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Rede anlässlich der Festveranstaltung "60 Jahre Landesverband Lippe"
(13.10.2009) Rede der Präsidentin des Landtags Nordrhein-Westfalen Regina van Dinther anlässlich der Festveranstaltung „60 Jahre Landesverband Lippe“ am 12. Oktober 2009, 18 Uhr, Landestheater Detmold
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger im Lipperland!
I.
„Unsere Kultur ist gewachsen wie ein kräftiger und vielgestalteter Mischwald. Er leistet seinen Beitrag zur lebensnotwendigen Frischluft.”
Mit diesem Zitat von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker gratuliere ich Ihnen von Herzen zum 60-jährigen Bestehen des Landesverbandes Lippe.
Ich freue mich, heute mit Ihnen zusammen dieses bedeutende Jubiläum in Detmold feiern zu dürfen.
Und es ist mir eine ebenso große Freude, dass wir gemeinsam hier im Landestheater auf sechs Jahrzehnte Verbandsgeschichte zurückblicken können.
Sehr geehrter Herr Kasper! Für die Einladung zur Feierstunde danke ich Ihnen und dem gesamten Landesverband
herzlich.
II.
Dass unsere Kultur tatsächlich ein vielgestalteter Mischwald ist, lässt sich hier in Nordrhein-Westfalen besonders eindrucksvoll erleben.
An Lippe, Rhein und Ruhr tragen über 18 Millionen Menschen jeden Alters dazu bei, dass NRW ein Land der Vielfalt, ein Land der Chancen und nicht zuletzt ein Land des Miteinanders ist.
Oder anders gesagt: Gerade weil uns die kulturelle Frischluft hier spürbar um die Nase weht, ist Nordrhein-Westfalen ein so liebens- und lebenswertes Land.
Daran, meine sehr geehrten Damen und Herren, hat der Landesverband Lippe in den vergangenen Jahrzehnten in entscheidender Weise mitgewirkt.
Mit ihren Forstflächen im Verbandsgebiet bereichern Sie die Natur in Nordrhein-Westfalen. Aber weit darüber hinaus hat Ihr Landesverband seit seiner Gründung 1949 einen großen Anteil daran, dass auch der kulturelle Mischwald Nordrhein-Westfalens ansehnlich gewachsen ist.
Daher können wir zum Jubiläum feststellen: Ohne Lippe wäre unser Land heute weniger vielfältig, weniger liebens- und lebenswert.
Denn es ist der Reichtum der Regionen, der Nordrhein-Westfalen in den zurückliegenden Jahrzehnten stark und
zukunftsfähig gemacht hat.
III.
Umso mehr können wir froh und glücklich darüber sein, dass Lippe vor über 60 Jahren ein Teil unseres Landes wurde – und sich nicht etwa, wie zumindest kurzfristig angedacht, dem Land Niedersachsen anschloss.
Unser Landeswappen zeigt seitdem an erster Stelle: Rhein, Ross und Rose gehören untrennbar zusammen und haben unser gemeinsames Verständnis als Bürgerinnen und Bürger des Landes Nordrhein-Westfalen geprägt.
Zugleich aber – und das ist mindestens ebenso erfreulich – haben die Landesteile ihre ganz eigene Identität, ihre Eigenheiten und ihre Geschichte bewahren können. – Die zumeist freundschaftlichen Sticheleien zwischen Rheinländern, Westfalen und Lippern gehören natürlich dazu.
Wir in Nordrhein-Westfalen zeigen damit seit über vielen Jahrzehnten: Staatliche Einheit und kulturelle Vielfalt schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich in unserem Land wunderbar.
Hier in Lippe setzt sich Ihr Landesverband mit großem Erfolg dafür ein, die über 800-jährige Geschichte Lippes im kulturellen Gedächtnis zu erhalten und bestehende Traditionen für die Zukunft fortzuschreiben.
Als Betreiber zahlreicher Kulturstätten, als Verwalter des lippischen Landesvermögens und als Träger vieler Bildungs- und Erholungseinrichtungen ist es Ihrem Landesverband außerdem gelungen, die Stärken Lippes zum Wohle der Menschen in dieser Region verantwortungsvoll weiterzuentwickeln.
