11.05.2022

Abschied nach mehr als zwei Jahrzehnten

Besuche von Staatsoberhäuptern, persönliche Begegnungen im ganzen Land und wichtige politische Debatten prägten die Amtszeiten von Vizepräsidentin Carina Gödecke, die 27 Jahre dem Landtag angehörte, und Vizepräsident Oliver Keymis, der auf 22 Jahre im Landesparlament zurückblicken kann.

Vizepräsidentin Carina Gödecke und Vizepräsident Oliver Keymis blickten auf ihre Amtszeiten zurück und sprachen über besondere Momente.

Oliver Keymis: Carina, 1995 bist Du in den Landtag gekommen. Hast Du da geahnt, dass Du mal Präsidentin wirst?
Carina Gödecke: Nein, im Leben hätte ich damit nicht gerechnet. 1995 waren die Zeiten völlig andere. Anfangs war ich froh, dass ich mich im Landtag zurechtgefunden habe und mit meinen drei Ausschüssen zurechtkam. 

Oliver Keymis: Hattest du 1995 schon einen Computer?
Carina Gödecke: Ich hatte keinen Computer. Und wenn ich mich richtig erinnere, dann gab es damals die erste PC-Amtsausstattung für das Büro, aber es gab kein Internet. Immer wenn wir etwas brauchten, haben wir zum Telefon gegriffen und natürlich ganz klassisch Briefe geschrieben.

Carina Gödecke: Kannst du Dich denn daran erinnern, wann Du das erste Mal mit einem Computer im Landtag zu tun hattest?
Oliver Keymis: Als ich 2000 in den Landtag kam, gab es schon Computer als Amtsausstattung. Meine erste Internet-Erfahrung habe ich 1997 gemacht. Man muss sich bewusst machen, dass wir damals ein Leben ohne Internet gekannt haben, so wie unsere Urgroßeltern ein Leben ohne Telefon.

Carina Gödecke: Was ist Dir denn aus dieser Zeit als besonders wichtiges Ereignis in Erinnerung geblieben?
Oliver Keymis: Am wichtigsten habe ich immer die Debatten empfunden, in denen wir kontrovers und manchmal auch über die Fraktionsgrenzen hinweg diskutiert haben. Bis heute erinnere ich mich gut an eine Debatte Anfang der 2000er Jahre. Es ging um die Frage, wie wir Gentechnik nutzen. Die wichtigsten Rednerinnen und Redner aus unseren Fraktionen haben zu einem hoch-ethischen Thema aus ganz unterschiedlichen Perspektiven Stellung bezogen. Das waren schon besondere Stunden im Parlament.
Ein großer Einschnitt war für mich, dass ich 2006 zum Vizepräsidenten gewählt wurde. Aus dieser langen Zeit der Vizepräsidentschaft bleiben mir sehr viele besondere Momente in Erinnerung.

Oliver Keymis: Vermutlich ging es Dir genauso, als Du nicht nur Vizepräsidentin, sondern auch Präsidentin des Landtags wurdest?

Carina Gödecke: Ja, denn in diesem Amt hat man automatisch viele Begegnungen, die man vorher gar nicht für denkbar gehalten hätte. Wahrscheinlich hätten sie meinen Vater und meine Mutter, wenn sie die Zeit noch erlebt hätten, sehr stolz gemacht. Wer hat schon das Glück, Königinnen oder Bundespräsidenten hier empfangen zu dürfen? Das sind schon besondere Momente. 
Aber besonders sind mir Begegnungen im Land, zum Beispiel mit Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern, in Erinnerung geblieben, die für ihre Kommunen brennen und die unheimlich engagiert sind. 
Aber auch die tragischen Erlebnisse bleiben im Gedächtnis: Zum Beispiel das Unglück von Jürgen Möllemann, dass uns völlig unerwartet in einer Plenarsitzung getroffen hat; die Loveparade-Katastrophe, als die damalige Ministerpräsidentin Hannelore Kraft erst kurz im Amt war oder auch der Absturz der Germanwings-Maschine.

Das sind Momente, in denen man fassungslos dasteht und weiß, man muss jetzt stark sein. In diesen Situationen kann ein Parlament seine Bindungskraft, seine Wertegebundenheit und seine Stärke beweisen.

Oliver Keymis: Und dann muss man ja trotzdem stabil reagieren und den Menschen das Gefühl geben: „Wir tragen das jetzt gemeinsam.“ Ich kann Dir da nur zustimmen. Die entscheidenden Momente sind eigentlich die gewesen, die wir vielleicht gar nicht im, sondern außerhalb des Landtags erlebt haben. Wo wir mit Menschen zusammen gekommen sind, die entweder von einem Schicksalsschlag betroffen waren, oder große Freude empfunden haben, weil sie in einer besonderen Situation besondere Dinge machen konnten.

