren wagte sie den beruflichen Neustart. Die 2012 kurzfristig angesetzte Neuwahl bot die Gelegenheit, für den Landtag zu kandidieren. Mit Erfolg auf Anhieb. Sie gewann das Direktmandat für den Wahlkreis Köln III. Für die Fraktion fungiert sie seit 2015 als stellvertretende wissenschaftspolitische Sprecherin und seit 2017 als Vize-Vorsitzende des Schulausschusses. Zudem bringt sie ihre berufliche Expertise ein, ist Beauftragte für Weiterbildung. Hammelrath: "Das Thema wird immer überfraktionell bearbeitet. Wir arbeiten beispielsweise zurzeit an einer Novellierung des Weiterbildungsgesetzes. Und ich bin sicher, das geschieht einvernehmlich mit allen demokratischen Fraktionen."

    Privat hat sich Hammelrath mit ihrer Familie in Ehrenfeld einen Arbeits-, Wohn- und Rückzugsraum erschaffen. Im Hinterhof ist der Garten der Familie, rings herum sind sowohl ihr Büro als auch das ihres Mannes. Zudem wohnt sie mit ihrem Mann und ihrer erwachsenen Tochter dort. "Es ist eine Oase in der Großstadt. Wir lieben es hier", sagt sie. Auf dem Gelände ist auch immer Hund "Clooney" (halb Bobtail, halb Chow-Chow) unterwegs. "Den Namen hat meine beste Freundin vorgeschlagen, weil dieser Hund so schön ist", lacht sie. Sie kümmert sich zusätzlich um eine Ziehtochter und zieht sich hin und wieder mit einem Krimi zurück. Seit 46 Jahren lebt sie in Köln. Hammelrath engagiert sich in zwei Karnevalsvereinen, ist immer beim Veedelszoch dabei.

    Auch wenn Hammelrath "eher für eine linkere Politik" steht, kann sie besonders in Zeiten der Corona-Pandemie einer Großen Koalition etwas abgewinnen. "Die großen Themen löst man nicht alleine", sagt sie. "In der Koalition gelingt es momentan am besten, den Laden zusammenzuhalten. Man muss in diesen Zeiten mehrheitsfähig sein und die Menschen mitnehmen." Der GroKo etwas Positives abgewinnen, das fällt nicht allen in ihrer Partei so leicht. Aber auch hier zeigt sich: Stromlinien sind nicht Gabriele Hammelraths Ding.

    Jörg Löbker

    Zur Person

    Gabriele Hammelrath (67) stammt aus Leverkusen. An der Universität Köln studierte sie Pädagogik, Psychologie und Soziologie und schloss das Studium als Diplom-Pädagogin ab. Seit 2012 ist sie Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Schon in meiner Kindheit habe ich alles gelesen, was mir in die Finger kam. Und das ist bis heute so geblieben. Zur Entspannung lese ich Krimis - von Patricia Cornwell und Elisabeth Herrmann bis Don Winslow. Aber auch eher skurrile Krimis, wie die von Margery Allingham, Fruttero & Lucentini oder Ross Thomas.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Alles im Bereich Jazz und Swing. Und natürlich den unvergleichlichen Beat und Rock der 1960er und 70er. Und ich lasse mich - inspiriert von den jungen Leuten um mich herum - immer wieder von der Musik junger Bands überraschen.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Es ist leichter aufzuzählen, was nicht in meinem Kühlschrank ist. Ich koche und esse leidenschaftlich gerne - am liebsten mit der Familie und/oder Freunden. Auf jeden Fall ist es regional und jahreszeitlich passend, weil nahezu alle Lebensmittel, auch das Fleisch, von den Bauern aus der Umgebung stammen. Also: kein Spargel im Winter, sondern Grünkohl oder Kürbis.

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Italien, und zwar von Südtirol bis Sizilien, egal ob Berge oder Meer. Dieses Land hat alles: wunderbare Landschaften und die großartigsten Kulturstätten und die nicht nur in den großen und bekannten, sondern auch in den kleinen Städten. Die Menschen verstehen zu leben und sie verstehen viel von gutem Essen und Trinken. Leider verstehen sie nicht ganz so viel von Politik.

    ID: LI200818

  • Porträt: Dr. Stefan Nacke (CDU).
    Porträt
    S. 15 in Ausgabe 7 - 22.09.2020

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Dr. Stefan Nacke (CDU). Der 44-jährige promovierte Soziologe ist Sprecher seiner Fraktion für Wissenschafts- und Kulturpolitik.

    Ein halbes Jahr nach dem ersten Corona-Fall in Nordrhein-Westfalen gibt Dr. Stefan Nacke, CDU-Landtagsabgeordneter aus Münster, den Menschen in unserem Land für ihr besonnenes Verhalten in der Zeit der Pandemie die Note "sehr gut". Die überwältigende Mehrheit habe sich an Abstandsregeln und die Maskenpflicht gehalten, auch die Kontrollen im öffentlichen Nahverkehr hätten gezeigt, dass sich die Menschen an die Gebote hielten. Die Bestnote erteilt Nacke auch der Landesregierung und Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). Er hält ihnen besonders zugute, dass die Grenzen zu den Nachbarländern Niederlande und Belgien nicht geschlossen worden seien, dass das Land unaufgeregt, offen und liberal vorgegangen sei. "Es ging nicht um Politik für die Schlagzeile", sagt er mit einem etwas spöttischen Blick in Richtung München. Nacke glaubt nicht, dass sich die Bedrohung durch die Krankheit in naher Zukunft auflöse: "Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben." Ihm persönlich ist es am wichtigsten, dass unter keinen Umständen noch einmal Schulen, Kindergärten und Spielplätze in Nordrhein-Westfalen geschlossen werden.

    Nacke kann den Einschränkungen, denen er wie nahezu alle Menschen im Land in den letzten Monaten unterworfen war, sogar etwas Positives abgewinnen: "Ich habe noch nie so viel Zeit mit meiner Familie verbracht." Profitiert habe davon vor allem der neunjährige Sohn, mit dem Papa stundenlang an der Werkbank im Keller basteln konnte. Alle hätten sich Mühe gegeben, um konstruktive Arbeitsabläufe zu gewährleisten, meint Nacke. In Videokonferenzen seien Absprachen und Informationsaustausch zwar kein großes Problem, schwierig werde es bei kreativen Prozessen. Da ist in seinen Augen die direkte, persönliche Begegnung unverzichtbar.

    Wenn Nacke auf seine Familie und sich selbst blickt, sieht er darin ein exemplarisches Bild für das Aufsteigerland NRW. Seine Eltern waren zunächst Textilarbeiter bzw. Sekretärin, konnten dann über den zweiten Bildungsweg doch zur Uni und arbeiteten anschließend in der katholischen Erwachsenenbildung und im kirchlichen Dienst. Schon aus diesem Grund fühlt sich der 44-jährige Parlamentarier dem Sozialkatholizismus verpflichtet. Er selbst hat Theologie, Philosophie und Soziologie studiert, im Zentrum stand für ihn dabei besonders die katholische Soziallehre. Nicht zuletzt unter dem Einfluss des Vaters schloss sich Nacke schon früh den Sozialausschüssen der CDU an. Als er als 22-jähriger stellvertretender Kreisvorsitzender der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) - so die offizielle Bezeichnung der Sozialausschüsse - werden wollte, trat er auch der Partei bei.

    Direktmandat in Münster

    Seinen Wohnsitz und Lebensmittelpunkt Münster behielt Nacke, als er an der Universität Bielefeld promovierte und anschließend beim Familienbund in Berlin und als Abteilungsleiter für Politik, Wirtschaft und Soziales im Ruhrbistum Essen arbeitete. 2016 kündigte der damalige Münsteraner Landtagsabgeordnete Thomas Sternberg an, nicht mehr zu kandidieren. Nacke gewann 2017 das Direktmandat im Wahlkreis Münster II. Rasch avancierte er im Landtag zum Sprecher seiner Partei für Wissenschaftspolitik, wie er findet, die spannendste Aufgabe im Landesparlament. Dabei steht er in ständigem Kontakt mit Rektoren, Kanzlern, Personalräten und nicht zuletzt mit den Studenten und kümmert sich um den zweitgrößten Einzelposten im Haushalt. Als stellvertretender Vorsitzender des Kulturausschusses sorgt er sich um die vielen Künstler, die durch die Corona-Krise plötzlich ohne Einnahmen sind, Musiker, Sänger und Schauspieler an erster Stelle. Ihm schwebt vor, dass die Künstlersozialkasse, die sich bereits jetzt um die Krankenversicherung und Altersvorsorge kümmert, künftig auch in Zeiten der Arbeitslosigkeit hilft, ein - wie Nacke klar ist - überaus schwieriges und kompliziertes Unterfangen.

    Eine ganz klare Position vertritt Nacke in der Frage, wer künftig seine Partei, die CDU, führen soll: In seinen Augen kommt nur Armin Laschet, derzeit Ministerpräsident in NRW und stellvertretender Parteichef, für diese Aufgabe in Frage. Laschet habe die Düsseldorfer Regierung geräuschlos durch die Krise geführt, habe Verständnis für soziale und wirtschaftliche Probleme, habe immer die europäische Perspektive im Blick. Dabei sieht er den möglichen Weggang Laschets nach Berlin mit einem lachenden und einem weinenden Auge: "Die Landesregierung lebt von einem starken Ministerpräsidenten. Hier in Düsseldorf wird er fehlen."

    Peter Jansen

    Zur Person

    Dr. Stefan Nacke (44) stammt aus Münster. Er ist verheiratet und hat ein Kind. Nacke ist Mitglied im Bundesfachausschuss "Gesellschaftlicher Zusammenhalt" der CDU Deutschlands und seit 2017 Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags. Er ist Vorsitzender der Enquetekommission III "Subsidiarität und Partizipation. Zur Stärkung der (parlamentarischen) Demokratie im föderalen System aus nordrhein-westfälischer Perspektive" und Landesvorsitzender des Kolpingwerkes NRW.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    "Die Gesellschaft der Singularitäten" von Andreas Reckwitz finde ich sehr hilfreich zum Verständnis aktueller politischer Debatten.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Ich bin ein Jazzfan, verpasse nie das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, kann aber auch einfach Stille genießen.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Meine Lieblingssalami.

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Die Felsen, Pisten und Gassen Südtirols, die Strände und Dünen Texels und die Zeltplätze Nordspaniens.

    ID: LI200717

  • Porträt: Herbert Strotebeck (AfD).
    Porträt
    S. 19 in Ausgabe 6 - 01.09.2020

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Herbert Strotebeck. Der 68-jährige Diplom-Kaufmann ist Sprecher der AfD-Fraktion im Haushalts- und Finanzausschuss sowie in dessen Unterausschuss "Personal".

    Sein Büro im Landtag wirkt nüchtern, zweckmäßig. Auf dem Schreibtisch Aktenordner, Laptop und PC, ein Locher. Keine Familienfotos, keine Urlaubsandenken, nichts Persönliches. An der Wand immerhin ein Kunstkalender. Das aktuelle Blatt zeigt eine Zeichnung Picassos. "Alles andere würde nur ablenken", sagt Herbert Strotebeck.

    Strotebeck ist Mitglied der AfD-Fraktion und mit 68 Jahren einer der ältesten Abgeordneten im Düsseldorfer Landtag. Geboren wurde er in Penzlin in Mecklenburg-Vorpommern. Das Städtchen habe er aber nie wirklich kennengelernt. "Ich wurde ja mit anderthalb Jahren verschleppt", erzählt Strotebeck. "Verschleppt" - so hätten es die DDR-Behörden genannt, wenn Eltern ihre noch kleinen Kinder mit auf die Flucht in den Westen genommen haben. Für die Mutter sei es die zweite Flucht innerhalb weniger Jahre gewesen. Als 16-Jährige sei sie bereits aus Königsberg (seit 1946 Kaliningrad) vor der Sowjetarmee nach Mecklenburg geflohen, wo sie ihren Mann kennengelernt habe. Herbert Strotebeck und seine Eltern fanden ihr neues Zuhause schließlich im Tecklenburger Land. Zu seinem Geburtsort Penzlin, sagt der Abgeordnete, habe er keinerlei Beziehung.

    Während andere Jungen vielleicht Lokführer, Astronaut oder Fußballstar werden wollen, hatte Herbert Strotebeck schon früh anderes im Sinn - er wollte später "etwas Kaufmännisches" machen. Versicherungen vielleicht. Oder zum Finanzamt. "Es war damals nicht schwierig, eine Lehrstelle zu finden", sagt er. Bei ihm habe es auf Anhieb geklappt. Nach der Ausbildung zum Versicherungskaufmann folgten Abschlüsse als Betriebswirt, als Versicherungsfachwirt und schließlich als Diplom-Kaufmann.

    Wenn Strotebeck, der seit 2013 im Ruhestand ist, von seinem Berufsleben spricht, spürt man: Versicherungen waren mehr als nur ein Job für ihn. Gut 25 Jahre lang sei er im Vorstand des Bildungswerks der Versicherungswirtschaft in Essen gewesen, außerdem mit mehr als 30 aktiven Jahren dienstältester Prüfer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Düsseldorf für das Berufsbild der Versicherungskaufleute. Damit ist Schluss, in diesem Jahr sei die fällige Verlängerung ausgeblieben. Strotebeck hätte gerne noch weitergemacht, hat aber auch Verständnis für die Entscheidung: "Ich werde bald 70 und bin nicht mehr im Versicherungsfach."

    "Kritik am Euro"

    Mit dem Ruhestand begann sein politisches Engagement. "Für Politik habe ich mich schon immer interessiert", sagt der 68-Jährige. Nun hatte er mehr Zeit, setzte sich an den Computer und klickte sich durch die Programme der Parteien. Die "Leitlinien" der AfD hätten ihn angesprochen, weil sie mit Zustimmung der Mitglieder entstanden seien, besonders die Kritik am Euro. Er lud einen Aufnahmeantrag herunter, füllte ihn aus und schickte ihn zurück. Wenig später bekam er seinen Mitgliedsausweis. "Ohne Prüfung", betont Strotebeck. Er halte das für falsch. Auf diese Weise seien Leute in die Partei geraten, die dort nicht hineingehörten. Als Sprecher des AfD-Kreisverbandes Mettmann habe er sich deshalb mit den meisten Mitgliedern persönlich unterhalten, bevor über eine Aufnahme entschieden wurde, denn: "Wir wollen die rechten Vögel nicht bei uns haben."

    Strotebeck distanziert sich vom - mittlerweile offiziell aufgelösten - "Flügel" der AfD, von Leuten wie Björn Höcke, dem AfD-Fraktionsvorsitzenden im Thüringer Landtag ("Ich habe 2017 offen den Parteiausschluss Höckes unterstützt"), und Andreas Kalbitz, der vor seinem Ausschluss u. a. Mitglied des AfD-Bundesvorstands war ("Ich bin froh, dass Kalbitz raus ist"). "Der Flügel wird in seiner Bedeutung überschätzt", sagt Strotebeck. Natürlich sei die AfD eine rechte Partei. Für ihn bedeute das "rechtschaffen, geradlinig, ehrlich und zielstrebig, aber nicht rechtspopulistisch oder rechtsnational".

    Seine Schwerpunkte im Landtag seien die Themen Haushalt und Wirtschaft. Er erzählt von Schulden, die an kommende Generationen weitergereicht würden, von einer "Euro-Rettung", die nicht weit gekommen sei. Und dass ihn das alles ärgert.

    Das Gespräch findet im Raum des AfD-Fraktionspressesprechers Michael Schwarzer statt. Ob auch ein Blick ins eigene Büro des Abgeordneten möglich sei? "Natürlich", sagt Strotebeck. Auf dem Flur weist er den Weg, der in diesem Fall einmal nach links führt.

    Michael Zabka

    Zur Person

    Herbert Strotebeck wurde in Penzlin (Mecklenburg-Vorpommern) geboren. Der Diplom-Kaufmann im Ruhestand lebt in Erkrath, ist verheiratet, Vater zweier erwachsener Kinder und dreifacher Großvater. Mehr als 30 Jahre lang arbeitete er als leitender Angestellter in der Versicherungswirtschaft. Strotebeck ist seit 2013 Mitglied der AfD und Sprecher des AfD-Kreisverbands Mettmann sowie des Bezirksverbands Düsseldorf. Seit 1. Juni 2017 ist er Abgeordneter des Landtags Nordrhein-Westfalen.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Ein spezielles Lieblingsbuch habe ich nicht, meine Lieblingsautoren sind Hans-Werner Sinn und Thilo Sarrazin.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Operettenmelodien und Oldies.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Mineralwasser oder Gemüse-/Tomatensaft.

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Die Nordseeküste.

    ID: LI200618

  • Porträt: Wibke Brems (Grüne).
    Porträt
    S. 19 in Ausgabe 5 - 30.06.2020

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Wibke Brems. Die 39-jährige Ingenieurin ist Sprecherin der Grünen Fraktion für Klimaschutz und Energiepolitik.

    "Ich wollte die Welt retten", sagt Wibke Brems. 1998, noch vor ihrem 18. Geburtstag, ist die Abgeordnete aus Gütersloh bei den Grünen eingetreten. "1998 - das war das Jahr, in dem SPD und Grüne die Bundesregierung übernahmen", erinnert sich die 39-Jährige. 16 Jahre hatte Kanzler Kohl da regiert. Als Kind habe sie lange gedacht, "Bundeskanzlerhelmutkohl" sei ein Wort, erzählt Brems - das Amt also an die Person gebunden. "Doch dann gab es diese unglaubliche Aufbruchstimmung."

    "Wegen der Umweltpolitik" sei sie zu den Grünen gegangen, sagt Brems - und denkt an die massiven Proteste, die verhinderten, dass der Shell-Konzern die Nordsee-Ölplattform Brent Spar mit mehr als 100 Tonnen giftigem Ölschlamm im Nordatlantik versenkte. Auch das Ende der Atomkraftwerke war längst nicht beschlossen. "Ich war einfach entsetzt, wie wir mit unserer Erde umgehen", erklärt die Ingenieurin - "und habe dann gedacht: Du musst dich politisch engagieren."

    Politisch war auch die Wahl ihres Studienfachs. An der Fachhochschule Bielefeld hat Brems ab 2000 Elektrotechnik studiert - mit der Fachrichtung Erneuerbare Energien. "Ich wollte Technik verstehen und vermitteln", sagt sie. "Die Tüftlerin, die im stillen Kämmerlein Dinge erfindet, war ich nie."

    Umgesetzt hat die Ostwestfälin ihr Fachwissen dann in der Photovoltaik - zunächst als selbstständige Beraterin, danach bis zur Übernahme des Landtagsmandats 2010 als Leiterin des technischen Supports bei einem Photovoltaik- Großhändler in Paderborn. Parallel blieb sie bei den Grünen aktiv, war sachkundige Bürgerin, wurde Vorsitzende des Grünen-Kreisverbands Gütersloh. Seit 2004 ist sie Ratsfrau der Stadt.

    "Gütersloh ist Heimat", sagt die in Bremerhaven geborene Brems. Zwar stamme ihre Familie aus dem Bremischen, woran auch ihr Name erinnere.

    Sie war sieben Jahre alt, als die Familie wegen der Arbeit ihres Vaters nach Ostwestfalen zog. Im Gütersloher Stadtteil Kattenstroth hat sie zusammen mit ihrem aus Düsseldorf stammenden Mann Can Erdal, wie sie bei den Grünen und Experte für digitales Marketing, ein Holzhaus gebaut, auf dessen Dach natürlich eine Solaranlage Strom erzeugt.

    Im Landtag vertritt Brems für die Grüne Fraktion das "Zukunftsthema Nummer 1": die Energiepolitik und damit große Teile des Themas Klimaschutz. Dabei scheut die Umweltpolitikerin, die kein eigenes Auto hat, nur im Notfall auf Carsharing zurückgreift und gern mit dem Fahrrad in den Urlaub fährt, auch harte Auseinandersetzungen mit dem politischen Gegner nicht. Mehr als "pure Lippenbekenntnisse" gebe die Klimaschutz-Politik von CDU und FDP nicht her, erklärte sie etwa Ende Mai in einer Aktuellen Stunde des Landtags zum Ausstieg aus der Braunkohle.

    Kohleausstieg

    "Gegen eine breite Kohle-Front" argumentierten im Parlament allein die Grünen, ärgert sich Brems auch über die traditionell kohlefreundliche SPD: "Von den Klimawandel-Leugnern ganz rechts rede ich erst gar nicht." Die Energieexpertin setzt deshalb auf "die Mehrheit außerhalb des Landtags" - Umfragen bestätigten seit Jahren den Wunsch der Deutschen nach einem schnelleren Kohleausstieg. Das Feedback von außen, etwa durch die "Fridays for Future"- Bewegung, ist ihr wichtig: "Das zeigt mir, dass wir nicht allein sind."

    Die Verlangsamung der Erderwärmung sei "die wichtigste Aufgabe, die es zu lösen gilt" - davon ist die Grüne überzeugt. Überfällig sei aber auch ein vollständiger Atomausstieg und damit die Abschaltung von Deutschlands einziger Urananreicherungsanlage im münsterländischen Gronau, die etwa das marode belgische Atomkraftwerk Tihange mit Brennstoff beliefere. Ob die Oppositionsrolle dann nicht frustrierend sei? Wibke Brems lacht. "Ich bin nicht in die Politik gegangen, um zu meckern, sondern um zu gestalten, um zu regieren."

    Dass dies - Stand heute - eine Koalition mit den Christdemokraten bedeuten dürfte, ist Brems klar: "Ich habe keine generellen Berührungsängste mit der CDU." Im Stadtrat von Gütersloh jedenfalls habe Schwarz-Grün funktioniert, als Ralph Brinkhaus, heute Vorsitzender der CDU-Bundestagsabgeordneten, dort noch Chef der Ratsfraktion war. "Mir geht es um konkrete Ergebnisse", sagt die Ingenieurin. "Wenn Inhalte wie mehr Klimaschutz, ein massiver Ausbau der Erneuerbaren Energien und die Schließung der Urananreicherungsanlage umsetzbar sind, kann ich mir Schwarz-Grün auch im Land vorstellen."

    Andreas Wyputta

    Zur Person

    Wibke Brems ist seit 15. Juli 2017 als Nachfolgerin von Sylvia Löhrmann Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags. Zuvor war sie bereits von Juni 2010 bis März 2012 sowie von Mai 2012 bis Mai 2017 Landtagsabgeordnete der Grünen. Seit 2016 ist sie eine der Vorsitzenden im Grünen-Bezirksverband Ostwestfalen-Lippe.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Ich lese gerne und sehr viel, von englischen über historische Romane zum Entspannen bis zu Sachbüchern über Klimaschutz und Feminismus zur Weiterbildung. Aus der Fülle kann ich mich für kein Lieblingsbuch entscheiden. Auf meinen Ebook-Reader passen alle drauf, daher ist das mein Lieblingsbuch.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Je nach Stimmung: Bei guter Laune muss es tanzbar und mitsingbar sein - von Robbie Williams über Beatles bis Lady Gaga. Zum Sinnieren hilft dagegen Klassik.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Selbstgemachtes Schokoladen-Eis.

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Von Zuhause mit dem Rad in die Senne, eine einzigartige Naturlandschaft, die es verdient hätte, Nationalpark zu werden. Vom politischen Trubel kann ich am besten in den Wäldern und an den Seen Schwedens abschalten.

    ID: LI200519

  • Porträt: Lorenz Deutsch (FDP).
    Porträt
    S. 15 in Ausgabe 4 - 03.06.2020

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Lorenz Deutsch (FDP). Der 51-jährige Kölner ist kulturpolitischer Sprecher seiner Fraktion.

    Lorenz Deutsch hält einen Moment inne. Man hätte schon über hellseherische Gaben verfügen müssen, sagt er dann, um sich die Bedingungen vorzustellen, unter denen die Menschen in Nordrhein-Westfalen, in der Bundesrepublik, in Europa und nahezu überall auf der Welt seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie vor einigen Monaten zu leben gezwungen sind. Voller Staunen denkt er daran zurück, wie schnell sich sein normalerweise prall gefüllter Terminkalender binnen weniger Tage geleert hat, als ob "das Wasser abläuft, wenn der Stöpsel aus der Badewanne gezogen wird". Langweilig wurde es dem kulturpolitischen Sprecher der FDP-Landtagsfraktion dennoch nicht. Statt Stunden in der Bahn, dem Auto und den verschiedensten Sitzungsräumen zu verbringen, häuften sich die Telefon- und Videokonferenzen am heimischen Schreibtisch.

    Dass er auf viele direkte Kontakte mit Bürgerinnen und Bürgern des Landes, Begegnungen mit Familie, Freunden sowie Gesprächspartnerinnen und -partnern aus der Kulturszene verzichten musste, war für den 51-jährigen Kölner schmerzhaft und besonders gewöhnungsbedürftig. Die vom Staat angeordneten Einschränkungen hält Deutsch gleichwohl für richtig, sie hätten dazu beigetragen, dass Land und Bund die Herausforderungen einigermaßen bestanden haben. Bedenken hat der Liberale dennoch bei den tiefen Eingriffen in das private Leben der Menschen, so etwas habe es in der Geschichte der Bundesrepublik nie zuvor gegeben. Jetzt müssten nicht die Bürgerinnen und Bürger begründen, warum sie wieder mehr Freiheiten wollten, sondern die Politik müsse sehr sorgfältig darlegen, warum welche Einschränkungen weiterhin erforderlich seien. Wichtig seien dabei die richtigen Prioritäten, sagt Deutsch, "wir müssen parallel arbeiten". Ob es um Kultur, Sport, Wirtschaft oder die Kinder gehe - man dürfe nicht eins gegen das andere ausspielen, sondern müsse alle Bereiche gleichermaßen im Auge haben.

    Der Germanist und Politikwissenschaftler hat erst vergleichsweise spät den Weg in die praktische Politik gefunden. Zwar stand er schon immer den Gedanken des Liberalismus nahe, doch erst nach dem Studium befand er, es sei nun an der Zeit, sich politisch zu engagieren, und trat in seiner Heimatstadt Köln den Freien Demokraten bei. 2004 wurde er von der Partei gebeten, als sachkundiger Einwohner im Kulturausschuss des Stadtrates mitzuwirken, und dann, so sagt Deutsch heute, ist eins zum anderen gekommen. Wenige Jahre später rückte er in die Bezirksvertretung für die Kölner Innenstadt ein, wurde in den FDP-Kreisvorstand gewählt, stieg zum Vizeparteichef auf und ist seit 2017 der oberste Freidemokrat in Köln.

    Der Kulturpolitiker Deutsch empfindet es als Privileg, dass es auf diesem Feld, anders als etwa in der Innen-, Finanz- oder Bildungspolitik, einen großen Schulterschluss aller Beteiligten gebe, egal, ob sie einer Koalitions- oder Oppositionsfraktion angehörten. Die Vertreter aller Parteien empfänden sich als Sachwalter der Kultur im Lande, "da gibt es einen großen Korridor, in dem man gemeinsam agiert". Das Aufgabengebiet ist breit gefächert. Das Land Nordrhein-Westfalen ist selbst Träger einiger Institutionen wie der Kunstsammlung NRW oder dem Düsseldorfer Schauspielhaus, die Kulturpolitiker entscheiden über die Förderung von Projekten und Einrichtungen durch alle Sparten. Dabei ergänzen sie von Landesseite die Arbeit der Kommunen, auf denen die Hauptlast für Orchester und Theater liegt. Zurzeit werde an einem Rahmengesetz für die Kulturpolitik gearbeitet, in dem alle Regelungen zusammengefasst werden sollten.

    Besonders stolz ist Deutsch auf eine Neuerung, die durch die Corona-Beschränkungen allerdings derzeit noch auf Eis liegt. Hinter dem sperrigen Begriff "Bibliotheksstärkungsgesetz", das vor allem auf sein Betreiben zurückgehe und das vom Landtag einstimmig verabschiedet wurde, verbirgt sich die Möglichkeit, dass alle öffentlichen Bibliotheken an Sonn- und Feiertagen öffnen dürfen. Mönchengladbach praktiziere den offenen Sonntag seit geraumer Zeit mit großem Erfolg, so Deutsch, jetzt sollten alle Kommunen folgen. Im Vordergrund steht für Deutsch dabei nicht die Ausleihe, sondern die Möglichkeit, sich in den Bibliotheken etwas anzuschauen, auszusuchen, auszuprobieren, mit der ganzen Familie nach Büchern, Spielen, Filmen oder anderem zu suchen.

