27.01.2022

Gemeinsame Gedenkstunde von Landtag und Landesregierung für die Opfer des Nationalsozialismus

Der Landtag und die Landesregierung des Landes Nordrhein-Westfalen haben gemeinsam der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar kamen die Abgeordneten des Parlaments und die Mitglieder der Landesregierung im Plenarsaal des Landtags unter anderem mit Vertretern der jüdischen Verbände zusammen.

Die Zeitzeugin Tamar Dreifuss erinnerte mit bewegenden Worten an ihre Flucht vor den Nationalsozialisten. Aufgrund der Corona-Pandemie fand die Veranstaltung im Hybrid-Format mit einer reduzierten Anzahl von Teilnehmerinnen und Teilnehmern vor Ort statt. Bei der Gedenkstunde sprachen André Kuper, Präsident des Landtags, der Ministerpräsident des Landes, Hendrik Wüst, und Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland als Vertreter der jüdischen Verbände in Nordrhein-Westfalen. Das Konzentrationslager Auschwitz war am 27. Januar 1945 von sowjetischen Soldaten befreit worden. In Zukunft soll jedes Jahr am 27. Januar ein gemeinsames Gedenken für Nordrhein-Westfalen stattfinden. 

Tamar Dreifuss erlebte 1940 den deutschen Einmarsch im litauischen Ponar bei Wilna und die Ermordung vieler Jüdinnen und Juden. Die Familie wurde 1941 ins Wilnaer Ghetto deportiert. Mit der Auflösung des Ghettos zerbrach die Familie. Der Vater starb im Konzentrationslager, die Mutter konnte mit Tamar Dreifuss fliehen. Tamar Dreifuss, hat die Aufzeichnungen ihrer Mutter für das Buch „Sag niemals, das ist dein letzter Weg“ aus dem Jiddischen übersetzt. 

Der Präsident des Landtags, André Kuper, sagte zu Beginn der Gedenkstunde: „Wir behalten auf alle Zeiten mahnend in Erinnerung, was die Täter des NS-Regimes Generationen von Menschen angetan haben – auch unter den erschwerten Bedingungen der Pandemie. Wir halten das Gedenken wach – gerade in diesen Zeiten, in denen Rassismus und Antisemitismus offen zutage treten und Menschen in unserem Land Parallelen zwischen dem Nationalsozialismus und Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie ziehen. Bei Demonstrationen werden Judensterne und der Hitlergruß gezeigt. Diese Vergleiche sind geschichtsvergessen. Sie sind geschmacklos. Sie sind verhältnislos. Wir werden weiter an das dunkelste Kapitel unserer Geschichte erinnern. Wir werden weiter jenen Menschen eine Stimme geben, die unter der nationalsozialistischen Diktatur gelitten haben. Und wir werden weiter eintreten für Demokratie und gegen Antisemitismus.“

Abraham Lehrer sprach über die drei Gedenktage des Jahres: 27. Januar, 8./9. Mai und 9. November. Er stellte die Frage: „Aber sind diese Tage immer noch Leuchtturmprojekte oder Feigenblätter der Gesellschaft? Um den Antisemitismus heute zurückzudrängen, müssen alle Bereiche der Gesellschaft zusammenwirken. In der Justiz, in Hochschulen und Schulen, in der Kultur sowie bei Polizei und Bundeswehr muss eine interne selbstkritische Prüfung stattfinden. Um das zivilgesellschaftliche Engagement zu stärken ist ein Demokratiefördergesetz notwendig. Länder und Hochschulen müssen zügig das geänderte Richtergesetz umsetzen, das verpflichtende Lehrveranstaltungen zum NS-Unrecht in der Juristenausbildung vorsieht. Auch die Lehrerausbildung muss entsprechend reformiert werden, um Antisemitismus in den Schulen zurückzudrängen und die Lehrkräfte im Umgang mit antisemitischen Vorfällen zu schulen. Vor allem muss der israelbezogene Antisemitismus stärker als bisher bekämpft werden. Israel ist für Juden eine Lebensversicherung. Der BDS-Beschluss des Bundestages muss in alle Landesparlamente übernommen werden und gesetzlich untermauert werden.“ Er bedankte sich beim Landtag und der Landesregierung für ihr Vorhaben, den 27. Januar nun jährlich zu begehen. Die Jüdische Gemeinschaft begrüße dies ausdrücklich.

Der Gedenkstunde wohnten neben Abgeordneten des Landtags unter anderem auch der Generalkonsul der Republik Polen und Doyen des Konsularischen Korps Nordrhein-Westfalen, Jakub Wawrzyniak, sowie weitere Vertreterinnen und Vertreter der Jüdischen Verbände und Roman Franz, Vorsitzender des Landesverbands Sinti und Roma Nordrhein-Westfalen, bei. 

Christian Brandenburger (Klavier) und Vera Merziger (Violine) begleiteten die Veranstaltung mit Werken von Olivier Messiaen und Wolfgang Amadeus Mozart sowie mit jiddischen Liedern von Viktor Ullmann. Auf Wunsch von Tamar Dreifuss spielten sie zudem das populäre israelische Lied „Jerusalem aus Gold“.

Die Fraktionen im Landtag NRW