Rede von Landtagspräsident Uhlenberg zur Ausstellungseröffnung „Didaktische Wege zum Holocaust“
(25.1.2012)
Über der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem steht der Satz:
„Verdrängen hält die Erlösung auf, sich erinnern bringt sie näher.“
Eckhard Uhlenberg
Präsident des Landtags Nordrhein-Westfalen
Ausstellungseröffnung "Didaktische Wege zum Holocaust"
25. Januar 2012, 9.00 Uhr, Wandelhalle des Landtags
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
verehrte Gäste!
I.
Über der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem steht der Satz:
"Verdrängen hält die Erlösung auf, sich erinnern bringt sie näher."
Und auch der ehemalige Düsseldorfer Bürger Gary Wolff, einer der wenigen Überlebenden der im Herbst 1941 deportierten Juden aus dem Rheinland, der als Zeitzeuge hier vor wenigen Wochen im Landtag an der Eröffnung der Ausstellung "Deportiert ins Ghetto Litzmannstadt" aus den USA angereist war, mahnte uns eindringlich:
"Erinnerung tut Not. Sonst verwässert das Geschehene."
II.
Ich begrüße Sie sehr herzlich zur Eröffnung der ersten Ausstellung im noch jungen Jahr 2012, die die Düsseldorfer Lore-Lorentz-Schule zum Thema "Didaktische Zugänge zum Holocaust" im Landtag präsentiert.
Mein besonderer Gruß und Dank gilt stellvertretend dem Lehrer, der sich seit Jahren maßgeblich mit dem Thema an der Lore-Lorentz-Schule beschäftigt und Exkursionen mit Schülern nach Auschwitz-Birkenau und Krakau durchführt. Herzlich willkommen, Frank Buschmann.
Meinen Gruß und Dank richte ich auch an den Förderkreis der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, die Auszubildende der ThyssenKrupp Nirosta GmbH auf einer Studienfahrt zum staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau begleitet hat. Herzlich willkommen, Astrid Wolters.
Beide werden uns noch weitergehend ihre Aktivitäten erläutern.
III.
Wir erinnern uns: Als am 27. Januar 1945 sowjetische Soldaten das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau erreichten, fanden sie nur noch wenige tausend Überlebende, doch mehrere Millionen Kleidungsstücke und Habseligkeiten als Spuren der Opfer.
Zehntausende waren kurz zuvor von der SS aus dem Lager auf den Marsch in den Tod getrieben worden.
Aber auch das Leiden der Menschen in den Lagern war noch nicht beendet. Viele starben an Entkräftung. Und die, die überlebten, waren traumatisiert, voller Trauer um ihre Lieben, ohne Heimat.
"Wir hatten das Gefühl", so beschrieb es die ehemalige Präsidentin des Europaparlaments, Simone Veil, als Überlebende von Auschwitz, "jede Menschlichkeit und jeden Lebensmut verloren zu haben. Wir waren allein, und dies umso mehr, als keiner wissen und hören wollte, was wir erlebt haben."
Über Jahre wurden Menschen in Auschwitz-Birkenau und anderen Vernichtungslagern gedemütigt, gequält, ermordet.
Wir gedenken der sechs Millionen Juden, darunter anderthalb Millionen Kinder, und der vielen anderen Opfer des Nationalsozialismus.
Seit 1996 ist der 27. Januar in Deutschland, seit 2005 auch international der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.
IV.
"Erinnerung tut Not. Sonst verwässert das Geschehene", mahnte uns Gary Wolff.
Doch wie ist Erinnerung dauerhaft möglich, wenn es in absehbarer Zeit keine Zeitzeugen mehr gibt, die uns das Geschehene und ihr persönliches Schicksal nahe bringen?
Mit dieser Frage beschäftigt sich die Ausstellung der Lore-Lorentz-Schule und die Präsentation der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf - und sie geben uns Antworten, wie diese Erinnerung aussehen kann:
Zum Beispiel durch die jährliche Exkursion von Schülern und Auszubildenden nach Auschwitz, Birkenau und Krakau. Etliche Reiseteilnehmer sind heute Morgen zur Eröffnung "Ihrer" Ausstellung gekommen und einige werden gleich noch ihre in Worte gefassten Gedanken und Reflexionen vortragen.
Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Auszubildende, Ihnen gilt mein besonderer Willkommensgruß verbunden mit meinem Dank für Ihr wichtiges gesellschaftspolitisches Engagement. Herzlichen Dank dafür.
V.
"Auschwitz ist ein Wendepunkt, eine Zäsur, eine Mutation von ungeheurer Dimension", stellte Friedensnobelpreisträger und Auschwitz-Überlebender Elie Wiesel anlässlich des 50. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz fest und ergänzte:
"Seit Auschwitz ist alles Menschliche nicht mehr so, wie es einst war. Seit Auschwitz ist nichts mehr so, wie es einmal war."
Und dennoch: Auf einem von Nazi-Deutschland verwüsteten Feld ist wider allem Erwarten, wider aller Skepsis neues Verstehen, ja Vertrauen gewachsen.
Wir erkennen das nicht zuletzt am Wachsen und Werden unserer jüdischen Gemeinden. Sie sind heute fester Bestandteil des Lebens in Nordrhein-Westfalen und in ganz Deutschland.
Das ist ein Geschenk und macht Hoffnung für die Zukunft. Auch dessen sollten wir uns an diesem Tag bewusst sein.
Ich danke Ihnen.