    In der wenigen freien Zeit, die Landtagsfraktion und Kreisverband Deutsch lassen, bleibt er dem Thema Kultur treu, er liest viel und gerne, geht ins Theater und in Konzerte und gelegentlich schafft er es sogar zu joggen. Als gebürtiger Kölner ist es nahezu unvermeidbar, dass er nicht nur zu den Karnevalsjecken zählt, er ist auch Fan des 1. FC Köln. Nur die Dauerkarte, die er lange besaß, hat er nicht erneuert, ihm fehlt schlicht zu oft die Zeit, ins Stadion zu gehen.

    Peter Jansen

    Zur Person

    Lorenz Deutsch hat Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft an der Universität zu Köln studiert. Von 1998 bis 2011 war er dort wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für deutsche Sprache und Literatur. 2011 wechselte er ans Institut für Germanistik an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Deutsch ist seit 1997 Mitglied der FDP. Er ist seit Oktober 2017 Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags. Deutsch rückte für FDP-Chef Christian Lindner nach, der damals in den Bundestag wechselte.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Ich lese viel, und eigentlich ist immer das aktuelle mein Lieblingsbuch. Aber wenn ich mich entscheiden müsste (einsame Insel ), dann fiele die Wahl auf: Shakespeare, Complete Works.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Das ist ganz stimmungsabhängig, und deshalb auch sehr vielfältig. Was ich immer schätze, ist gutes Songwriting. Hier ein Tipp: The Divine Comedy.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Es ist immer für ein gutes Frühstück an Samstag und Sonntag mit meiner Frau gesorgt - unverzichtbar: Käse.

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Italien, eigentlich überall, aber besonders: Apulien.

    ID: LI200416

  • Porträt: Carsten Löcker (SPD).
    Porträt
    S. 15 in Ausgabe 3 - 05.05.2020

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Carsten Löcker (SPD). Der 59-Jährige stammt aus dem Ruhrgebiet und ist verkehrspolitischer Sprecher seiner Fraktion. Schon sein Großvater war überzeugter Gewerkschafter und Sozialdemokrat. Löcker hat Ausbildungen zum Koch und Berufskraftfahrer absolviert. Bei den Vestischen Straßenbahnen war er Betriebsratsvorsitzender.

    Alles ist anders. Man trifft sich zum Gespräch nicht in Carsten Löckers Landtagsbüro oder sitzt sich im Foyer beim Kaffee gegenüber. Man erreicht ihn zu Hause am Telefon, in Herten-Disteln. Der SPD-Abgeordnete hat seinen Aktionsradius verstärkt in den heimischen Wahlkreis verlagert. Video-Calls, Telefonkonferenzen - und die Plenarsitzungen in Düsseldorf, an denen derzeit weniger Abgeordnete als sonst teilnehmen, verfolgt er meist online. "Klappt ganz gut", sagt er, "kann auf Dauer aber nicht den persönlichen Kontakt ersetzen." Die Politik in den Zeiten von Corona.

    Sonntags auf dem Sportplatz

    Herten also. Als er dort aufwächst, ist von Politik in seinem Elternhaus kaum die Rede. Diskutiert wird über Fußball. Sein Vater kickt in den 50ern erfolgreich in der Amateuroberliga bei Blau-Weiß Langenbochum, seine Mutter ist in den 60er-Jahren, als es der Frauenfußball noch schwer hat, bereits eine sehr gute Mittelstürmerin bei den Sportfreunden Herten. "Klar war, sonntags ging man auf den Sportplatz", erinnert sich Löcker. Schalke 04 ist oft Thema. Als Kind habe er zwei Schnuller im Mund gehabt, sagt der 59-Jährige, "einen königsblauen und einen roten".

    Für den roten sorgt sein Großvater. Er arbeitet als "Püttrologe" (Bergmann) auf der Zeche "Schlägel und Eisen", ist überzeugter Gewerkschafter und Sozialdemokrat. Dem Enkel rät er früh, sich zu engagieren, wenn er etwas ändern wolle, allerdings nur unter einer Bedingung: "Du kannst alles machen, außer in die CDU zu gehen." Noch ist der junge Carsten nicht so weit, aber sein Opa trägt früh dazu bei, dass die SPD - so Löcker - "bis heute Teil meiner DNA ist".

    Lehre als Koch

    Nach der Fachoberschulreife folgt zunächst eine Lehre als Koch. Er hat Interesse an Lebensmitteln, Sinn für gutes Essen. Die dreijährige Ausbildung ist auch sehr anstrengend, erfordert viel Disziplin, oft dauern die Arbeitstage in der Küche zwölf Stunden und länger. "Man musste sich durchbeißen", erinnert sich Löcker. Für ihn ist es gleichwohl eine spannende Zeit, von der er anschließend als Zeitsoldat bei der Bundeswehr profitiert. Dort landet er in der Verpflegungsverwaltung, kümmert sich um die Einkäufe, erstellt Speisepläne. Vier Jahre geht das so.

    Dann die Zäsur. Carsten Löcker hat seine Frau Petra kennengelernt, will eine Familie gründen. "Ich brauchte eine andere Struktur", sagt er, einen Beruf, der verlässlicher ist als das vergleichsweise hektische Dasein als Koch. 1987 geht er zu den Vestischen Straßenbahnen, die gerade Busfahrer suchen, macht eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer. Die Bezahlung ist gut, die Arbeitszeit geregelt. Parallel dazu begibt er sich auf die Spuren des Großvaters, wird freigestellter Betriebsrat, schließlich Vorsitzender. In die SPD ist er schon 1985 eingetreten.

    1999 trägt ihn seine lokale Arbeit in den Hertener Stadtrat, dem er 20 Jahre lang angehören wird, acht Jahre als Fraktionschef. Er erlebt und erleidet den typischen Alltag eines Politikers in der Emscherzone, und bei aller Liebe zum Revier ist Carsten Löcker weit davon entfernt, das Ruhrgebiet zu verklären. Finanzlöcher, wegbrechende Industriearbeitsplätze und eine schmale wirtschaftliche Substanz setzten der einst prosperierenden Kommune bis heute zu. "Herten muss kämpfen", sagt er unumwunden, "wir leben von der Hand in den Mund."

    Löcker findet sein persönliches Einsatzfeld als verkehrspolitischer Sprecher der SPD im Landtag, in den er 2012 gewählt wird. Er nennt es seine "Paradedisziplin". Bei der "Vestischen" habe er mitansehen müssen, wie Infrastruktur über Jahrzehnte von Regierungen jeder Couleur "kaputtgespart" worden sei, zugunsten des Autobahnbaus. "Der Nahverkehr war die Spardose, bis hin zum Verlust von Arbeitsplätzen", so Löcker, "davon hat er sich bis heute nicht erholt." Das müsse sich ändern.

    Ende des Gesprächs. "Machen Sie’s gut, Herr Löcker!" Vielleicht begegnet man sich mal zufällig, vielleicht im Landtag. Schüttelt sich nach der Corona-Ära mal die Hände. Damit man sieht, wen man vor sich hatte, damals am Telefon.

    Theo Schumacher

    Zur Person

    Carsten Löcker (59) war 14 Jahre lang Chef der Hertener SPD. Er wurde zweimal direkt für den Wahlkreis 70 (Herten/Marl) in den Landtag gewählt. Der Vater einer Tochter (29) ist Mitglied im Verkehrs- und Umweltausschuss.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    "Meine Reise in die Welt der Gewürze". Gewürze sind das Leben.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Hauptsache gewöhnlich.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    7 Grad Celsius. Mittel zum Leben brauchen gesunde Umgebung.

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Ich wähle meine Reiseziele nach dem Essen aus: Cuisine impromtue. Trouvaillen vom Markt zu gutem Essen zusammenstellen

    ID: LI200311

  • Porträt: Jochen Ritter (CDU).
    Porträt
    S. 19 in Ausgabe 2 - 17.03.2020

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Jochen Ritter (CDU) aus dem Sauerland.

    In Olpe wird das Jahr laut Jochen Ritter in "vor Schützenfest" und "nach Schützenfest" geteilt. Dieses Ereignis habe nicht nur für den St. Sebastianus Schützenverein Olpe große Bedeutung, zu dessen 5.500 Mitgliedern auch der CDU-Landtagsabgeordnete gehört, sondern für die gesamte Kreisstadt und darüber hinaus. "Das Schützenwesen spielt im Sauerland eine wichtige Rolle", erklärt Ritter, und fügt hinzu: "Zu Recht!" Passend zum Motto "Glaube, Sitte, Heimat" gehört Ritter dem Landtagsausschuss an, der auch "Heimat" zum Gegenstand hat. Aber nicht nur deshalb. Auch "Bauen" und "Kommunales" gehören zu den Angelegenheiten, die dort beraten werden. Das korrespondiert mit dem, womit Ritter sich vor seinem Einzug in den Landtag beschäftigt hat. Er war Leiter Immobilienmanagement der Stadt Gummersbach. "Handballstadt", wie Ritter betont; denn dort hat er, der mit Fußball auf Ascheplätzen aufgewachsen ist, sein Interesse an diesem Sport entdeckt. Und nicht nur das: "Gummersbach hat sich in den acht Jahren, in denen ich dort tätig war, atemberaubend entwickelt. Dabei mitwirken zu dürfen, war eine große Freude."

    Das Kommunale sei seine eigentliche Profession: 20 Jahre hat er Funktionen im gehobenen Dienst des Kreises Olpe bekleidet, die ersten acht Jahre im seinerzeit neu gegründeten Umweltamt. "Ich habe an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung das Wahlfach Umweltrecht belegt und war froh, dann auch meine ersten beruflichen Schritte in dem Metier zu unternehmen." Deshalb falle ihm der Umgang mit Themen wie Wasser- und Abfallwirtschaft sowie Natur- und Bodenschutz, um die es in dem anderen großen Ausschuss, dem er im Landtag angehört, nicht besonders schwer. "Umweltpolitik wartet aktuell mit großen Herausforderungen auf. Wir wollen ihnen damit begegnen, womit Deutschland besonders erfolgreich ist: Marktwirtschaft und Technologie."

    Als "Dipl. Wirtschafts-Ing.", zu dem er sich berufsbegleitend fortgebildet hat, habe er eine Affinität für technische Fragestellungen entwickelt: "Wenn im Bauausschuss 3D-Druck oder im Umweltausschuss Luftreinhaltung auf der Tagesordnung stehen, setze ich mich gerne damit auseinander."

    Seine Wirkungsstätte in Düsseldorf ist das vorläufige Ende einer "Westorientierung": Geboren in Rüthen/Möhne, wo seine Mutter herstammt, ist er in der Gemeinde Finnentrop, der Heimat seines Vaters, aufgewachsen. Die weiterführende Schule war das Rivius Gymnasium der Stadt Attendorn, wo er vor 35 Jahren das Abitur ablegte. Mit der Stadt, der Schule und vor allem seinen Mitschülern fühlt er sich nach wie vor verbunden. "Einmal im Jahr fahren wir zu siebt oder acht aus dem Jahrgang übers Wochenende auf Klassenfahrt."

    Politik stand erst lange nach der Reifeprüfung an erster Stelle. Interessiert war er bereits als Heranwachsender: "Ich war von Helmut Schmidts Kanzlerschaft beeindruckt, seiner Kompromisslosigkeit in Bezug auf die RAF und seinen wirtschaftspolitischen Ansätzen." "Kuriert" von der SPD habe ihn Oskar Lafontaine, erst als Kritiker der Deutschen Einheit, später als Finanzminister. "Witzige Koinzidenz: Am Tag, als ich meinen Antrag auf Mitgliedschaft in der CDU abgegeben habe, ist Lafontaine zurückgetreten." Den Schritt in den Rat der Stadt Olpe vollzog er erst, als er beruflich in Gummersbach gelandet war. "So waren politisches Engagement und berufliche Tätigkeit sauber getrennt", erinnert er sich.

    Eine wesentliche Triebfeder für Ritter, sich dann um ein Mandat im Landtag zu bemühen, sei die seinerzeitige wirtschaftliche Entwicklung gewesen: "2017 stand NRW am unteren Ende im Vergleich der Bundesländer, was Wirtschaftswachstum angeht. Wenn man wie ich aus einer Gegend kommt, die nicht arm an Weltmarktführern ist, kann man bei sowas nicht länger zugucken." Der Anlauf in den Landtag sei auf Anhieb gut gelungen, wobei der Kreis Olpe traditionell kein schlechtes Pflaster für die CDU sei. Trotzdem hat Ritter es nicht langsam angehen lassen: "Ich habe mir im Wahlkampf die Hacken abgerannt, und ich will auch nicht nachlassen."

    Um dafür fit zu bleiben, treibt Ritter gerne Sport. "Ich habe einiges verletzungsbedingt sein lassen müssen, von Fußball über Tennis bzw. Badminton bis Skilaufen, aber ein wenig geht noch." Im Sauerland fährt er gerne Mountainbike, am Rhein hat er das Laufen wieder angefangen.

    Apropos: Spaß hat er an allem, was mechanisch läuft: Uhren mit Handaufzug, Plattenspieler mit Riemenantrieb, Autos mit Boxer-Motoren. Und so hofft er, dass für ihn die Uhr im Landtag noch eine Zeit lang weitertickt. Auch nach der nächsten Wahl im Frühjahr 2022.

    Jörg Löbker

    Zur Person

    Jochen Ritter (53) ist seit 2017 Abgeordneter des nordrhein-westfälischen Landtags. Er ist seit 1999 Mitglied der CDU, war von 2012 bis 2016 Vorsitzender des CDU-Stadtverbands Olpe und ist seit 2015 Vorsitzender des CDU-Kreisverbands Olpe.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Als Kind war ich eine Leseratte, aktuell muss mich ein Buch schon packen, um es auf den Nachttisch zu schaffen. Zuletzt war das Frank Bötschs "Zeitenwende 1979", weil darin eine Zeit beleuchtet wird, in der ich politisch allmählich wach geworden bin, und David Kehlmanns "Tyll", weil ich sehr affin für sprachgewaltige Werke bin.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Entspannen kann ich am besten, wenn ich alte Platten aus Vinyl auflege, Dire Straits "Private Investigations" oder U2 "One". Auch für die ein oder andere Filmmusik kann ich mich begeistern, seien es Klaus Doldinger zu "Das Boot" in der ursprünglichen wie der Techno-Version oder das Thema von Hans Zimmer zu Batman "The Dark Knight Rises" - immerhin geht es um einen dunklen Ritter.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Zum Essen Käse in allen Variationen und Vanillepudding, zum Trinken Grapefruitsaft (sauer macht lustig), und 15 km von der Krombacher Brauerei entfernt wäre es verwunderlich, wenn kein Felsquellwasser im Angebot wäre.

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Ich war noch niemals in New York

    ID: LI200218

  • Porträt: Gabriele Walger-Demolsky (AfD).
    Porträt
    S. 19 in Ausgabe 1 - 28.01.2020

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Gabriele Walger-Demolsky (AfD). Die 54-jährige Betriebswirtin stammt aus Bochum.

    Dass es nicht immer leicht sei, sich zur AfD zu bekennen und für die Partei öffentliche Funktionen wahrzunehmen, habe sie schon am und vorm eigenen Haus erfahren müssen, sagt Gabriele Walger-Demolsky. Die Reifen ihres Autos seien zerstochen, die Hauswand beschmiert, tote Vögel vor den Eingang gelegt worden. Lediglich ein Mann, der sie an einem Werbestand als "Nazi-Schlampe" beschimpft habe, sei von einem Gericht - wegen der "Schlampe" - verurteilt worden. Aber sie habe auch positive Erfahrungen gemacht, wenn es um ihre Parteimitgliedschaft gehe, berichtet die stellvertretende Vorsitzende der AfD-Fraktion im Düsseldorfer Landtag. Mehrere Familienmitglieder seien ebenfalls in der Partei engagiert, und sie habe auf Zugfahrten festgestellt, dass viele Mitreisende interessiert zuhörten, wenn sie sich als AfD-Mitglied zu erkennen gebe und von ihrer politischen Arbeit erzähle.

    Auch im Landtag sei es nicht immer einfach. Es gebe Kolleginnen und Kollegen aus anderen Fraktionen, mit denen man sich völlig normal unterhalten könne, berichtet die aus Bochum stammende Betriebswirtin. Aber es seien auch welche dabei, die ihr den Gruß verweigerten oder es ablehnten, sie beim Namen zu nennen, obwohl sie in denselben Ausschüssen säßen.

    Dabei sei offensichtlich, dass Protest und Widerstand, womit sie immer wieder zu tun habe, nicht in erster Linie ihr als Person gelten, sondern der Partei, in der sie seit 2013 Mitglied ist. Mit dem umstrittenen thüringischen AfD-Landesvorsitzenden Björn Höcke habe sie nie ein Wort gewechselt. Sie habe im September zu den Ersten gehört, die den "Appell der 100" unterzeichneten. Darin hätten sich Parteimitglieder vor allem aus den alten Bundesländern für eine "bürgerliche, freiheitliche, patriotische" AfD eingesetzt und scharfe Kritik an Höcke und dem ihm nahestehenden Flügel geübt.

    Die deutlichen Unterschiede bei Wahlergebnissen und Erscheinungsbild ihrer Partei zwischen den neuen und den alten Bundesländern erklärt sich Walger-Demolsky mit der unterschiedlichen Geschichte der Menschen in Ost- und Westdeutschland. Die Menschen zwischen Mecklenburg und Thüringen seien anders politisch aufgewachsen, sie pflegten eine andere, weit weniger diplomatische Sprache als ihre Landsleute zwischen Schleswig-Holstein und Bayern. In der Sozial- und Wirtschaftspolitik bezögen sie linkere Positionen als ihre Parteifreunde aus dem Westen.

    "Politisch interessiert"

    Sie selbst rechnet sich der "bürgerlichen Mehrheit" in der AfD zu, welche früher zum größten Teil die Union oder die FDP gewählt habe. Vor ihrem Parteieintritt sei sie zwar politisch interessiert gewesen, aber nicht engagiert. Ihre größte politische Aktion hatte sie demnach als Schulsprecherin einer Bochumer Schule. Damals organisierte sie eine stadtweite Demonstration gegen die geplante Abschaffung der Schulsekretärinnen. Aus Widerstand gegen die Einführung des Euro hat sie sich Ende der 90er-Jahre für wenige Monate dem "Bund freier Bürger" angeschlossen. 15 Jahre später sympathisierte sie mit dem Protest des Wirtschaftsprofessors Bernd Lucke, einem der Gründungsväter der AfD, gegen die europäische Eurorettungspolitik. Als ihr Mann ihr 2013 sagte, er sei der neuen Partei beigetreten und fahre jetzt zum Gründungsparteitag nach Berlin, beschloss sie spontan, mitzufahren und sich ebenfalls der AfD anzuschließen. Noch heute sei sie stolz auf ihre niedrige vierstellige Mitgliedsnummer.

    Landespolitik findet sie faszinierend, weil die Probleme näher bei den Menschen seien und greifbarer als in der Bundespolitik. Vor allem in der Schulpolitik sieht sie weitgehende Übereinstimmung mit den Positionen der FDP, ob es um den Erhalt des dreigliedrigen Schulsystems geht oder die Beibehaltung einer neunjährigen Gymnasialzeit. Gravierende Unterschiede zu allen anderen im Landtag vertretenen Parteien stellt sie dagegen beim Thema Zuwanderung und Integration fest, für das sie in ihrer Fraktion zuständig ist. Trotz dieser Differenzen könne sie sich eine Zusammenarbeit mit der CDU vorstellen, vor allem bei den Themen Schule, Innere Sicherheit und Wirtschaft. "Konsequenterweise" stimme die AfD fast 40 Prozent der Anträge aus den Regierungsfraktionen zu, mit etwas Bauchschmerzen könnten es auch mehr sein. Die Beteiligung der AfD an einer Landesregierung in einem der alten Bundesländer sei dennoch auf absehbare Zeit nicht vorstellbar, in einem der neuen Länder hält sie das in den nächsten fünf Jahren allerdings für machbar.

    Wenn die Politik sie nicht in Beschlag nimmt, sind ihre liebsten Beschäftigungen Reisen und Lesen. Und schon seit vielen Jahren geht sie einmal im Monat zum Schießen in ihrem Sportschützenverein.

    Peter Jansen

    Zur Person

    Gabriele Walger-Demolsky (54) ist seit 2017 Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags und seit 2013 Mitglied der AfD. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der Landtagsfraktion. Die Bochumerin ist ordentliches Mitglied im Ausschuss für Kultur und Medien sowie im Integrationsausschuss. In beiden Ausschüssen ist sie auch Sprecherin ihrer Fraktion.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Der Schatten des Windes von Carlos Ruiz Zafón. Die Sprache verzaubert und der Roman fordert den Leser.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Jazz und Shanties. Daher habe ich früher auch gerne WDR 5 gehört.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Apfelschorle und natürlich eine Leckerei für unser schnurrendes Familienmitglied.

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Der Norden von Ostfriesland bis Tromsø. Die einzige Gegend, wo Regen zur Folklore gehört.

    ID: LI200116

  • Porträt: Berivan Aymaz (Grüne).
    Porträt
    S. 23 in Ausgabe 10 - 27.12.2019

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Berivan Aymaz (Grüne). Die 47-jährige Kölnerin kam mit 6 Jahren als Diplomatentochter aus der Türkei nach Deutschland - und verlor nach dem Putsch des Militärs ihren Pass. Aymaz hat Jura und Politikwissenschaft studiert und lange als Übersetzerin und Moderatorin gearbeitet.

    "Von einem Tag auf den anderen waren wir papierlos, ohne Pässe." Wer wissen will, warum Berivan Aymaz Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion für Integrationspolitik, Flüchtlingspolitik und Internationales ist, muss auf ihre Biografie schauen. 1972 in Bingöl, einer kurdischen Provinz in der Türkei, geboren, kam sie sechs Jahre später mit Mutter und Bruder nach Deutschland. Ihr Vater, zuvor Bürgermeister ihrer Geburtsstadt, war wenige Monate vorher Kulturattaché der türkischen Botschaft in Bonn geworden. Kurz vor dem Militärputsch 1980 kam es zu einem Regierungswechsel in der Türkei. Wegen seiner kurdischen Herkunft wurde Aymaz‘ Vater daraufhin abberufen, weigerte sich aber, in die Türkei zurückzukehren.

    "Er wusste, was ihm drohte", erzählt die Kölnerin Aymaz in ihrem Landtagsbüro. In der Türkei seien Onkel und Tanten verhaftet, manche auch gefoltert worden. In Deutschland zog das türkische Militärregime die Pässe der Familie ein. Der Kulturattaché versuchte, die Familie als Gemüsehändler über Wasser zu halten. Den Aufenthaltsstatus sicherte dann der ursprüngliche Beruf - vor seiner politischen Karriere hatte Aymaz‘ Vater als Lehrer gearbeitet. "Vor allem Gewerkschafter haben sehr um eine Bleibeperspektive für uns gekämpft", sagt die 47-Jährige. Die Familie zog nach Paderborn, später dann nach Köln.

    Noch heute bewundere sie ihre Eltern für den Umgang mit Statusverlust und Unsicherheit, sagt Aymaz: "Ich habe die großartige Erfahrung gemacht, dass sie ohne Angst und Trauer zu ihrer politischen Überzeugung gestanden und Haltung gezeigt haben."

    Schnell politisch engagiert hat sich auch Berivan Aymaz. Am Kölner Kaiserin-Theophanu-Gymnasium war sie Schülersprecherin. 1991 organisierte sie Schülerproteste gegen den von den USA angeführten zweiten Golfkrieg mit. Kurz vor dem Abitur aber wollte sie auf die Willy-Brandt-Gesamtschule: "Gymnasium - das war für mich peinlich und spießig. Ich musste auf eine Gesamtschule", erzählt sie lachend.

    Mit dem Abitur in der Tasche studierte Aymaz dann Rechtswissenschaften in Köln und Politikwissenschaften an der Universität (und ehemaligen Gesamthochschule) Duisburg-Essen. Beruflich war sie als Übersetzerin und Moderatorin tätig. Gleichzeitig engagierte sie sich im Kölner Menschenrechtsverein Tüday, der besonders die Türkei im Blick hat. 1993 war sie Mitgründerin des Dachverbands der deutsch-kurdischen Vereine, der Kurdischen Gemeinde Deutschland, - und bis 2003 deren Generalsekretärin. Außerdem arbeitete sie in der Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände und beim Zentrum für Kurdische Studien in Bonn.

    Bei den Grünen ist Berivan Aymaz seit 2009. "Das war eine ganz bewusste Entscheidung", sagt sie: "Ich war nie eine Karteileiche." 2012 gründete sie die Säkularen Grünen NRW mit. Denn vorschnell sei, von ihrer Herkunft auf ihren Glauben zu schließen: "Ich selber gehöre keiner Religionsgruppe an", sagt Aymaz: "Die Religionsfreiheit ist für mich aber ein hohes Gut."

    Belohnt wurde das Engagement der gut vernetzten Aktivistin auch bei den Grünen. 2013 war Aymaz Bundestags-Direktkandidatin, 2014 zog sie in den Rat der Stadt Köln ein. "Köln: Das ist meine Heimat", sagt sie - und schwärmt von der "Lebensqualität", der "Leichtigkeit im Alltag", mit der die "nicht-anonyme Großstadt" Menschen zusammenbringe.

    2017 gelang der Kölnerin der Sprung in den Düsseldorfer Landtag. Dort blickt sie kritisch auf die Politik des FDP-Integrationsministers Dr. Joachim Stamp. Der setze gegenüber Migrantinnen, Migranten und Geflüchteten auf "Zuckerbrot und Peitsche", klagt die Integrationspolitikerin nicht nur in ihrer Halbzeitbilanz: NRW zwinge nicht wenige Asylsuchende, bis zu zwei Jahre isoliert in Landesunterkünften zu leben. Andererseits verspreche die Landesregierung langjährig Geduldeten ein Bleiberecht. "Verunsicherung" sei das Ergebnis.

    Was fehle, sei die Einsicht, dass Deutschland und besonders Nordrhein-Westfalen längst Einwanderungsland sei - und bleiben werde, findet die Grüne. Um diese Migration zum Erfolg zu machen, bräuchten Einwanderinnen und Einwanderer sichere Perspektiven, mahnt die Landtagsabgeordnete, deren Aufenthaltsstatus einst selbst unsicher war - und fordert menschenwürdige Unterbringung, schnellen Zugang zur deutschen Sprache, gute Bildungsangebote. "Mein Traum ist eine Gesellschaft, in der Menschen nicht mehr über ihre Herkunft definiert werden", sagt Aymaz, "sondern über die Werte, die uns hier alle zusammenhalten." Welche das sind? "Demokratie, Menschenrechte, die Gleichstellung von Mann und Frau, Minderheitenrechte."

    Andreas Wyputta

    Zusatzinformationen:

    Zur Person

    Berivan Aymaz wurde in Bingöl (Türkei) geboren. Die 47-jährige Grünen-Politikerin lebt in Köln und ist seit 1. Juni 2017 Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags. Sie ist ordentliches Mitglied im Innen-, Petitions- und Integrationsausschuss, wo sie auch Sprecherin ihrer Fraktion ist.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Es gibt viele Bücher, die mich faszinieren und in den unterschiedlichen Lebensabschnitten begleiten. Eine besondere Lektüre ist aber für mich Orlando, eine Biografie von Virginia Woolf. Ein Ritt durch vier Jahrhunderte und verschiedene Lebensentwürfe, eine großartige Parodie auf Raum und Zeit sowie über fließende Geschlechtergrenzen. Themen, die auch heute noch so gegenwärtig sind.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Musik ist grenzenlos. So grenzenlos ist auch die Bandbreite der Musik, die ich gerne höre. Das kann von Jazz über Pop bis hin zu Folk divergieren. Kurdische Musik ist dabei für mich aber immer unverzichtbar. Daneben berührt mich auch persische Musik.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Einen erfrischenden Joghurt. Der passt einfach zu (fast) allem.

