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Anhörung: Sachverständige äußern sich zur „Care-Arbeit“

20.08.2020 / In einer gemeinsamen Anhörung der Ausschüsse für Gleichstellung und Frauen, für Arbeit, Gesundheit und Soziales sowie für Familie, Kinder und Jugend haben sich Sachverständige zum Thema „Care-Arbeit“ geäußert. „Care“ bedeutet übersetzt „Sorge“ oder „Pflege“. Der Sitzung lag ein Antrag der Grünen-Fraktion zugrunde.

Die Fraktion fordert in ihrem Antrag („Care-Arbeit in NRW sichtbar machen und besser unterstützen“, 17/8765) mehr Anerkennung und Unterstützung für diese Arbeit. Dazu zählen nach Angaben der Grünen u. a. Sorge- und Pflegearbeit für Kinder und andere Angehörige, Hausarbeit, Ehrenamt und Nachbarschaftshilfe. Besonders betroffen seien Frauen, sie leisteten die meiste „Sorgearbeit“. Die Fraktion fordert u. a. einen landesweiten Care-Bericht sowie mehr Unterstützung durch „haushaltsnahe Dienstleistungen“. Beim Bund solle die Landesregierung auf verbesserte Pflegezeitregelungen sowie Einführung einer Lohnersatzleistung für Pflegende hinwirken.

„Umsetzungsproblem“

„Obwohl nicht erst seit der Corona-Pandemie klar sein müsste, dass die deutsche Wirtschaft ohne die überwiegend von Frauen geleistete unbezahlte Care-Arbeit nicht 
überlebensfähig wäre, wird darauf nach wie vor als kostenlose, vermeintlich unversiegbare Ressource zurückgegriffen“, so Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe (bis 2018 Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissen¬schaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen) in ihrer Stellungnahme für die Ausschüsse. Die im Antrag aufgestellten Forderungen seien „allesamt überfällig und wurden auch von anderen Parteien, Verbänden und Kommissionen mit gewissen Nuancierungen bereits vorgebracht“. Folglich gebe es bundesweit „kein Erkenntnis-, sondern ein veritables Umsetzungsproblem“.

„Gewaltige Korrekturen erforderlich“ 

Die Initiative der Grünen sei begrüßenswert, schreibt die Psychologin und Pädagogin Dr. Barbara Stiegler (Bonn). Veränderungen könnten jedoch nicht allein auf Landesebene umgesetzt werden. Es seien „gewaltige Korrekturen im Erwerbssystem und im Sozialsystem“ erforderlich, die auf Bundesebene ansetzen müssten. Das familienbasierte Care-System führe „nicht nur zur individuellen Überforderung der Betroffenen, sondern entspricht auch generell nicht dem Interesse vieler Frauen und Männer und schon gar nicht dem Ziel der Geschlechtergerechtigkeit“. 

„Unterstützung und finanzielle Absicherung“

Es sei notwendig, „Strukturen zu stabilisieren und zu unterstützen, die eine gleichberechtigte Aufteilung von Care‐Arbeit ermöglichen“, heißt es in einer Stellungnahme der Arbeiterwohlfahrt, Bezirk Westliches Westfalen. Ein „Bericht über die aktuelle Situation unter wissenschaftlichen Kriterien“ sei zu begrüßen. Bei einer „kontinuierlich ansteigenden Zahl von Pflegebedürftigen“ sei es „dringend notwendig, Unterstützungsangebote für pflegende Angehörige zu stärken und finanzielle Absicherung zu gewährleisten“.


„Haushaltsnahe Dienstleistungen“

„Care- und Sorgearbeit und ehrenamtliches Engagement machen auch in Kirche und Diakonie die professionelle entlohnte Tätigkeit in vielen Bereichen erst möglich“, so die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Dabei zeige sich, dass „die unentgeltliche Seite ein eher weibliches, die entlohnte Arbeit ein eher männliches Gesicht hat“. Die Diakonie sprach sich für mehr haushaltsnahe Dienstleistungen aus. Es dürfe jedoch kein weiterer Niedriglohnsektor gestärkt werden.

 „Hauptlast bei Frauen“

Care-Arbeit sei noch immer „weiblich konnotiert“, schreibt Prof. Dr. Irene Gerlach vom Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik (Münster). Auch innerhalb der Familien verbleibe die „Hauptlast für Kinderbetreuung, Pflege und Hausarbeit bei Frauen und Müttern“. Eine mögliche Entlastung seien haushaltsnahe Dienstleistungen. Der Markt in Deutschland sei aber „derzeit wenig ausgebaut“. Wichtig sei, dass Förderungen nicht innerhalb zeitlich begrenzter Projekte erfolgten: „Die Nutzenden brauchen langfristige Planungssicherheit.“ 

„Chancengleichheit“

Als Teil der Landesinitiative „Frau und Wirtschaft“ des Ministeriums für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung trügen die Kompetenzzentren in den Wirtschaftsregionen „maßgeblich dazu bei, eine frauen- und familienfördernde Personalpolitik in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) zu etablieren“, so das Kompetenzzentrum Frau und Beruf Düsseldorf/Kreis Mettmann. Eine solche Personalpolitik stärke die Wettbewerbsfähigkeit gerade kleiner und mittelständischer Unternehmen und sei die „Basis der beruflichen Chancengleichheit von Frauen und Männern“. Man begrüße den Antrag, insbesondere mit Blick auf flexible Arbeitszeitmodelle durch Arbeitszeitkonten, Homeoffice-Regelungen oder Teilzeitausbildungsmöglichkeiten. 

Eine Übersicht über sämtliche eingegangenen Stellungnahmen finden Sie hier.


Text: zab
 
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