14.04.2022

Juniorwahl: Praxisübung mit Langzeitwirkung

In einem Monat es soweit: Nordrhein-Westfalen wählt einen neuen Landtag. Wenn am 15. Mai die Wahllokale öffnen, haben sich rund 200.000 Jugendliche bereits entschieden und ihre Kreuze gemacht – in einer von rund 772 Schulen, die an der Juniorwahl teilnehmen. Die Juniorwahl stellt Jugendlichen ab der 7. Klasse die Fragen: Wie würdet ihr euch bei dieser konkreten Landtagswahl entscheiden? Wie ist das und wie geht das: wählen gehen? Zur Wahl stehen dieselben Parteien wie bei der echten Landtagswahl und die tatsächlichen Kandidatinnen und Kandidaten im Wahlkreis.

Bereits seit Januar ist Gerit Geisbüsch, Lehrer für Sozialwissenschaften und Gesellschaftslehre, mit der Vorbereitung der Juniorwahl beschäftigt. Nach den Osterferien beginnt in den Klassen und Kursen der Theorieteil rund um Wahlsystem, Demokratie, Landtag und Parteien. Anstelle einer Klausur steht für die Schülerinnen und Schüler am Ende der Wahlakt. 

Für Geisbüsch war klar, dass seine Schule wieder dabei sein soll. Es ist nach den Juniorwahlen zur Landtagswahl 2017 und zur Bundestagswahl im vergangenen Herbst die dritte an der Gesamtschule Holweide in Köln. Wer selbst in der Corona-Pandemie ein relevantes Stundenkontingent des wertvollen Präsenzunterrichts für die Juniorwahl zur Verfügung stellt, ist Überzeugungstäter. Zu Demokratie zu erziehen, für Demokratie zu begeistern, das sei ein fächerübergreifender Bildungsauftrag, meint der Lehrer. So schafft er es, auch Kolleginnen und Kollegen anderer Fachrichtungen zu überzeugen, Unterrichtszeit für die Juniorwahl zu nutzen und den Jugendlichen den Wahlakt zu ermöglichen. 

Demokratie hautnah kennenzulernen, sei etwas anderes, als sich nur theoretisch damit zu beschäftigen. „Bei vielen ist es bis zur ersten echten Wahl nur ein bis drei Jahre hin“, sagt Geisbüsch. Einen Wahlakt vorher mitgemacht zu haben, nehme denjenigen Hemmungen, die gar nicht wüssten, ob sie dem gewachsen seien. Schließlich soll niemand aus Unsicherheit an einem echten Wahltag zu Hause bleiben.

Drei Wahlen fürs Leben 

Tatsächlich sei wissenschaftlich belegt, dass Menschen, die an den ersten drei Wahlen ihres Lebens teilgenommen hätten, ein Leben lang von ihrem Wahlrecht Gebrauch machten, erklärt Gerald Wolff vom Verein Kumulus e. V., Organisator der Juniorwahl. Wenn die Juniorwahl bereits eine oder zwei Wahlen von den kritischen dreien abdecken könne – umso besser. Und die Effekte gingen über die Jugendlichen hinaus: Wenn Schülerinnen und Schüler an der Juniorwahl teilnehmen, dann steige auch die Wahlbeteiligung ihrer Eltern um bis zu 9 Prozent. Gerade in sozial benachteiligten Familien mache sich dies bemerkbar, sagt Wolff. 

An der Gesamtschule in Köln-Holweide lernen nicht nur Kinder und Jugendliche aus bildungsnahen Elternhäusern. Im Gegenteil ist das Einzugsgebiet sehr gemischt. Auch in diesem Jahr wird es wieder spannend. Weil 1.650 Schülerinnen und Schüler aus den Jahrgangsstufen 7 bis 12 für die Juniorwahl angemeldet sind, reicht ein Wahltag nicht aus. Stattdessen wird in einer ganzen Wahlwoche der demokratische Akt täglich stattfinden und die Stimmung in der Schule prägen. Wo sonst die Spieleausleihe der Schule ist, befindet sich dann der Wahlraum. Mit besonderer Begeisterung sind die Wahlhelferinnen und -helfer dabei. Sie empfangen die Jugendlichen, prüfen deren Wahlberechtigung, haben Wahlkabinen aufgestellt und wachen über die Wahlurne. 