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Es muss nicht weit weg sein. Europa ist für mich immer noch faszinierend. Es ist mir vertraut und es bleibt doch noch so viel zu entdecken.

    ID: LI191020

  • Porträt: Stephen Paul (FDP).
    Porträt
    S. 19 in Ausgabe 9 - 03.12.2019

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Stephen Paul (FDP). Der 47-Jährige stammt aus Herford, er hat eine Banklehre absolviert sowie Politik- und Kommunikationswissenschaften studiert.

    Stephen Paul unterscheidet ganz genau. Nicht Langeweile. Für ihn geht es eher um "lange Weile". Der FDP-Abgeordnete hat einen vollen Kalender, ist viel unterwegs. Der 47-Jährige pendelt viel zwischen Düsseldorf, der Landeshauptstadt, und seiner Heimat Herford. Doch wenn in den seltenen Momenten einmal Ruhe eintritt, wird Paul nicht unruhig. Im Gegenteil. Aus der "langen Weile" zieht er die Kraft für neue anstehende Aufgaben.

    Wenn die Zeit dafür da ist, schnappt sich Paul seine Frau, den Sohn (10) und die Tochter (6) und geht sonntags raus in den Wald. "Dann nehmen wir einfach mal einen Zeichenblock und Stifte mit, setzen uns irgendwo hin und malen, was wir so sehen", so Paul. Die "lange Weile" - Paul mag den Begriff. "Mir sind solche Modewörter wie ‚Quality Time‘ eher zuwider", sagt er. Lange Weile soll für seine Kinder etwas Alltägliches werden. "Wir singen zum Beispiel auch sehr viel, lesen gemeinsam. Dann liegt auch mein Diensthandy mal ausgeschaltet im Büro und brummt nicht ständig in der Hosentasche", erklärt Paul.

    "Alter Hase" im politischen Geschäft

    Wenn er wieder Kraft getankt hat, ist Stephen Paul da für die, die ihn gewählt haben. "Ich versuche, der Politiker zu sein, den ich selbst auch wählen würde", gibt der Herforder als sein Credo aus. "Ich empfinde es als Privileg, einer von 199 Abgeordneten für knapp 18 Millionen Bürger sein zu dürfen", so Paul. "Da empfinde ich Dankbarkeit und habe an mich selbst den Anspruch, dieser Aufgabe gerecht zu werden." Im Landtag sitzt er "erst" seit 2017. Dennoch ist Stephen Paul im politischen Geschäft trotz seiner 47 Jahre bereits ein "alter Hase". Schon 1989 trat er in die FDP ein. Er schaute auch mal bei den Jusos und bei der Jungen Union rein, blieb dann aber bei den JuLis hängen. "Ich fand es bei den JuLis deutlich politischer als bei den anderen", erinnert er sich. Paul machte Abitur, eine Banklehre und seinen Zivildienst in der Schwerstbehindertenbetreuung, kümmerte sich um einen schwerbehinderten Jungen. Zu ihm hat er auch heute noch regelmäßig Kontakt. Danach studierte er in Münster Politik- und Kommunikationswissenschaften, arbeitete für diverse Bundestagsabgeordnete. Von 2004 bis 2017 war er selbstständiger Berater in einer Personalentwicklungsgesellschaft, machte Coachings, Trainings.

    Auch politisch entwickelte er sich weiter. Schnell wurde er Delegierter für den Bundesparteitag, 1999 Vorsitzender der FDP-Fraktion im Herforder Kreistag. "Mit 27 war ich damals der jüngste Fraktionsvorsitzende dort aller Zeiten", schmunzelt er. Der Kreistagsfraktion bleibt er auch weiter als Vorsitzender treu.

    In der Landschaftsversammlung Westfalen-Lippe war er zunächst sachkundiger Bürger, später dort auch Fraktionsvorsitzender bis 2017. Um seiner Verbundenheit zur Heimat besonderen Ausdruck zu verleihen, hat er sich vor 14 Jahren etwas Besonderes einfallen lassen. Seitdem organisiert er in Herford die Verleihung eines Bürgerpreises, den er ins Leben gerufen hat. "Das ist quasi eine Art ‚Oscar‘ für die stillen Stars in unserer Gesellschaft", so Paul.

    Im Fitness-Studio lernte Paul beim Sport seine Frau Dilek kennen. "Sie ist meine wichtigste Stütze und meine wichtigste Ratgeberin", sagt Paul. Mit ihr diskutierte er auch lange die Möglichkeit, über die Landesliste der FDP in den Landtag einziehen zu können. "Wenn sie nicht zu 100 Prozent dahintergestanden hätte, hätte ich es nicht gemacht", so Paul. Auch die Kinder waren einverstanden, obwohl sie ihren Vater wegen der Pendelei zwischen Herford und Düsseldorf seltener sehen als früher.

    Umso wichtiger ist Paul daher die Zeit mit der Familie, die bleibt. Deswegen steuern sie auch im Urlaub Ziele an, an denen sie möglichst viel Zeit miteinander verbringen können. "Wir fahren gerne an die Ostsee, nach Mecklenburg- Vorpommern oder auch an den Bodensee oder nach Italien", so Paul.

    "Probleme lösen"

    Den Einzug in den Landtag sieht Paul als beruflichen Neustart. "Es ist eine Freude, dass mir Vertrauen geschenkt wird. Das ist für mich eine Motivation. Die Freude, Probleme zu lösen." Für seine politische Tätigkeit ist sein Heimatbezug sehr wichtig. Für den Ausschuss für Heimat, Kommunales, Bauen und Wohnen war er daher prädestiniert. Für die FDP-Fraktion im Landtag ist er Sprecher für Heimat, Bauen, Wohnen und Stadtentwicklung und Sprecher für Religion und Kirchen. Für den gläubigen Protestanten Paul ebenfalls eine Herzensangelegenheit.

    Jörg Löbker

    Zur Person

    Stephen Paul ist seit 2017 Mitglied des Landtags Nordrhein-Westfalen und seit 1989 Mitglied der FDP. Der Herforder ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Ich lese gerne zeitgeschichtliche und gesellschaftskritische Literatur, etwa Egon Kischs "rasenden Reporter" oder Erich Kästners "blaues Buch".

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Mein Musikgeschmack ist vielseitig. Von Klein auf bedeuten mir Martin Luthers "ein feste Burg" oder Matthias Claudius "alle gute Gabe" sehr viel. Sie berühren mein Herz. Hier singe ich lauthals mit.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Ein kühles herrliches Herforder.

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Die südliche Toskana.

    ID: LI190919

  • Porträt: Stefan Zimkeit (SPD).
    Porträt
    S. 19 in Ausgabe 8 - 15.10.2019

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Stefan Zimkeit (SPD). Der 55-jährige Oberhausener wollte ursprünglich Journalist werden.

    Ob von Verwandten, Freunden, Bekannten oder Bürgerinnen und Bürgern auf der Straße - es gibt keine Frage, die dem SPD-Landtagsabgeordneten Stefan Zimkeit in den letzten Wochen und Monaten so oft gestellt wurde wie die nach den künftigen Vorsitzenden seiner Partei. Beantworten kann er die Frage auch nicht, schließlich kann er ja nicht in die Herzen und Hirne von mehr als 400.000 Genossinnen und Genossen schauen. Wem er selbst seine Stimme beim Mitgliederentscheid Ende Oktober geben will, hat er noch nicht entschieden. Immerhin ist er mittlerweile überzeugt, dass die Prozedur seinen Sozialdemokratinnen und -demokraten guttut. In den Diskussionen auf den bisherigen Vorstellungsrunden ging es um Inhalte, den Umgang der Kandidatenpaare miteinander findet er ausgesprochen fair.

    Seit 2010 Landtagsabgeordneter

    Doch insgesamt macht sich der 55-jährige Zimkeit auch Sorgen um die Partei, der er seit seinem 18. Lebensjahr angehört und die ein wichtiger Teil seines Lebens geworden ist. Er ist überzeugt, dass die SPD existenziell wichtig für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft ist. Eine abschließende Erklärung für die schlechten Ergebnisse der Sozialdemokraten bei Wahlen und in Umfragen hat Zimkeit nicht. Er hält es jedenfalls für sehr schwierig, dass die SPD in dem gegenwärtigen Regierungsbündnis mit CDU und CSU im Bund wieder ein klares und eindeutiges Profil gewinnen kann, und fürchtet, dass viele Menschen nicht mehr wissen, wofür die SPD stehe und was sie für die Menschen bewirke.

    Dabei hat der Oberhausener, der seit neun Jahren dem Landtag angehört, selbst von der Bildungspolitik der Partei profitiert, deren Mitglied er heute ist. Beide Elternteile hatten keine höheren Bildungsabschlüsse, er war der Erste der Familie, der das Abitur machen und anschließend studieren konnte. Zur Partei stieß er schließlich, weil er in der Endphase der Friedensbewegung Anfang der 90er-Jahre zu der Überzeugung gelangt war, dass Demonstrationen ja ganz wichtig seien, aber zur politischen Gestaltung nicht ausreichten. Deshalb entschloss er sich, den Sozialdemokraten beizutreten, war zunächst bei den Jungsozialisten aktiv, wurde in die Bezirksvertretung gewählt, später in den Rat der Stadt Oberhausen und 2010 in den Landtag.

    Geplant war diese politische Karriere nicht, eigentlich hatte Zimkeit Journalist werden wollen. Während des Studiums verdiente er mit Kellnern und anderen Nebenjobs sein Geld. Nach dem Zivildienst auf einem Bauspielplatz in einem Stadtteil mit vielen Problemen war er ein halbes Jahr arbeitslos und lebte von Sozialhilfe. Er ist sehr froh, dass er sein Hobby Politik zum Beruf machen konnte.

    In der Landespolitik findet er vor allem die enge Verzahnung mit der Kommunalpolitik wichtig, damit seien die Landespolitiker nah bei den Problemen der Menschen vor Ort. Das wichtigste Thema im Landtag ist in seinen Augen die Bildungspolitik. Als haushalts- und finanzpolitischer Sprecher seiner Fraktion versuche er, mit dafür zu sorgen, die finanziellen Mittel so zu verteilen, dass sie dort ankämen, wo sie am dringendsten benötigt werden. Dabei würden häufig die Möglichkeiten unterschätzt, die die Opposition auf dem Gebiet der Haushalts- und Finanzpolitik habe, sagt er. Zwar würden in der Regel alle ihre Anträge auf diesem Feld von der regierenden Koalition abgelehnt. Die ein oder andere Idee, die man dabei ins Gespräch gebracht habe, finde sich aber oft ein oder zwei Jahre später im Haushaltsentwurf der Regierung wieder.

    Borussia-Fan und Motorradfahrer

    Über sein Privatleben gibt Zimkeit nicht viel preis. Die Kaffeetasse auf seinem Schreibtisch verrät, dass er Fan von Borussia Mönchengladbach ist - eine Leidenschaft, die er mit der früheren Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) nicht nur teilt, wenn sie gelegentlich gemeinsam zu Heimspielen im Borussia-Park fahren. Zimkeit geht gerne zu Rock-Konzerten und ist begeisterter Motorradfahrer. Urlaub macht er am liebsten da, wo es warm genug ist zum Motorradfahren, wo es schöne Städte gibt und wo das Meer in der Nähe ist zum Schwimmen.

    Peter Jansen

    Zur Person

    Der Diplom-Sozialwissenschaftler Stefan Zimkeit ist seit 2010 Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags. Seit 1983 ist er SPD-Mitglied; von 1985 bis 1987 war er Vorsitzender der Oberhausener Jusos. Zimkeit ist u. a. Sprecher der SPD-Landtagsfraktion im Haushalts- und Finanzausschuss.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Kein bestimmtes. Ich lese gerne historische Romane, z. B. die Cicero-Trilogie von Robert Harris.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Bruce Springsteen. Er ist der Boss.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Zutaten für ein gutes Frühstück.

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Der Borussia-Park in Mönchengladbach.

    ID: LI190818

  • Porträt: Romina Plonsker (CDU).
    Porträt
    S. 19 in Ausgabe 7 - 24.09.2019

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Romina Plonsker (CDU). Die politische Karriere der 31-Jährigen begann im Wahlkreis Rhein-Erft-Kreis I. Seit Juni 2017 ist die Pulheimerin Mitglied des Landtags. Bereits seit 2016 gehört sie dem Landesvorstand der nordrhein-westfälischen CDU an.

    Eigentlich sollte es anders laufen. Politik als Hauptberuf, das konnte sich Romina Plonsker nicht vorstellen. Bis sie feststellen musste, dass der politische Betrieb mitunter seine eigene Dynamik entfaltet. So kam es, dass vor mehr als zwei Jahren die damals 28-Jährige als jüngste Frau für die CDU in den Landtag einzog. Dort macht sie heute mit Leidenschaft Politik, legt aber auch Wert auf die Feststellung: "Für mich ist es wichtig, unabhängig zu sein, ich fühle mich dann freier."

    Auslandssemester in Madrid

    So ist es nur konsequent, dass sie Ende 2017, schon als Abgeordnete, ihren Master in Betriebswirtschaftslehre macht. Der Kreis schließt sich: Nach dem Abitur hat die Pulheimerin eine Lehre als Bankkauffrau absolviert, später in Köln ihr Bachelorstudium, Schwerpunkt Banken. 2013, als sie ein Auslandssemester in Madrid einlegt, wird Romina Plonsker auch erstmals mit der Außensicht auf deutsche Politik konfrontiert. In der EU tobt der Streit um Brüsseler Milliarden, und auf den Straßen erlebt sie wütende Spanier, die mit Plakaten gegen Kanzlerin Merkel protestieren.

    Es erweitert ihren Blick auf die Politik. Ihr Interesse ist schon als Schülerin geweckt. Die Eltern - der Vater ist Baustoffkaufmann, die Mutter Buchhalterin - sind parteipolitisch ungebunden, erziehen sie zu Toleranz und Respekt, vermitteln ihr christliche Werte. Daheim wird viel und engagiert über Politik diskutiert. Dabei reift bei ihr der Gedanke: "Ich will etwas verändern." Der Vater rät ihr: "Dann geh doch in die Politik!"

    Liebe zum Karneval

    Aber wohin? Im Internet studiert sie Parteiprogramme. Es ist 2005, Bundestagswahlkampf. Und Landtagswahlkampf in Nordrhein-Westfalen. Die SPD kommt nicht infrage. Politik macht sich auch an Persönlichkeiten fest und Schröder, "den fand ich nicht wirklich toll". Das sieht sie bei der CDU anders. Angela Merkel ist zu diesem Zeitpunkt Spitzenkandidatin der CDU im Bund, Jürgen Rüttgers Spitzenkandidat der NRW-CDU. Sie trifft den örtlichen Vorsitzenden der Jungen Union, das Gespräch überzeugt sie. Tags darauf tritt sie in die JU ein. Kein Jahr später wird sie Mitglied der CDU.

    Zwölf Jahre später: Romina Plonsker ist längst selbst Chefin des JU-Bezirks Mittelrhein und die Dinge nehmen ihren Lauf. Sie ist gut vernetzt, wird gefragt, ob sie für den Landtag kandidieren will. Sie will. Es kommt zur Kampfabstimmung in der CDU. Vor vollem Saal hält die junge Frau eine engagierte Rede, lässt auch ihre Liebe zum Karneval nicht unerwähnt ("Ich höre das ganze Jahr Karnevalsmusik") und outet sich als glühender Fan des 1. FC Köln. Vor allem überzeugt sie mit den wichtigen Themen Bildung, Verkehr und Innere Sicherheit. Sie wird nominiert. Dann, bei der Landtagswahl, gewinnt sie von ihrem inzwischen jung verstorbenen SPD-Kollegen Guido van den Berg den Wahlkreis 5 für die CDU zurück.

    In ihrer Fraktion, die zu zwei Dritteln aus Neulingen besteht, aber auch bei der Konkurrenz im Landtag fühlt sie sich sogleich akzeptiert, integriert. "Mir ist es immer wichtig, die andere Seite anzuhören", betont sie. Man nimmt es ihr ab, wenn sie sagt, sie sei flexibel genug, "auch mal die eigene Meinung zu ändern". Dennoch müsse Politik verlässlich bleiben. Sie spürt die aufgewühlte Stimmung in ihrem Wahlkreis, der einen Teil des Tagebaugebiets Hambach abdeckt. Trotz aller berechtigten Kritik an der Kohle - den Grünen macht sie den Vorwurf, "Unsicherheit zu schüren" bei jenen, die sich vor Ort um ihre Arbeitsplätze sorgen.

    Bei aller Weltoffenheit ist Romina Plonsker zu Hause tief verwurzelt. In ihrem Landtagsbüro, das sie mit dem noch jüngeren CDU-Kollegen Florian Braun auf der Porzer Schreibtischseite teilt, erinnert manches an ihre Heimat in Pulheim-Stommelerbusch. Von dort ist auch Köln ganz nah. Als sie aus Madrid zurückkehrt, zündet sie als erstes im Dom eine Kerze an. "Der Dom, das ist wie für viele Menschen in meiner Region ein Stück Heimat für mich."

    Was noch kommt? Wer weiß. Romina Plonsker ist erst 31 und im Wahlkreis Rhein-Erft-Kreis I haben schon ganz andere landespolitische Karrieren ihren Ausgang genommen. Man frage nach bei Jürgen Rüttgers.

    Theo Schumacher

    Zur Person

    Im Landtag ist Romina Plonsker Mitglied in ihren Wunsch-Ausschüssen für Finanzen und Wirtschaft, außerdem Sprecherin im Unterausschuss für Bergbausicherheit. Im Februar wurde sie in den Fachausschuss "Wirtschaft, Arbeitsplätze und Steuern" der Bundes-CDU berufen. Sie gehört dem CDU-Landesvorstand an.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Schnüpperle - Das Buch hat mich als Kind immer in der Adventszeit begleitet und so die Vorfreude auf das Christkind gesteigert.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Kölsche Musik: einmal quer durch die Kölner Musikszene.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Brot vom örtlichen Bäcker und Frischkäse - für den leckeren Snack zwischendurch.

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Die Eifel - ein schöner Kurztrip zum Wandern in der Natur.

    ID: LI190716

  • Porträt: Dr. Martin Vincentz (AfD).
    Porträt
    S. 23 in Ausgabe 6 - 16.07.2019

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Dr. Martin Vincentz (AfD). Der 33-jährige Arzt gehörte früher zu den 32 besten Degenfechtern Deutschlands.

    Als Arzt ist Dr. Martin Vincentz (33) filigranes Arbeiten gewöhnt. In seiner Freizeit kann er aber auch mit dem groben Degen umgehen. Vincentz entdeckte als Kind seine Leidenschaft fürs Fechten, war als Jugendlicher auf internationalen Turnieren vertreten und gehörte einmal als Erwachsener zu den 32 besten Degenfechtern Deutschlands. "Viele verbinden die AfD mit einem scharfen Schwert. Ich aber gelte, auch innerparteilich, eher als einer, der das feine Florett beherrscht", sagt Vincentz.

    Inzwischen hat er den Degen auf der Planche an den Nagel gehängt. Dafür hat er es jetzt politisch mehr mit dem Florett zu tun. Denn die Politik ist nun das alles bestimmende Thema im Leben des Allgemeinmediziners.

    Durch Auftritte von Bernd Lucke in TV-Talkshows wurde Vincentz auf die AfD aufmerksam. "Ich hatte bis dahin nur mal Kontakt zur Jungen Union", sagt er. "Aber das Klima dort gefiel mir nicht zu 100 Prozent. Das war mir alles zu glatt, häufig stand wohl mehr der Karrieregedanke im Vordergrund als das ernsthafte Auseinandersetzen mit politischen Themen." Vincentz suchte im heimischen Krefeld Kontakt zur AfD, trat 2014 in den Ortsverband ein. Der 33-Jährige fand Gefallen an der Partei, wurde schnell stellvertretender Ortsvorsitzender, landete dann auf der Landesliste zur Landtagswahl 2017. Zunächst stand er auf Platz 16. Als am Wahlwochenende der Parteikollege auf Listenplatz 12 überraschend zurückzog, wurde Vincentz gefragt, ob er den Platz einnehmen will. Er sagte zu - und landete im Landtag.

    "Als Mediziner war ich ja 70-Stunden-Wochen gewöhnt", sagt er. "Und wenn man es als Landtagsabgeordneter wirklich ernst meint, nimmt diese Arbeit ähnlich viel Zeit in Anspruch." Aber das stört ihn nicht. "Wenn ich etwas mache, dann mache ich es auch richtig", so Vincentz. So, wie er es mit seinem Plan, der AfD beizutreten, gemacht hat. Die intensivsten Gespräche vor seinem Eintritt in die AfD führte Vincentz mit seiner Frau. Die gebürtige Französin unterstützte ihren Mann von Anfang an und begleitete ihn auch zu Veranstaltungen. "Sie hat sich dabei intensiv mit den Inhalten auseinandergesetzt und ist inzwischen ebenfalls Mitglied geworden", so Vincentz. Da seine Frau auch Ärztin ist, steht die Gesundheitspolitik natürlich im Zentrum der Diskussionen zu Hause.

    In seinem privaten Umfeld stieß Vincentz nicht auf uneingeschränktes Verständnis. "Es gab verschiedene Reaktionen auf meinen Beitritt in die Partei. Ein Drittel, das waren aber eher entfernte Bekannte, haben den Kontakt zu mir einfach abgebrochen; ich hatte nicht einmal Gelegenheit, meine Motive zu erklären", erinnert er sich. "Das zweite Drittel kam auf mich zu und fragte mich skeptisch, wieso ich das mache. Und das letzte Drittel waren Freunde, die mich verstanden und bestärkt haben."

    "Streit- und Debattenkultur"

    Auf seine Mitgliedschaft in der Partei wird Martin Vincentz heute noch häufig angesprochen. Aber er setzt sich gerne mit den Fragen der Menschen auseinander, sucht den Diskurs. Vincentz: "Ich mag es, verschiedene Ansichten zu debattieren. Das ist etwas, was in der Gesellschaft derzeit verloren geht, eine vernünftige Streit- und Debattenkultur." Mit seiner Partei und ihrer Ausrichtung setzt sich der gebürtige Krefelder selbst ständig auseinander. "Mir macht der rechte Rand der Partei schon Sorgen", so Vincentz. "Ich sehe diese Strömung als ernsthafte Gefahr für die Partei und versuche, auf Leute einzuwirken, die mit rechten Äußerungen aus der Reihe fallen. Denn das ist nicht das, was ich mir unter der AfD vorstelle."

    Auch Anfeindungen hat Vincentz schon persönlich erfahren. "Einmal wurde mein Auto zerkratzt. Und auf dem Weg zu einem Parteitag wurde ich von Gegendemonstranten, die noch nie vorher ein Wort mit mir gewechselt haben, als Holocaust-Leugner beschimpft", sagt er. "Aber körperliche Angriffe sind mir glücklicherweise bisher erspart geblieben, ich habe auch noch keine Morddrohungen erhalten. Die Anfeindungen sind eher verbal, wirken aber oft unversöhnlich."

    Im Landtag merkt Vincentz, dass sich der Umgang der anderen Fraktionen mit den AfD-Abgeordneten verbessere. "Anfangs haben wir schon Vorbehalte gegen uns wahrgenommen. Wir wurden zum Teil nicht mal gegrüßt. Das normalisiert sich aber zusehends", sagt er - und greift zum Florett: "Wir können weiter unseren Teil dazu beitragen, denn wir haben in der aktuellen Stimmungslage ja auch noch eine Menge Hausaufgaben zu erledigen."

    Jörg Löbker

    Zur Person

    Dr. Martin Vincentz stammt aus Tönisvorst und hat Humanmedizin in Köln studiert. Er ist stellvertretender Vorsitzender des AfD-Kreisverbandes Krefeld, Leiter des Landesfachausschusses Gesundheit und seit 2016 gesundheitspolitischer Sprecher des AfD-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen. Der 33-Jährige ist seit 1. Juni 2017 Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Nur eines zu nennen, fällt schwer. Milan Kunderas "Die Unsterblichkeit" fällt mir jetzt spontan ein. Weil er es wieder schafft, die ganze unerträgliche Leichtigkeit des Seins mit einer einzigen Geste zu beschreiben.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Meine musikalischen Vorlieben sind eigentlich breit gefächert, nennen würde ich am ehesten 70er-Jahre Rock; manches war früher eben doch einfach besser!

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    In tiefster Dunkelheit ein Licht Und Senf. Nicht, weil ich Senf so mag, aber er hält sich eben lange; eine löbliche Eigenschaft!

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Die Erde hat so viele schöne Fleckchen, aber wenn ich wählen muss, dann die Heimat meiner Frau: die Cóte d‘Azur.

    ID: LI190621

  • Porträt: Norwich Rüße (Grüne).
    Porträt
    S. 19 in Ausgabe 5 - 28.05.2019

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Norwich Rüße (Grüne). Der 53-Jährige aus dem münsterländischen Steinfurt gehört dem Landesparlament seit 2010 an. Er ist Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion für Landwirtschaft, Natur-, Umwelt-, Tier- und Verbraucherschutz.

    Wie seine Eltern auf seinen äußerst ungewöhnlichen Vornamen gekommen sind, das wird der Landtagsabgeordnete der Grünen Norwich Rüße wohl nie erfahren. Auf seine Fragen hat der heute 53-jährige Politiker jedenfalls keine Antwort erhalten. Und eigene Nachforschungen haben auch zu keinem Ergebnis geführt. Dafür hat ihm der seltene Name eine enge Verbindung zu der gleichnamigen englischen Stadt in Norfolk und deren Fußballverein verschafft, der gerade in die erste englische Liga aufgestiegen ist - sehr zur Freude von Norwich Rüße.

    Als er vor einigen Jahren mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern die idyllische Stadt mit knapp 200.000 Einwohnerinnen und Einwohnern besuchte und Karten für ein Spiel des Norwich City Football Club in der Geschäftsstelle abholen wollte, da waren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort so begeistert über den Gleichklang der Namen, dass sie gleich den Teammanager riefen, der die Familie Rüße freundlich begrüßte und durch das ganze Stadion führte.

    Norwich Rüße ist nicht nur Landtagsabgeordneter und Sprecher seiner Fraktion für Landwirtschaft, Natur-, Umwelt-, Tier- und Verbraucherschutz. Gleichzeitig betreibt er den elterlichen Bauernhof in Steinfurt im nördlichen Münsterland, mindestens zweieinhalb Stunden Fahrzeit vom Landtag in Düsseldorf entfernt. 30 Hektar Nutzfläche, derzeit 17 Hereford-Fleischrinder und rund 250 Schweine versorgt er selbst. Beim Säen, Pflügen und Ernten, beim Füttern und Ausmisten hilft ihm nur eine Teilzeitkraft. Selbst beim Transport der Schweine zu einem Schlachthof in Unna sitzt Rüße selbst am Steuer.

    Die Doppelbelastung als Bauer und Politiker ist zwar, wie Rüße einräumt, "manchmal schwierig", aber sie habe auch Vorteile. "Ich beschäftige mich praktisch mit dem, was ich im Landtag bearbeite", sagt er. Landwirte merkten in Diskussionen schnell, ob ihre Gesprächspartner aus der Politik wüssten, worüber sie redeten, oder ob sie die Probleme nur aus der Theorie kennen. "Ich glaube, dass mir meine Arbeit auf dem Hof auch ein Stück Respekt eingebracht hat."

