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Ansprache der Präsidentin anlässlich der Landesfeier zum Volkstrauertag 2009
(16.11.2009) Ansprache der Präsidentin des Landtags Nordrhein-Westfalen Regina van Dinther anlässlich der Landesfeier zum Volkstrauertag 2009 am 14. November 2009, 16.00 Uhr, Gürzenich, Köln
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe mitwirkende Schülerinnen und Schüler,
verehrte Bürgerinnen und Bürger!
I.
Ein Thema stand in den in den vergangenen Tagen, ja Wochen im Mittelpunkt - der Fall der Mauer vor 20 Jahren, jenes verhassten Bollwerks, das innerhalb weniger Stunden seinen Schrecken verloren hatte.
Dieses Ereignis haben wir mit Freude würdig gefeiert.
Wir hatten auch Anlass, bei allem Feiern das Danken nicht zu vergessen:
Den Polen, die mit ihrem mutigen Freiheitsstreben durch die Solidarnosc den Weg für den Fall der Mauer früh bereitet haben,
den Ungarn, die nach Öffnung der Grenzzäune, wie Helmut Kohl es ausdrückte, „den ersten Ziegel aus der Mauer geschlagen haben",
den Amerikanern, Briten und Franzosen, die nicht gebremst, sondern unterstützt haben
und nicht zuletzt jenem Michael Gorbatschow, der der SED-Riege erklärte, dass die DDR ihr Problem selbst lösen müsse und deshalb die sowjetischen Truppen - gegen den Widerstand von Hardlinern - in den Kasernen ließ.
Und nun, wenige Tage später, nach all den Feierlichkeiten zu diesem zweifellos weltgeschichtlichen Ereignis, ist Volkstrauertag.
Manche mögen da - zumindest hinter vorgehaltener Hand - fragen:
„Muss das jetzt sein?“
Nach so viel Highlight nun grauer Alltag?
Bei allem Verständnis: Wer so fragt, der hat den Zusammenhang von Mauerfall und Volkstrauertag nicht verstanden.
Denn durch den Fall der Mauer, die 28 lange Jahre eine unübersehbare Folge des Zeiten Weltkrieges mit 60 Millionen
Toten war, konnte nun endlich auch gemeinsam mit den ehemaligen Kriegsgegnern jenseits des zerrissenen Eisernen
Vorhangs mit der Friedensarbeit begonnen und über den Gräbern der Vergangenheit Brücken in die Zukunft gebaut
werden.
II.
Ich möchte an die Begrüßung durch den Landesvorsitzenden des Volksbundes, meines verehrten Kollegen Fritz Behrens, und des musikalischen Beitrages der Schülerinnen und Schüler und des Landespolizeiorchesters anknüpfen und die beiden Fragen stellen:
Welche Bedeutung haben für uns heute Gedenktage wie der Volkstrauertag? Und welchen Beitrag kann die Vergangenheit für die Gegenwart und die Zukunft leisten?
Für die Beantwortung der beiden Fragen möchte ich ein Buch zur Hilfe nehmen.
Es heißt: „Menschen wie wir…“, und herausgegeben hat es der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.
In diesem Buch erzählen Menschen ihre Erinnerungen, die im Zusammenhang stehen mit dem Verlust eines ihnen nahestehenden Menschen durch den Krieg - eines Sohnes, eines Verlobten, eines Ehemannes, eines Freundes.
Ich lese aus den Erinnerungen von Charlotte Becker an ihren Mann Walter. 1939 waren sie beide zwanzig Jahre jung:
„Unseren letzten unbeschwerten Urlaub verbrachten wir im Sommer 1939 auf der Insel Wangerooge. Gleich nach der Rückkehr holte uns der Krieg ein.
Durch Walters fast tägliche Briefe und Berichte konnte ich „seinen Frankreichfeldzug“ fast hautnah miterleben. Immer fand er eine Kleinigkeit, von der er glaubte, sie könnte mir Freude machen, die er seinen Briefen beilegte:
Getrocknete Blumen, ein schönes Steinchen, biegsame Halme, immer von da, wo er gerade war. Auf diese Weise haben wir trotz Trennung zusammen erlebt und gelebt.
Nach dem Frankreichfeldzug gönnte uns das Schicksal eine kleine Verschnaufpause. Der Krieg hatte bei uns beiden Spuren hinterlassen, und wir lebten und erlebten die uns vergönnten Tage sehr bewusst, intensiv und verinnerlicht, immer in dem Wissen, es könnten die letzten sein.
Danach folgte ein Leben zwischen Abschiednehmen und kurzem Wiedersehen. Manchmal waren es nur wenige Stunden auf kalten Bahnhöfen oder in den Luftschutzkellern einer fremden Stadt oder auch auf einem Bahnsteig zwischen zwei Zügen, die in entgegengesetzter Richtung fuhren.
Noch einmal konnten wir ein Zipfelchen Glück erhaschen, als die Truppe für den Russland-Einsatz ausgerüstet wurde.
Für die abkommandierten Soldaten gab es nach dem Tagesdienst immer „Urlaub bis zum Wecken“. Als DRK-Schwester war ich in der Nähe und hatte einen verständnisvollen Vorgesetzten.
