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Gedenkworte anlässlich der Gedenkveranstaltung der Landeshauptstadt Düsseldorf

(10.11.2009) Gedenkworte des Vizepräsidenten des Landtags Nordrhein-Westfalen Oliver Keymis anlässlich der Gedenkveranstaltung der Landeshauptstadt Düsseldorf am 9. November 2009, 11.00 Uhr, Plenarsaal des Rathauses

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

I.

Die „Rheinische Landeszeitung“ schreibt am 10. November 1938 in ihrer Abendausgabe über die Geschehnisse des Vortags:

„Die Düsseldorfer zogen in großen Scharen durch die Straßen, und es ist nur der außerordentlichen Disziplin der Bevölkerung zu verdanken, wenn die Rassegenossen … vor Schaden an Leib und Leben bewahrt blieben. Die jüdischen Geschäfte, die sich auch im sechsten Jahre des neuen Deutschlands noch an den Hauptgeschäftsstraßen Düsseldorfs breitmachen, fielen der berechtigten Wut des Volkes anheim.“

Und weiter schreibt sie:

„Der Hauptsturm der Düsseldorfer richtete sich jedoch gegen die Synagoge. In all den Jahren nach der Machtübernahme hatte es immer wieder die deutschen Volksgenossen herausgefordert, dass von dem hohen Dach dieses jüdischen Gebetshauses provozierend der Davidsstern, das Symbol des jüdischen Hasses, über Düsseldorf hinwegstarrte. Besonderen Jubel löste es bei den unzähligen Volksgenossen aus, als der Davidsstern endlich mit dem brennenden Dachstuhl in das Innere der Synagoge herabstürzte.“

Soweit die „Rheinische Landeszeitung“ am 10. November 1938.

Als „Tag der Schande“ und „als unerklärliche Verirrung eines Kulturvolks in Mord und Lynchjustiz“ hat der Bochumer Historiker Hans Mommsen den Massenpogrom treffend bezeichnet.

II.

Wie ist ein solcher Hass, der in diesem Artikel zum Ausdruck kommt,  zu erklären?

Warum haben sich so viele von diesem Hass anstecken lassen und

Und warum waren es nur so wenige, die mutig widerstanden haben?

Diese Fragen stellen wir immer wieder. Und ohne darauf eine wirklich plausible Antwort zu finden, müssen wir sie auch in Zukunft immer wieder neu stellen.

Warum? Weil wir es den Opfern, den sechs Millionen Menschen jüdischen Glaubens, schuldig sind. Und weil wir nur so die Erinnerung an die Shoah wach halten.

Damit dies nie wieder geschieht, müssen wir heute und in alle Zukunft betonen: Das Geschehene darf nicht Geschichte werden.

Denn Geschichte ist Vergangenheit. Und Vergangenheit gerät leicht in Vergessenheit.

Wir dürfen deshalb nicht zulassen, dass die Verbrechen der Nazis irgendwann ein beliebiges und austauschbares Kapitel unserer Geschichte sind. Und wir dürfen nicht zulassen, dass ihre Taten abstrakt und damit für unsere nachfolgenden Generationen weniger fassbar werden.

III.

Die entsetzlichen Ereignisse der Novemberpogrome liegen über sieben Jahrzehnte zurück, ein ganzes Menschenleben. In absehbarer Zeit wird es also keine Zeitzeugen mehr unter uns geben.

Doch ihre Stimmen, ihre aufrüttelnden Berichte und Schicksale müssen weiterhin lebendig bleiben. Vor allem müssen ihre Namen gegenwärtig bleiben. Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.

Verehrter Herr Strauss, ich fand es deshalb sehr bewegend, dass die Jüdische Gemeinde Düsseldorf in diesem Jahr den Künstler Günter Demnig mit der Josef-Neuberger-Medaille ausgezeichnet hat, weil er mit seinen „Stolpersteinen“ an die Opfer mit ihrem Namen erinnert - dort, wo sie wohnten und lebten.

IV.

Zur Erinnerung an die Pogromnacht gehört auch, dass wir uns heute über ein erstarktes jüdisches Leben in Deutschland freuen dürfen. Die große jüdische Gemeinde hier in Düsseldorf mit ihren über 7.000 Mitgliedern ist dafür das beste  Beispiel.

Doch das ist nicht selbstverständlich: Wer hätte gedacht, dass in Deutschland Juden ein neues Zuhause suchen und finden, dass neue Synagogen und Gemeindezentren eingeweiht werden.

Wie sagte Charlotte Knobloch so treffend: „Wer baut, der bleibt.“

Jüdisches Leben ist heute in Nordrhein-Westfalen fest verankert, und es wird immer sichtbarer:

Mit eigenen Schulen, Kindergärten und Jugendzentren, mit jüdischen Kulturtagen und wachsendem Interesse an jüdischem Leben und jüdischer Religion.

Synagogenbauten in Krefeld, Gelsenkirchen, Bochum und im vorletzten Monat in Bielefeld sowie Stätten jüdischer Kultur sind in der Entstehung bzw. fertig gestellt.

Ich erinnere auch an den eigenen Staatsvertrag, der die Finanzierung sichert.

All das fördert die Begegnungen von jüdischen und nichtjüdischen Menschen, insbesondere junger Menschen. Diese Begegnungen wünsche ich mir noch verstärkt in unserem Land.

V.

Die politische Bildung der jungen Generation muss uns gemeinsam am Herzen liegen. Denn nur wer um den Wert von Demokratie und Freiheit weiß, wird sich auch selbst für deren Erhalt einsetzen.

Nur wer weiß, wie verletzlich das hohe Gut der Menschenwürde ist, der wird politischem Extremismus und Antisemitismus auch in Zukunft keine Chance geben.

Richard von Weizsäcker hat einmal treffend formuliert:

„Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird.“

 Wenn ich das große Engagement in den Schulen betrachte, wie in Sankt Ursula, dann dürfen wir voller Zuversicht sein.

Herausgeber: Der Präsident des Landtags
Redaktion: Hans Zinnkann, Pressesprecher; Florian Melchert, stv. Pressesprecher
Telefon: 0211/884-2850   Telefax: 0211/884-2250
E-Mail:  hans.zinnkann@landtag.nrw.de

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