    Bei den Grünen Mitglied geworden ist Rüße, nachdem er schon einige Zeit als sachkundiger Bürger im Rat der Stadt Steinfurt mitgearbeitet hatte. Die Verwaltung wollte Ende der 90er- Jahre einen Campingplatz schaffen, an einem Ort, den Rüße für gänzlich ungeeignet hielt. Er nahm auf der Suche nach Verbündeten Kontakt zu den Fraktionen im Rat auf und fand die Grünen damals, wie er sagt, am nettesten, inhaltlich offen und für seine politischen Anliegen am besten geeignet. Damit habe er auch im Trend der Zeit gelegen: Nach anderthalb Jahrzehnten unter dem christdemokratischen Bundeskanzler Helmut Kohl habe sich Aufbruchstimmung breit gemacht, "es war spannend, zu den Grünen zu kommen", und eine sich abzeichnende Koalition mit der SPD sei zu einem "rot-grünen Projekt" stilisiert worden.

    Heute sieht Rüße die Koalitionsfrage erheblich nüchterner. Mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der die SPD mit der CDU und anderen Parteien über Koalitionen rede, müssten auch die Grünen mit allen demokratischen Parteien über mögliche Regierungsbündnisse sprechen. Dabei fände er gerade bei seinem Spezialgebiet, der Agrarpolitik, ein Bündnis zwischen Grünen und der Union spannend. Denn dann müssten die beiden wichtigsten Widersacher auf diesem Feld einen Kompromiss aushandeln zwischen der mittlerweile zum großen Teil industriell betriebenen Landwirtschaft, die ihre Vertreterinnen und Vertreter in CDU und CSU habe, und der biologisch und extensiv angelegten Agrarstruktur, wie sie die Grünen vertreten würden.

    Seine Arbeit im Landtag mag Rüße "total gerne", die Atmosphäre in dem Rundbau am Rhein habe manchmal sogar "etwas Familiäres". Auch über einen Mangel an Einfluss könne er sich nicht beklagen, sodass er bislang allen Verlockungen, für den Bundestag in Berlin zu kandidieren, widerstanden hat.

    Nordrhein-Westfalen sei nicht nur ein Industrieland, sondern auch ein wichtiger Agrarstandort, betont Rüße. Mit allen möglichen Förderprogrammen, viele davon mit Geldern des Bundes und der Europäischen Union finanziert, entscheide das Land, in welche Richtung die Entwicklung gehen soll. Wichtige Debatten, etwa über den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung, würden von Nordrhein-Westfalen angestoßen und geführt. Oft sei es indirekter Einfluss, der aber größer sei, als es außerhalb wahrgenommen werde.

    Peter Jansen

    Zusatzinformation:

    Zur Person

    Norwich Rüße studierte nach dem Abitur Geschichte und Biologie für das Lehramt in Berlin. Von 1994 bis 1999 war er am Institut für Regionalgeschichte des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe tätig. Nach seinem Eintritt bei den Grünen war er von 2000 bis 2010 Geschäftsführer der Partei im Kreis Steinfurt. Seit Juni 2010 ist er Mitglied des Landtags und derzeit Obmann seiner Fraktion im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss "Hackerangriff/Stabsstelle". Der 53-Jährige führt im Nebenerwerb den elterlichen Bauernhof in Steinfurt.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Vilhelm Moberg, Die Auswanderer. Eine schwedische Chronik, 1949-1959. Vilhelm Moberg schreibt in höchst beeindruckender Art und Weise über die Auswanderung einer schwedischen Bauernfamilie in die USA. In vier Bänden wird der Abschied von der Heimat, das Ankommen in der Neuen Welt und das Gewinnen neuer Heimat geschildert. Die Hoffnungen und Erwartungen der Menschen werden so gut dargestellt, dass man mitfühlt. Das macht diese Bücher absolut lesenswert!

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Ich mag musikalisch eigentlich sehr vieles - aktuell z. B. die Musik von Lady Gaga und Bradley Cooper zum Film "A star is born". Mein absolutes Lieblingsstück ist aber das Violinkonzert Nr. 1, g-Moll von Max Bruch.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Butter & Bier

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Schwierig - denn eines zu nennen, heißt, viele andere schöne Orte auszuschließen. Wenn es unbedingt sein muss: Spiekeroog! Oder doch Rügen ?

    ID: LI190518

  • Porträt: Franziska Müller-Rech (FDP).
    Porträt
    S. 19 in Ausgabe 4 - 16.04.2019

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Franziska Müller-Rech (FDP). Die 33-Jährige aus Bonn gehört dem Landesparlament seit 2017 an.

    Ein Schulreferat hat die schulpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion in ihre Partei gebracht. An der Bonner Liebfrauenschule, einem katholischen Mädchengymnasium, sei sie dafür tief ins Programm der FDP eingetaucht, erzählt Franziska Müller-Rech. "Wir waren immer eine politische Familie", sagt die 33-Jährige - "die Tagesschau war Pflichtprogramm."

    An den Liberalen interessiert habe sie der "Freiheitsgedanke". Schließlich sei ihr Vater aus der DDR nach Westdeutschland geflohen, sagt die Bonnerin, die im gründerzeitlichen Musikerviertel aufgewachsen ist - und die Leistungsorientierung der Partei: Sie selbst hat schon in der Schule eine Klasse übersprungen. Und nach dem Abitur 2003 entschied sie sich für ein berufsintegriertes duales Studium: Versicherungswesen an der TH Köln. "Auch da bin ich familiär geprägt", lacht Müller-Rech: "Mein Vater war Versicherungsmakler, und auch zwei meiner drei Brüder arbeiten in der Versicherungsbranche."

    Sie habe es einfach toll gefunden, schon mit knapp 22 Jahren zwei Abschlüsse zu haben, sagt die Diplom-Kauffrau, die sich selbst als "Pragmatikerin durch und durch" beschreibt. Es folgten zehn Jahre beim Versicherungskonzern Talanx, wo sie nach Stationen als Assistentin und Referentin mit 29 Teamleiterin im Kundenservice eines Pensionsfonds wurde.

    2006, ein Jahr vor Ende des Studiums, ist Franziska Müller-Rech in ihre Partei eingetreten - auch wegen des aus Bonn stammenden Guido Westerwelle: "Bewundert" habe sie den ehemaligen FDP-Außenminister, sagt sie noch heute.

    Auch in der Partei gilt Müller-Rech als Senkrechtstarterin: 2014 wurde sie schulpolitische Sprecherin der Ratsfraktion und Schatzmeisterin des Ortsverbands, 2015 stellvertretende FDP-Kreisvorsitzende. Und seit 2018, als ihr Vorgänger Joachim Stamp zum Integrationsminister und Vize-Ministerpräsidenten aufstieg, leitet sie den Bonner Kreisverband.

    Dass die FDP oft als männlich dominiert wahrgenommen wird, weiß Müller-Rech - in der Landtagsfraktion sind von 28 Abgeordneten nur fünf Frauen. Ihr selbst habe im Job wie in der Partei weitergeholfen, dass sie von ihren 16, 18 und 20 Jahre älteren Halbbrüdern mitgeprägt wurde: "Wir sind eine echte Patchworkfamilie", erklärt sie. "Meine Brüder waren für mich immer die entspannteren Erwachsenen." Bei Themen wie Autos und Fußball habe sie deshalb immer mitreden können, sagt die begeisterte Unterstützerin des 1. FC Köln. Auch das Mädchengymnasium habe "immer vermittelt, dass wir uns nicht die Butter vom Brot nehmen lassen dürfen".

    Dennoch erscheine die FDP auch ihr oft als "Männerwelt", sagt Müller-Rech: Noch fehlten zu oft die weiblichen "Peers", gerade jüngere Frauen in Führungspositionen. Gegen die Parteilinie denkt die Abgeordnete deshalb darüber nach, ob eine "temporäre Frauenquote" helfen könne. In Bonn versucht sie außerdem, politisches Engagement generell familienfreundlicher zu machen.

    "Elternwillen"

    Im Landtag steht Müller-Rech dagegen voll hinter der Linie von FDP-Schulministerin Yvonne Gebauer - schließlich habe sie erst das "Scheitern von Rot-Grün in der Schul- und Innenpolitik" 2017 in den Landtag gebracht. Vorwürfe der Opposition, die von CDU und FDP beschlossene Unterstützung der Förderschulen bremse die Inklusion behinderter Schülerinnen und Schüler, lässt sie nicht gelten: Stattdessen respektiere die Regierungskoalition in bester liberaler Tradition den Elternwillen.

    In sozialen Brennpunkten will Müller-Rech mit besonders geförderten "Talentschulen" für mehr Chancen Benachteiligter sorgen, und ein Unterrichtsausfall von durchschnittlich fünf Prozent aller Schulstunden sei zwar bitter - werde von CDU und FDP aber detaillierter erhoben als von Rot-Grün. "Alles hängt davon ab, dass wir genug Lehrer an die Schulen bekommen", glaubt die Bildungsexpertin.

    Auch die "Fridays for Future"-Klimastreiks der Schülerinnen und Schüler während des Unterrichts sieht die Bildungsexpertin wie ihre Partei kritisch - auf Verbote und Druck allein setzt sie aber nicht. "Wir brauchen Euch", appelliert sie stattdessen an die Streikenden. Politisches Engagement sei wichtig, "egal in welcher demokratischen Partei", sagt sie und macht deutlich, dass sie die AfD oft "menschenfeindlich" findet.

    Ob sie sich bereits als zukünftige Schulministerin sehe? "Nein", lacht Müller-Rech noch einmal und betont, die 1966 geborene amtierende Ressortchefin Gebauer sei doch "auch noch jung". Sie selbst habe im Moment den "tollsten Job, den ich mir vorstellen kann", sagt die "Rheinländerin aus Überzeugung", die in drei Karnevalsvereinen dabei ist und in Bonn gerade mit ihrem Freund in einer Wohnung des Hauses zusammenzieht, das ihr Ur-Urgroßvater 1888 gebaut hat. "Ich bin glücklich wie nie zuvor in meinem Leben."

    Andreas Wyputta

    Zusatzinformationen:

    Zur Person

    Franziska Müller-Rech ist seit 2017 Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags und seit 2006 Mitglied der FDP. Die gebürtige Bonnerin ist ordentliches Mitglied im Ausschuss für Gleichstellung und Frauen, im Sportausschuss sowie im Ausschuss für Schule und Bildung, in dem sie auch Sprecherin ihrer Fraktion ist.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Der Herr der Ringe - weil ich ein großer Fantasy- Fan bin. Den ersten Band habe ich an einem Tag durchgelesen.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Meine Playlist ist grundsätzlich wild gemischt. Einen großen Schwerpunkt bilden aber eindeutig die 90-er.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Mein Frühstück ist immer auf Vorrat im Kühlschrank: Frisches Obst, Skyr und Ingwer. Die meisten Dinge bleiben bei mir auch nicht zu lange im Kühlschrank, weil ich gerne selbst und frisch koche.

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Ich fahre gerne und häufig in die schottische Heimat meines Partners. Außerdem bin ich großer Asien-Fan - da stehen noch ein paar Länder und Regionen an, die ich gerne besuchen möchte. Ich war schon länger nicht mehr auf der Nordseeinsel Juist, da möchte ich bald noch einmal hin.

    ID: LI190420

  • Porträt: Dietmar Bell (SPD).
    Porträt
    S. 19 in Ausgabe 3 - 26.03.2019

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Dietmar Bell von der SPD-Fraktion. Der 57-Jährige aus Wuppertal gehört dem Landesparlament seit 2010 an. Nach dem Abitur hatte er zunächst als Krankenpflegehelfer gearbeitet.

    Manchmal hilft eine kleine Geschichte, eine Person zu beschreiben. Bei Dietmar Bell geht sie so: Vor mehr als zehn Jahren organisierte er als Geschäftsführer von ver.di in Wuppertal einen Arbeitskampf gegen ein Multiplex-Kino, dessen Geschäftsführer sein eigener Zwillingsbruder ist. Es ging um höhere Löhne. Bell rief an: "Wir müssen dich jetzt bestreiken!" Man vereinbarte, öffentlichen Streit zu meiden, doch der Streik wurde durchgezogen, mit Erfolg. Solidarität und Loyalität, das war Dietmar Bell schon immer sehr wichtig. Da kennt er keine Verwandten.

    Lehre als Krankenpfleger

    Rückblende. Als Bell 1980 sein Abitur macht, sind Tarifkonflikte noch weit weg. Das angestrebte Lehramtsstudium verheißt kaum Jobaussichten, also arbeitet er als Krankenpflegehelfer, dann als Kraftfahrer. Verdient gut, genießt das Leben, feiert gern - "wie man das in jungen Jahren so macht". Aber irgendwann reift der Gedanke, er müsse "mal was Richtiges" anpacken, und er beginnt eine Lehre als Krankenpfleger.

    Es ist die Initialzündung. Die Bedingungen für die Auszubildenden seien miserabel gewesen. Als die Arbeitgeber ihre Vergütung drastisch reduzieren wollen, organisieren die Azubis auf eigene Faust einen Aufstand "im Rudelverfahren", wie Bell sagt, er als Schulsprecher vorneweg. Plötzlich steht er in strömenden Regen vor 300 Gleichgesinnten auf einem Platz in Wuppertal, als Hauptredner, weil die Jugendsekretäre der ÖTV im Stau feststecken. Der Kampf lohnt sich, die Kürzung wird abgewehrt.

    Mit 23 Jahren ist er politisiert. Spät, aber nachhaltig. Nach der Tätigkeit auf einer neurologischen Intensivstation besucht er die Sozialakademie Dortmund, studiert Sozialwissenschaften, ehe ihn die ÖTV Wuppertal 1991 als Gewerkschaftssekretär zu sich holt. Was folgt, ist fast zwangsläufig: Parteieintritt. SPD oder Grüne?, fragt sich Bell. "Bei den Grünen waren alle einer Meinung", sagt er, "das fand ich langweilig." Schließlich geht er zur SPD, "weil ich mich über sie geärgert habe". Die Partei sei gerade im Streit um ein schärferes Asylrecht eingeknickt, für ihn ein "historischer Fehler".

    "Soziales Gewissen"

    Er stammt aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater verkauft Fahrkarten bei der Schwebebahn, die Mutter ist Näherin. "Ohne die Reformen der Brandt-Ära hätte ich nie Abitur gemacht", sagt er. Auch heute glaubt er trotz der rasanten Talfahrt der SPD fest an ihre Chance, wenn sie nur ihrem sozialen Gewissen folge und sich weniger mit sich selbst beschäftige. "Die Leute wählen keine Partei, die an sich selbst zweifelt", sagt Bell.

    Sein Aufstieg in der SPD verläuft steil. Als 2003 der Ortsvorstand die Konsequenzen aus einem Spendenskandal zieht und zurücktritt, ist er zur Stelle. Ohne Funktion in der Partei kandidiert er für den Vorsitz und wird gewählt - "von null auf hundert". 13 Jahre bleibt er Parteichef, tritt 2009 bei der OB-Wahl gegen den populären CDU-Amtsinhaber Peter Jung an. Es ist eine Wahl, die er verliert, für sich aber als Erfolgserlebnis verbucht. 2010 dann zieht er erstmals in den Landtag ein. Er ist wissenschaftspolitischer Sprecher seiner Fraktion - "eine tolle Aufgabe".

    Dietmar Bell, seit 1991 mit seiner Frau Anne verheiratet, ist Wuppertaler durch und durch. Mit den Co-Abgeordneten Andreas Bialas und Josef Neumann teilt er sein Wahlkreisbüro im Johannes-Rau-Haus, der SPD-Zentrale. Beim Interview in Bells Landtagsbüro, vor dem ein Pina-Bausch-Plakat hängt, fällt der Name des Ex-Bundespräsidenten mehrfach. Nicht ohne Stolz berichtet Bell, wie ihn einst ein Anruf aus dem Präsidialamt überrascht hat: Rau würde ihn gern mal kennenlernen. Daraus wird ein langes Gespräch in Raus Wuppertaler Haus, "sehr wertschätzend", so Bell. Dass Rau seinen SPD-Unterbezirk genau im Blick hat, merkt er ein halbes Jahr später, als ein Brief ankommt. Darin fragt Rau spitz nach, warum denn eine verdiente Wuppertaler Genossin zu ihrem 90. Geburtstag keinen Blumenstrauß von der SPD bekommen habe.

    Tja

    Theo Schumacher

    Zusatzinformationen:

    Zur Person

    Dietmar Bell ist seit 2010 Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags. Er hat sein Landtagsmandat dreimal in Folge direkt gewonnen. Bell ist wissenschaftspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion. Außerdem leitet er als Vorsitzender die Enquetekommission zur "Digitalen Transformation der Arbeitswelt in NRW".

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    W. G. Sebald - Austerlitz - Ein tief berührendes Buch über die persönliche Entwurzelung und Identitätssuche nach der Menschheitskatastrophe des letzten Jahrhunderts von einem viel zu früh verstorbenen Autor.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Nicht wirklich festgelegt. Gerne ein Sonntagmorgen mit dem Köln Konzert von Keith Jarrett und anschließend die Solo-Sonaten für Viola von Bach.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Orangen, für den frischen Saft am Morgen.

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Astypalea, kleine griechische Insel, zu der ich alle drei bis vier Jahre zurückkehre, weil es ein Stück Heimat geworden ist.

    ID: LI190318

  • Porträt: Josef Hovenjürgen (CDU).
    Porträt
    S. 19 in Ausgabe 2 - 26.02.2019

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Josef Hovenjürgen von der CDU-Fraktion. Der 56-Jährige aus Haltern am See gehört mit einer zweijährigen Unterbrechung dem Landesparlament seit 1999 an. Seit vergangenem Jahr ist er zudem Generalsekretär der nordrheinwestfälischen CDU.

    Josef Hovenjürgen hat es geschafft. Der 56-jährige vierfache Familienvater hat nahezu lautlos die Kommandobrücke der Parteizentrale der nordrhein-westfälischen CDU in Düsseldorf übernommen. Der Generalsekretär kann auch austeilen und ist ein Freund deutlicher Worte. Zurzeit aber ist das nicht erforderlich. Die CDU stellt derzeit die stärkste Regierungsfraktion und die Opposition sei eher mit sich selbst beschäftigt. Er muss den politischen Gegner also nicht täglich herausfordern.

    Schon als 15-Jähriger musste Hovenjürgen Verantwortung übernehmen, nachdem sein Vater, der sich ebenfalls für die CDU engagiert hatte, gestorben war und der Sohn den elterlichen Bauernhof übernahm. Der Ausbildung zum Landwirt folgte eine Ausbildung zum Gesundheitsaufseher.

    Mit 19 trat er in die CDU ein und arbeitete von da an in der Union auf fast allen Ebenen in seiner Heimatstadt Haltern am See. "Ich habe die Kärrnerarbeit von unten bis oben gelernt", erinnert sich Hovenjürgen. Kreisvorstand, Bezirksvorstand und Landesvorstand: Das waren nur einige Stationen seiner politischen Laufbahn. 1999 zog er dann erstmals als Abgeordneter in den nordrhein-westfälischen Landtag ein.

    Nach zehn Monaten war aber dann schon wieder Schluss. Bei der Landtagswahl im Jahr 2000 reichte es nicht für den Wiedereinzug. Im November 2002 rückte er für den seinerzeitigen Generalsekretär der Bundes-CDU, Laurenz Meyer, nach, der in den Bundestag einzog.

    2005 sei für ihn ein entscheidendes Jahr gewesen, sagt Josef Hovenjürgen. In dem Jahr gelang es der CDU unter ihrem damaligen Vorsitzenden Jürgen Rüttgers nach sehr langer Zeit, bei der Landtagswahl die Regierungsmehrheit der Sozialdemokraten zu kippen. Mit beachtlichen 41,2 Prozent der Erststimmen schaffte Hovenjürgen damals den Wiedereinzug in das Landesparlament.

    Jürgen Rüttgers wurde auf das Polittalent aufmerksam, das sich in seiner Heimatstadt Haltern auf eine solide Basis stützen konnte.

    Als Abgeordneter musste er jedoch bald erkennen, dass Rüttgers ein straffes Regiment führte. Widerspruch sei bei diesem Ministerpräsidenten schwierig gewesen, erinnert sich Hovenjürgen. In der Auseinandersetzung über Kindertagesstätten und Elternbeiträge habe Rüttgers es damals versäumt, mit den Kommunalen Spitzenverbänden Einvernehmen darüber herzustellen, wie die klammen Gemeinden die Last tragen könnten, ohne den Eltern sehr hohe Beiträge aufbürden zu müssen.

    Hovenjürgen ließ sich nicht beirren. Für ihn habe damals gegolten: "Ich bin gewählter, nicht ernannter Abgeordneter." Die Niederlage der Regierung Rüttgers im Jahr 2010 sei dann sozusagen hausgemacht gewesen, bedauert der CDU-Generalsekretär. Heute sei er stolz darauf, "dass wir ein anderes Miteinander mit der kommunalen Familie haben".

    Mittlerweile sei es der nordrhein-westfälischen CDU auch gelungen, eine Trendwende in der öffentlichen Meinung herzustellen. Zu diesem Meinungsumschwung habe auch die relativ schwache Opposition im Landtag beigetragen. Fast schwingt ein wenig Mitleid mit, wenn Hovenjürgen mit Blick auf die schwächelnde SPD sagt, dass eine Demokratie Volksparteien benötige. Die SPD-Landtagsfraktion sei bis heute in zwei Lager geteilt und die Grünen, urteilt Hovenjürgen, seien eine "Klientelpartei der Versorgten und Zufriedenen".

    Als der heutige CDU-Landesvorsitzende Armin Laschet ihn bat, das Amt des Generalsekretärs zu übernehmen, habe er zunächst um Bedenkzeit gebeten, dann aber zugesagt. "Du kannst Partei, du kannst auf die Leute zugehen", habe Laschet ihn ermuntert. Inzwischen ist Hovenjürgen froh, dieses schwierige Amt übernommen zu haben. Dabei bleibt er dennoch mit beiden Füßen auf dem Boden, wenn es etwa um Erfolgsbilanzen seiner CDU geht. "Wir sind noch nicht Spitze, wir sind noch nicht die Besten, aber wir kommen voran - Schritt für Schritt", sagt er. "Die Leute erkennen an, was man tut." Dies zu spüren, verursache ein gutes Gefühl.

    Den elterlichen Bauernhof in Haltern am See hat Hovenjürgen mittlerweile verpachtet. Pferdeboxen stehen jetzt dort, wo einst Rinder gemästet und Milchvieh gehalten wurden. In seinem Landtagsbüro erinnern noch etliche Fotos an die Zeit als Landwirt. Der Politiker bezeichnet sich selbst als bodenständig, seine vier erwachsenen Kinder wohnen in Haltern am See in der Nachbarschaft.

    Hovenjürgen liebt die gute Küche und kocht gelegentlich selbst. Hierzu passt dann natürlich eine gute Flasche aus seinem Weinkeller. Ab und zu wandert er gerne mit seiner Frau in der Umgebung seiner Heimatstadt. Und wenn der Ausflug etwas ausgedehnter sein soll, steigt er auf sein E-Bike und lässt es gemütlich angehen.

    Heinz Tutt

    Zusatzinformationen:

    Zur Person

    Josef Hovenjürgen (56) wurde in Haltern am See geboren und lebt bis heute dort. Der vierfache Familienvater ist seit 1983 Mitglied der CDU und seit Juni 2017 Generalsekretär des Landesverbandes. 18 Jahre lang führte er den mitgliederstarken CDU-Kreisverband Recklinghausen. Mitglied des Landtags ist Hovenjürgen mit einer zweijährigen Unterbrechung seit dem Jahr 1999.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Als Kind aus dem Ruhrgebiet ist "Der Junge muss an die frische Luft" natürlich ein absolutes Muss. Die Handlung spielt in Recklinghausen, einer Stadt, die in meinem Heimatkreis liegt und die ich seit Jahrzehnten gut kenne.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Ich bin da auf nichts festgelegt. Ich höre gerne populäre Musik aus allen Bereichen.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Unser Kühlschrank ist immer gut gefüllt. Nicht fehlen dürfen Castello-Blue-Weichkäse und ein guter Weißwein.

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Für mich braucht es keine Fernreisen. Unser NRW ist so vielfältig, dass ich nicht nur gerne hier arbeite, sondern auch gerne hier Urlaub mache - Ostwestfalen, die Eifel, das Rheinland. Schön ist es auch in der Lüneburger Heide oder in anderen Teilen von Niedersachsen.

    ID: LI190218

  • Porträt: Andreas Keith (AfD).
    Porträt
    S. 15 in Ausgabe 1 - 29.01.2019

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Andreas Keith, der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Fraktion. Der 51-jährige gelernte Forstwirt stammt aus der Pfalz und lebt heute im Rheinland.

    Wenn es nach seinen Großeltern gegangen wäre, dann säße Andreas Keith heute nicht als Parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag, sondern als CDU-Abgeordneter im Kreistag von Ludwigshafen und würde auf dem familieneigenen Hof Obst, Wein und Spargel anbauen. Im Zentrum der Pfalz hat der heute 51-Jährige seine Wurzeln; und an der Pfalz hängt auch heute noch sein Herz, dort protestierte er gegen die Stationierung von US-amerikanischen Pershing-II-Raketen und die Lagerung von chemischen Waffen im nahen Fischbach, dort schloss er sich der Jungen Union an. Dort endete auch seine erste politische Laufbahn, als er auf einer Diskussionsveranstaltung in Schifferstadt dem damaligen Bundeskanzler und CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl eine Frage nach den Raketen stellte, die der als ausgesprochen frech empfunden habe.

    Die Liebe und der Beruf verschlugen den gelernten Forstwirt Jahre später ins Rheinland nach Leverkusen, wo er sich mittlerweile auch zu Hause fühlt. Das Interesse an Politik hatte nicht nachgelassen und lag wohl in der Familie. Mit Eltern und Großeltern war regelmäßig über aktuelle politische Fragen diskutiert worden, ein Cousin ist Gründungsmitglied der Grünen in Rheinland-Pfalz. Keith fühlte sich damals von den Thesen Bernd Luckes, einer der Gründer der AfD, angesprochen und reiste eigens nach Hannover, um Lucke zu hören und kennenzulernen. Als Lucke erfuhr, dass Keith u. a. in einer Agentur für die damals neu entstehenden Social Media arbeitete, verpflichtete er ihn gleich zur damals noch ehrenamtlichen Tätigkeit für die AfD in diesem Bereich. 2013, als aus der Bewegung auf dem Gründungskongress in Oberursel im Taunus eine Partei wurde, war Keith eines der ersten Mitglieder.

    Die Themen, die ihn damals bewegten, waren ganz andere als die Probleme, mit denen die AfD heute in erster Linie in Verbindung gebracht wird. Keith ging es damals um das Thema Demokratie, etwa die direkte Wahl des Bundespräsidenten und die Stärkung von dessen Position, er plädierte für mehr Volksentscheide und teilte Luckes Kritik an der EU-Bürokratie in Brüssel. Als Lucke 2015 den parteiinternen Machtkampf gegen Frauke Petry und andere Widersacher verlor und sich verabschiedete, kam für Keith selbst allerdings ein Austritt nicht in Betracht: Er hatte die neue Partei, die überall in Deutschland regionale Verbände gründete und bei Wahlen zunehmend erfolgreich war, zu seinem eigenen Ding gemacht.

    Wandern und Fußball

    Keith ist überzeugt, dass Deutschland die AfD als "konservative Partei" braucht. "Wenn man das als rechts bezeichnet, bin ich eben rechts." Er denkt an die vielen Menschen, denen die Entwicklung in allen möglichen Bereichen zu schnell geht, die sich nach Heimat, nach Geborgenheit, nach einer vertrauten Umgebung sehnen. Für diese Menschen soll die AfD nach seiner Vorstellung eine demokratisch legitimierte Stimme sein. Rechtsextremistische Tendenzen, die der AfD immer wieder vorgehalten werden, kann er im nordrhein-westfälischen Verband, wo er auch Landesgeschäftsführer war, nicht erkennen. Er macht aber kein Hehl daraus, dass die Sprache, die besonders in ostdeutschen Verbänden häufig zu hören ist, nicht die seine ist. Damit käme man in den neuen Ländern vielleicht auf bessere Ergebnisse, in der alten Bundesrepublik schreckten solche Töne aber viele Menschen ab. Keith ist in diesem Sinne eigenen Angaben zufolge mit seinen ostdeutschen Parteifreunden im Dialog, er vertraut dabei auch auf den innerparteilichen Lernprozess.