Darauf, meine sehr geehrten Damen und Herren, können Sie zu Recht sehr stolz sein.
IV.
Es waren die „Lippischen Punktationen“ mit denen der erste NRW-Ministerpräsident Rudolf Amelunxen und der lippische Landespräsident Heinrich Drake die Grundlage für die Vereinigung des Freistaates Lippes mit Nordrhein-Westfalen schufen.
Das „Gentlemen’s Agreement“ – wie es Drake damals selbst nannte – ebnete Lippe den Weg nach Nordrhein-Westfalen. Und es stellte sicher, dass Lippe zwar seine staatliche Selbstständigkeit, nicht aber sein kulturelles Selbstbewusstsein verlor.
Im November 1948 konnte der Landtag Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf den Zusammenschluss und die Gründung des Landesverbandes dann gesetzlich besiegeln.
Die Abgeordneten des ersten Landtags in der Nachkriegsgeschichte haben mit ihrem Entschluss die Weichen für eine gesicherte Zukunft Lippes und für kulturelle Vielfalt im neuen Land NRW gestellt.
Heute vor genau 60 Jahren, am 12. Oktober 1949, trat das Gesetz nach Zustimmung der britischen Militärregierung in Kraft. Zu diesem Zeitpunkt lag unser Land vielerorts noch in Trümmern, denn der Zweite Weltkrieg hatte tiefe Spuren hinterlassen.
Städte und Infrastruktur waren zerstört, Familien auseinandergerissen und die Wirtschaft unseres Landes lag am Boden.
Aus heutiger Sicht können wir sagen: Es ist das Verdienst unzähliger Menschen in allen Bereichen des
gesellschaftlichen Lebens, dass Nordrhein-Westfalen in den folgenden Jahrzehnten kulturell, politisch und
wirtschaftlich zusammenwachsen konnte und zu neuen Kräften fand.
V.
Der Landesverband Lippe kann für sich beanspruchen, die neu geschaffenen Strukturen unseres Landes aus lippischer Perspektive von Beginn an mit Leben erfüllt zu haben.
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Dank Ihnen und der Arbeit Ihrer Vorgänger in der Verbandsversammlung hat Lippe seinen festen Platz in Nordrhein-Westfalen gefunden – und zwar nicht allein über abstrakt formulierte Verwaltungsstrukturen.
Der Landesverband Lippe war immer mehr als ein bloßer Verwalter finanzieller Eigentümer.
Er war, ist und bleibt ein Verband mit Herz, Seele und Verstand. Er war, ist und bleibt ein Verband, in dem sich Menschen für Menschen einsetzen.
Somit haben sich zwar die Rahmenbedingungen Ihrer Arbeit in sechs Jahrzehnten grundlegend gewandelt. – Zum Glück, möchte ich hinzufügen, denn wir können froh sein, in einer Zeit des Friedens und des Wohlstands zu leben.
Nicht gewandelt haben sich allerdings die Ziele Ihres Verbandes, sowohl das finanzielle als auch das kulturelle
Landesvermögen zu wahren, zu mehren und den Menschen im Lipperland zugute kommen zu lassen.
VI.
Mit Blick auf die Verbandsgeschichte ist mir ein Aspekt am heutigen Tag besonders wichtig. Der Landesverband Lippe zeigt seit eh und je:
• Wir in Nordrhein-Westfalen, Deutschland und Europa brauchen starke Regionen.
• Wir brauchen Menschen, die bereit sind, sich im persönlichen Austausch für die Belange ihrer Mitmenschen einzusetzen.
• Und wir brauchen Menschen, die mit Leidenschaft den Interessen ihrer Region im demokratischen Konzert der Institutionen Gehör verschaffen.
Ihre Verbandsgeschichte verstehe ich deshalb auch als Erfolgsgeschichte für die demokratische Teilhabe der Menschen
bei uns in Nordrhein-Westfalen und für den Willen der Bevölkerung, an wichtigen Fragen in der Region mitzuwirken, die
sie selbst betreffen.
VII.
Sie vor Ort kennen die Stärken Ihrer Region am Besten. Und Sie wissen zugleich, mit welchen Kompetenzen anstehende Herausforderungen bestmöglich zu bewältigen sind.