So verbrachten wir die letzten zwei Wochen, die uns noch vergönnt waren, trotz des anstrengenden Tagesdienstes in innigster Verbundenheit und nutzten die Stunden, um Vergangenheit und Zukunft zu verarbeiten.
Nicht ein Gedanke, eine Regung, die wir uns nicht offenbarten.
Ich glaube, Walter wusste, dass er nicht mehr wiederkommen würde, denn er nahm mir das Versprechen ab, unseren Plan, Medizin zu studieren, zu realisieren, auch wenn ich es allein tun müsste - und das Versprechen, mich nicht aufzugeben.
Ich habe mein Versprechen gehalten als sein Vermächtnis, auch wenn es oft beinahe zu schwer war. Und ich hoffe, dass ich 44 Jahre lang eine gute Ärztin war, weil ich wusste, wie unersetzbar ein Menschenleben für einen zweiten Menschen sein kann.
Vierte Kriegsweihnacht: Am ersten Weihnachtstag erhielt ich meine letzten Briefe an Walter zurück, mit dem lakonischen Vermerk: „An Absender zurück - gefallen für Großdeutschland.“
Danach erhielt ich noch einen letzten langen Brief von Walter, als Weihnachtsgruß gedacht - mit einem Tannenzweiglein, zwei Tage vor seinem Tod geschrieben.
Diesen Zweig - inzwischen ohne Nadeln - bewahre ich noch heute zusammen mit einem Koffer mit hunderten von Briefen auf - das kostbarste Gut, das ich aus den folgenden Wirren des Krieges retten konnte.“
Charlotte Becker endet mit den Worten:
„Eine Welt war in mir zusammengebrochen. Nie wieder war etwas so wie vorher. Ich musste ein mir fremdes,
ganz anderes Leben führen. Der Krieg hatte unseres zerstört. Vergessen kann ich nicht. Es tut immer noch so weh wie
damals.“
III.
Charlotte Becker hat diese Erinnerungen vor wenigen Jahren aufgeschrieben - im Alter von 77 Jahren, fast erblindet.
Sie kam damit einer Bitte des Volksbundes nach, der sich mit der „Aktion Erinnerung“ an Angehörige wandte, damit ihre persönlichen Erinnerungen nicht allein im Privaten verbleiben, sondern sie in einer Dokumentation der Öffentlichkeit und damit nachfolgenden Generationen zugänglich gemacht werden können.
Charlotte Becker richtete noch die folgende Bitte an den Volksbund:
Damit der Friede erhalten bleibe … und diese Erinnerung niemals verloren geht, gebe ich Ihnen eine kleinen Teil meiner Erinnerungen an meinen geliebten Mann Walter preis. Bitte schenken Sie diesem großzügigen, liebevollen und sehr bescheidenen Menschen eine Erinnerung in Ihrer Dokumentation! Er wäre es wert und hätte es verdient.“
Ich empfehle dieses Buch mit über hundert persönlichen Erinnerungen - auch für den Geschichtsunterricht.
IV.
Indem Charlotte Becker ihre Erinnerungen aufgeschrieben hat, die ich nun etwa 400 Menschen vorgelesen habe, davon vielen jungen Menschen - damit sind meine eingangs formulierten Fragen nach dem Sinn und der Zukunft des Volkstrauertages, wie ich meine, beantwortet.
Damit dies nie wieder geschieht, betonen wir heute und in alle Zukunft:
Das Geschehene darf nicht Geschichte werden. Denn Geschichte ist Vergangenheit. Und Vergangenheit gerät leicht in Vergessenheit.
Der Zweite Weltkrieg, der bislang größte und verheerendste Konflikt in der Menschheitsgeschichte, liegt über 6 Jahrzehnte zurück - bald ein ganzes Menschenleben. Und die Zeitzeugen werden weniger.
Doch ihre Stimmen, ihre aufrüttelnden Berichte und Schicksale müssen weiterhin lebendig bleiben. Vor allem müssen ihre Namen gegenwärtig bleiben. Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.
• Der Volkstrauertag gibt den Hinterbliebenen eine Zeit und an den Gräbern einen Ort, um zu trauern.
• Der Volkstrauertag hält die Erinnerung wach, gerade für diejenigen, die niemals Krieg erlebt haben.
Das ist der doppelte Sinn dieses Gedenktages.
Für eine echte Zukunft müssen wir in der Vergangenheit ansetzen. Wir brauchen, wie der Buchenwald Überlebende und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel immer wieder fordert, die "Macht der Erinnerung", eine Macht, der wir uns nicht entziehen dürfen.
Manch einer meiner Generation – ich bin 1958 geboren – meint immer noch, er habe gerade wegen seines Geburtdatums damit nichts zu tun. Unsere gemeinsame Aufgabe ist es jedoch, unsere Geschichte anzunehmen, die Erinnerung an die Opfer wach zu halten und die Lehren daraus zu ziehen.
Dafür brauchen wir den Volkstrauertag - heute, morgen, übermorgen.
V.