    Viel Zeit für Privatleben bleibt ihm neben seiner Arbeit im Landtag und seiner Funktion in der Partei nicht, im vergangenen Jahr war er an 30 Wochenenden im Einsatz. Wenn ihn die Politik mal loslässt, geht er mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen gerne wandern und zwar sowohl in seiner neuen wie auch in seiner alten Heimat. Leidenschaftlich gerne spielt Keith Fußball und war auch schon für den FC Landtag im Einsatz. Sein Herz schlägt aber für den 1. FC Kaiserslautern, mittlerweile Drittligist. Wenn der FCK zu Auswärtsspielen nach Krefeld, Köln oder Münster reisen muss, dann ist Keith auf der Tribüne anzutreffen.

    Peter Jansen

    Zusatzinformation:

    Zur Person

    Andreas Keith (51) hat eine Ausbildung zum Forstwirt und eine Weiterbildung zum Forsttechniker absolviert. Seit 2013 ist er Mitglied der AfD. Er ist Gründungsmitglied des Landesverbandes NRW sowie Mitglied des Landesvorstands. Keith ist verheiratet und hat zwei Kinder.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    John Irving: Gottes Werk und Teufels Beitrag: Eine mitreißende Beschreibung des Dilemmas, sich zwischen Gut und Böse entscheiden zu müssen - und dann festzustellen, dass es nicht immer ein Gut oder Böse gibt. Zudem finde ich es faszinierend, dass es Menschen gibt, die unendlich traurige Geschichten erzählen können und ihre Leser trotzdem nicht mutlos machen, sondern das Gefühl vermitteln, dass zumindest einige Sonnenstrahlen, ganz vorsichtig, immer dann für Aufhellung sorgen, wenn man den Tränen nahe ist.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Mit großer Begeisterung höre ich Singer und Songwriter wie David Gray oder Natalie Merchant.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Milch. Ohne Milch geht bei uns nichts. Ob im Müsli, als Kakao oder einfach so: Die Milch macht‘s!

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Kroatien. Eines der schönsten Segelreviere in Europa, mit traumhaften Inseln und beeindruckenden Landschaften. Dabei voller Kultur und Geschichte, vor allem aber geprägt von unglaublich freundlichen, hilfsbereiten Menschen mit einer großen Gelassenheit.

    ID: LI190115

  • Porträt: Verena Schäffer (Grüne).
    Porträt
    S. 23 in Ausgabe 11 - 18.12.2018

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre politischen Schwerpunkte? Die Parlamentszeitschrift Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe eine Abgeordnete oder einen Abgeordneten vor. Diesmal im Porträt: Verena Schäffer, die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen-Fraktion. Die 32-jährige Historikerin ist seit 2012 Mitglied des Landesparlaments, lebt in Witten und bezeichnet sich als "Kind des Ruhrgebiets". Die Schwerpunktthemen der zweifachen Mutter: die Innenpolitik und Strategien gegen Rechtsextremismus.

    Mit 23 Jahren erstmals Abgeordnete, mit 25 Vize-Fraktionschefin, mit 30 Parlamentarische Geschäftsführerin - was kommt als nächstes? Verena Schäffer muss lachen. "Keine Ahnung, ich habe keinen Plan." Und selbst wenn, sie würde ihn nicht verraten. Jetzt wolle sie erst einmal ihren "Job gut machen und das mit den beiden Kindern hinkriegen". Seit die Grüne acht Wochen nach der Geburt ihres Sohnes wieder in Düsseldorf eingestiegen ist, verläuft ihr Alltag, sagen wir mal: sportlich.

    "Bis Mitternacht am Schreibtisch"

    Es ist Freitag, das Ende einer anstrengenden Plenarwoche. In der zweiten Fraktionsreihe hält Verena Schäffer die Stellung. Eine halbe Stunde später sitzt sie in ihrem nüchtern eingerichteten Büro, atmet durch. Hinter ihr steht der Kinderwagen. Die Babysitterin klopft an, um ihr ihren Jüngsten zu bringen.

    2010, als die ehrgeizige junge Frau nach ihrem Bachelor-Abschluss auf Berufspolitik umschaltete, vermisste sie weder Reisen noch abendliches Partymachen. Jetzt aber, da sie Familie hat, lernt sie die Kehrseite der parlamentarischen Medaille kennen. "Manchmal ist es schwierig", sagt die Wittenerin, "beides unter einen Hut zu bringen." Sie arbeite mehr als Vollzeit. Wenn ihr Sohn und seine dreijährige Schwester abends im Bett liegen, sitzt sie regelmäßig bis Mitternacht am Schreibtisch, beantwortet E-Mails, liest Unterlagen.

    Nein, sie beklagt sich nicht. Als "PG" mache es ihr "großen Spaß, die parlamentarische Arbeit im Hintergrund zu organisieren". Sie fühlt sich privilegiert, sei ihre eigene Chefin und gut genug bezahlt, um eine Babysitterin zu finanzieren, die sie und ihr Kind nach Düsseldorf begleitet. Und sie wünscht sich mehr junge Mütter und Väter in den Parlamenten. "Kinder erden und geben einem andere Einblicke in die Welt", sagt sie, "das brauchen wir." Dass nicht einmal ein Drittel der Abgeordneten im Landtag weiblich ist, findet sie absurd.

    "Alt-Hebräisch als Fremdsprache"

    Das Interesse an den Themen Frauen und Gleichberechtigung ist es auch, das sie 2004 zu den Grünen lockt. Politisches Gespür regt sich schon vorher, als die Schülerin ein Jahr in Kalifornien verbringt, wo ihr die "krassen gesellschaftlichen Gegensätze" auffallen. Sie lebt in einer christlich-konservativen Familie, findet Freunde aber vor allem im links-alternativen Umfeld.

    Ihr Eintritt in die Grünen ist der Beginn eines stetigen Aufstiegs. Schon 2006 wird sie Sprecherin der Grünen Jugend NRW. Gleichzeitig engagiert sie sich gegen Rechtsextremismus in Witten, wählt Alt-Hebräisch als vierte Fremdsprache in der Schule, studiert später Geschichte und Jüdische Studien in Düsseldorf. Auch das ebnet den Weg in ihre späteren politischen Fachbereiche, die Innenpolitik und die Strategien gegen Rechtsextremismus.

    "Tief in den Sachthemen"

    Als die Grünen vor der Wahl 2010 junge Leute für ihre Landesliste suchen, ist sie zur Stelle. Sie ist gut vernetzt, wird gewählt - und als jüngste Abgeordnete von manchem Routinier im Landtag kritisch-neugierig beäugt. In ihrer Fraktion ist sie schnell akzeptiert. Anders im Innenausschuss, der traditionell von Männern dominiert ist. "Da hatte ich das Gefühl, als Frau immer mehr arbeiten zu müssen, um anerkannt zu werden", erinnert sie sich. Seither hat sie den Ruf, tief in Sachthemen einzudringen.

    Das Baby auf ihrem Arm quengelt ein wenig, das Gespräch ist vorbei. Beim Hinausgehen öffnet Verena Schäffer die Tür zum "Eltern- Kind-Büro" - das Kinderzimmer ihrer Fraktion, das gern genutzt wird. Dem Besucher fällt der frühere SPD-Regierungschef Peer Steinbrück ein, der sich einst über die Grüne Barbara Steffens mokierte, weil diese ihr Baby mit in eine Krisensitzung genommen hatte.

    Es geht also voran, immerhin.

    Theo Schumacher

    Zusatzinformation:

    Zur Person

    Verena Schäffer ist seit 2010 Mitglied des Landtags. Von August 2012 bis Mai 2017 war sie stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Fraktion, seit Mai 2017 ist sie Parlamentarische Geschäftsführerin der Landtagsfraktion. Verena Schäffer kam in Frankfurt zur Welt, doch ihre Familie zog schon bald ins Revier. An ihre Geburtsstadt hat sie keine Erinnerung. Sie sagt: "Ich bin ein Kind des Ruhrgebiets."

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Die Romane des israelischen Schriftstellers Amos Oz, insbesondere die Bücher "Von Liebe und Finsternis" und "Unter Freunden".

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Die Songs der Toten Hosen, vor allem deren Punkrock aus den Anfangsjahren.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Vanillepudding.

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Island mit seiner einzigartigen und faszinierenden Natur.

    ID: LI181122

  • Porträt: Henning Höne (FDP).
    Porträt
    S. 15 in Ausgabe 10 - 20.11.2018

    Wie kamen sie in die Politik? Wo liegen ihre Schwerpunkte? Landtag Intern stellt in jeder Ausgabe Abgeordnete vor. Diesmal im Porträt: Henning Höne, der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Fraktion. Der 31-jährige Coesfelder ist studierter Betriebswirt, hat aber auch schon journalistisch gearbeitet.

    Dass er auf den verschiedenen Stationen seiner steilen politischen Karriere immer einer der Jüngsten war, ist für Henning Höne, den Parlamentarischen Geschäftsführer der FDP-Fraktion im Düsseldorfer Landtag, kaum der Rede wert. Der jetzt 31 Jahre alte studierte Betriebswirt aus dem westfälischen Coesfeld war schon der jüngste Kreisvorsitzende der Freien Demokraten in Nordrhein-Westfalen. Er war bei seiner Wahl in den Landtag 2012 der jüngste Abgeordnete und ist in seiner jetzigen Funktion auch jünger als alle seine Kollegen aus den anderen Fraktionen.

    Dabei ist der hochgewachsene Parlamentarier eher zufällig in die Politik geraten. Von der Schülerzeitung des Pius-Gymnasiums in seiner Heimatstadt stieg er als freier Mitarbeiter bei der Lokalzeitung ein, schrieb für sechs Cent die Zeile über Kita-Feste und Jugendtreffen, beschäftigte sich mit den politischen Programmen der Parteien und ihrer Jugendorganisationen und blieb bei den Vorstellungen der Jungen Liberalen hängen. Ihr Motto - der Staat solle sich um die Absicherung der großen Lebensrisiken kümmern, im Alltag die Menschen in Ruhe lassen - entsprach seiner eigenen Überzeugung.

    Pressearbeit und Internet

    Im Alter von 16 Jahren unterschrieb er den Aufnahmeantrag beim FDP-Nachwuchs, trat auch bald der Partei bei, kümmerte sich um die Pressearbeit und den Internet-Auftritt der Liberalen vor Ort und machte in beiden Organisationen Karriere: 2010 wurde er Chef der Jungen Liberalen in NRW. Da stand er schon zwei Jahre an der Spitze des Kreisverbands der FDP.

    2010 kandidierte Höne, der damals gerade sein duales Studium abgeschlossen hatte und im Marketing eines mittelständischen Möbelherstellers arbeitete, zum ersten Mal für den NRW-Landtag, damals allerdings auf einem aussichtslosen Listenplatz. Doch schon zwei Jahre später bei der überraschend angesetzten Neuwahl rückte er auf Platz 1 der FDP im Münsterland vor und pendelt seitdem zwischen Düsseldorf und dem heimischen Coesfeld. Trotz seines rasanten Aufstiegs zu einem der wichtigsten Vertreter der FDP in NRW kommt für Höne ein Wechsel in die Bundespolitik nach Berlin oder in die Europapolitik nach Brüssel nicht in Betracht. Landespolitik findet er spannend, weil sie viel unmittelbarer auf das Leben der Bürger Einfluss habe als die Bundespolitik - für ihn auch ein Grund, sich weiter kommunalpolitisch zu engagieren. Und vor allem schätzt er auch, dass er bei einigermaßen günstiger Verkehrslage von Düsseldorf aus in einer Stunde zu Hause bei Familie und Freunden sein kann. Im Übrigen kann sich Höne ohnehin nicht vorstellen, sein Leben lang Politik zum Beruf zu machen. Er hält einen Wechsel zwischen der Arbeit in Parlamenten und der Arbeit in Unternehmen für beide Seiten für sinnvoll.

    USA zweites Zuhause

    Seitdem er als Schüler ein Auslandsjahr bei einer amerikanischen Familie in Florida verbracht hat, ist Höne ein großer Fan der USA. Ihn beeindrucken die kulturelle, politische und landschaftliche Unterschiedlichkeit der Staaten, der verbreitete Optimismus, die meist souveräne Art und Weise, mit Veränderungen umzugehen, das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des Einzelnen. Kritisch sieht er aber, dass bei großen Lebensrisiken wie Alter und Krankheit viele Amerikaner allein gelassen werden. Auch nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten hat sich Hönes grundsätzlich positive Einstellung zu den USA nicht geändert. Trotz seiner Sorge um das transatlantische Verhältnis und die möglichen negativen Folgen von Trumps Wirtschafts- und Außenpolitik bleiben die USA für ihn ein zweites Zuhause, er fliegt möglichst einmal im Jahr über den Atlantik, besucht seine Gastfamilie und wohnt wieder in seinem alten Zimmer.

    Sein Job in Düsseldorf und seine Verpflichtungen im Münsterland lassen ihm nur wenig Zeit für Hobbys, im Sommer geht er gerne segeln, im Winter macht er Urlaub auf Skiern und zwischendurch hat er, wie er klagt, zu wenig Zeit, um regelmäßig zu laufen. Dafür liest er immer wieder Sachbücher über die europäische Geschichte und wenn er nach Berlin muss, geht er gerne ins Deutsche Historische Museum.

    Peter Jansen

    Zusatzinformation:

    Zur Person

    Henning Höne (31) ist verheiratet. Er gehört dem nordrhein- westfälischen Landtag seit dem 31. Mai 2012 an. Seit Oktober 2017 ist er Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Landtagsfraktion. Höne ist seit 2005 Mitglied der FDP, seit 2008 FDP-Kreisvorsitzender in Coesfeld. Seit 2010 ist er Mitglied im FDP-Landesvorstand in NRW.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Ein Klassiker: Die Buddenbrooks. Ein toller Roman mit einer zugleich faszinierenden und tragischen Familiengeschichte. Im Alltag eher Sachbücher zur europäischen Geschichte. Aktuell: Das unvollendete Weltreich von John Darwin.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Pop/Rock und Singer/Songwriter: Counting Crows, Jason Mraz, John Mayer, Matt Nathanson, Dave Matthews Band, Five For Fighting. Aus den USA ist auch noch eine Vorliebe für Country-Musik hängen geblieben.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Ohne Orangensaft und Joghurt wird es schwierig.

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Die Welt ist zu groß für nur ein Ziel. Je nach Anlass: USA, Kanada, Großbritannien, Österreich und die Niederlande. Die nächsten Ziele liegen wahrscheinlich in Skandinavien.

    ID: LI181016

  • Porträt: Sarah Philipp (SPD).
    Porträt
    S. 15 in Ausgabe 9 - 16.10.2018

    Wer sind die Menschen hinter den Argumenten im politischen Diskurs? Landtag Intern stellt Abgeordnete aller Fraktionen vor. Diesmal im Porträt: Sarah Philipp, die im Schulunterricht zur SPD fand, Duisburgerin durch und durch ist und seit diesem Jahr Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Fraktion im Landtag. Die 35-Jährige gilt vielen in ihrer Partei als Hoffnungsträgerin.

    Die Entscheidung, die Sarah Philipps künftiges Leben lenken sollte, fiel eher zufällig, als sie die zehnte Klasse des Steinbart-Gymnasiums in Duisburg besuchte. Im Politik-Unterricht wurden vor der Bundestagswahl 1998 die unterschiedlichen Wahlprogramme untersucht. Sie war in der Gruppe, die sich mit den Vorhaben der SPD befasste, und von deren Aussagen ganz angetan. Als sie wenig später den damaligen sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten und späteren Wahlsieger Gerhard Schröder in der Mercatorhalle erlebte, stand für sie fest: Hier will ich mitmachen. Mit gerade einmal 15 Jahren trat sie den Jungsozialisten bei, verteilte Luftballons und Kugelschreiber im Wahlkampf und machte rasch Karriere in den Parteiorganisationen ihrer Heimatstadt.

    Interesse an Landespolitik

    Ihr besonderes Interesse galt von Anfang der Landespolitik. Während ihres Studiums der Wirtschaftsgeografie und der politischen Wissenschaft in Aachen absolvierte sie ein Praktikum bei der damaligen Duisburger Landtagsabgeordneten Gisela Walsken. Und als Walsken, die mittlerweile Regierungspräsidentin in Köln geworden war, bei der Landtagswahl 2012 nicht mehr antrat, warf die Stadtentwicklerin Philipp kurzentschlossen ihren Hut in den Ring. Nach einer weitgehend schlaflosen Nacht verkündete sie den Duisburger Sozialdemokraten, dass sie im Süden der Stadt kandidieren wolle, wurde prompt zwei Wochen später aufgestellt und im Mai desselben Jahres in den Landtag gewählt.

    Ähnlich zielstrebig ging sie Anfang dieses Jahres vor, als die SPD-Landtagsfraktion, deren stellvertretende Vorsitzende sie mittlerweile war, einen neuen Parlamentarischen Geschäftsführer brauchte. Sie sei bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen, teilte sie den Kollegen in der Fraktion mit, trat an und wurde gewählt. Obwohl sie in ihrer neuen Aufgabe meist nicht im Licht der Öffentlichkeit wirkt, sondern - wie sie selbst lächelnd sagt - im Maschinenraum der Landespolitik arbeitet, wird die junge Duisburgerin schon von vielen in ihrer Partei als eine Hoffnung der SPD in Nordrhein-Westfalen gehandelt. Sarah Philipp weiß, welche Erwartungen in sie gesetzt werden, und macht auch keinen Hehl daraus, dass sie sich über diese Wertschätzung freut. Zu Kopf gestiegen ist ihr der gute Ruf nicht, sie will dafür sorgen, dass sie die Erwartungen nicht enttäuscht.

    Wichtig ist der jungen Sozialdemokratin dabei vor allem, den Begriff der sozialen Gerechtigkeit mit konkreten Inhalten zu unterfüttern. Dazu gehören für sie beitragsfreie Bildung von der Kita bis zu den Meisterkursen, eine gerechte Politik für Mieter und Vermieter, der Themenbereich Arbeit und Soziales und nicht zuletzt das Problem der Verteilungsgerechtigkeit und die Wiedereinführung einer Vermögenssteuer. Angst, dass die SPD in Deutschland ein ähnliches Schicksal erleidet wie die Schwesterparteien in Frankreich, Italien oder den Niederlanden, hat Philipp nicht. Sie blickt stattdessen nach Großbritannien oder auch nach Wien, wo sie die sozialdemokratischen Parteien im Aufwind sieht, und ist überzeugt, dass sich auch die SPD wieder erholt. Sie betont: "Wir werden gebraucht!"

    Segeln als Hobby

    Bei allen Diskussionen über das, was derzeit in Berlin in Bundesregierung und Bundestag geschieht: Ein Umstieg von der Landes- in die Bundespolitik stand und steht für Sarah Philipp nicht zur Debatte. Daran habe sie keinen Gedanken verschwendet, sagt sie freimütig. Für sie sei es ganz wichtig, in dem Bereich, in dem sie arbeite, zufrieden zu sein und sich wohlzufühlen, und da sei sie in Duisburg und Düsseldorf am besten aufgehoben.

    In der wenigen Zeit, in der sie nicht in der Politik unterwegs ist, kann man die junge Frau beim Segeln auf der Duisburger Sechs-Seen- Platte finden, dort hat sie schon als Neunjährige ihren ersten Segelschein gemacht. Am Wochenende trifft man sie gelegentlich bei den Heimspielen des MSV Duisburg - der ihr derzeit nicht viel Freude macht - oder sie geht Einkaufen, ihr Freund ist dann fürs Kochen zuständig.

    Peter Jansen

    Zusatzinformationen:

    Zur Person

    Sarah Philipp (35) gehört dem nordrhein-westfälischen Landtag seit dem 31. Mai 2012 an. Sie ist Mitglied im Vorstand der SPD Duisburg und seit 2008 Vorstandsmitglied der SPD-Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) in Duisburg. Seit 2010 ist Philipp Vorsitzende des Ortsvereins Duisburg-Buchholz. Von Mai 2017 bis April 2018 war sie stellvertretende Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, seit April 2018 ist sie Parlamentarische Geschäftsführerin.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    "Raumpatrouille" von Matthias Brandt. Die phantastischen Abenteuer eines Kindes in der Bonner Republik.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Alles außer Kuschel-Rock. Wir sind schließlich Opposition!

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Wurst. Alles andere ist Käse. (Alte Titanic- Weisheit!)

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Das weiß ich noch nicht - es gibt noch viel zu entdecken. Das nächste Ziel heißt San Francisco.

    ID: LI180916

  • Porträt: Matthias Kerkhoff (CDU).
    Porträt
    S. 19 in Ausgabe 8 - 25.09.2018

    Das Porträt zählt zu den beliebtesten Rubriken in Landtag Intern. Im Wechsel werden Abgeordnete aller Fraktionen vorgestellt - wie sie in die Politik gefunden haben, welche Aufgaben sie in der Fraktion übernehmen. Von dieser Ausgabe an werden die Beiträge noch persönlicher. Die Redaktion fragt nach Lieblingsbüchern und Lieblingsmusik, nach bevorzugten Reisezielen. Und für Landtag Intern gewähren die Befragten sogar Einblick in den heimischen Kühlschrank. Diesmal im Porträt: Matthias Kerkhoff. Der 39-Jährige ist Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Fraktion.

    Manchmal ist Düsseldorf ganz weit weg. Wenn beim TC Bigge-Olsberg im September das traditionelle Kartoffelbraten ansteht, interessiert der Arbeitsalltag von Matthias Kerkhoff die Tennisfreunde allenfalls am Rande. "Die meisten wissen eigentlich gar nicht, was ein Parlamentarischer Geschäftsführer so macht", sagt der 39-Jährige. Dabei agiert er im Landtag in vorderster Reihe, wenn auch eher hinter den Kulissen. Ohne ihn, den "PG" der CDU, und ohne seine Kollegen der anderen Fraktionen würde der Laden nicht laufen.

    Mit 15 zur Jungen Union

    Olsberg also. Matthias Kerkhoff ist erst 15, als er sich der Jungen Union anschließt. Im Hochsauerlandkreis ist der Weg zum CDU-Nachwuchs nicht weit. Man läuft sich in der Kleinstadt über den Weg. Alles sehr übersichtlich, sagt er. Mit Freunden verbindet ihn das Interesse für Politik, auch an lokalen Themen. Schon Jahre zuvor haben den Sohn eines Bankkaufmanns und einer Lehrerin die Ereignisse in Berlin fasziniert. Als 1989 die Mauer fällt, sitzt er gebannt vor dem Fernseher. "Es war meine erste Politisierung", erinnert er sich, "ich entstamme keiner Anti- Bewegung."

    Abitur am Gymnasium der Benediktiner in Meschede. Zivildienst. Dann studiert er, inzwischen CDU-Mitglied, Politische Wissenschaften in Münster. Seine Magisterarbeit schreibt er über Zeitarbeit - ein Fingerzeig für seinen späteren Themenschwerpunkt als Abgeordneter. Doch so weit ist es noch nicht. Immerhin kommt er 2005 erstmals in den Landtag, als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Es gibt viel zu organisieren und wenn ein Abgeordneter ausfällt, führt er auch mal Besuchergruppen durch das Parlament.

    Es bleibt zunächst ein Intermezzo. Ab Ende 2006 arbeitet Matthias Kerkhoff als Referent für mehrere Arbeitgeberverbände, zuletzt bei Unternehmer NRW/Metall NRW. Es ist eine landtagsferne Zeit, die 2012 plötzlich endet. In Düsseldorf scheitert über Nacht die rot-grüne Minderheitsregierung, die Parteien müssen mobilisieren, suchen Kandidaten. Im Wahlkreis Hochsauerlandkreis II tritt Hubert Kleff für die CDU nicht mehr an. "Ich war interessiert", sagt Kerkhoff. Er wird nominiert, gewählt.

    Die vorgezogene Neuwahl im Mai lenkt seine Karriere in eine andere Richtung. Politik ist jetzt sein Beruf. Konsequent? "Was im Rückblick alles so logisch erscheint, war für mich überhaupt nicht planbar", erzählt er in seinem Büro. Es gehört zu den schönsten im Landtag. Von dem wuchtigen Balkon, der über dem Rhein zu thronen scheint, fällt der Blick auf den Medienhafen und das Stadttor. Hier ist sein Arbeitsplatz, seit Bodo Löttgen ihn 2017 als Fraktionsgeschäftsführer vorgeschlagen und die Fraktion ihn gewählt hat.

    "Innendienst"

    "Ich definiere meine Aufgabe als Innendienst", betont Kerkhoff, der "das Denken in Organisationseinheiten und strukturierten Arbeitsprozessen" als seine Stärke bezeichnet. Und er weiß, wenn ein "PG" zu sehr in den öffentlichen Fokus gerate, "dann läuft was unrund". Das Management einer 72-köpfigen Regierungsfraktion, in der zwei von drei Abgeordneten neu im Landtag sind, erfordert Zeit und Umsicht, zumal die Koalition nur auf eine hauchdünne Mehrheit bauen kann.

    Die "Parlamentarischen" aller Fraktionen sind aufeinander angewiesen, man muss zuverlässig sein. "Kurzfristige Geländegewinne", so Kerkhoff, seien nichts wert, wenn sie das Vertrauen nachhaltig beschädigen. Das Verhältnis nennt er "sehr kollegial". Man duzt sich, nur nicht mit der AfD. Leider habe sich mit dem Einzug der Rechtspopulisten das Klima im Landtag sehr verschärft. "Da werden unsägliche Dinge gesagt, immer wieder Grenzen überschritten", kritisiert er. Umso mehr müsse man die AfD inhaltlich stellen, um sie zu entlarven.

    Manchmal, wenn Matthias Kerkhoff einen Ausgleich zu seiner Arbeit braucht, schnürt er seine Joggingschuhe, die er stets griffbereit hat. Dann läuft er los. Am Rheinufer, in Düsseldorf. Oder zu Hause in Olsberg, an der Ruhr.

    Theo Schumacher

    Zusatzinformationen:

    Zur Person

    Matthias Kerkhoff gehört seit 1998 der CDU an. 2015 wurde er zum Vorsitzenden der CDU im Hochsauerlandkreis gewählt. Er ist auch Mitglied im Landesvorstand der Partei.

    Nachgefragt

    Was ist Ihr Lieblingsbuch und warum?

    Ein Lieblingsbuch gibt es nicht. Ich habe aber immer ein Buch im Gebrauch, zuletzt von Sebastian Fitzek "Flugangst 7a". Krimis oder Thriller sind meine bevorzugten Bücher.

    Welche Musik hören Sie gerne?

    Zum Entspannen: "Relax" von Blank & Jones Zum Feiern: ein guter Mix und gerne live Zum Autofahren: aktuelle Songs aus dem Radio.

    Was haben Sie immer in Ihrem Kühlschrank vorrätig?

    Eis ist immer vorhanden.

    Ihr liebstes Reiseziel?

    Das Meer oder zumindest ein See gehört im Urlaub dazu. Das lässt viel Spielraum für Reiseziele nah und fern.

    ID: LI180819

  • Porträt: Thomas Kutschaty (SPD).
    Porträt
    S. 15 in Ausgabe 7 - 17.07.2018

    Thomas Kutschaty strahlt eine zufriedene Ruhe aus. In dem sachlich eingerichteten Büro des SPD-Fraktionsvorsitzenden im Düsseldorfer Landtag blickt er durch große Fenster auf den Rhein, wo die Frachtschiffe ihre Bahnen ziehen. Vor wenigen Tagen ist der SPD-Politiker und Vater von drei Kindern 50 Jahre alt geworden. Ein markantes Datum. Der neue SPD-Fraktionvorsitzende kann für seinen Lebensweg bilanzieren: Er hat wieder eine Etappe geschafft.