Trotz digitalen Zeitalters hat sich die Online-Wahl nicht durchgesetzt, berichtet Juniorwahl-Organisator Wolff. Von 4.500 teilnehmenden Schulen bei der Juniorwahl zur Bundestagswahl hätten sich zuletzt nur elf für die Online-Variante entschieden, die seitdem nicht mehr angeboten wird. Auch Lehrer Geisbüsch hält das realistische Setting für wesentlich. Der Wahlakt werde lebensnah simuliert, diese praktische Erfahrung mache Eindruck. Auch die Vorbereitung umfasst nicht nur Theorie, sondern daneben begleitende Veranstaltungen. So will die Schule wie bereits bei der Bundestagswahl eine Podiumsdiskussion mit Kandidierenden im Wahlkreis organisieren. 

Den Termin – oder die Zeitspanne – für die Juniorwahl dürfen die Schulen selbst bestimmen. Die Wahl muss aber in den letzten zwei Wochen vor der echten Landtagswahl geschehen. Damit es keine beeinflussenden Effekte gibt, wird das Ergebnis der Juniorwahl erst veröffentlicht, wenn am 15. Mai um 18 Uhr die Wahllokale der echten Landtagswahl geschlossen sind und keine Stimme mehr abgegeben werden kann. Bei Lehrer Geisbüsch gehen erfahrungsgemäß schon vorher die ersten digitalen Nachfragen von Schülerinnen und Schülern ein: Wie ist die Juniorwahl ausgegangen?

Effekte

Ganz egal, wie die Jugendlichen gewählt haben: Bestimmte Effekte seien klar auszumachen, sagt Organisator Wolff und verweist erneut auf wissenschaftliche Studien. Die Juniorwahl wirke nachhaltig und stärke die parlamentarische Demokratie. Das Vertrauen ins Wahlsystem steige, und Wählen werde als Selbstverständlichkeit wahrgenommen. Vor allem an nicht-gymnasialen Schulformen sei dieser Effekt deutlich. Die Juniorwahl führe nicht zu politischer Verortung, sondern zu mehr Kenntnissen über das Wahlsystem, über Parteien und Inhalte. Auch die Kompetenz, sich relevante Informationen zu beschaffen, nehme zu. Gesamtschullehrer Geisbüsch bestätigt aus der Praxis, dass sich die Jugendlichen, die an Juniorwahlen teilgenommen hätten, intensiver mit politischen Inhalten beschäftigten. 

Wie im echten Leben sei das Interesse unter den Jugendlichen unterschiedlich groß. Die einen seien sich des Privilegs, wählen zu dürfen, bewusst, seien auch aufgeregt am großen Wahltag. Andere berühre das weniger. Alle bereiteten sich auf die Juniorwahl vor, aber anders als der vorbereitende Unterricht sei der Wahlakt freiwillig – ebenfalls wie bei der echten Wahl. 

Einige Kölner Jugendliche an der Gesamtschule Holweide werden bei der Juniorwahl zur Landtagswahl 2022 bereits zum dritten Mal gewählt haben. Die Chancen stehen gut, dass sie auch bei der nächsten Wahl dabei sein werden – dann als regulär Wahlberechtigte. Ein Stück weit dabei sind in diesem Jahr bei der Landtagswahl bereits einige Jugendliche aus dem Leistungskurs Sozialwissenschaften. Gemeinsam mit ihrem Lehrer Gerit Geisbüsch werden sie als Wahlhelfer im Briefwahlzentrum Köln arbeiten. Die Aufwandsentschädigung fließt in die Klassenkasse.

Text sow

Schirmherr der Juniorwahl zur Landtagswahl 2022 ist der Präsident des Landtags Nordrhein-Westfalen, André Kuper. Der Landtag finanziert die Juniorwahl in NRW gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung.

Mit 772 teilnehmenden Schulen an der NRW-Juniorwahl im Mai ist das Interesse in der Schullandschaft noch größer als bei der zurückliegenden Bundestagswahl, die ebenfalls als Juniorwahl stattgefunden hat. Für Juniorwahlen im Lockdown gibt es eine Homeschooling-Variante.

Organisator ist der Verein Kumulus e. V. in Berlin. Seit 1999 organisiert er Juniorwahlen in ganz Deutschland. Mitgemacht haben bisher rund 5,3 Millionen Jugendliche. Die Juniorwahl bildet die Schullandschaft ab. Es beteiligen sich Gesamtschulen, Realschulen, Hauptschulen und Gymnasien ebenso wie Berufskollegs, Sekundarschulen und Waldorfschulen bis hin zu Förderschulen. Unterrichtsmaterial gibt es nach Niveaustufen passend für alle mitmachenden Klassen und Kurse.

Die Fraktionen im Landtag NRW