Weil die Vergangenheit uns immer wieder einholt, wirkt sie in Gegenwart und Zukunft - auch ganz aktuell:
In diesem Jahr ist es uns wieder bewusst geworden, als im März im polnischen Marienburg (Malbork) die sterblichen Überreste von über 2.000 Menschen in einem Massengrab gefunden wurden. Zu allermeist sind es zivile Opfer des Zweiten Weltkrieges.
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat diese Toten, deren Namen und persönlichen Schicksale wohl unbekannt bleiben werden, inzwischen auf einer Kriegsgräberstätte in Neumark (Stare Czarnowo) bei Stettin würdig beigesetzt.
Erst vor einem Monat wurde eine schlichte wie ebenso würdige Ruhestätte für deutsche Gefallene in Russland eingeweiht.
Fast 300 Angehörige aus ganz Deutschland sind zur Einweihung dieser Kriegsgräberstätte des Volksbundes nach Kursk gekommen um Abschied zu nehmen, um ein letztes Mal ihren Lieben wirklich nahe zu sein. Dazu gehörte auch die 90-jährige Frieda Meier, um nach 66 Jahren Abschied von ihrer Jugendliebe Herbert Rieschbieter zu nehmen und ihren inneren Frieden zu finden.
Die Bestattung der Toten in Neumark wie in Kursk und ihr Schicksal bilden beispielhaft eine Brücke von gestern zu heute - eine Brücke, die nicht abgebaut oder zerstört werden kann, solange die Erinnerung erhalten bleibt.
Es heißt zwar: „Die Zeit heilt alle Wunden“. Doch das stimmt so nicht. Sie schafft nur eine empfindliche Kruste, die jederzeit durch Unachtsamkeiten wieder aufreißen kann und dann Schmerzen bereitet.
Krieg und Gewaltherrschaft sind die größten Schmerzbereiter der Menschen, weil der Mensch selbst der Verursacher ist und zu viele Menschen zu wenig aus der Geschichte lernen bzw. lernen wollen.
Das ist eine Aufgabe für uns alle.
VI.
Dieser Aufgabe stellt sich der Volksbund seit nunmehr 9 Jahrzehnten. Erst im Oktober haben wir im Landtag die segensreiche Arbeit des Volksbundes mit einer Ausstellung gewürdigt und ihm für sein 90-jähriges Wirken gedankt.
Vielen Menschen hat der Volksbund die Trauer durch die Schaffung würdiger Ruhestätten überhaupt erst möglich gemacht.
Die Friedensarbeit des Volksbundes, für mich eine der größten Friedensbewegungen überhaupt, sie hat in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen. Die wichtigsten Adressaten dieser Friedensarbeit sind junge Menschen aus ganz Europa.
Gemeinsam pflegen heute Jugendliche aus West und Ost Kriegsgräber in ganz Europa - eine großartige friedenspädagogische Initiative. Bei diesen zweiwöchigen Workcamps steht das Leben in der Gemeinschaft im Vordergrund: gemeinsam leben, kochen, arbeiten, gemeinsame Freizeit im Gastland, Freundschaft knüpfen.
Durch den Fall des Eisernen Vorhangs sind diese Workcamps auch in Polen und Russland möglich geworden.
VII.
Gestatten Sie mir abschließend einen Gedanken, den ich auf der Landesfeier 2005 in Wetter schon einmal geäußert habe, der mir aber weiter am Herzen liegt:
Der Volkstrauertag ist nicht zuletzt auch ein Tag, über den Tod zu reden. Dabei stelle ich fest: Der Umgang mit dem Tod hat sich in unserer Gesellschaft gründlich verändert.
Allzu häufig ist der Tod aus dem Alltag verdrängt. Immer mehr Menschen sterben allein, Angehörige trauern allein. Ich lese immer mehr Todesanzeigen: "In aller Stille beigesetzt!"
Mir kommt es dabei so vor, als wenn man dem Verstorbenen damit seine Lebensgeschichte, seine Identität raubt.
Dabei ist ehrliche Trauer so wichtig. Sie weckt Erinnerungen, sie befähigt uns zu menschlicher Anteilnahme, und sie schärft das Gewissen.
Sie führt uns Menschen auch zum Bewusstsein unserer eigenen Vergänglichkeit, zu Überlegungen über den Sinn unseres Lebens und über die Verantwortung, in der wir unser Leben gestalten.
Der gläubige Mensch sieht im Tod nicht das endgültige Ende - der Glaube an die Auferstehung und an das Leben nach dem Tod befähigt Menschen zu unglaublicher Kraft.
So hat Dietrich Bonhoeffer kurz vor seiner Hinrichtung im KZ Flossenbürg gesagt:
"Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens."
VIII.
Volkstrauertag 2009: Wir gedenken der Opfer von Krieg und Gewalt und trauern um die Toten. Doch unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern.
Denn „Es ist unsere Welt“, wie uns die Schülerinnen und Schüler der 5a des Kölner Schiller-Gymnasiums gleich zeigen werden.
Deshalb dürfen wir voller Zuversicht sein.
Herausgeber:
Der Präsident des Landtags
Redaktion:
Hans Zinnkann, Pressesprecher; Florian Melchert, stv. Pressesprecher
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