    "Aus einfachen Verhältnissen"

    Den politisch bemerkenswerten Aufstieg innerhalb der NRW-SPD hat sich der Jurist hart erkämpft. Er stammt aus einfachen Verhältnissen, wie er selbst sagt. Der Vater war Eisenbahner. Thomas Kutschaty war der erste seiner Familie im Essener Norden, der aufs Gymnasium gehen durfte und Abitur machte. Sein Elternhaus war parteipolitisch nicht gebunden und doch war es sein Vater, der ihn mit zwölf Jahren auf eine Wahlveranstaltung mit Willy Brandt in die Essener Gruga-Halle mitnahm. Das habe ihn damals beeindruckt. Soziale Gerechtigkeit war das Thema. Noch vor dem Abitur, zwei Wochen nach seinem 18. Geburtstag, trat Kutschaty in die SPD ein und ließ sich auf die damals noch übliche Ochsentour ein: Jusochef, Ortsvereinsvorsitzender und Chef des mitgliederstarken SPD-Unterbezirks Essen.

    Im Gegensatz zu vielen seiner Mitstreiter verlor er die reale, berufliche Welt nie aus den Augen. Während seiner Zivildienstzeit entschied er sich, Rechtsanwalt zu werden. Die beiden dafür notwendigen Staatsexamen absolvierte er zügig. Als Strafverteidiger arbeitete er dann sehr bald selbstständig bis zum Jahr 2005, als er erstmals in den Landtag gewählt wurde. Wegen der engen Termintaktung vor Strafgerichten spezialisierte sich Kutschaty danach auf Baurecht. "Die Anwaltstätigkeit war für mich wichtig, weil ich ein zweites Standbein neben der Politik haben wollte", sagt Kutschaty.

    Als er im Landtag startete, war die Lage der SPD in NRW denkbar schlecht. Die CDU hatte die langjährige rot-grüne Regierung abgelöst. Natürlich konzentrierte sich der Anwalt auf das, was er am besten konnte. In einem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu Vorgängen im Umweltministerium zeigte Kutschaty in seiner nüchternen und unaufgeregten Art, was er drauf hatte. Die spätere Ministerpräsidentin Hannelore Kraft entdeckte sein Talent und ernannte ihn 2010 zum Justizminister.

    Seine anschließende siebenjährige Amtszeit lief in ruhigem Fahrwasser. Das ist gut für einen Justizminister, denn nichts schadet mehr, als dass die Justiz ins Gerede kommt. Kutschaty hält sich zugute, die Arbeitsbedingungen der NRW-Justiz verbessert zu haben. Mehr als 1.800 neue Stellen seien geschaffen worden. Er habe seinem Nachfolger einen ausgezeichneten Apparat übergeben. Ein bisschen Stolz schwingt bei Kutschaty dabei mit. Sein seriöses Outfit, das er nicht nur als Minister pflegt (dunkler Anzug und meistens auch Krawatte), passt zu ihm, wirkt nicht aufgesetzt. Er "verkleidet" sich auch nicht auf Parteitagen und gibt dann den lässigen Politiker. Er scheint mit sich selbst im Reinen. Seine neue Aufgabe als Fraktionsvorsitzender wird womöglich nicht die letzte Stufe auf seiner Karriereleiter sein. Vom Spezialisten und Fachpolitiker, der er als Justizminister war, muss er jetzt die Rolle des Generalisten übernehmen: Er muss also in allen Themen bewandert sein.

    Kutschaty ist mit 50 noch nicht im rentenfähigen Alter, wie er selbst betont. Und wie es sich anhört, demnächst selbst Ministerpräsident werden zu wollen, klingt bei Kutschaty so: "Wer sich für ein Spitzenamt bewirbt, muss willens sein, auch weitere Aufgaben zu übernehmen." Man darf gespannt sein.

    Heinz Tutt

    Zusatzinformation:

    Zur Person

    Thomas Kutschaty (50) ist seit 2005 Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags. Der Jurist aus Essen war von Juli 2010 bis Juni 2017 NRW-Justizminister. Seit April 2018 ist er Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion.

    ID: LI180715

  • Porträt: Markus Wagner (AfD).
    Porträt
    S. 19 in Ausgabe 6 - 19.06.2018

    Für Politik interessiert sich Markus Wagner, der Vorsitzende der AfD-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag, seit er denken kann. Bereits als Achtjähriger hatte er gebannt den Ablauf des konstruktiven Misstrauensvotums gegen den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) verfolgt. Wagner war aufseiten der Konservativen und drückte Herausforderer Rainer Barzel (CDU) die Daumen. 1972 war das. Etliche Jahre später trat Wagner, mittlerweile vom oberbayerischen Bad Tölz ins ostwestfälische Bad Oeynhausen umgezogen, in die CDU ein und gründete in seinem Heimatort einen Kreisverband der Jungen Union.

    Doch Mitte der 1990er-Jahre fühlte er sich in der Union nicht mehr richtig wohl. Die vom damaligen Bundeskanzler und CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl versprochene geistig-moralische Wende vermochte er nicht zu erkennen, die geplante Einführung des Euro hielt er für einen großen Fehler. Insgesamt konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, die Union marschiere nach links. 1996 trat er aus der Partei aus.

    "CSU des Nordens"

    Sein Interesse an Politik wurde wieder angefacht, als nach der Jahrtausendwende in Hamburg die Partei "Rechtsstaatliche Offensive" gegründet und deren Vorsitzender Ronald Schill 2001 zum Innensenator berufen wurde. In der Hoffnung, Kriminalität werde nun kompromisslos bekämpft, trat Wagner 2001 der Schill-Partei bei, die er als "CSU des Nordens" ansah, und wurde schon zwei Jahre später stellvertretender Vorsitzender. Doch 2004 brach die Partei an internen Querelen um ihren Vorsitzenden auseinander. Wagner engagierte sich kurzfristig in kleineren Parteien; spätestens 2008 jedoch, so sein Plan, wollte er sich ganz aus der Politik zurückziehen.

    Als 2013 die Alternative für Deutschland gegründet wurde, fühlte Wagner sich angesprochen. Der damalige AfD-Vorsitzende Bernd Lucke sorgte mit seiner Kritik an der Euro-Rettungspolitik für Aufsehen; Wagner teilte die Kritik. Die Euro-Rettungspolitik war es auch, die ihn vor fünf Jahren zum Eintritt in die AfD bewogen hat. Sie stehe heute zwar nicht mehr so im Mittelpunkt der medialen Berichterstattung, die aktuelle Diskussion um die Situation in Italien zeige aber seiner Ansicht nach, auf wie tönernen Füßen die Gemeinschaftswährung nach wie vor stehe.

    In der Landespolitik, mit der sich Wagner seit seiner Wahl in den NRW-Landtag vor gut einem Jahr vorwiegend beschäftigt, tritt seine Partei für ein mehrgliedriges und durchlässiges Schulsystem ein, das auch kooperative Gesamtschulen umfasst. Der "Inklusion mit der Brechstange" stehe die AfD kritisch gegenüber; stattdessen will sie die Förderschulen stärken. Die AfD will darauf drängen, dass in Fragen der Inneren Sicherheit die von der Landesregierung versprochene Null-Toleranz-Politik gegen Kriminalität auch umgesetzt wird. Die angekündigte Zahl der zusätzlichen Ausbildungsplätze für Polizisten hält sie für zu gering.

    Auch in der Landtagsarbeit hat für die AfD die Flüchtlingspolitik einen hohen Stellenwert. 97 Prozent der seit 2015 nach NRW gekommenen Flüchtlinge hätten nach dem Asylkompromiss der 1990er-Jahre keinen Anspruch auf Asyl. Diese Menschen müssten fit gemacht werden für die Rückkehr in ihre Heimatländer. Es sei nicht hinnehmbar, dass zahlreiche Ausreisepflichtige dieser Pflicht nicht nachkämen. Die Kinder der Flüchtlinge sollten nicht in den Regelschulen, sondern in den Unterkünften unterrichtet werden, sagt Wagner. Weil es dafür nicht genug Lehrer gebe, sollten geeignete Lehrkräfte unter den Flüchtlingen angeworben werden.

    Wagner hält es grundsätzlich für denkbar und wünschenswert, dass die AfD irgendwann auch in der Landesregierung vertreten sein könnte.

    Peter Jansen

    Zusatzinformation:

    Zur Person

    Markus Wagner (54) ist verheiratet und Vater eines Kindes. Er ist stellvertretender Sprecher des AfD-Bezirksverbandes Ostwestfalen-Lippe und Sprecher des AfD-Kreisverbandes Minden-Lübbecke. Dem nordrhein-westfälischen Landtag gehört Wagner seit 1. Juni 2017 an. Seit Oktober 2017 ist er Vorsitzender der AfD-Landtagsfraktion. Seit 1993 ist er zudem geschäftsführender Gesellschafter einer Einrichtung der Eingliederungshilfe für psychisch erkrankte Menschen.

    ID: LI180619

  • Porträt: Arndt Klocke (Grüne).
    Porträt
    S. 15 in Ausgabe 5 - 23.05.2018

    Die Sitzung im Verkehrsausschuss war gerade vorbei, da twitterte Arndt Klocke es in alle Welt: Die Landesregierung wolle das Sozialticket abschaffen - eben jenes Ticket, für das die Grünen sich jahrelang so stark gemacht hatten; sozial benachteiligte Menschen können damit vergünstigt im öffentlichen Nahverkehr fahren. Noch immer ist Arndt Klocke fassungslos, als er mehr als ein halbes Jahr später im Kreisbüro der Grünen am Ebertplatz in Köln sitzt. Als er im Herbst seinen Tweet verschickte, reagierten da- rauf Tausende Menschen. Ein fulminantes Echo. Der Rest ist bekannt: Der Widerstand wuchs, die Regierung ruderte zurück, das Sozialticket blieb. Und wieder einmal hatte sich für Arndt Klocke gezeigt, dass er wach sein muss als Politiker - und er auch in der Rolle der Opposition etwas erreichen kann. "Ich trete an, um etwas zu bewegen", sagt der gebürtige Ostwestfale.

    Seit 2010 ist Klocke Abgeordneter im Landtag, Schwerpunkte: Verkehr, Hochschule, Bauen und Wohnen. Im Mai 2017 wurde er zum Fraktionsvorsitzenden gewählt und bildet seitdem mit Monika Düker die Doppelspitze der Grünen. Mehr als ein halbes Dutzend Termine habe er im Schnitt pro Tag, zudem die Debatten und seine Reden im Plenum, die er aus einer "kritisch-konstruktiven Haltung" der Opposition hält, wie er es nennt. Hinzu kommen Hintergrundgespräche, Vernetzungstreffen mit Grünen-Politikern aus Bund und Ländern sowie Besuche vor Ort in ganz Nordrhein-Westfalen. Ja, sein Kalender sei "rappelvoll", sagt der 47-Jährige. Bei Arbeitstagen von zwölf bis 14 Stunden müsse er darauf achten, dass die Belastung nicht zu groß werde. Aber er habe auch gelernt, seine "Work-Life-Balance" im Blick zu halten.

    Es klingt eher nebensächlich, wie er erzählt, worüber andere lieber schweigen, zumal als Spitzenpolitiker: In der Vergangenheit habe er mit Depressionen zu kämpfen gehabt; vor vier Jahren sei er wegen eines Burn-outs zwei Monate stationär in Behandlung gewesen. Im Dezember 2017 erzählte Klocke einem Reporter davon und machte ein Tabuthema öffentlich, um ein Zeichen zu setzen. Und das Echo sei überwältigend gewesen: Auf den Zeitungsartikel habe er mit Abstand die meisten Rückmeldungen in seiner Zeit als Politiker bekommen. Nicht nur in virtuellen Netzwerken, auch in Briefen und Gesprächen werde er darauf angesprochen, bis heute. "Es ist ja ein gesellschaftliches Thema, das sehr viele Menschen betrifft", sagt Klocke, der eine Debatte anstoßen möchte. "Wir brauchen in Nordrhein-Westfalen dringend mehr psychologische Beratungsstellen und Therapieplätze."

    Er selbst ist wieder gesund und voll belastbar. Damit das auch so bleibt, sei wichtig, sich auch mal einen freien Nachmittag zu gönnen: mit Yoga, Fahrrad fahren am Rhein oder einem Museumsbesuch; oft gemeinsam mit seinem Lebensgefährten, dem Grünen-Bundestagsabgeordneten Sven Lehmann. Ein paar Stunden genügten, um die Akkus aufzuladen. "Ich erhole mich schnell", sagt Klocke, als er auf dem grünen Sofa im Büro sitzt, mit Polohemd, Jeans und weißen Sneakern.

    Bei seinen Aufgaben als Fraktionsvorsitzender hilft ihm seine politische Erfahrung: Klocke wuchs in einem SPD-nahen Elternhaus auf, der Vater war Stadtkämmerer in Vlotho, die Mutter Einzelhandelskauffrau. Während der Schulzeit kam er über eine Freundin in Kontakt mit den Grünen und fand in den 1980er-Jahren dort seine politische Heimat. Er leitete den Kreisverband der Partei in Münster, bevor er Ende der 1990er-Jahre nach Köln zog, um dort das Wahlkreisbüro der Bundestagsabgeordneten Kerstin Müller und Volker Beck zu leiten. Die Zeiten haben sich geändert, aber die Ziele sind geblieben: ökologisch, sozial und gerecht - das seien nach wie vor die Grundsätze der Grünen, sagt Klocke. Und so will er die Fraktion mit der Landtagswahl 2022 wieder in die Regierung führen. Und dann? Nein, er müsse nicht sein Leben lang als Politiker arbeiten, auch wenn das ein Herzensanliegen sei. Er könne sich auch vorstellen, Akzente woanders zu setzen, etwa in der genossenschaftlichen Wohnungswirtschaft oder bei Projekten zur Verkehrswende. Hauptsache, etwas bewegen und weiter engagiert zu Werke gehen.

    Thomas Becker

    Zusatzinformation:

    Zur Person

    Arndt Klocke (47) ist Fraktionsvorsitzender der Grünen im nordrhein-westfälischen Landtag. Er lebt in Köln.

    ID: LI180517

  • Porträt: Monika Düker (Grüne).
    Porträt
    S. 19 in Ausgabe 4 - 02.05.2018

    Der Weg in die Politik begann für Monika Düker, heute gemeinsam mit Arndt Klocke Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Landtag, mit Protest und Widerstand. Es könne doch nicht sein, dass Menschen aus ihren Wohnungen vertrieben und in die Obdachlosigkeit geschickt werden, weil ein Spekulant die schnelle Mark habe machen wollen, sagt sie. Düker war damals Sozialpädagogin in einem Jugendzentrum der Arbeiterwohlfahrt in Düsseldorf.

    In jener Zeit hätten "Immobilienhaie" in dem sozialen Brennpunktgebiet die Menschen, darunter viele Türken und Roma, vor die Tür setzen wollen, um dort Luxussanierung in großem Stil zu betreiben. Als einzige politische Partei hätten sich die Grünen um die Not der Mieter gekümmert. Die Grünen fragten die junge Sozialpädagogin, die erst kurz zuvor aus dem ostwestfälischen Höxter an den Rhein gezogen war, ob sie nicht Lust habe, bei den Kommunalwahlen für sie zu kandidieren. Monika Düker, obwohl damals noch kein Parteimitglied, hatte Lust, wurde gewählt und gehörte von 1989 an dem Rat der Landeshauptstadt an. Nicht aus Dankbarkeit, sondern aus Überzeugung trat sie dann der Partei bei, die sie schon immer aus Gründen der Ökologie gewählt hatte.

    Wechsel in die Landespolitik

    Nach zehnjähriger Arbeit in der Kommunalpolitik wurde Monika Düker vor knapp 20 Jahren zum ersten Mal in den Landtag gewählt. Auch nach dem Wechsel in die Landespolitik blieb sie den sozialpolitischen Fragen, für sie eine Herzensangelegenheit, immer treu, u. a. als flüchtlingspolitische Sprecherin ihrer Fraktion.

    Der Wechsel in die Opposition nach der Landtagswahl vor einem Jahr, bei der die Grünen- Fraktion auf 14 Mitglieder schrumpfte, ist der Abgeordneten nicht leichtgefallen. "Regieren ist schöner", sagt sie und das konnten die Grünen zuvor fast zwei Jahrzehnte lang, mit fünfjähriger Unterbrechung. Aber der Wechsel in die Opposition sei in einer Demokratie normal und dürfe nicht völlig frustrieren. Die Arbeit habe sich gegenüber den früheren Legislaturperioden allerdings erheblich verändert. Jeder Abgeordnete müsse jetzt deutlich mehr Themen und eine größere Region abdecken. Sie selbst, die bislang vor allem für Fragen der Innen- und Rechtspolitik zuständig war, kümmert sich mittlerweile u.a. auch um die Haushalts- und Finanzpolitik. Als Abgeordnete betreut sie neben ihrem Wohnort Düsseldorf zusätzlich das Bergische Land und reist zudem oft in ihre ostwestfälische Heimat.

    In der Opposition im Landtag gibt es keine Koalition mehr mit dem langjährigen Regierungspartner SPD. Im Gegenteil, beim grünen Kernthema Energie- und Klimapolitik seien die erheblichen Unterschiede zu den Sozialdemokraten sehr viel deutlicher geworden, sagt Monika Düker. Auf diesem Feld sieht sie auch die größten Differenzen mit der neuen Regierung von CDU und FDP. Das Festhalten an der Braunkohleverstromung, Hürden für die Windkraft, fehlende Konzepte in der Diesel-Debatte und die konventionelle Landwirtschaftspolitik sind in ihren Augen schwere Fehler. Dabei wollen die Grünen nicht von vornherein zu allem Nein sagen, was von der Regierung kommt: "Wir sind eine konstruktive und kritische Opposition." Als Beispiel für Übereinstimmung im Grundsatz nennt sie den Beschluss, in der Schulpolitik wieder zum Abitur nach neun Jahren zurückzukehren.

    Um fit zu bleiben, geht Monika Düker regelmäßig schwimmen und zwar möglichst lange Strecken. Ihr größtes Interesse gilt neben der Politik alter Geschichte. Als Schülerin hat sie davon geträumt, Archäologin zu werden, und noch heute findet sie die Welt der alten Ägypter und Römer hoch spannend. Für die Zukunft hat sie zwei Wunschträume: Politisch möchte sie erleben, dass das letzte Braunkohlekraftwerk in NRW sehr bald vom Netz geht, und privat will sie noch einige Nationalparks im südlichen Afrika besuchen.

    Peter Jansen

    Zur Person

    Monika Düker (55) ist seit 2000 Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags und seit 1989 Mitglied der Grünen. Von 2010 bis 2012 war sie Vorsitzende im Innenausschuss, von 2010 bis 2014 neben der Abgeordnetentätigkeit zusammen mit Sven Lehmann Vorsitzende der NRW-Grünen. Monika Düker lebt in Düsseldorf.

    ID: LI180418

  • Porträt: Christof Rasche (FDP).
    Porträt
    S. 19 in Ausgabe 3 - 27.03.2018

    Politik liegt in seinem Erbgut. Der 55-jährige Christof Rasche hat auf seinem Weg bis zum Vorsitzenden der FDP-Landtagsfraktion an Vieles anknüpfen können, was ihm seine Familie in die Wiege gelegt hatte. Im westfälischen Erwitte lenkte sein Vater bereits die Geschicke der Stadt als Bürgermeister, da war Sohn Christof gerade sieben Jahre alt. Als sein Vater knapp zehn Jahre später von der heimischen CDU nicht wieder aufgestellt wurde, zog Christof Rasche, der damals, 1979, als 16-jähriger Schüler in der Jungen Union aktiv war, gemeinsam mit seinem älteren Bruder Konsequenzen. Der Bruder gründete in Erwitte einen FDP-Ortsverband. Und Christof Rasche begleitete ihn beim Aufbau. Das war der Beginn eines steilen Aufstiegs, zunächst in der Kommunalpolitik. Bereits 1994 wurde Rasche FDP-Fraktionschef im Rat. Während landesweit die FDP aus den Räten flog, behauptete sich Rasches Liberale Partei in Erwitte mit acht Prozent der Wählerstimmen.

    Der damalige FDP-Landeschef Jürgen W. Möllemann wurde auf das "gallische Dorf" in Westfalen aufmerksam, als Rasche mit seinem Team bei der Kommunalwahl 1999 stolze 18,5 Prozent errang: das beste Ergebnis in NRW. Der FDP-Chef ermunterte ihn, sich um ein Landtagsmandat zu bewerben. "Mich kannte auf Landesebene damals keiner, deshalb hatte ich auch keine innerparteilichen Gegner", erinnert sich der Politiker. Auf Anhieb schaffte Rasche, der sich selbst als "Netzwerker" sieht, im Jahr 2000 den Listenplatz für ein Parlamentsmandat. Mit der Erfolgsstory Erwitte konnte er punkten. 2014 erreichte die FDP in diesem Städtchen sogar 20,1 Prozent bei den Kommunalwahlen.

    Bei all diesen Erfolgen blieb Rasche bodenständig. Er ist verheiratet und hat einen Sohn. 22 Jahre arbeitete er sich bei der Erwitter Sparkasse vom Lehrling zum Geschäftsstellenleiter hoch. Dort erfuhr er hautnah von den Problemen der Menschen. Etwa bei einer Kundin, die vor dem Tresen stand und 5 Mark abheben wollte. Weil sie im Minus war und kein Einkommen hatte, durfte er nichts auszahlen. "Ich tat es trotzdem", erinnert er sich - und zog sich prompt einen Rüffel der Vorgesetzten ein. "Es ist immer ein schmaler Grat, auf dem man geht, das gilt auch für die Politik", sagt Rasche.

    "Respekt vor dem Gegner"

    In Beruf und Politik habe er nur deshalb erfolgreich sein können, weil andere ihm den Erfolg auch gegönnt und ihn gefördert haben, glaubt er. Vielleicht hat seine geradlinige Haltung dazu beigetragen. Sehr wichtig ist ihm, dass andere wissen, dass man auf sein Wort vertrauen kann. "Das trägt auf Dauer." Dabei kann er durchaus auch sehr kantig sein. Dies ist eine Eigenschaft, die er sich als aktiver Handballspieler zu eigen gemacht hat. Als "Kreisläufer" vor dem gegnerischen Tor geht es hart zur Sache und er musste schon einmal einen Zahn opfern. Im Sport wie auch in der Politik gelte: Man muss Respekt vor dem Gegner haben.

    In Düsseldorf muss der Westfale indes keine Sorge vor Rempeleien haben. Die regelmäßigen Sitzungen im Koalitionsausschuss mit der CDU verliefen geradezu harmonisch. Und dass er mit der SPD keine Berührungsängste hat, bewies er schon während der Fußball-WM 2006. Die SPD hatte damals vor ihrer Fraktion zum Tischfußball-Turnier eingeladen und Rasche, damals FDP-Fraktionsvize, war einer der wenigen Landtagsabgeordneten, die die Ärmel hochkrempelten und mitmachten, selbst im Doppel mit Grünen-Fraktionsmitarbeitern. Sport verbindet eben - überparteilich.

    Heinz Tutt

    Zusatzinformation:

    Zur Person

    Christof Rasche (55) ist seit 2000 Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags. Von 2002 bis 2012 war er stellvertretender Fraktionsvorsitzender, danach bis 2017 Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Landtagsfraktion. Seit Oktober 2017 ist Rasche Fraktionschef.

    ID: LI180319

  • Porträt: Norbert Römer (SPD).
    Porträt
    S. 19 in Ausgabe 2 - 06.03.2018

    In der ersten Reihe seiner Fraktion saß er schon immer, jetzt steht er auch noch ganz vorn. Norbert Römer hat die alleinige Spitze der SPD im Landtag übernommen, seit die Macht samt Ministerpräsidentin den Sozialdemokraten bei der letzten Wahl abhanden kam. Ist Opposition wirklich Mist? "Man arbeitet viel für den Papierkorb", sagt der 70-Jährige, "aber wir müssen die Chance nutzen, unser Profil neu zu schärfen." Er jedenfalls habe seine neue Rolle schnell angenommen.

    Norbert Römer verkörpert ein Stück klassische SPD-Identität im Ruhrgebiet, wie man sie im Parlament nur noch selten findet. Der Bergbau hat ihn geprägt, obwohl er nie Kohle vor Ort gemacht hat. "Ich bin ein angelesener Bergmann", erzählt er, nicht ohne Selbstironie, in seinem Landtagsbüro. Seine Montan-Karriere fand über Tage statt: bei der IG Bergbau, als Pressesprecher und Redakteur des Gewerkschaftsmagazins, später dann als Gewerkschaftssekretär.

    "Er kommt nicht auf den Pütt"

    Als er fünf ist, zieht die Familie nach Castrop-Rauxel. Sein Vater arbeitet auf Zeche Erin. Der Sohn schließt 1961 die Volksschule ab, da hat die Steinkohlekrise bereits eingesetzt. Die Eltern sprechen ein Machtwort: "Aus dem Jungen darf alles werden, aber er kommt nicht auf den Pütt." Norbert Römer schlägt eine Verwaltungslaufbahn ein, wird später Zeitsoldat, absolviert schließlich ein Volontariat bei der WAZ. So landet er in der Pressestelle der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie (IGBE).

    Da ist er schon Mitglied der SPD. Bergbau und Genossen - das gehört in jenen Jahren zusammen wie Castrop und Rauxel. Seine Mutter betreibt eine Gaststätte, wo auch der SPD-Ortsverein tagt. Ab und zu hilft er aus, steht hinterm Tresen, zapft Pils. Die Eltern gehören der SPD an und so ist es auch für ihn nur ein kurzer Weg zum Parteieintritt. Es ist 1968. "Ich hatte gar keine andere Chance", sagt Römer, kein Freund verschnörkelter Sätze.

    Heute, 50 Jahre danach, mag er nicht begreifen, dass demnächst die beiden letzten Pütts in NRW schließen werden. Für ihn war es stets unvorstellbar, dass es an der Ruhr einmal keinen Bergbau mehr gibt. "Ich halte das nach wie vor für falsch", sagt er. Zwar sei es die "große Leistung" von IGBE und SPD, dass Unruhen und Brüche vermieden wurden. Aber die Folgen sozialer Verwerfungen spürt er fast täglich, auch bei seiner Arbeit im Landtag.

    Dort zieht er 2005 ein. Ein Jahr später ist er Fraktionsvize. Als Hannelore Kraft 2010 mit den Grünen eine Minderheitsregierung bildet, organisiert Römer als Fraktionschef mit dem Grünen Reiner Priggen die mühsame Suche nach Mehrheiten. Der Kohlemann und der Ökostromer: Das gegensätzliche Duo bildet - so Römer - "den Stabilitätsanker" der Koalition. Bis heute haben sie privat Kontakt. Rückblickend sagt Römer, es sei ein "schweißtreibender, aber spannender" Job gewesen, den er nie gegen ein Ministeramt eingetauscht hätte: "Ich eigne mich nicht für Kabinettsdisziplin."

    Was hat sich im Landtag verändert? Römer legt Wert auf Respekt vor den Kollegen der politischen Konkurrenz, mit Ausnahme der AfD. "Ihr Auftreten ist ein dauernder Appell an den inneren Schweinehund", zitiert er Kurt Schumacher, der mit diesen Worten 1932 im Reichstag Goebbels und die NSDAP attackierte. Mit den "bewussten Provokationen" der AfD müsse man umgehen, ohne ihnen eine Bühne zu bieten.

    In seiner eigenen Partei sieht der Chef des Bezirks Westliches Westfalen großen Nachholbedarf. "Wir müssen wieder erkennbar werden", sagt der GroKo-Kritiker, "die Menschen müssen uns besser unterscheiden können." Das bedeute, dass die SPD klarer Partei ergreifen müsse. Daran will er arbeiten, wenn er Ende Mai - wie angekündigt - den Fraktionsvorsitz abgibt. Vielleicht hat er dann auch etwas mehr Zeit für seine große Leidenschaft, das Kochen - für seine Frau Christine, und dafür, der Familienmensch sein zu können, der er so gern ist.