Carina Gödecke: Weißt Du denn schon, was Du an Deinem letzten Tag als Landtagsabgeordneter hier im Haus machen wirst?
Oliver Keymis: Die letzten Dinge wegräumen und das Büro abschließen. Für mich – und für Dich ja auch – ist der letzte Moment im Landtag der, wenn hier ein neues Präsidium gewählt wird. Das gucken wir uns dann von der Besuchertribüne aus im Plenarsaal an. Wenn unsere Nachfolgerinnen und Nachfolger gewählt wurden, dann wissen wir, wir sind „a.D.“ – und dann gehe ich nach Hause. 
Carina Gödecke: Ich sag immer: 1. Juni, 17.15 Uhr, alles vorbei. Aber ja, in dem Moment, in dem sich der Landtag neu konstituiert hat und ein neues Präsidium gewählt ist, sind wir „a.D.“. Ich finde das ist ein seltsamer Gedanke, nachdem man so lange hier war.

Oliver Keymis: Und weißt Du schon, was Du nach dieser langen Zeit machen möchtest?
Carina Gödecke: Die ersten Tage werde ich mit Sicherheit zu Hause Unterlagen sortieren und entsorgen. Mein Mann und ich würden dann gerne ein paar Tage wegfahren, auch um uns an die neue Lebenssituation zu gewöhnen. Und wenn ich in die Zukunft blicke: Es gibt sehr viele Ehrenämter, in denen ich tätig bin. Ich bin zum Beispiel sehr glücklich darüber, Botschafterin der Deutschen Kinderhospizstiftung zu sein. Da habe ich versprochen, mich richtig reinzuknien, ins Land zu fahren und für die Kinderhospizarbeit und die Arbeit der Kinderhospizstiftung zu werben.
Ansonsten wartet der Garten auf mich, ich würde gerne mal richtig Englisch lernen, mit der Nähmaschine zu nähen und einfach auch mal ein bisschen reisen. Du und ich, wir haben viel Zeit im Landtag verbracht und für das Parlament gearbeitet – da kam Privates auch hin und wieder zu kurz.

Carina Gödecke: Wenn Du Dir ein Lied wünschen dürftest, das Dir zum Abschied von den Kolleginnen und Kollegen gesungen oder im Landtag gespielt werden sollte: Hast Du eine Idee, was das sein könnte?

Oliver Keymis: Von den Kolleginnen und Kollegen gesungen kann ich mir das nicht vorstellen. Aber damit alle mal richtig emotional werden, würde ich das Lied „Avec le temps“ von Léo Ferré wählen. Ganz berühmt, furchtbar schmalzig, aber wunderschön. Kenner der französischen Chanson-Welt wissen, wie fürchterlich traurig dieses Lied ist. Und denjenigen, die es nicht kennen, verrate ich, dass es im Grunde sagt, dass mit der Zeit alles geht.

Oliver Keymis: Hast Du denn ebenfalls ein Lieblingslied, von dem Du Dir wünschst, dass es hier gespielt oder gesungen wird?
Carina Gödecke: Ich habe sogar drei. In den Andachten des Landtages haben wir oft ein Lied gesungen, bevor wir in die Sommerpause gegangen sind: den irischen Reisesegen „Möge die Straße“. Da würde ich wahrscheinlich auch ein Tränchen verdrücken. Und was erwartet man von einer Sozialdemokratin aus dem Ruhrgebiet? Ja, das „Steigerlied“. Aber nicht, weil man damit ein Klischee bedient, sondern weil ich dieses Lied einfach liebe, weil es so viel Geschichte mit sich bringt und so viel in mir zum Klingen bringt.
Das dritte Lied passt sehr gut in die gegenwärtige Zeit, die vom Krieg in der Ukraine und Unruhen auf der Welt geprägt ist. Es ist ein Lied, das meinem Vater sehr am Herzen gelegen hat und wohl auch meine Wahl wäre, wenn ich mich für eines der drei Lieder entscheiden müsste: „Der Gefangenenchor“ aus Nabucco - das Freiheitslied schlechthin.

Oliver Keymis: Die Freiheit, da sind wir uns einig, ist das, wofür wir uns stark gemacht haben. Dass Menschen frei und sicher Leben können ist der Grund, warum wir Politik machen. Es ist schön, dass Du auch mit Deinen Liedern daran erinnerst. Meins geht mehr in den Abschied, den Schmerz und das Wissen, dass irgendwann alles vorbei ist. Das ist dann auch jetzt so.

Carina Gödecke: Das stimmt, irgendwann ist alles vorbei. Aber was nie vorbeigehen wird und nie vorbeigehen darf, ist der Wert der Demokratie. Das verkörpert kein anderer Ort in Nordrhein-Westfalen so wie der Landtag. Dieses Haus ist der Ort, an dem Demokratie mit Leben gefüllt wird, an dem Demokratie geatmet und erlebt werden kann. Deswegen freuen wir uns, dass wieder viele Besuchergruppen und Menschen in den Landtag kommen können. Sie erfahren hier, wie der Arbeitsalltag der Abgeordneten aussieht, wie Gesetze entstehen, wie durch das, was hier entschieden wird, die Lebensbedingungen von Menschen beeinflusst werden und warum es so wichtig ist, dass man ab und an die parteipolitischen Grenzen überwindet und gemeinsame Entscheidungen trifft, wenn sie gut und richtig für die Menschen sind.

Die Fraktionen im Landtag NRW