Ein Blick auf 60 Jahre Landesverband Lippe zeigt: Die Zukunft einer Region lässt sich am besten von denjenigen Menschen gestalten, die auch in ihr leben und sich persönlich für das gesellschaftliche Miteinander in all seinen Facetten stark machen.
Daher ist es nur konsequent und erfreulich, wenn wir dem Subsidiaritätsprinzip in Zukunft noch größere Bedeutung in politischen Prozessen einräumen.
Ich persönlich kann nur hoffen, dass mit dem Ja der Iren zum Lissabon-Vertrag nun die Mitsprache der Regionen auch auf europäischer Ebene gestärkt und ausgebaut wird.
Der Landtag Nordrhein-Westfalen hat sich zum Ziel gesetzt, die Interessen unseres Landes in Zukunft sichtbarer auch
in Europa zu vertreten. Und das wiederum wird auch den Regionen mit ihren politischen Anliegen positiv zugute
kommen.
VIII.
Die Erfolge Ihrer Verbandsarbeit seit 1949 können sich mehr als nur sehen lassen.
Weit über die nordrhein-westfälischen Landesgrenzen hinaus ist diese Region für ihren hohen Erholungswert, für ihr Kultur- und Bildungsangebot sowie für ihre ansprechende Aufbereitung der Landesgeschichte bekannt.
Das Hermannsdenkmal mit seiner Informationsstätte im Teutoburger Wald, dieses Landestheater sowie das Landesmuseum hier in Detmold und das Naturschutzgebiet Externsteine seien nur exemplarisch für die Vielzahl der Angebote genannt.
Das Erreichte hier im Lipperland sollte uns in Nordrhein-Westfalen der beste Ansporn sein, das eigenverantwortliche Handeln der Regionen weiter zu fördern. – Auch wenn die Gestaltungsräume des Staates zunehmend enger werden.
Der demographische Wandel, die schwierige Haushaltssituation in vielen Städten und Gemeinden und natürlich die Folgen der Wirtschaftskrise stellen unser Land für die kommenden Jahre vor große, aber sicher nicht unlösbare Aufgaben.
Ich bin zuversichtlich: Es wird uns in Nordrhein-Westfalen auch weiterhin gemeinsam gelingen, die anstehenden
Probleme konstruktiv anzugehen und auch zu lösen. Denn die gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Vielfalt
des Landes bleibt unsere größte Stärke. Das ist unser Pfund, mit dem wir wuchern können.
IX.
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Neben dem 60-jährigen Bestehen des Landesverbandes Lippe gibt es in diesem Jahr ein weiteres denkwürdiges Jubiläum. Vor 2000 Jahren hat die Varusschlacht diese Region und auch die politische Weltordnung der damaligen Zeit für immer geprägt.
Dies war auch Anlass des Besuchs von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Ausstellung „Mythen“ hier im Lippischen Landesmuseum im Mai zu eröffnen.
Ich selbst hatte vor wenigen Wochen Gelegenheit, mir den Teil „Imperium“ der dreiteiligen Ausstellung in Haltern am See anzusehen. Und ich muss sagen:
Die gezeigten Fundstücke und die präsentierten Erkenntnisse der Historiker haben mich sehr beeindruckt.
Über Hermann – oder Arminius, wie er ursprünglich hieß – schrieb der römische Dichter Paterculus wenige Jahre nach der Schlacht:
„In seiner Miene und in seinen Augen spiegelte sich sein feuriger Geist.“
X.
Ich finde: Dieser sprühende Geist ist den Menschen im Lipperland bis heute erhalten geblieben.
Daher wünsche ich Ihrem Landesverband auch weiterhin Scharfsinn, Leidenschaft und Gestaltungskraft, wenn es um die Belange dieser einzigartigen Region in Nordrhein-Westfalen geht.
Verehrter Herr Kasper! Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Ich wiederhole gern: Herzlichen Glückwunsch zum 60. Jubiläumsgeburtstag!
Ich freue mich mit Ihnen gemeinsam auf einen gesprächsreichen und feierlichen Abend hier im wunderschönen Landestheater.
Herzlichen Dank!
Herausgeber:
Der Präsident des Landtags
Redaktion:
Hans Zinnkann, Pressesprecher; Florian Melchert, stv. Pressesprecher
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