    Theo Schumacher

    Zusatzinformation:

    Zur Person

    Seit 2010 ist Norbert Römer Vorsitzender der Parlamentariergruppe NRW-Israel. Das will er bleiben. "Wir legen großen Wert auf gute Kontakte zu den jüdischen Gemeinden", sagt er.

    ID: LI180217

  • Porträt: Bodo Löttgen (CDU).
    Porträt
    S. 15 in Ausgabe 1 - 23.01.2018

    Dass Bodo Löttgen einmal Politiker werden würde, das war gewissermaßen schon bei seiner Geburt vorbestimmt. Sein Großvater und sein Vater waren kommunalpolitisch in ihrer Heimatgemeinde Nümbrecht im Oberbergischen Kreis aktiv. Und wenn man Löttgen heute von der wunderschönen Landschaft und den vertrauten Menschen erzählen hört, kann man den Eindruck gewinnen, fast noch lieber, als der CDU-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag vorzustehen, säße er immer noch im Rat seines Heimatortes und im Kreistag in Gummersbach. "Haferspanien" sei das Oberbergische früher genannt worden, weil die Gegend bitterarm war. Viele Menschen seien ins über 50 Kilometer entfernte Wuppertal gelaufen, um sich dort auf dem Bau oder in der Industrie zu verdingen. Kein Wunder, dass sein "Herz immer noch für die Keimzelle der Demokratie schlägt und das ist die Kommunalpolitik", sagt der 58-jährige ehemalige Kriminalhauptkommissar. Und es sei auch heute noch sein Antrieb, die Kommunen und ihre Vertreter zu unterstützen und zu stärken.

    Seine eigene politische Arbeit im Nümbrechter Rat und Gummersbacher Kreistag begann, nachdem er nicht mehr als Personenschützer des Bundeskriminalamts u. a. für die Sicherheit des damaligen Finanz- und Verteidigungsministers Gerhard Stoltenberg zuständig war, sondern in der Zentrale in Meckenheim bei Bonn saß. Von Personenschützern werde erwartet, dass sie nicht aktive Parteipolitik betreiben, sagt Löttgen lächelnd, da seien ja durchaus Verwicklungen denkbar. Seine landespolitische Karriere begann 2004, als ihn ein Parteifreund fragte, ob er nicht für die CDU antreten wolle. Löttgen wollte, setzte sich gegen vier Mitbewerber durch und wurde 2005 erstmals in den Landtag gewählt.

    Jeder junge Abgeordnete habe erstmal das Ziel, die Welt zu verändern - und das möglichst schnell, erinnert sich Löttgen an seine Sturm- und Drangzeit unter der CDU/FDP-Regierung mit Jürgen Rüttgers und Andreas Pinkwart. Doch die älteren Kollegen hätten ihn rasch auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Dabei zieht er Parallelen zum Beruf seines Vaters, der als Fliesenleger gearbeitet hat. Drei Jahre als Lehrling und zwei Jahre als Geselle seien üblich gewesen. Und ein ähnliches Modell hält er auch in der Politik für angemessen.

    Bewusst entschied sich Löttgen beim Einstieg in die Landespolitik gegen ein Engagement im Bereich der inneren Sicherheit. Er habe die Gefahr vermeiden wollen, aufgrund der Erfahrungen aus seiner eigenen Arbeit mit einem "Tunnelblick" auf die Sicherheitsprobleme zu schauen. Stattdessen engagierte er sich im Wissenschaftsausschuss und avancierte zum kommunalpolitischen Sprecher seiner Fraktion. Nachdem er bei der Landtagswahl 2012 sein Mandat im Oberbergischen Kreis verloren hatte, ernannte ihn CDU-Landeschef Armin Laschet zum Generalsekretär. Im Mai vorigen Jahres konnte Löttgen den Wahlkreis zurückerobern.

    Mit dem Einzug der AfD in den Landtag hat sich nach Einschätzung Löttgens die Atmosphäre verändert. "Bei einigen Beiträgen von AfD-Abgeordneten stockt einem schon mal der Atem." Viele in der neuen Partei spielten mit den Ängsten der Menschen und nähmen es billigend in Kauf, dass ihre Äußerungen für antidemokratische und rechtswidrige Tendenzen genutzt würden. Aber auch die Vertreter der AfD seien demokratisch gewählte Abgeordnete, "die Demokratie muss auch die AfD aushalten können". Allerdings gebe es in der CDU die klare Absprache, dass es keinerlei Zusammenarbeit mit der AfD gebe.

    Seine wenige Freizeit verbringt Löttgen am liebsten in seinem Heimatdorf Altennümbrecht. Frühmorgens streift er dann mit seinen beiden Pyrenäenhütehunden durch Felder und Wälder. Hobbys sind neben Kochen und Essen Bücher, am liebsten gedruckte Exemplare, aber auch zunehmend E-Books. Und neben der Liebe zur Heimat hat sich auch eine weitere Leidenschaft seit der Schulzeit nicht geändert: Sein Fußballherz schlägt für Borussia Mönchengladbach.

    Peter Jansen

    Zusatzinformation:

    Zur Person

    Bodo Löttgen (58) war bereits von 2005 bis 2012 Mitglied des Landtags und gehört dem Parlament seit 1. Juni 2017 wieder an. Der frühere Generalsekretär der NRW-CDU ist heute Vorsitzender der CDU-Fraktion im Landtag.

    ID: LI180115

  • Porträt: Oliver Keymis (Grüne).
    Porträt
    S. 19 in Ausgabe 11 - 22.12.2017

    Oliver Keymis ist vorbereitet, wenn es einmal anders kommt. "In der Politik muss man immer wissen, dass es vorbei sein kann", sagt der 57-jährige Meerbuscher. Das klingt recht überraschend aus dem Mund eines Abgeordneten, der immerhin viermal in Folge zum Vizepräsidenten des Landtags gewählt wurde. Koalitionen kamen, Koalitionen gingen: Er blieb. Demokratie mag vom Wechsel leben - Oliver Keymis lebt von Konstanz.

    Seit er im Jahr 2000 ins Parlament einzog, ist aus dem grünen Quereinsteiger ein Evergreen geworden. Dabei deutet sich eine politische Karriere gar nicht an, als Keymis 1984 sein Studium in Köln nach der Zwischenprüfung abbricht, um am Düsseldorfer Schauspielhaus als Regieassistent anzufangen. Das bedeutet ihm viel: die Arbeit an einem renommierten Sprechtheater und die Aussicht, von der Theaterkunst den Lebensunterhalt bestreiten zu können.

    Regie mit Millowitsch

    Es wird der Einstieg in einen Beruf, der ihn als Regieassistent und Bildregisseur zum Fernsehen bringt und schließlich als freischaffenden Regisseur an mehrere Landes-, Stadt- und Staatstheater. Mit Willy Millowitsch führt er in Köln im Auftrag des WDR Regie für den Schwank "Tante Jutta aus Kalkutta", in Graz inszeniert er die Dreigroschenoper. Für Keymis ist es eine prägende Zeit. Gerade hat er die Schauspielerin Andrea Sawatzki, längst prominent, bei einer Kinopreis-Verleihung wiedergetroffen. 27 Jahre zuvor spielt die noch unbekannte junge Frau die Hauptrolle in einem Stück von Dario Fo, das Keymis an einer norddeutschen Provinzbühne in Szene setzt.

    "Eher SPD-nah" war sein Elternhaus, erzählt der gebürtige Düsseldorfer in seinem Landtagsbüro, "ich wurde liberal und weltoffen erzogen". Die "Willy wählen"-Kampagne pro Brandt politisiert den Zwölfjährigen. Erst später wird ihn der Einsatz für den Naturschutz zu den Grünen ziehen - und in die Politik. Als die Rheinquerung der A44 bei Meerbusch gebaut werden soll, kämpft er jahrelang dagegen. Am Ende kommt die Autobahnbrücke, aber die Widerständler ringen den Planern wichtige Teilerfolge ab. "Wir hatten verloren", erinnert sich Keymis, "aber nicht null zu fünf, sondern drei zu fünf."

    Die Arbeit in der Bürgerinitiative lehrt ihn auch, "dass man Kompromisse erzielen kann und lernen, damit zu leben". Bis heute fühlt er sich bestätigt durch das Naturerlebnis in der Ilvericher Altrheinschlinge. Die Grünen werden auf Keymis aufmerksam. Landtagsfraktionschefin Gisela Nacken ruft ihn an, will ihn als Verstärkung für den in ihrer Partei schwächelnden Kulturbereich gewinnen. Im Dezember 1997 wird Keymis Mitglied der Grünen. Genau an dem Tag, als SPD-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement den Rahmenbetriebsplan für den bitter umkämpften Braunkohletagebau Garzweiler II unterschreibt.

    Dann geht alles schnell. Keymis tritt 1999 als Bürgermeisterkandidat in Meerbusch an. Kurz darauf stellt er sich beim Grünen-Parteitag der Kampfkandidatur um einen Listenplatz für die Landtagswahl. Statt den bei solchen Anlässen üblichen groben Klotz auszupacken, lässt er mit einer Rede über Heine, Tucholsky und das Verhältnis von Geist und Macht aufhorchen - und wird nominiert. Ein halbes Jahr darauf sitzt er im Landtag. Dort begegnet er Clement wieder, der inzwischen Regierungschef der rot-grünen Koalition ist. "Sie habe ich auch der A44 zu verdanken", frotzelt der SPD-Mann.

    Lange her. Im Oktober 2006 wird Keymis als Nachfolger des grünen "Realissimo" Michael Vesper erstmals Vizepräsident des Landtags. Er ist es bis heute. Was auch bleibt, ist sein Credo, das er von Hannah Arendt übernommen hat: "Der Sinn von Politik ist Freiheit." Und es bleibt die Liebe zu Theater, Kino und Kunst, die der Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien privat pflegt. Gemeinsam mit seiner Frau Gabi, mit der er seit 40 Jahren zusammen ist. Und das ist noch eine Konstante.

    Theo Schumacher

    Zusatzinformation:

    Zur Person

    Oliver Keymis (57) zog erstmals am 2. Juni 2000 in den Landtag ein. Der Vizepräsident war vor sieben Jahren Mitbegründer der deutsch-französischen Parlamentariergruppe, deren Vorsitzender er auch ist.

    ID: LI171120

  • Porträt: Angela Freimuth (FDP).
    Porträt
    S. 15 in Ausgabe 10 - 24.11.2017

    Wenn etwas nicht so funktioniert wie es sollte, dann kann Angela Freimuth schon mal "auf die Palme" gehen, wie sie selbst sagt. Die FDP-Politikerin kümmert sich zur Not auch um die Verkabelung des Computers in ihrem Landtagsbüro, das sie nach der erneuten Wahl zur Landtagsvizepräsidentin erst kürzlich bezogen hat. Es ist kein repräsentativer Raum, eher ein helles, vielleicht nüchternes Arbeitszimmer, in dem nur wenige Dinge an den Privatmenschen Angela Freimuth erinnern. Etwa ein Bild an der Wand hinter ihrem Schreibtisch, das kleine Hand- und Fußabdrücke aus der Kindergartenzeit ihres mittlerweile fast elfjährigen Sohnes zeigen. Oder etwa der Druck "Map" des amerikanischen Künstlers Jasper Johns, der die stilisierte Landkarte der USA in seiner unnachahmlichen Pop-Art darstellt.

    "Etwas Handfestes"

    Die 51-jährige Politikerin blickt auf einen ungewöhnlichen Lebenslauf zurück. Nach dem Abitur in ihrer Heimatstadt Lüdenscheid im Jahr 1985 hatte sie erst einmal genug von allem Theoretischen. "Ich wollte etwas Handfestes machen", sagt sie. Sie begann eine Lehre als Werkzeugmacherin. Dort lernte sie viele Menschen schätzen, die mitten im Leben standen, hart arbeiteten, um für sich und ihre Familien Chancen zu eröffnen. Sie traf auch auf Studenten, die ihr Praktikum im Betrieb absolvierten und sich manchmal für etwas Besseres hielten. Pech für jene angehenden Ingenieure, wenn Angela Freimuth diesen Schnupper-Azubis die Gelegenheit eröffnete, auch durch händische spanende Metallverarbeitung die Fachkenntnisse und Fertigkeiten der Kollegen schätzen zu lernen.

    Nach der Lehre nahm sie ein Jura-Studium in Bonn auf, das sie als Volljuristin abschloss. Anschließend arbeitete sie als Rechtsanwältin (Fachgebiet Steuer- und Insolvenzrecht). 1987 setzte sie sich erstmals intensiv mit Politik auseinander. Die FDP, der sie mittlerweile 30 Jahre angehört, war damals keineswegs ihr Favorit. "Ich schätzte Helmut Schmidt, die Grünen fand ich auch ganz sympathisch." Ihre Wahl fiel aber dann doch auf die FDP, nachdem sie alle Wahlprogramme sorgfältig verglichen hatte. Ausschlaggebend war wohl auch, dass es "so unkompliziert war, in der FDP zu diskutieren". Im Ortsverband Lüdenscheid wurde sie bald Vorsitzende der Jungen Liberalen, plante für die Aufgabe aber nur ein Jahr ein, weil sie danach in die USA auswandern wollte. Die junge Politikerin hat Verwandte in Amerika und fühlt sich den Vereinigten Staaten auch heute noch als Vorsitzende der Parlamentariergruppe NRW-USA im Landtag verbunden.

    Mit dem Auswandern wurde es aber dann nichts, stattdessen startete sie politisch durch. Unter dem damals umstrittenen Parteichef Jürgen W. Möllemann geriet die FDP in schwieriges Fahrwasser. "Für Pessimisten ist die FDP keine Partei", erinnert sich Angela Freimuth. Optimismus und Ideen wurden anerkannt, 1994 wurde sie in den Landesvorstand gewählt. Bei der Landtagswahl 1995 reichte ihr Listenplatz noch nicht für den Einzug in den Landtag. Fünf Jahre später schaffe sie den Sprung ins Parlament und ist seitdem Abgeordnete, die sich sowohl im Haushalt als auch im Kultur- und Wissenschaftsbereich auskennt und engagiert. Herzensanliegen waren für sie beispielsweise die Implementierung der Doppik, die Schuldenbremse oder die Verzahnung von Kultur und Schule. Es sei wichtig, Kultur aus einem elitären Bereich zu lösen und Kinder und Jugendliche zu interessieren und ihre Kreativität zu fördern: "Auch Digitalisierung verlangt innovatives und kreatives Denken, wenn wir sie erfolgreich gestalten wollen."

    Mittlerweile ist Angela Freimuth mit Unterbrechung sieben Jahre Vizepräsidentin des Landtags. Diese Aufgabe erfüllt sie routiniert und doch mit einem großen Herzen, etwa wenn sich Parlamentarier in der Hitze des Redegefechts einmal im Ton vergreifen. Dann baut sie den Kolleginnen und Kollegen Brücken, damit sie den Fehler korrigieren und ihr Gesicht dennoch wahren können. Das sei für sie eine Frage der gegenseitigen Wertschätzung. Sie habe in diesem Landtag tolle Persönlichkeiten über Fraktionsgrenzen hinaus kennen und schätzen lernen dürfen, die hart dafür arbeiteten, diese Gesellschaft voranzubringen und Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit zu suchen.

    Heinz Tutt

    Zusatzinformation:

    Zur Person

    Angela Freimuth (51), 2. Vizepräsidentin des nordrheinwestfälischen Landtags, ist verheiratet und Mutter eines Sohnes. Sie ist seit 2. Juni 2000 Landtagsabgeordnete.

    ID: LI171016

  • Porträt: Carina Gödecke (SPD).
    Porträt
    S. 15 in Ausgabe 9 - 17.10.2017

    Die Niederlagen ihrer Partei bei der Landtagswahl im Mai und der Bundestagswahl im September beschäftigen Landtagsvizepräsidentin Carina Gödecke noch sehr. "Mir tut es persönlich weh", gesteht sie ein. Ihr Mitgefühl gelte vor allem den vielen jungen Mitgliedern der SPD, die mit einer großen Volkspartei etwas verändern und bewegen wollten und sich jetzt "in einem 20-Prozent-Turm wiederfinden". Die 58-jährige Abgeordnete aus Bochum ist dann manchmal froh, dass sie in der Politik schon viel erlebt hat: "Darum zieht mich das Ergebnis nicht komplett runter."

    Carina Gödecke kommt aus einer durch und durch sozialdemokratischen Familie. Schon ein Urgroßvater und ein Großvater waren Mitglieder in der SPD, Vater und Mutter gehörten eine Zeit lang dem Stadtrat in Bochum an. Sie selbst half in Wahlkämpfen, verteilte Flugblätter und klebte Plakate, als sie noch zu jung war, um Parteimitglied zu werden.

    Genauso eng wie mit der Sozialdemokratie ist ihr Lebensweg mit der Firma Opel verbunden. Ihr Vater war Meister im Stammwerk in Rüsselsheim und wurde gebeten, beim Aufbau des neuen Opel-Werks in Bochum mitzuarbeiten. Nach anfänglichem Zögern zog die Familie vom idyllischen Groß-Gerau in die Großstadt an der Ruhr und wohnte nur einen Steinwurf entfernt von den neuen Fabrikanlagen. Die Tochter einer Arbeiterfamilie hatte einige Mühe, sich am Hildegardis-Gymnasium durchzusetzen - einer Schule, die in den 1960er- und 1970er-Jahren vor allem von Töchtern aus gutbürgerlichen Elternhäusern besucht wurde. Dass sie am mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig der hoch angesehenen Schule schließlich ein gutes Abitur ablegte, ist für sie noch heute der Beweis, dass man schaffen kann, was man sich vorgenommen hat - und darüber hinaus, wie wichtig Bildungspolitik für die Zukunftschancen der jungen Generation ist.

    Diese Priorität spiegelt sich auch in ihrem beruflichen Werdegang wider. Sie studierte Chemie und Erziehungswissenschaften mit dem Ziel, Lehrerin zu werden, arbeitete vier Jahre lang für einen Bochumer Landtagsabgeordneten, bevor sie 1990 als pädagogische Referentin zum Heinz-Kühn-Bildungswerk wechselte. 1995 wurde sie erstmals in den NRW-Landtag gewählt. Schon fünf Jahre später wählte die Fraktion sie zu ihrer Parlamentarischen Geschäftsführerin, nach dem Amt des Vorsitzenden die wichtigste Funktion. Nach zehn anstrengenden Jahren wechselte sie 2010 ins Landtagspräsidium und nach dem Wahlsieg der SPD bei den vorgezogenen Wahlen 2012 wurde sie zur Landtagspräsidentin gewählt. Den Wechsel zurück auf den Stuhl der Vizepräsidentin nach der Wahl im Mai hat sie sich gut überlegt. Sie ist überzeugt, dass sie mit ihrer Erfahrung im Präsidium bei der Bewältigung kritischer Situationen dort sinnvolle Arbeit leisten kann.

    Der Grund, sich nach wie vor in der Politik, im Landtag wie in der Partei, zu engagieren, ist für Carina Gödecke derselbe wie zu Beginn ihrer politischen Laufbahn: Sie will helfen, die Welt ein Stück besser, ein Stück gerechter zu machen. Schülerinnen und Schülern habe sie einmal gesagt, wenn sie Regierungschefin wäre, würde sie ein "Kinder-glücklich-machen-Gesetz" erlassen, damit jedes Kind morgens zu Hause ein Frühstück hat, dass es zwischen mindestens zwei Paar Schuhen wählen kann und dass immer mindestens ein Elternteil für das Kind da ist. "Durch mein politisches Engagement will ich verhindern, dass die soziale Schere immer weiter auseinandergeht, und ein Schlüssel dazu ist die Bildungspolitik", ist ihre feste Überzeugung.

    In der wenigen Freizeit, die ihr die politische Arbeit lässt, kümmert sich Carina Gödecke um ihre Familie und erfreut sich am eigenen Garten. Immerhin hat sie es geschafft, mindestens einmal im Monat mit ihrem Mann ins Kino, Theater oder in ein Konzert zu gehen. Und zu den Träumen, auf deren Erfüllung sie hofft, gehört einerseits, genügend Zeit zu haben, um ihr Schul-Englisch aufzufrischen - und andererseits der Aufstieg des VfL Bochum in die erste Bundesliga. Eine Dauerkarte fürs Ruhrstadion haben ihr Mann und sie bereits.

    Peter Jansen

    Zusatzinformation:

    Zur Person

    Carina Gödecke (58), 1. Vizepräsidentin des nordrheinwestfälischen Landtags, ist verheiratet und wohnt in Bochum. Seit 1. Juni 1995 ist die Sozialdemokratin Abgeordnete des Landtags Nordrhein-Westfalen. In der 16. Wahlperiode war sie dessen Präsidentin.

    ID: LI170917

  • Porträt: Armin Laschet (CDU).
    Porträt
    S. 15 in Ausgabe 8 - 19.09.2017

    Die Bücherregale sind noch leer. An den Wänden hängen die alten Bilder. Doch Armin Laschet fühlt sich in seinem neuen Büro schon wohl. "Man ist hier deutlich näher am echten Leben dran", sagt er und schaut aus dem Fenster auf die Düsseldorfer Rheinuferpromenade. Der neue nordrhein-westfälische Ministerpräsident ist zwar erst wenige Wochen im Amt. Doch Laschet hat schon einen Umzug hinter sich. Statt im Stadttor hoch über der Landeshauptstadt regiert der CDU-Politiker nun aus der dritten Etage des Landeshauses direkt am Rhein.

    Dass Armin Laschet überhaupt in die Staatskanzlei einziehen würde, haben viele politische Beobachter lange Zeit für unwahrscheinlich gehalten. Doch im Frühjahr drehte die Stimmung im Land und Laschet machte seine CDU zum Gewinner der NRW-Wahl. Jetzt führt der 56-Jährige eine schwarz-gelbe Koalition an. Oder wie er selbst gerne sagt: die Nordrhein-Westfalen-Koalition.

    Dabei war der Weg für Laschet arbeitsreich. Vor fünf Jahren übernahm er eine NRW-CDU, die nach der damaligen Schlappe bei der Wahl am Boden lag. Manch einer sah ihn als Verlegenheitslösung an. Profilschwach, zu harmlos und ungefährlich - so lautete die Kritik. Doch mit dem Sieg bei der Wahl im Mai ist all das verstummt. Für Laschet heißt es nun: Er muss liefern. "All die Ideen, die man in der Opposition hatte, kann man jetzt endlich in die Realität umsetzen", sagt er. Vor allem in den Bereichen Wirtschaft, Sicherheit und Bildung sollen Akzente gesetzt werden.

    Als Laschet Ende Juni im Landtag zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, saß auf der Besuchertribüne neben Frau und Kindern auch der Vater. Freudentränen flossen. Als Sohn aus einer Aachener Bergmannsfamilie war der Weg ins Staatsamt für ihn alles andere als vorgezeichnet. Der Vater arbeitete unter Tage und wurde später Lehrer. Sohn Armin konnte studieren und entschied sich für Jura. Nach einer ersten Karriere als Journalist folgte die als Politiker: Ratsherr in Aachen, Bundestags- und Europaabgeordneter in Bonn und Brüssel sowie Integrationsminister in Düsseldorf.

    Politisch erlebt hat Laschet schon viel. Doch fragt man ihn nach der spannendsten Zeit seines Politiklebens, muss er gar nicht so weit zurückblicken: "Das sind die letzten 70, 80 Tage. Alles, worauf man seit Jahren hingearbeitet hat, wird nun Wirklichkeit."

    Die Zeit des Umgewöhnens - vom Oppositions- zum Regierungschef - hat Laschet hinter sich. Nach den Koalitionsverhandlungen und dem Regierungsaufbau kündigt er jetzt die ersten Gesetzgebungsinitiativen an. Davon, wie er das Amt ausfüllen will, hat Laschet konkrete Vorstellungen: Er will im Land präsent sein, nahbar sein, auch mal die Rolle des Parteipolitikers verlassen und Landesvater sein. "Ein Ministerpräsident muss auch über seine eigene Partei hinweg das Land zusammenhalten", beschreibt er das Amtsverständnis.

    Neben dem Regieren geht es aber auch um das Repräsentieren. Im Büro des Ministerpräsidenten gehen dieser Tage viele Terminanfragen ein. Es gilt, den Neuen kennenzulernen. "Wenn ich jeden Wunsch nach einem Antrittsbesuch erfüllen würde, wäre ich allein damit zwei Jahre lang beschäftigt", sagt Laschet.

    Auch wenn die Regierung steht, dürfte es in den kommenden Jahren weiter spannend bleiben - vor allem im Landtag. Denn die Koalition hat eine Mehrheit von einer Stimme. "Die Rolle eines jeden Abgeordneten ist dadurch gestärkt", weiß auch Laschet. Er muss sich auf seine Leute verlassen können. Stimmungen müssen frühzeitig erkannt und widerstreitende Interessen zu einer Lösung gebracht werden. "Der Zwang zum Konsens ist Woche für Woche da."

    Geht es nach Laschet, soll der nächste Umzug aber auf jeden Fall erst einmal eine Weile dauern. Auf die Frage, wie lange er in seinem neuen Büro nun bleiben möchte, sagt er nur: "Lange."

    Christian Wolf

    Zusatzinformation:

    Zur Person

    Ministerpräsident Armin Laschet (56) ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Er wohnt in Aachen. Seit 9. Juni 2010 ist er Abgeordneter des Landtags Nordrhein- Westfalen. In der 16. Wahlperiode war er von 2013 an Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion. Laschet war von 1994 bis 1998 Mitglied des Deutschen Bundestags und von 1999 bis 2005 Mitglied des Europäischen Parlaments. Seit 2008 ist er Mitglied des CDU-Bundesvorstands, seit 2012 stellvertretender Vorsitzender der CDU Deutschlands.

    ID: LI170818

  • Porträt: André Kuper.
    Porträt
    S. 11 in Ausgabe 7 - 18.07.2017

    Es war im Frühjahr, als der Landtagsabgeordnete André Kuper aus dem ostwestfälischen Rietberg mit Armin Laschet, damals CDU-Fraktionsvorsitzender im Landesparlament und heute Ministerpräsident, darüber sprach, dass ihn die Aufgabe des Landtagspräsidenten des neuen Landtags interessieren und herausfordern würde. Allerdings: Nach dem Stand der Umfragen war es keinesfalls selbstverständlich, dass die Union aus den Landtagswahlen im Mai als stärkste Partei hervorgehen und den Präsidenten des neuen Landtags stellen würde.

    Umso größer war Kupers Freude, als Laschet ihn nach gewonnener Wahl am Dienstag vor der konstituierenden Sitzung am Donnerstag anrief, zum Gespräch einlud und dort fragte, ob er bereit sei für diese Aufgabe. Dass der mit erfolgreichem Abschluss studierte Betriebs- und Verwaltungswirt sowie langjährige Hauptamtliche Bürgermeister von Rietberg nahezu ideale Voraussetzungen für die Arbeit eines Landtagspräsidenten mitbringt, belegt sein Wahlergebnis. Kuper erhielt 185 von 199 Stimmen.

    Die außergewöhnlich hohe Zustimmung erklärt sich Kuper selbst damit, dass es schon seit langem zu seinen Aufgaben gehörte, im Wettbewerb der Parteien ausgleichend zu wirken, sei es als Bürgermeister, sei es in seinen Funktionen im Städte- und Gemeindebund auf Landes- und Bundesebene. In seinen vielfältigen beruflichen und ehrenamtlichen Aufgaben kam es ihm stets darauf an, nicht mit großen Sprüchen in Erscheinung zu treten, sondern mit sachorientierter wie konstruktiver Arbeit und im Dialog mit den Menschen - frei nach dem biblischen Motto: Nicht an den Worten, an den Taten möge man ihn erkennen.

    In seiner neuen Aufgabe will Kuper den Menschen in Nordrhein-Westfalen deutlich machen, wie wichtig Landespolitik für sie ist. Vieles, was das tägliche Leben betreffe, werde im Landtag entschieden, sagt der neue Präsident. Gleichzeitig will er das Selbstbewusstsein der Abgeordneten stärken, er wendet sich gegen eine gewisse "Selbstverzwergung" und fordert die Kollegen auf, mit Stolz nach außen zu vertreten, was sie Gutes für die Menschen und das Land tun.

    "Selbst etwas tun"

    Den Anlass, dass der junge Kuper sich politisch engagierte und einer Partei beitrat, schaffe sein damaliger Politiklehrer, damals wie heute Fraktionsvorsitzender der SPD im Rietberger Rat. Er hatte seine Schüler wiederholt aufgefordert, nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern selbst etwas zu tun und zu bewegen. Dass sich Kuper dann für die Junge Union und die CDU entschied, hat dem guten Einvernehmen zwischen Lehrer und Schüler und später zwischen Bürgermeister und Oppositionschef nicht geschadet. In der Jungen Union engagierte sich Kuper vor allem im Umwelt- und Naturschutz. Als er später neben seiner beruflichen Tätigkeit das Abendgymnasium in Lippstadt besuchte und dort das Abitur machte, blieb für Politik keine Zeit.

    Nach fünfjähriger Tätigkeit als hauptamtlicher Dozent für Betriebswirtschaft beim Studieninstitut in Bielefeld bot ihm die CDU seiner Heimatstadt an, die neu entstandene Funktion eines Hauptamtlichen Bürgermeisters in Rietberg zu übernehmen. Bei der Kommunalwahl 1999 wurde er mit 83 Prozent im ersten Wahlgang im Amt bestätigt, 2004 und 2009 mit weit über 70 Prozent wiedergewählt. Als 2012 der bisherige Landtagsabgeordnete der CDU nicht mehr antreten wollte, wurde Kuper aufgestellt. Die Kombination aus wissenschaftlicher Ausbildung, beruflicher Tätigkeit und praktischer Arbeit als Kommunalpolitiker waren eine gute Grundlage für die Aufgaben in Düsseldorf. Auch als Landtagspräsident will Kuper seiner Heimat und seinem Wahlkreis so eng wie möglich verbunden bleiben.

    Bei so viel politischem und ehrenamtlichem Engagement bleibt für das Privatleben nur wenig Zeit. In Düsseldorf begegnet man ihm zu früher Morgenstunde am Rheinufer beim Joggen. Eines seiner liebsten Reiseziele ist Sahl Hasheesh in Ägypten, mehr als 20 Mal war er bereits dort. Was als Urlaub begann, ist aber längst zu politischer Tätigkeit geworden, der einstige Tourist ist jetzt als Kommunalpolitiker gefragt und unterstützt und berät ägyptische Freunde bei der demokratischen und kommunalen Entwicklung.

    Peter Jansen

    Zusatzinformation:

    Zur Person

    Landtagspräsident André Kuper ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Er wohnt in Rietberg. Als Abgeordneter gehört Kuper dem Parlament seit 2012 an. Der frühere Hauptamtliche Bürgermeister der Stadt Rietberg war in der 16. Wahlperiode stellvertretender Vorsitzender der CDU-Fraktion.

    ID: LI170711

  • Porträt: Ingola Schmitz (FDP).
    Porträt
    S. 15 in Ausgabe 4 - 12.04.2017

    Mit dem ungewöhnlichen Vornamen Ingola tat sich sogar der Pastor schwer, wollte die Taufe verweigern und lenkte erst ein, weil der zweite Vorname Stefanie lautet. Jahre später fand die heutige FDP-Landtagsabgeordnete Ingola Stefanie Schmitz heraus, dass sie nach der besten Freundin ihrer Mutter benannt worden war und dass es sich bei Ingola wahrscheinlich um eine aus dem Osten Deutschlands stammende Form von Angela handelt.

    Ebenso ungewöhnlich wie der Vorname war der Weg, auf dem die heute 54-jährige Lehrerin in die Politik gefunden hat. Bis Ende des vorigen Jahrzehnts war sie mit ihrem Beruf ausgefüllt, in ihrem Berufsleben hatte sie an nahezu allen Schulformen unterrichtet, von der Hauptschule über das Berufskolleg bis zum Gymnasium, und kannte die sehr unterschiedliche Klientel. Zeit für politisches Engagement blieb da nicht, zumal sie noch Theater-AGs leitete und regelmäßig Wochenendworkshops veranstaltete. Doch weil sie mit der allgemeinen Situation an den Schulen zunehmend haderte, begann sie eines Tages, selbst eine Art schulpolitisches Konzept zu entwickeln mit der Grundidee, an den Schulen einen eher berufsorientierten Zweig zu etablieren und einen eher theoretisch-allgemeinbildenden. Damit ihr Konzept auch von den politisch Handelnden zur Kenntnis genommen werden konnte, beschloss Ingola Schmitz, sich selbst politisch zu engagieren, studierte die politischen Programme der vier damals im Landtag vertretenen Parteien und fühlte sich von der Programmatik der Freien Demokraten am ehesten angesprochen.

    Ortsverband gegründet

    Der Eintritt in die FDP war dann etwas mühsam, denn in ihrem Heimatort Nörvenich am Nordrand der Eifel war die Partei gar nicht vertreten. So fuhr sie in die Kreisstadt Düren, wurde Parteimitglied und gründete kurz danach mit einigen Freunden einen Ortsverband Nörvenich, der sich nach und nach vergrößert hat. Schon nach dreijähriger Mitgliedschaft eröffnete sich ihr die Chance, bei den Landtagswahlen 2012 im Bezirk Aachen zu kandidieren. Der bisherige FDP-Kandidat sah keine großen Erfolgschancen und zog es vor, statt in den Wahlkampf mit seiner frisch vermählten Ehefrau in die Flitterwochen zu ziehen.

    Ingola Schmitz wagte den Sprung ins kalte Wasser und wurde prompt belohnt. Am Wahltag flüsterte ihr der Landrat schon kurz nach 18 Uhr zu: "Frau Schmitz, Sie haben es geschafft!" Die FDP-Liste hatte bis Platz 22 gezogen, die Lehrerin aus Nörvenich hatte auf Platz 19 kandidiert und war damit im ersten Anlauf ins Landesparlament gewählt worden.

    In Düsseldorf beschäftigt sich Ingola Schmitz mit dem Thema, das ihr zur Herzensangelegenheit geworden ist. Zwar sorgte die Bildungspolitik in der jetzt zu Ende gehenden Wahlperiode nicht für so viele Schlagzeilen wie in den Jahren und Jahrzehnten zuvor, aber zu tun gibt es nach ihrer Ansicht noch genug. "Schließlich sind die jungen Menschen die Zukunft unseres Landes und sollen die Grundlage für den Wohlstand der Gesellschaft schaffen", ist sie überzeugt. Handlungsbedarf sieht sie bei den neu geschaffenen Sekundarschulen, die von den Eltern kaum nachgefragt würden, bei der Sicherstellung einer ausreichenden Unterrichtsversorgung und bei der Planungssicherheit für Schulleiter. Bei dem zuletzt wieder heiß diskutierten Thema, ob das Gymnasium in acht oder wie früher in neun Jahren zum Abitur führen soll, plädiert die im Hunsrück geborene Politikerin für eine Lösung wie in Rheinland-Pfalz: Dort können die Schulen selbst entscheiden, welchen Weg sie gehen.

    Politisch weit weniger umstritten ist ihr zweites Arbeitsfeld, die Kulturpolitik. Hier ziehen die Kulturpolitiker aller Fraktionen oft an einem Strang und drängen das Land, in der Kultur stärker Flagge zu zeigen. Da geht es um klarere Regelungen im Kulturfördergesetz des Landes, die auch von allen Betroffenen verstanden werden, um eine Stärkung der kulturellen Bildung an den Schulen und insbesondere an den Berufskollegs oder um die Unterstützung der Landesmuseen und anderer kultureller Einrichtungen. Von der Landtagswahl am 14. Mai erhofft sich Ingola Schmitz natürlich ein gutes Ergebnis für ihre Partei, das ihr die Rückkehr an die Landesregierung ermöglicht. Sie kann sich dann auch gut eine Ampelkoalition aus SPD, GRÜNEN und der FDP vorstellen. "Ich halte nichts davon, Regierungsbündnisse mit den anderen Parteien von vornherein auszuschließen."

    Peter Jansen

    ID: LI170416

  • Porträt: Dagmar Hanses (GRÜNE).
    Porträt
    S. 15 in Ausgabe 3 - 21.03.2017

    "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es", fasste Erich Kästner seine Moral-Philosophie gut zusammen: Nur in unseren Handlungen zeige sich, ob wir gut sind oder nicht. Ein wenig passt diese Philosophie auf die zurückhaltende Landtagsabgeordnete Dagmar Hanses (GRÜNE), die fernab von allen Aufgeregtheiten im Düsseldorfer Parlamentsbetrieb ihre Arbeit verrichtet. In grün-leuchtender Wetterjacke erscheint sie an der Kaffeebar des NRW-Landtags ein wenig außer Atem, aber schließlich dennoch entspannt, fröhlich und freundlich, um Fragen nach ihrer Person zu beantworten.

    Sie ist 41 Jahre alt, ledig, hat drei Patenkinder und ist Single. Sie ist eine Leseratte ("Ich habe mindestens 6.000 Bücher") und backt außerdem gerne Kuchen, wie sie betont. Zuletzt die Hochzeitstorte für einen Landtagskollegen. Soviel zum Privaten.

    Die gelernte Erzieherin hat, im Gegensatz zu vielen ihrer Landtagskollegen, eine sehr bodenständige Biografie. Nach der mittleren Reife und Ausbildung zur Erzieherin erlebte sie in einem Kölner Kinderheim von 1995 an vier Jahre lang, was es heißt, wirklich für Kinder da zu sein: etwa wenn Eltern drogenabhängig sind, Kinder als sogenannte Klaukids abgestempelt werden und mit sieben Jahren bereits ein Hausverbot im Kaufhof haben. Sie kümmerte sich um Kinder, bei denen andere Menschen bereits alle Hoffnung aufgegeben hatten. Dagmar Hanses biss sich durch. In anderen Stationen ihres Lebenswegs war sie für die Resozialisierung von Jugendlichen zuständig. Später übernahm sie in Warstein die Leitung eines Jugendzentrums von 2001 bis 2010.

    Wie alles begann

    Schon 1993 fand sie ihre politische Heimat bei den GRÜNEN. Damals war sie erst 18. Anlass für ihr Engagement sei die Diskussion über die Errichtung eines Frauenhauses im Kreis Olpe gewesen. "SPD und CDU argumentierten mit unterschiedlichen Ausflüchten, warum das Frauenhaus nicht gegründet werden könne. Und die GRÜNEN stellten einen Antrag im Kreistag. Das Frauenhaus wurde gegründet. Das hat mich beeindruckt", erinnert sich Hanses. Danach wollte sie auch aktiv mitmischen. Und wie: Schon 1995 war sie Ratsmitglied in Lennestadt, wurde nebenher mit anderen Parteifreunden Gründungsmitglied der "Grünen Jugend" und wurde schließlich nach einigen Parteiämtern auf der Karriereleiter Sprecherin des Bezirksverbands Westfalen im Jahr 2010. Im gleichen Jahr wurde Dagmar Hanses von ihrer Partei als Landtagskandidatin aufgestellt und erlebte hautnah mit, welche Herausforderungen es in einer rot-grünen Minderheitsregierung gibt. "Das war aufregend, anstrengend und bereichernd", erinnert sich die Abgeordnete. Sie will nicht ausschließen, dass nach der Landtagswahl im Mai SPD und GRÜNE womöglich wieder in einer Minderheitsregierung Verantwortung in Nordrhein-Westfalen übernehmen müssen.

    Nach den derzeitigen Umfragen könnte es knapp für eine rot-grüne Mehrheit werden. Das liegt auch daran, dass die GRÜNEN derzeit wohl nicht mehr mit einem zweistelligen Stimmenergebnis rechnen können. Sie selbst wurde auf Platz 19 der GRÜNEN-Landesliste platziert, 2012 war sie noch auf Platz 17. 29 Abgeordnete zogen damals bei einem Stimmenanteil von 11,3 Prozent ins Parlament ein. "Ich bin aber sehr zuversichtlich, wieder in den Landtag gewählt zu werden", sagt Dagmar Hanses. Eigentlich will sie keinen Gedanken daran verschwenden, dass sie in wenigen Wochen nicht mehr in der Rechts- und Jugendpolitik an ihren Projekten arbeiten könnte. "Ich liebe meine Arbeit", sagt sie und man nimmt es ihr auch ab.

    Als größten Erfolg in ihrer siebenjährigen Landtagszugehörigkeit bezeichnet sie den Kinder- und Jugendförderplan, den sie gemeinsam mit Koalitionskollegen von GRÜNEN und SPD habe durchsetzen können. Das Geld für diese Arbeit sei im Landeshaushalt erheblich aufgestockt worden. Und auch bürokratische Hindernisse für die ehrenamtliche Tätigkeit oder für freie Träger seien weitgehend abgebaut worden. In der Jugendpolitik will sie weiter an dem dicken Brett bohren, bei Landtagswahlen das Wahlalter auf 16 Jahre herabzusetzen. Hanses sieht dies pragmatisch: "Jugendliche dürfen bereits jetzt ihren Oberbürgermeister wählen - warum also nicht auch Landtagsabgeordnete?"

    Heinz Tutt

    ID: LI170317

  • Porträt: Martin Börschel (SPD).
    Porträt
    S. 15 in Ausgabe 2 - 21.02.2017

    Martin Börschel ist ein Mensch mit klaren Prinzipien, für den das Streben nach Gerechtigkeit Richtschnur allen Handelns ist. Die Wurzeln dafür wurden in der Familie gelegt. "Wir hatten nicht viel", berichtet der Kölner. Der Aufstieg durch Bildung war also keineswegs vorgezeichnet: Der Vater, ein gebürtiger Schwabe, verdiente zunächst als Holzwerkzeugmacher, dann als Bauarbeiter den Familienunterhalt. Die Mutter kümmerte sich um die Erziehung der Kinder - und pflegt die Nähe zur katholischen Kirche. So wuchs Börschel gemeinsam mit seiner Schwester in einem christlichen Milieu auf, war Messdiener, trug die Kirchenzeitung aus - und war damit der Liebling der alten Damen.

    "Die Umstände haben es gut mit mir gemeint", ist der inzwischen 44-Jährige dankbar, in einer sehr liberalen Umgebung aufgewachsen zu sein. Eine Grundlage dafür waren die sozial-demokratischen Bildungsreformen, die einen höherwertigen Schulabschluss erst ermöglichten. Als Erster aus der Familie hat Börschel das Abitur gemacht. Er interessierte sich bereits auf der Montessori-Grundschule für Politik, informierte sich über die Inhalte der Parteien und war später von den Initiativen der Friedensbewegung beeindruckt. "Ich war ab der zehnten Klasse Schülersprecher und habe eine Schülerzeitung mit herausgegeben." Das war sein Zugang zur Politik. Es ging um Themen wie den Golfkrieg. "Wir haben Demonstrationen organisiert und überlegt, wie wir unsere Meinung bemerkbar machen können."

    In dieser Lebensphase war es nicht vorgezeichnet, dass er später als SPD-Fraktionschef im Rat als "König von Köln" bezeichnet werden würde. "Das bin ich nicht, das war ich nicht - und so habe ich mich nie empfunden", versichert Börschel, der im Zweitberuf Kommunalpolitiker ist. "Das ist eine gute Mischung", verweist er darauf, dass er die Interessen von Stadt und Land verknüpfen und damit Synergieeffekte erzielen kann. Aus seiner lokalen Sicht war die von den rot-grünen Mehrheitsfraktionen 2014 im Landtag durchgesetzte Erhöhung der Grunderwerbssteuer eine falsche Entscheidung, weil damit die ohnehin in Großstädten hochpreisigen Eigenheimbau-Pläne nochmals verteuert wurden. "Das war eine Entscheidung der inneren Konsequenz", begründet er seinen Rücktritt als haushalts- und finanzpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. "Die Erhöhung hatte nicht die negativen Auswirkungen, die ich befürchtet hatte. Da bin ich widerlegt", verweist er auf die anhaltend hohe Nachfrage nach Grundstücken. Gleichzeitig warnt er aber vor "überbordenden energetischen Anforderungen" beim Häuslebau.

    Der Rückzug vom Sprecheramt habe ihm zugleich Respekt und Kritik eingebracht, aber deshalb sieht er sich in der Landtagsfraktion nicht isoliert oder gar auf verlorenem Posten. Dauerhaft dürfte die SPD nicht auf seine aktive Rolle verzichten können, denn viele Talente hat die Partei in dieser aufstrebenden Altersklasse nicht. Sogar Oppositionspolitiker bedauern, dass ihnen ein kluger Widersacher fehlt. Das dürfte wohl nur eine Übergangsphase sein, denn Börschels Wiedereinzug ins Landesparlament scheint bei den heimischen Mehrheitsverhältnissen ziemlich sicher zu sein. Mit ihm ist also weiter zu rechnen.

    Statt "Papst oder Pilot", wie er als Kind seinen Berufswunsch in Poesiealben verewigte, ist er Rechtsanwalt geworden. Wegen der Kölner Spendenaffäre, die er gemeinsam mit seinem Freund und Nachbarn Jochen Ott meistern musste, verzichtete er auf die angestrebte Promotion. Der praktizierende Katholik stand damals als mit Abstand Jüngster an der Spitze der SPD-Ratsfraktion - und nicht wenige rechneten mit seinem Scheitern. Doch Börschel hat sich - stets freundlich, verlässlich und mit beinahe preußischer Disziplin - durchgebissen.

    Finanzpolitiker ermöglichten in Zahlen gegossene Gerechtigkeitspolitik, setzten damit auch die Grundlage des Zusammenlebens, das im gegenseitigen Respekt funktionieren müsse, sagt Börschel. Vorbeugende Politik sei eine "präventive Investition in die Gesellschaft", deren Ertrag sich später auszahlen werde, so der Sozialdemokrat. Der verheiratete Vater einer neunjährigen Tochter hat als Mitglied des Untersuchungsausschusses Silvesternacht die "für den Staat zutiefst beschämende Katastrophe" mit aufgearbeitet und dabei erfahren, dass die schweren Übergriffe auf Frauen trotz individuell größtmöglichen Einsatzes der Polizisten nicht verhindert werden konnten. Diese Eindrücke haben ihn auch geprägt.

    Robert Vornholt

    ID: LI170217

  • Porträt: Holger Müller (CDU).
    Porträt
    S. 15 in Ausgabe 1 - 31.01.2017

    Den Entschluss, für den NRW-Landtag zu kandidieren und damit aus seinem bisherigen Hobby Politik seinen Beruf zu machen, fasste Holger Müller an einem Morgen im Herbst 2004 auf dem Weg vom Badezimmer zum Frühstückstisch. Der damals 57-Jährige war mit den Vertretern seiner Partei, der CDU, die sich um einen Sitz im Landesparlament bewarben, nicht glücklich und beschloss zu früher Morgenstunde, es selbst zu versuchen. Als erstes informierte er seine Frau, anschließend die örtlichen Parteigremien und wenige Wochen später wurde der Tourismusexperte und Manager am Flughafen Köln/Bonn als Kandidat der CDU im Rheinisch-Bergischen Kreis aufgestellt und im Mai 2005 in den Düsseldorfer Landtag gewählt.

    Bis dahin war Müller nahezu ausschließlich in der Kommunalpolitik aktiv gewesen, in seiner Heimatgemeinde Rösrath und im Kreistag in Bergisch Gladbach, in den er bislang neun Mal direkt gewählt wurde. Dabei war der in der Dorfgemeinschaft überall engagierte Müller eher durch Zufall zur Politik gekommen. Als Jugendlicher galt sein ganzes Interesse dem Sport und dabei in erster Linie dem Fußball. Während seines Jura-Studiums in Köln Ende der 1960er-Jahre sprach ihn eines Tages ein führender CDU-Politiker seiner Heimatgemeinde an und forderte ihn auf, er müsse jetzt in Rösrath einen Ortsverband der Jungen Union (JU) ins Leben rufen. Aber er habe doch gar keine Ahnung von Politik, hielt ihm Müller entgegen, doch das ließ der CDU-Mann nicht gelten: "Du machst das schon."

    Nach seinem Motto "Ganz oder gar nicht" war Müllers Aufstieg in der Politik von da an unaufhaltsam. Schon nach zwei Jahren war er JU-Vorsitzender in seinem Heimatkreis, 1975 wurde er Vizechef der CDU im Rheinisch-Bergischen Kreis, gehörte von 1975 bis 2004 mit fünfjähriger Unterbrechung dem Rat in Rösrath an und engagierte sich bei den Jungen Christdemokraten auf europäischer Ebene. Beruflich hatte sich Müller nach dem abgeschlossenen Jurastudium als Touristikkaufmann selbstständig gemacht, der größte Teil der Freizeit gehörte dem Sport, aktiv als Fußballer bei Union Rösrath und als Jugendtrainer, passiv als Vereinsvorsitzender, Fan des 1. FC Köln und der deutschen Fußballnationalmannschaft, der er bereits neun Mal zu Weltmeisterschaften gefolgt ist, "auf eigene Kosten", wie er in seiner Muttersprache Kölsch versichert.

    Im Landtag kann er "aufgrund einer glücklichen Fügung", wie er selbst sagt, die Hobbys Sport und Politik miteinander verbinden. Müller sitzt im Sportausschuss und ist sportpolitischer Sprecher seiner Fraktion, pflegt die Beziehungen zum Landessportbund und kämpft dafür, dass dem Schulsport die notwendige Bedeutung zugemessen wird. In den Stundenplänen stünden zwar 3 Sportstunden, gegeben würden allerdings im Durchschnitt nur 2,1. Fachlehrer für Sport gebe es in den ersten Klassen fast überhaupt nicht und daran habe sich, so klagt Müller, in den letzten Jahren nichts geändert, egal, welche Partei die Schulministerin stellte. Dabei sei die Notwendigkeit, schon bei den jüngsten Schülern sportliche Tätigkeiten zu fördern, bei Medizinern und Pädagogen unbestritten.

    "Einmal in die Südsee"

    Bei der nächsten Landtagswahl am 14. Mai diesen Jahres tritt Müller wieder als Direktkandidat der CDU an, mit dann fast 70 Jahren der älteste seiner Partei im ganzen Land. Probleme sieht Müller dabei nicht: "Meine Altersklasse ist die größte geschlossene Wählergruppe im ganzen Land." Wenn er wiedergewählt wird, will er sich neben seinen ständigen Themen Sport und Kommunalpolitik stärker den Problemen seiner Generation widmen. Es gebe viele über 65-Jährige, die wie er nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben nicht den ganzen Tag zu Hause sitzen wollten, ist Müller überzeugt. Die Menschen wollten noch etwas tun und das nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen. Der Einstieg in die sogenannte Flexi-Rente weist nach seiner Überzeugung in die richtige Richtung.

    Unabhängig vom Ausgang der Landtagswahl möchte sich der ehemalige Touristikkaufmann noch einen Wunsch erfüllen, zu dem ihm bislang die Zeit fehlte. "Ich möchte einmal in die Südsee reisen, da bin ich noch nie gewesen. Und wenn ich gesund bleibe, mache ich das auch."

    Peter Jansen

    ID: LI170119

  • Porträt: Angela Lück (SPD).
    Porträt
    S. 19 in Ausgabe 10 - 20.12.2016

    Prominente Politiker nutzen gerne ihre Familiennamen zu Wortspielen, wenn sie zu Treffen einladen. Der frühere Ministerpräsident Rüttgers lud Journalisten regelmäßig zum Plausch in den "Rüttgers-Club", wenig später legte die jetzige Amtsinhaberin Hannelore Kraft (SPD) mit ihrem turnusmäßigen "Kraft-Raum" nach und der SPD-Fraktionschef Norbert Römer mit der "Römer-Quelle".

    Auch die SPD-Abgeordnete Angela Lück (57) aus Löhne in Ostwestfalen bedient sich seit geraumer Zeit eines Wortspiels mit ihrem Namen: "Lückenlos aus Düsseldorf " nennt sie ihren regelmäßigen Informationsbrief, mit dem sie die rund 40.000 Bürgerinnen und Bürger in ihrer Heimatstadt über die Politik im fernen Düsseldorf informieren will.

    Angela Lück weiß, was sie ihren Wählern schuldig ist. Sie wurde erstmals nach der Ära Rüttgers im Jahr 2010 mit knapp 47 Prozent direkt gewählt und löste damit den langjährigen CDU-Mandatsträger im Handstreich ab. Bei der vorgezogenen Neuwahl 2012 legte sie sogar auf 49 Prozent zu. "Das verpflichtet. Ich lege größten Wert auf die Arbeit im Wahlkreis", erklärt Lück. Regelmäßig taucht sie auch für einen Tag in die Berufswelt vor Ort ein, etwa als Schwimmmeisterin im Freibad oder im Verkaufsraum eines ortsansässigen Bäckers. "Die Termine sind wichtig. Dort erfährt man, wo der Schuh wirklich drückt."

    Engagement im Betriebsrat

    Die gelernte Krankenschwester, Mutter von zwei Kindern, wurde bereits während ihrer Schulzeit auf der Fachoberschule für politische Themen sensibilisiert. Zunächst engagierte sie sich in Gewerkschaft und Betriebsrat, weil sie bald merkte, dass es an ihrem Krankenhaus einiges zu verbessern gab.

    Beim ersten Kind konnten die Eltern noch helfen, Beruf und Erziehung unter einen Hut zu bringen. "Beim zweiten Kind war das schwieriger. Ich legte überwiegend Nachtschichten ein, um tagsüber für die Kinder da zu sein." Ein Knochenjob, erinnert sie sich heute. Sie ärgerte sich damals, dass eine Pflichtpause von einer Stunde nachts nicht auf die reguläre Arbeitszeit angerechnet wurde - und sie sorgte dafür, dass Abhilfe geschaffen wurde. Die Kolleginnen und Kollegen merkten bald: Mit der kann man was anfangen. Sie wurde 1990 in den Betriebsrat gewählt und vertrat dort bis zum Jahr 2010 die Interessen der Belegschaft. Zwischen 2001 und 2010 übernahm sie im Herz- und Diabetes-Zentrum NRW eine Führungsposition als stellvertretende Abteilungsleiterin.

    Mitglied der SPD wurde sie am 1. Mai 1997 - am Tag der Arbeit erklärte sie dem damaligen stellvertretenden Bürgermeister, jetzt sei es für sie an der Zeit, Gewerkschaft und Sozialdemokraten näher zusammenzubringen. Bereits drei Jahre später war sie Mitglied im Löhner Stadtrat. "Die Kinder waren aus dem Gröbsten raus, ich wollte etwas verändern", erinnert sich Angela Lück. Der Sozial- und Gesundheitsbereich lag ihr besonders am Herzen. Schon bald agierte sie in der Führungsriege (2006 bis 2010) der Fraktion als stellvertretende Vorsitzende.

    Eigentlich sei es damals Rüttgers gewesen, der sie in die Landespolitik getrieben habe. Sie sei "richtig sauer" auf die CDU-geführte Landesregierung geworden, weil sie auch in Löhne habe erleben müssen, "wie sich das Land auf Kosten der Kommunen finanziell bereicherte". Auf Anhieb schaffe sie bei der Wahl 2010 den Sprung in den Landtag. Es lag auf der Hand, dass sie sich dort in der Gesundheitspolitik engagieren würde. Bis heute ist sie Mitglied im Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales sowie im Integrationsausschuss. Nicht immer ist es einfach, mit dem Koalitionspartner Kompromisse zu finden, doch darin ist Angela Lück geübt: Sie ist zuversichtlich, mit Gesundheitsministerin Barbara Steffens (GRÜNE) jetzt einen Weg zu finden, die Impfquote auch bei jungen Heranwachsenden in NRW zu steigern.

    Privat entspannt sich die Politikerin bei der Gartenarbeit oder bei Radtouren mit ihrem Mann. Das kann in der Hügellandschaft der Ravensburger Mulde gelegentlich anstrengend sein. "Damit wir nicht immer den Berg hoch schieben müssen, sind wir seit einigen Monaten mit dem E-Bike unterwegs."

    Heinz Tutt

    ID: LI161021

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Die Fraktionen im Landtag NRW